Schlagwortarchiv für: Memphis Recording Service

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»Elvis hated to overdub«, das wusste nicht nur Elvis Presleys langjähriger Schlagzeuger D. J. Fontana, von dem dieses Zitat stammt. Beinahe alle Musiker, Produzenten und Tontechniker, mit denen Elvis Presley im Verlauf seiner Karriere zusammenarbeitete, können bestätigen, dass der King kein großer Freund der Overdub-Technik war. Genau das macht Veröffentlichungen wie das kürzlich erschienene Boxset Elvis Back In Nashville (Sony 2021) so interessant.

Featuring Elvis 1971: Cover des Boxsets Elvis Back In Nashville 2021

Denn darauf gibt es legendäre Aufnahmen aus dem Jahr 1971 – darunter die des mit einem Grammy ausgezeichneten Gospel-Albums He Touched Me – ohne die ungeliebten Overdubs zu hören. Also genauso, wie Elvis Presley sie mit seinen handverlesenen Musikern in RCAs Studio B in Nashville im März, Mai und Juni 1971 aufnahm, bevor sie für die Veröffentlichung unter anderem mit Orchester-Arrangements »aufgemotzt« wurden.

Aber was hatte Elvis eigentlich genau gegen das branchenübliche Overdubbing einzuwenden? Ganz einfach: Es widersprach seiner Auffassung davon, was gute Aufnahmen ausmacht und wie sie entstehen.

Perfect imperfection: Studioaufnahmen als Live-Performance

Von seinen ersten Aufnahmesessions in Sam Phillips Memphis Recording Studio an, bei denen er seine Aufnahmen mit Gitarrist Scotty Moore, Bassist Bill Black und später D. J. Fontana – weitere Musiker gab es anfangs nicht – gemeinsam entwickelte und dabei so lange von vorn bis hinten wiederholte bis eine Aufnahme dabei herauskam, mit der man zufrieden war, blieb genau das Elvis Presleys bevorzugte Arbeitsweise im Studio. Overdubbing gab’s nicht. Entsprechend war Sam Phillips berühmtes »Slapback Echo Delay« so ziemlich der einzige Effekt, der bei Elvis Presleys frühen Aufnahmen zur Anwendung kam.

Die damalige Studiotechnik ließ insgesamt wenig Raum für die Bearbeitung einmal eingespielter Versionen – aufwendige Postproduktion, wie sie heute längst Standard ist, fand nicht statt. Auch war Software wie das seit 1997 weitverbreitete Autotune, mit der gesangliche Mängel problemlos automatisch korrigiert werden können, noch nicht erfunden.

Einfache Ausstattung: Sam Phillips bei Aufnahmen in seinem Studio Memphis Recording Service (SUN Studio) in den 1950ern – Foto: Memphis Recording Service

Allerdings legte Sam Phillips, Inhaber des Memphis Recording Services und des Musiklabels SUN, bei dem der junge Elvis Mitte der 1950er seine ersten Erfahrungenn sammelte, ohnehin keinen großen Wert auf technische Perfektion im herkömmlichen Sinne. Stattdessen ging es bei der Arbeit im Studio darum, eine Atmosphäre herzustellen, die die individuelle Kreativität aller Beteiligten förderte und so Musikaufnahmen hervorbrachte, die einzigartig, authentisch, frisch und spontan klangen (→Musikkritiker Dave Marsh in seinem Essay in Walk A Mile In My Shoes ). »Perfect imperfection« lautete das Motto.

Bloß nichts technisch zu Tode optimieren, sondern stattdessen auf das besondere »Feeling« der Aufnahmen setzen, die live entstanden, indem alle beiligten Musiker:innen in ein und demselben Studioraum ihre Gesangs- und Instrumentalparts zusammen einspielten. Studiotechnik hatte dabei die Aufgabe, das Live-Gespielte bestmöglich für die Veröffentlichung zu konservieren. Mehr nicht. Alles, was im Nachgang hinzugefügt wurde und damit nicht mehr live war, trug nach dieser Auffassung das Potenzial fehlender Authentizität in sich – also auch das Overdubbing.

Entsprechend sei Elvis, so erzählte Ron Tutt, der nach dem eingangs zitierten D. J. Fontana von 1969 bis 1977 Presleys erster Mann am Schlagzeug war, auch in späteren Jahren ein absoluter Purist gewesen. Für ihn war eine Studioaufnahme eine Live-Performance im Studio – und damit keine eigenständige Kunstform:

[Elvis] believed that recording is an art of recording a live performance, not an art of a recording studio. You see what I mean? There’s a real differentation between the two. He was very puristic when it came to that.“

Ron Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009

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He did it again! Im November 2015 hat der amerikanische Musikkritiker und Autor Peter Guralnick (*1943 Boston/Massachusetts) erneut eine umfangreiche Biografie veröffentlicht, die das Zeug zum Standardwerk hat. Ihr Titel: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ’n‘ Roll.

Damit hat Peter Guralnick, bekannt vor allem für seine 1.300 Seiten starke zweibändige Elvis Presley-Biografie – der erste Band erschien 1994 unter dem Originaltitel The Last Train To Memphis: The Rise Of Elvis Presley, der zweite unter Careless Love: The Unmaking of Elvis Presley 1999 – und eine weitere lesenswerte über Soullegende Sam Cooke (Dream Boogie, 2005), jetzt die Biografie veröffentlicht, die ihm am meisten am Herzen liegen dürfte.

Peter Guralnick (links) mit Sam Phillips 1999 - Foto: Familie Phillips

A great story: Sam Phillips (rechts) und sein Biograf Guralnick 1999 – Foto: Phillips

Und wie immer bei Guralnick, der nach einem Universitätsabschluss in Creative Writing (also kreativem Schreiben) in den 1960ern erstmals als Autor von Kurzgeschichten von sich reden machte, ist sie hervorragend geschrieben. Kurz: Sam Phillips The Man Who Invented Rock ’n‘ Roll ist kleines literarisches Meisterwerk – „Storytelling“ höchster Güte.

Schon im Vorwort seiner neusten Buchveröffentlichung wird deutlich, dass dies Guralnicks persönlichste Biografie bislang ist. Denn mit Sam Phillips (1923-2003), dem Gründer und manischen Visionär des kleinen, aber feinen Aufnahmestudios Memphis Recording Service sowie des Plattenlabels SUN Records in Memphis, das als Wiege des Rock ’n‘ Roll gilt und in dem vor Elvis Presley, Johnny Cash, Carl Perkins, Jerry Lee Lewis zahlreiche afroamerikanische Musiker wie etwa Howlin Wolf, Ike Turner und Rufus Thomas Musikgeschichte schrieben, verband den Autor eine 25-jährige enge Freundschaft bis zu Phillips‘ Tod 2003. Schon 2000 ist Guralnick als Drehbuchautor für eine TV-Dokumentation über Sam Phillips in Erscheinung getreten, die denselben Titel trägt wie jetzt die Biografie.

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Der 5. Juli 1954 ist ein Montag. Es ist unsagbar heiß und schwül in Memphis. Das Thermometer zeigt fast 40 Grad, die Luftfeuchtigkeit liegt bei über 80 Prozent, die Hitze nimmt den Bürgern der Stadt am Mississippi die Luft zum Atmen. An diesem heißen Montag  nimmt der 19-jährige Elvis Presley mit That’s All Right (Mama) in Sam Phillips SUN-Studio, 706 Union Avenue in Memphis, die A-Seite seiner ersten kommerziellen Single auf… und schreibt Musikgeschichte.

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That’s All Right (Mama) 1954

Elvis‘ Aufnahme von Arthur Crudups R&B-Song That’s All Right an diesem 5. Juli 1954 wird gerne plakativ als die Geburtsstunde des Rock ’n‘ Roll bezeichnet – besonders, wenn ein Jubiläum gefeiert werden will, wie etwa aktuell der 60. Jahrestag. Dabei ist das nicht mehr als eine sehr vereinfachte Zuspitzung, die andere einflussreiche Aufnahmen, wie etwa Jackie Brenstons und Ike Turners Rocket 88 – 1951 ebenfalls in Sam Phillips SUN-Studio alias Memphis Recording Service entstanden -, außer Acht lässt.

Die Geburtsstunde einer Musikrichtung lässt sich nicht so einfach auf den Punkt bestimmen wie so manch einer – auf der Suche nach einer griffigen Schlagzeile – es gerne hätte. Zu viele Geburtshelfer, die alle ihre musikalischen Einflüsse einbringen, sind daran beteiligt. Zu komplex ist die musikalische Wirkungsgeschichte.

Dennoch markiert die Aufnahme von That’s All Right am 5. Juli  1954 eine Geburtsstunde, ist der schwül-heiße Montag musik- und kulturhistorisch bedeutsam, denn er markiert den Startschuss der Karriere Elvis Presleys, durch dessen gigantischen Erfolg die Rock ’n‘ Roll-Revolution erst ihre volle Wucht entfalten und sich die Welt der Unterhaltungsmusik für immer verändern wird. Gewissermaßen ein Urknall der Popkultur, wie Ernst Hofacker es in seinem Buch „Von Edison bis Elvis: Wie die Popmusik erfunden wurde“ (2012) formuliert. Und nicht gerade wenige Leute sind davon überzeugt, dass dieser Urknall nirgendwo anders als in Memphis hätte stattfinden können. Sie könnten Recht haben.

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Tot ist man erst dann, wenn sich keiner mehr an einen erinnert, heißt es. Wenn dies stimmt, dann ist Elvis Presley ein ausgesprochen lebendiger Zeitgenosse. Dieser Tage erinnert man sich besonders häufig, jährt sich am 16. August 2012  der Todestag des King doch zum 35. Mal (→ Der King hält Hof beim European Elvis Festival 2012).

Klar, dass sich dieses Jubiläum wie alle anderen zuvor weder Plattenlabel Sony noch Rechtsnachfolger Elvis Presley Enterprises (EPE) – und sonst noch so einige rechts und links des Weges – entgehen lassen, ist es doch ein mehr als willkommener Anlass, um unserer Erinnerung  mit einer Flut an Veröffentlichungen, alte und neue,  auf die Sprünge zu helfen.

Eine dieser Veröffentlichungen kommt ganz unspektakulär daher, wird praktisch nicht beworben, sondern seit Monaten vor allem als ganz heißer Tipp in der Fangemeinde gehandelt.  Es ist Ernst Mikael Jørgensens – Jørgensen ist maßgeblich verantwortlich für das Sammlerlabel Follow That Dream (FTD) – Meisterstück in Sachen Elvis, in das er Jahre intensivster Recherche gesteckt hat: das Boxset Elvis Presley – A Boy From Tupelo. The Complete 1953 – 1955 Recordings.

Ernst Michael Jørgensens Boxset A Boy From Tupelo

Ach, schon wieder die Aufnahmen aus der berühmten SUN-Ära, als der King noch jung, unschuldig und vor allem „pur“ war – kenn‘ ich, hab‘ ich schon, alles klar, mag da so mancher Fan denken. Falsch gedacht, denn dieses Set hat überraschend viel bisher Unveröffentlichtes für Auge und Ohr aus der legendären frühen Schaffensperiode zu bieten. Weiterlesen