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Elvis darf nicht sterben

Hier sitze ich also in Block N der Frankfurter Festhalle an einem frühsommerlichen Samstagabend Ende Mai 2017. Nach längerer Überlegung habe ich sie mir dann noch besorgt, die Eintrittskarte zu Elvis in ConcertDas Original aus Graceland, wie auf meiner Karte zu lesen ist.

Elvis in Concert 2017 – Festhalle Frankfurt

Letzteres ist reichlich schräg, denn eins werde ich heute Abend ganz sicher nicht zu sehen und zu hören bekommen: das „Original aus Graceland“. Elvis Presley ist nämlich verhindert… seit ziemlich genau 40 Jahren. Ein Todesfall ist ihm dazwischen gekommen… Es war sein eigener. Leider!

Wenn man diese Tatsache einen Moment „sacken“ lässt, (ich tue es, während ich meinen Platz suche), dann ist es erstaunlich, dass die Festhalle so gut besucht ist an diesem Samstagabend. Nicht ausverkauft, aber gut besucht. Das Publikum ist deutlich 40+, viele Paare, aber auch ganze Familien sind darunter.

Neben mir sitzen zwei unternehmungslustig dreinblickende Mitvierzigerinnen, offensichtlich Freundinnen, die sich schön gemacht haben für die „special occasion“. Schade, dass der King die Beauties heute Abend nicht gebührend wird würdigen können.

Denn was wir jetzt in den nächsten zwei Stunden zu sehen bekommen, ist ein Konzert des King in Abwesenheit des King. Genauer gesagt gibt es eine weitere Auflage von Elvis in Concert (→ Elvis in Concert 2012, → Elvis Presley On Stage 2014), bei dem Elvis per Videoprojektion zu sehen und mit Originalstimme zu hören ist.

Musikalisch begleitet wird er diesmal vom Czech National Symphony Orchestra, also nicht seinen Originalmusikern, wie das bis 2012 der Fall war. Wen wundert’s, die Herrschaften aus Elvis‘ ehemaliger Band sind inzwischen ja auch schon weit über 70.

Eine weitere Neuerung des Konzepts: Priscilla Presley, „Ex-Ehefrau-Witwe“ des King, moderiert das Ereignis und wird, so heißt es, Einblicke in die private Seite des King bieten. Oha. Ich dachte immer, da wäre schon alles gesagt seit der Veröffentlichung von Elvis & Me vor gut 30 Jahren und der Dokumentation Elvis by the Presleys… Denkste.

Das Ganze steht unter dem Motto The Wonder Of You – Titel eines Elvis-Songs aus den 1970ern und passenderweise auch der Titel einer erfolgreichen CD aus dem Jahr 2016, auf der Elvis-Klassiker mit dem Royal Philharmonic Orchestra vertont wurden. 2015 gab es die erste sehr erfolgreiche Version von Elvis mit dem Royal Philharmonic Orchestra: If I Can Dream. Mit ihr kam der King in vielen Ländern bis in die Spitze der Charts. Jetzt gibt es also die Europatournee dazu, allerdings mit einem anderen Orchester.

Der Clou: Priscilla Presley – zu Lebzeiten des King völlig außer vor, was die Karriere ihres Göttergatten anging – fungierte als Co-Executive-Producer beider Erfolgsscheiben und erfüllt, so heißt es, ihrem Ex mit der neuen Tournee den Wunsch, einmal gemeinsam mit großem Orchester aufzutreten. Wirklich eine nette Geste von ihr, oder? Endlich darf er mal mit Orchester, nicht nur mit so einer „mickrigen“ 3-Mann-Band. Jawoll!

Komisch nur, dass Elvis‘ bei seinen Auftritten in den 1970ern zusätzlich zur legendären TCB-Band auch dauernd ein Orchester am Start hatte, etwas, was den Rock ’n‘ Roll-Puristen bis heute so derart gegen den Strich geht, das sie für „Vegas-Elvis“ nur vielfach dokumentierte Verachtung übrig haben. Aber wer könnte sich Elvis‘ berühmte American Trilogy ohne das wunderbare Zusammenspiel des Joe Guercio Orchestra mit der TCB-Band vorstellen?

Man merkt schon, an der Elvis-Legende wird auch weiterhin eifrig gestrickt – posthume Wunscherfüllung inklusive: Elvis darf einfach nicht sterben. Aber zurück in die Frankfurter Festhalle.

Elvis In Concert 2017: Programm

Auftritt für Elvis und das vielseitige Czech National Symphony Orchestra aus Prag, das sich 1993 formierte und das neben Klassik auch Jazz sowie Musical im Portfolio hat. Dirigiert wird es von Maestro Libor Pešek. Es geht los mit dem Klassiker If I Can Dream aus dem TV-Special ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special.

In Frankfurt läuft dazu auf Leinwand der Liedtext – klatschen und mitsingen ausdrücklich erlaubt. Die Videoprojektionen laufen auf einer großen Leinwand hinter dem Orchester, einer weiteren direkt über dem Orchester und zwei kleineren an den Seiten der Halle ab. Da Leinwände bei Konzerten heute schlicht Status Quo sind, damit alle gut sehen können, was auf der Bühne vor sich geht, könnte man fast vergessen, dass der Star von Elvis In Concert gar nicht auf der Bühne steht. Es starren sowieso alle auf die Leinwände. Allerdings könnte die Akustik – wie immer in der Festhalle – durchaus besser sein.

Nach dem Konzertauftakt mit If I Can Dream folgt Priscilla Presleys erster Auftritt mit Begrüßung des Publikums in deutscher Sprache. Kunststück: Die Dame hat einige Jahre ihrer Schulzeit in Deutschland verbracht, wo sie 1959 ja auch ihren berühmten Ehemann kennenlernte, der als G.I. der US-Armee im hessischen Friedberg stationiert war. Aber für mehr als ein paar Sätze reicht ihr Deutsch nach fast 60 Jahren dann doch nicht mehr.

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Old Man

Wo bleibt der Junge nur? Nervös streicht Scotty Moore über seine Gibson ES-295. Er liebt die Gitarre… vielleicht sogar mehr als seine Frau. Zumindest behauptet das Mary, die ihn deswegen mit den beiden Kindern Donald und Linda verlassen hat. Aber daran will Scotty jetzt nicht denken. Seit kurzem ist er zum zweiten Mal verheiratet – und seine neue Frau Bobby ist klug genug, sicht nicht zwischen ihn und seine Gitarre zu stellen. Zärtlich fährt der 22-Jährige mit seinen Fingern die feminine Kontur der goldfarbenen Gibson entlang.

Scottys Gibson ES-295

Scottys erste große Liebe: Die Gibson ES-295

Die Gibson ES-295 symbolisiert Scottys Traum, seinen Brot-und-Butter-Job in der Reinigung endlich aufzugeben und eine Band zu formen, die mehr ist als ein Zeitvertreib. Eine Band, die besser ist als die Starlite Wranglers, eine Country- und Western-Band, die Scotty aktuell managt und mit der er in seiner Freizeit in den Honky-Tonk-Kneipen in und um Memphis auftritt.

Vor allem braucht seine Band einen charismatischen Frontmann, wenn das mit der Profikarriere endlich etwas werden soll, da ist sich der Gitarrist ganz sicher. Doug Poindexter, Sänger der Starlite Wranglers, ist nicht das, was ihm dabei vorschwebt. Er braucht einen jungen, ungebundenen Typen, der die Profikarriere als Musiker genauso will wie er.

Der junge Scotty Moore während seiner Zeit bei der US-Marine (1948-1952).

Der junge Scotty Moore während seiner Zeit bei der US-Marine (1948-1952).

Selbst die Rampensau ganz vorne im Scheinwerferlicht zu geben, das ist allerdings nichts für Scotty. Der blonde Scotty mit dem akkuraten Scheitel und den makellos gebügelten Hemden, 1931 auf einer Farm in Gadsden/Tennessee geboren, ist ein zurückhaltener Typ, ruhig und konzentriert. Er bleibt lieber im Hintergrund – abgesehen von den Solos natürlich – das weiß er selbst sehr genau.

Seine Leidenschaft brennt für die Gitarre, mit der er sich in jeder Minute seiner Freizeit beschäftigt. Schon als Kind hat er viel allein und mit Freunden gespielt. Doch erst seit er nicht mehr für die US-Marine in Fernost zur See fährt (1948-1952) sammelt er gezielt Erfahrung als Gitarrist in verschiedenen semiprofessionellen Bands… und träumt seinen Gibson-Traum.

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Revisited: Elvis am 5. Juli 1954

Anfang Juli 1954 hatte Elvis Presley einen richtig guten Lauf. Er spielte mit Gitarrist Scotty Moore und Bassist Bill Black in Sam Phillips Studio SUN in Memphis seine erste kommerzielle Aufnahme ein: That’s All Right. Sie wurde sofort ein (lokaler) Hit. Gleichzeitig gewann er in dem bekannten Radio-D.J. Dewey Phillips einen Freund und Mentor, der seine Karriere geradezu aus den Startlöchern katapultierte.

19 Jahre alt und noch völlig unbekannt: Elvis Presley 1954

19 Jahre alt und noch völlig unbekannt: Elvis Presley 1954

Bevor ich in den nächsten Beiträgen auf die berühmte Aufnahmesession vom 5. Juli 1954, erzählt aus der Perspektive des erst vor ein paar Tagen verstorbenen Scotty Moore (→ inzwischen online: Old Man), und Elvis‘ schicksalhafte Begegnung mit Dewey Phillips (Elvis und Dewey – Teil 2) eingehe, erinnere ich noch einmal an die letzten Stunden Elvis Presleys, bevor alles begann.

Spotlight 5. Juli 1954: „I just loved music… all type of music“.

Elvis Presley und Dewey Phillips: The Making of Daddy-O-Dewey

Wenn im Zusammenhang mit Elvis Presley der Name Phillips fällt, dann denkt man sofort an Sam Phillips, den legendären Gründer des Memphis Recording Service und Plattenlabels SUN in Memphis. Also an den Mann, der 1954 mit That’s All Right die erste kommerzielle Aufnahme des künftigen King of Rock ’n‘ Roll herausbrachte und damit den Grundstein für eine einzigartige Karriere legte.

Die Rolle des „anderen Phillips“, des Radiomoderators Dewey, wird hingegen oft auf den einen Moment reduziert, in dem er – auf Betreiben seines Namensvetters Sam – als erster ein Demo der legendären Scheibe in seiner Radiosendung Red, Hot and Blue beim Sender WHBQ in Memphis auf den Plattenteller legte. Dabei war Dewey Phillips für Elvis Presley sehr viel mehr als ein lokaler Disk Jockey, der ihm zu seinem ersten Hit verhalf: Dewey war Elvis Presleys Mentor in mehrfacher Hinsicht.

Elvis Presley und DJ Dewey Phillips an dessen Arbeitsplatz beim Radiosender WHBQ

Elvis Presley mit Mentor Dewey Phillips beim Radiosender WHBQ in den 1950ern

Dass die enge Beziehung der beiden bis heute relativ wenig bekannt ist, liegt wohl in erster Linie am frühen Tod Deweys, der 1968 im Alter von 42 Jahren in Memphis verstarb, 9 Jahre vor seinem berühmten Zögling. Das frühe Todesalter von 42 ist dabei längst nicht die einzige überraschende Gemeinsamkeit in der Vita von Dewey und Elvis.

Es steckt ganz schön viel Elvis in Dewey – oder umgekehrt: Dewey in Elvis. Höchste Zeit für Teil 1 meines Elvis-und-Dewey-Specials!

Dewey Phillips: Ein Original findet seinen Weg

Eine erste Gemeinsamkeit ist die Herkunft. Dewey Phillips stammte aus ähnlich bescheidenen Verhältnissen wie Elvis Presley. Am 13. Mai 1926 – also ziemlich genau vor 90 Jahren – kam Dewey in Crump/Tennessee als eins von sechs Kindern zur Welt, von denen nur drei überlebten. Die Familie war arm. Deweys Vater Jesse bewirtschaftete einige Zeit eine kleine Farm und hatte zeitweise auch einen Laden in Adamsville/Tennessee nahe Deweys Geburtsort Crump, beides musste die Familie aber im Verlauf der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern aufgeben.

Nach einem frühen Schlaganfall fiel der Vater als Versorger der Familie schließlich ganz aus – die Verantwortung für die Familie lag nun vollständig in den Händen der Mutter, Odessa Phillips, zu der Dewey eine ähnlich enge Bindung entwickelte wie Elvis Presley zu seiner Mutter Gladys. Da Vater Jesse sich insgesamt wenig für seine Kinder interessierte, suchte Dewey sich früh andere männliche Bezugspersonen und Rollenvorbilder, er fand sie u.a. in seinem Onkel Marvin. Später gefiel er sich selbst in der Rolle des Ersatzvaters, die er nicht nur für den jungen Elvis Presley übernahm.

Seine Herkunft prägte Dewey: Er kam vom Land und sprach die einfache Sprache der Landbevölkerung. Allerdings in einer Geschwindigkeit, dass einem Hören und Sehen verging. Dewey fiel früh durch seine energiegeladene Persönlichkeit und seinen Witz auf, er gab unentwegt den Klassenclown, seine Schnauze stand selten still, dabei war er hochgradig unterhaltsam. Schnell zeigte sich, der Mann war ein geborener Entertainer. Hier war nichts aufgesetzt: Dewey war einfach Dewey, ein Original, authentisch durchgeknallt!

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Elvis Prince From Another Planet – WOOOWWW!

Wooowww! Prince From Another Planet – das ist aber mal ein Deluxe-Boxset, bei dem sich die Sony-Mannen in Sachen Elvis Presley ordentlich ins Zeug gelegt haben. Wer hier gedacht hat, am Set mit der Neuveröffentlichung von Elvis‘ legendären Madison Square Garden-Konzerten in New York vom 10. Juni 1972 (→ Prince From Another Planet – Audio- und Video-Samples) ist vielleicht was faul, weil der Erscheinungstermin gefühlte eine Million Mal verschoben wurde, lag gründlich falsch. Das Warten auf die verspätete Jubiläumsausgabe zum 40. Jahrestag der Konzerte hat sich schlicht gelohnt.

Deluxe-Set ‚Prince From Another Planet: Cover des Schubers, Sony‘ 2012

Prince From Another Planet: die Aufmachung

Schon optisch ist das Boxset ein Hingucker (bis auf den FSK-Aufkleber vielleicht ;-)), das seinen Titel übrigens einer euphorischen Konzertbesprechung von 1972 in der ansonsten in Bezug auf Elvis nicht gerade als lobhudelnd bekannten New York Times entlehnt.

Elvis in Aktion – Madison Square Garden, 10. Juni 1972; Foto: Booklet des Boxsets ‚Prince From Another Planet‘, 2012

In einem Schuber im Format 20,5 x 20,5 cm befindet sich ein 50 Seiten starkes, auf hochwertigem Papier vierfarbig gedrucktes Booklet mit vielen Informationen (englischsprachig) und Fotos rund um Elvis Presleys Madison Square Garden-Konzerte plus das Herzstück des Sets: die aufklappbare Halterung für die enthaltenen 2 CDs und 1 DVD. Weiterlesen