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Viva Las Vegas: Starvehikel mit Kultcharakter

Böse Zungen behaupten ja gerne, dass die meisten Filme mit Elvis Presley in der Hauptrolle keine richtige Handlung haben… Das mag überspitzt ausgedrückt sein, grundsätzlich falsch ist es aber nicht. Denn in in einem klassischen Elvis-Musical, wie etwa dem Pop Art-Klassiker Viva Las Vegas (Tolle Nächte in Las Vegas, 1964), sind Handlung und fiktive Hauptfigur des Films dem Star Elvis Presley klar untergeordnet. Und das ist auch so gewollt – vor allem vom Publikum.

Auch als Rennfahrer Lucky Jackson in 'Viva Las Vegas' bleibt Elvis Presley immer Elvis

Auch als Rennfahrer Lucky Jackson in ‚Viva Las Vegas‘ bleibt Elvis unverkennbar Elvis

Man kann daher auch sagen: Elvis ist die Handlung: Ohne ihn gäbe es die meisten seiner Filme nicht. Remakes von klassischen Elvis-Musicals sind deshalb nicht zu erwarten, obwohl die Filme lange sehr erfolgreich waren (→  Elvis in Hollywood: Interview mit Paul Simpson), bis heute regelmäßig im TV laufen, Hollywood Erfolgsrezepte bekanntermaßen gerne unendlich reproduziert und Elvis Presley nach wie vor als Superstar gilt. Aber ein Starvehikel ohne den originären Star? Das funktioniert nicht.

Überhaupt das „Starvehikel“. Von Filmkritikern wird es in der Regel abgetan als nicht weiter erwähnenswertes Massenprodukt für das „einfache Volk“, das keinen höheren künstlerischen Ansprüchen genügen kann, weil es ja nur um einen Star geht, der einfach sich selbst spielt – immer wieder, quasi in Serie.

Diese bestens etablierte Sichtweise wird heute zunehmend kritisch hinterfragt (→  Viva Las Vegas – ein Pop Art-Klassiker wird 50, James L. Neibaur: The Elvis Movies, → Björn Eckerl: Elvis im Kino), etwa von der Filmdozentin Susan M. Doll, die u.a. für Turner Classic Movies schreibt und sich auch mit den Filmen Elvis Presleys intensiv auseinandergesetzt hat. Hier ein längeres Zitat aus dem Filmkapitel ihrer sehr empfehlenswerten, aber leider wenig bekannten Veröffentlichung Understanding Elvis: Southern roots vs. star image (1998):

„Because most of Presley’s films were vehicles, his star image overshadows any fictional character he might play, which is precisely the point. Audiences went to see Elvis Presley, not to see him submerged into the personality of a fictional character. Presley’s star image defined his movie roles and vice versa. […]

A star’s appearance in a vehicle works in a specific fashion. The consistent use of a star and his/her image in a series of films tailored to the star’s talents establishes expectations in regard to subsequent films. Audiences expect each new film with that star to contain certain aspects associated with him/her. The star’s image provides direct entry into the vehicle. The narrative needs little in the way of exposition. Also by continually associating a star with a series of vehicles, the star’s image merges or fuses into the character type associated with those vehicles. Thus, the star’s image slides connotatively into character, and by extension, into narrative function. Star image, then, can act as the synopsis of the plot of any vehicle in which that star appears. […]

Film reviewers and other culture critics have inferred from this tendency that the star of a vehicle never really engages in acting, but merely plays himself. The star is generally criticized for this. Also the repetition of similar characteristics from vehicle to vehicle invites severe criticism from reviewers. The more the audience responds to a vehicular formula by making these films hits at the box office, the less likely the conventions for a star’s vehicles will change.

The narrow scope of a set of vehicles in terms of conventions, the blurring of star’s image into character, and the frequent repetition of conventions are inherent in the nature of the film vehicle. High-brow reviewers – or, in the case of Presley, rock music historians and certain biographers – who consider film vehicles inferior because of these characteristics are naive. Criticizing the star of a vehicle for playing himself, or attacking a film vehicle for being repetititve, is like criticizing a tiger for having stripes. It is the nature of the beast.“

– zitiert nach Susan M. Doll: Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998

Was heißt das nun aber genau für das klassische Elvis-Musical, für einen Film wie Viva Las Vegas? Es bedeutet, dass man den Film innerhalb seines Genres bewerten muss, also danach wie gut oder schlecht er sein Ziel erreicht, nämlich das bestimmende Handlungselement, den Star bzw. dessen Starimage, überzeugend zu präsentieren. Alles andere macht, wie Susan Doll nachvollziehbar ausführt, schlicht keinen Sinn.

Viva Las Vegas: Elvis hoch 2 in Action

Noch viel besser als 1 Elvis sind 2: Ann-Margret und Elvis als doppelter Elvis in Viva Las Vegas

Und bei Viva Las Vegas haben sich der musicalerfahrene Co-Produzent/Regisseur George Sidney und sein Team ganz schön was einfallen lassen, um dem Anfang der 1960er etablierten Elvis-Musical noch mal ordentlich auf die Sprünge zu helfen und dabei dennoch das Elvis-Image dieser Zeit gekonnt einzubinden. Schon in den ersten Minuten des Films wird das Starimage Elvis Presleys und damit die Handlung auf den Punkt genau gesetzt.

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Viva Las Vegas: ein Pop Art-Klassiker wird 50!

Vor 50 Jahren, am 20. Mai 1964, lief Viva Las Vegas – Elvis Presleys 15. Hollywoodfilm – in den amerikanischen Kinos an. Deutschlandpremiere war am 24. Juli unter dem Titel Tolle Nächte in Las Vegas. Höchste Zeit für eine Hommage an einen unterhaltsamen Filmklassiker und seine beiden charismatischen Hauptdarsteller: Elvis Presley und Ann-Margret Olsson!

Nose to nose: Ann-Magret als Rusty mit Elvis Presley alias Lucky Jackson in Viva Las Vegas

Ann-Margret als Rusty mit Elvis Presley alias Lucky Jackson in ‚Viva Las Vegas‘ (1964)

2 echte Klassiker hat Elvis Presleys vielgeschmähte Hollywoodkarriere (→ Elvis in Hollywood, → Elvis im Kino) hervorgebracht, da sind sich Filmhistoriker mittlerweile ziemlich einig: → Jailhouse Rock (1957), der Rock ’n‘ Roll-Film schlechthin – 2004 ins Nationale Filmregister der USA als kulturell, historisch und ästhetisch besonders relevanter Film aufgenommen – und… Viva Las Vegas (1964), ein klassisches Elvis-Musical der 1960er.

Nun könnten die Filme auf den ersten Blick unterschiedlicher gar nicht sein: der eine ein musikalisch unterlegtes Drama um einen „angry young man“ in der Tradition von Dean und Brando, der andere eine farbenfrohe Musikkomödie um einen Rennfahrer, der sein Glück ausgerechnet in Las Vegas findet. Können die wirklich in einer Liga spielen? Und ob. Viva Las Vegas gilt unter amerikanischen Filmhistorikern heute als „a visionary cultural artifact“, konkreter ausgedrückt als:

„A fully realized example for the early- to mid-’60s pop art movement, in its cinematic specifics it signifies every American fantasy of innocence and lust, flawless beauty and easy money, good times and charmed lives.“

– zitiert nach Douglas Brode: Elvis Cinema and Popular Culture, 2006

Viva Las Vegas wird also als filmische Pop Art erster Güte geschätzt, was Andy Warhols guten Riecher (→ Elvis und Andy Warhol: Kings of Popular Art) einmal mehr bestätigt. Eine Bewertung, der sich – in anderen Worten – auch Filmhistoriker James Neibaur → The Elvis Movies und Film-Aficionado → Paul Simpson in ihren Veröffentlichungen anschließen.

Viva Las Vegas: Spotlight Filmcrew

Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr, denn bei Viva Las Vegas – eine Produktion der MGM unter der Regie des Filmproduzenten und Regisseurs George Sidney – war eine Filmcrew am Werk, die den Auftrag, eine unterhaltsame, zeitgemäße Musikkomödie zu schaffen offensichtlich nicht nur ernst nahm, sondern mit den vorhandenen Mitteln auch kreativ umzusetzen wusste.Das ist vor allem bei den Gesangs- und Tanznummern von Elvis und Ann-Margret zu sehen.

Herausgekommen ist ein Film-Musical, das dem Team um Hollywoodproduzent Hal Wallis, der als eigentlicher Erfinder des Elvis-Musicals (G.I. Blues, Blue Hawaii, → Fun In Acapulco) gilt, zeigte, wie man’s besser machen kann.

My baby loves me: Ann-Magret und Elvis legen eine flotte Sohle aufs Parkett

My baby loves me: Ann-Margret und Elvis legen eine flotte Sohle aufs Parkett

Mit Ann-Margret Olsson besetzte Viva Las Vegas nur 1 weibliche Hauptrolle, während sich sonst in einem Elvis-Film gleich eine ganze Riege mehr oder minder bekannter (und begabter) Darstellerinnen die Klinke in die Hand gaben. Ann-Margret jedoch war 1963 selbst schon ein Star und konnte dem King das Wasser reichen, was Leinwandpräsenz und Musikalität anging.

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