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Die Faszination der Elvis-Filmsongs: Stefanie Tauber im Interview

Sehr klar und puristisch, begleitet allein vom Klang der Ukulele, scheint Stefanie Taubers Stimme durch den spärlich beleuchteten Saal des Programmkinos Harmonie geradezu zu schweben. Es ist der 16. August 2018, Elvis Presleys 41. Todestag. In der Harmonie in Frankfurt-Sachsenhausen steht an diesem Abend – wie in vielen Kinos deutschlandweit – Elvis auf dem Programm.

  • Stefanie Tauber mit Elvis und ihrer Ukulele - Foto: To Kühne

Das ’68 Comeback Special feiert in diesem Jahr 50. Geburtstag mit einer Special-Edition der legendären TV-Show, die nun auch auf der großen Kinoleinwand zu sehen ist. Doch bevor der King in der Harmonie seine überlebensgroße Magie entfaltet, kommt erst einmal Stefanie Tauber alias Preslisa im Vorprogramm des Kinoabends zum Zuge, und zwar mit ihrer ganz individuellen Interpretation von Songs aus Elvis’ umfangreichen Filmrepertoire.

Wie? Elvis’ Filmssongs ausgerechnet im Vorprogramm des legendären ’68 Comeback Specials? Was wie ein Widerspruch erscheint – schließlich läutete das ’68 Comeback Special das wohltuende Ende von Elvis’ Hollywoodkarriere mit Soundtrackalben in Endlosschleife ein -, ist ein gelungener Kunstgriff.

Denn Taubers Interpretation von Liedern wie I Want To Be Free aus dem Film Jailhouse Rock (1957), Wooden Heart aus G.I. Blues (1960), Forget Me Never (aufgenommen für Wild In The Country, 1961) sowie Song Of A Shrimp (Girls, Girls, Girls, 1962), die es an diesem Abend zu hören gibt, werfen ein ganz eigenes Licht darauf, worin bei aller Skurrilität die Faszination der vielfach belächelten und dennoch beliebten Filmsongs liegt.

Preslisas Forget Me Never – Audio vom Album Back in Bornheim

The Memphis Flash hat Stefanie Tauber alias Preslisa vor ihrem Auftritt im Programmkino Harmonie interviewt.

Interview

The Memphis Flash: Stefanie, warum ausgerechnet Elvis? Wie kam es zu Deiner Faszination für den King, die dazu geführt hat, dass Du ihm als Preslisa ein musikalisches Soloprogramm widmest und mit Back in Bornheim, Aloha From Neukölln, Preslisa Live gleich mehrere Alben mit seinen Songs veröffentlicht hast?

Stefanie Tauber: Das ist erst einmal so eine einfache Frage, wie es scheint, aber ich könnte Dir da stundenlang drauf antworten. Vielleicht fang’ ich am besten bei meinem Schlüsselerlebnis an. Ich hab’ Elvis beim Durchwühlen der Plattensammlung meiner Eltern entdeckt.

The Memphis Flash: Das war 1984?

Stefanie Tauber: Ja, ich war damals acht. Besonders hatten es mir die “kleinen Schallplatten” angetan, von denen ich noch nicht wusste, dass sie Singles heißen. Von denen gab es einen kleinen Stapel, teilweise mit Hülle, teilweise ohne. Und ich bin an diesem einen Gesicht hängengeblieben. Da stand überall Elvis drauf. Und es klingt vielleicht komisch, aber ich weiß noch genau, was ich damals gedacht habe: Wie kann ein Mann nur so schön sein!

The Memphis Flash: Die Optik hat Dein Interesse also sozusagen getriggert?

Stefanie Tauber: Genau. Dann wollte ich natürlich auch wissen, wer das ist. Mein Vater hat gleich abgewinkt, aber meine Mutter hat es mir bereitwillig erklärt. Zuerst war ich traurig, weil sie mir erzählte, dass Elvis schon gestorben war. Aber ich habe die “kleinen Schallplatten” trotzdem aufgelegt und damit begann meine eigentliche Faszination, die bis heute anhält: die Begeisterung für diese Stimme. Die Stimme ist das, was das Phänomen Elvis für mich heute in erster Linie ausmacht.

The Memphis Flash: Weißt Du noch, welche Songs Du als erstes gehört hast?

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Will Friedwald: Elvis Presley oder warum John Lennon doch nicht Recht hat

Serienzeit! Längst überfällig ist die Fortsetzung meiner Serie zu den kleinen, aber feinen, dabei oft wenig bekannten Essays und Buchveröffentlichungen, die sich ausschließlich mit dem Musiker Elvis Presley, dem Sänger und Songinterpreten, beschäftigen. In der schier kaum zu überblickenden Menge an Publikationen über den King fällt diese Gruppe der Publikationen fast verstörend klein aus.

Elvis Presley 1970

Elvis Presley 1970

Kein Wunder, haben doch schon vor Jahrzehnten die Anekdoten über den Liebhaber schneller Autos (→ Elvis’ gelebte Auto Emoción), den König des Spielerparadieses Las Vegas (→ Meet and Greet the King), den exzentrischen Frauenliebling mit Hang zu gesundheitsschädlichen Konsumgewohnheiten (→ Elvis in der Werbung: Geht’s noch?) der Musik den Rang abgelaufen.

Schon Elvis-Biograf Peter Guralnick spricht in seiner umfangreichen, in den 1990ern veröffentlichten zweibändigen Biografie Last Train To Memphis/Careless Love von der unendlichen “Kakophonie der Stimmen”, die das Ohr auf das Eigentliche verstellt: Elvis Presleys Musik.

Aber es gibt sie eben doch, die Handvoll Publikationen von Musikhistorikern, -kritikern, und -journalisten, die es immer wieder schaffen, sich auf das Wesentliche “einzuschießen”. Am interessantesten finde ich darunter die Veröffentlichungen, die nicht aus der zu erwartenden Ecke der etablierten und entsprechend vielzitierten Rockmusikverteranen – Greil Marcus, Dave Marsh, Robert Hillburn und Jon Landau lassen grüßen – kommen, sondern einen anderen Hintergrund haben.

Zwei davon, nämlich Robert Matthew-Walker (→ Elvis Presley Song by Song: A Study in Music) und Shane Brown ( → Elvis Presley’s A Listener’s Guide), habe ich schon mit ihren Publikationen vorgestellt. Heute geht es um Will Friedwald und sein sehr lesenswertes Essay Rock ‘n’ Roll: Elvis Presley, das er 2010 in seinem fast 1.000 Seiten umfassenden Standardwerk A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers veröffentlicht hat.

Elvis-Epiphanie: Ein Pre-Rock-Musikfan macht eine Entdeckung

Wie der Buchtitel des Werkes schon assoziiert, ist Will Friedwald (*1961) ein amerikanischer Musikjournalist, -autor und -kritiker, der sich vor allem mit Jazz und Pop beschäftigt. Zu seinen vielbeachteten Buchpublikationen zählen Stardust Melodies: A Biography of Twelve of America’s Great Voices from Bessie Smith to Bebop and Beyond, und Sinatra! The Song Is You: A Singer’s Art.

Will Friedwald - Foto: jazzwax

Später Elvis-Kenner: Will Friedwald – Foto: jazzwax

Zudem schreibt Friedwald über Musikthemen für das Wall Street Journal und The New York Sun, ferner Vanity Fair, The Village Voice sowie die New York Times. Für seine Begleittexte zu diversen CD-Boxsets hat Friedwald im Laufe der Jahre 8 Grammy-Nominierungen eingefahren – der Mann ist also alles andere als ein Leichtgewicht. Der Umfang seiner Musiksammlung soll legendär sein.

Dabei ist der Autor und Journalist vor allem bekannt für seine kenntisreichen Essays über die großen amerikanischen Sänger und Sängerinnen der Pre-Rock-Ära – Essays, die alles andere als staubtrocken, sondern humorvoll, sehr persönlich, begeisternd und manchmal auch provokant sind. Bleibt die Frage, was Friedwald jetzt genau mit Elvis “am Hut” hat. Wie der Musikliebhaber in seinem Essay über Elvis auf sehr witzige und unterhaltsame Weise beschreibt, über Jahrzehnte hinweg: rein gar nichts!

Und das erklärt er so: 1961 geboren, hat Friedwald Elvis’ 1. Karrierehöhepunkt in den 1950ern schlicht nicht mitbekommen, dafür ist er einfach zu jung. Friedwald senior hingegen, an dessen Plattenschrank sich der junge Will schon bald bediente, war ein bisschen zu alt, um sich für Elvis Presley zu begeistern. Die musikalischen Vorlieben von Vater Friedwald waren längst durch die Heroen der Jazz- und Swing-Ära geprägt, als der Teenager Elvis all seinen Mut zusammen nahm und in Sam Phillips Aufnahmestudio in Memphis seine erste private Plattenaufnahme machte. Sohnemann Will übernahm diese Vorlieben des Vaters. Für Elvis und Will stimmte das Timing also nicht.

Hinzu kam, dass Will, wie er beschreibt, sich für den in seiner Jugend populären Rock (Rolling Stones, Jimi Hendrix etc.), ebenso wenig begeistern konnte wie für Disco und Punk. Seine Neigung, sich auf die Entdeckungsreise durch die Aufnahmen eines Künstlers mit dem Titel “King of Rock ‘n’ Roll” zu begeben, war damit gleich Null. Als Elvis Presley 1977 starb, bekam Will Friedwald das natürlich mit, aber Elvis blieb von da an vor allem dieser komische Typ im Glitzeranzug, über den die kuriosesten Stories im Fernsehen kolportiert wurden – mit Musik hatte das alles nichts zu tun für den späteren Musikjournalisten. Damit dürfte er sich in seiner Altersgruppe durchaus in guter Gesellschaft befinden.

Diese Einstellung änderte sich Mitte der 2000er Jahre schlagartig, als Friedwald mit den Vorbereitungen zu A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers begann. Angeregt durch andere Musikkenner aus seinem Umfeld, beschloss Friedwald, sich nun doch endlich dem Mann aus Memphis zu stellen. Er besorgte sich die unter der Ägide von Ernst Jorgensen – Elvis’ musikalischem Nachlassverwalter – in den 1990ern erstmals erschienen Essential Masters CD-Boxsets, zusätzlich die dort nicht enthaltenen Gospelaufnahmen plus Zusammenstellungen der Filmmusik. Hier im O-Ton die geradezu hymnische Reaktion Friedwalds auf das Hörerlebnis, die seinen Schreibstil gut charakterisiert:

“By the time I finished listening to them, I was completely hooked. Seventeen CDs were hardly enough. I was amazed by what I heard. After a lifetime of not getting it, I finally experienced my own Elvis epiphany, and the mystery why he is considered one of the great pop performers of all time was revealed to me. It was a vision straight from Graceland of a trascendental being, not in a white robe but in a white jumpsuit, with guitar rather than harp.”

– Zitat Will Friedwald: A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers, Seite 795

Man ahnt es schon, mit dieser CD-Sammlung eroberte sich der King of Rock ‘n’ Roll das fast 10-seitige Extra-Kapitel in Friedwalds Standardwerk A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers, in dem er eigentlich gar nicht hätte vorkommen sollen. Aber wie passt das jetzt zum Rest eines Buches, das sich schwerpunktmäßig mit Künstlern aus der Pre-Rock-Ära beschäftigt, also der Generation vor Elvis?

Ganz ausgezeichnet passt das. Will Friedwald schafft es nämlich nach diesem humorvollen Einstieg in sein Essay, in dem er deutlich macht, dass er aufgrund eines schlechten Timings Elvis Presley erst Jahrzehnte nach dessen Tod erstmals zuHÖRTE, mit ein paar alten Zöpfen in der musikalischen Rezeptionsgeschichte des King aufzuräumen. Das macht er ebenso kenntnisreich wie gründlich. Die zeitliche Distanz zum “Urknall der Popkultur”, von der Ernst Hofacker in seinem Buch “Von Edison bis Elvis” (2012) spricht, und Friedwalds breites musikalisches Wissen machen dies erst möglich.

Warum John Lennon sich gleich zweimal irrt

Als Aufhänger für seine Thesen greift Friedwald zwei sehr bekannte Zitate von Beatle John Lennon auf, von denen wohl fast jeder schon einmal gehört hat und die Friedwald auf den Folgeseiten seines Essays eindrucksvoll widerlegt. Das erste Lennon-Zitat lautet: Before Elvis there was nothing/Vor Elvis gab es einfach nichts (will sagen: keine gescheite Musik), das zweite: Elvis died when he went into the Army/Elvis starb, als er als Soldat eingezogen wurde (also schon 1958).

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Helmut Radermacher präsentiert: Elvis The King – Die Hits der deutschen Charts

Helmut Radermacher (* 1943) ist seit über fünf Jahrzehnten einer der bekanntesten deutschen Elvis-Kenner und -Aficionados. Der Düsseldorfer, der heute in Coburg lebt, gründete 1958 den ersten Elvis-Fanclub in Deutschland, war 1978 Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Elvis Presley Gesellschaft, ist leidenschaftlicher Elvis-Sammler und zeichnete jahrelang als freier Berater von Elvis Presleys Plattenfirma für erfolgreiche LP-Veröffentlichungen in Deutschland verantwortlich.

Viele deutsche Fans haben Elvis überhaupt erst über die Vermittlung von Helmut Radermacher, d.h. über die von ihm als Berater von RCA Deutschland zusammengestellten Hit-LPs, kennengelernt – ohne es zu wissen. Ich freue mich, dass Helmut heute in seinem 1. Gastbeitrag für The Memphis Flash einen Blick hinter die Kulissen einer seiner erfolgreichsten Ideen gewährt.


Wie “Elvis The King – Die Hits der deutschen Charts” entstand

von Helmut Radermacher

1991 lief im deutschen Fernsehen, genauer im Vorabendprogramm der ARD, eine 13-teilige amerikanische TV-Serie über den jungen Elvis Presley. In den USA bekannt unter dem Titel Elvis (USA 1990), war die Serie in der ARD vom 28. September bis 21. Dezember 1991 unter dem Titel Elvis – King Of Rock’n’Roll zu sehen. 1995 wurde sie nochmals im WDR gezeigt.

Die Hauptrolle des jungen Elvis übernahm Michael St. Gerard, Mutter Gladys wurde von Millie Perkins verkörpert, die 1961 an der Seite von Elvis im Film Wild In The Country (dt. Lied des Rebellen) eine weibliche Hauptrolle gespielt hatte. Weitere wichtige Personen in der Handlung waren neben Vater Vernon Presley (Billy Green Bush) noch Elvis’ frühe Bandmitglieder Scotty Moore (Jessie Dabson) und Bill Black (Blake Gibbons) sowie Studioinhaber Sam Phillips (Jordan Williams). Wer die Serie nicht kennt, ahnt es jetzt schon: Es ging in der Hauptsache um Elvis’ berühmte SUN-Ära, also die frühen Jahre unter dem Dach von Sam Phillips Aufnahmestudio und Plattenlabel.

Leider waren die deutschen Angaben zur TV-Serie – wie so oft – ungenau bis falsch, denn es war mal wieder die Rede davon, dass die „Witwe“ von Elvis, Priscilla Beaulieu Presley, die TV-Story mit produziert hatte: Ex-Frau wäre natürlich richtig gewesen. Und natürlich wurde auch wieder die Geschichte aufgetischt, Elvis hätte seine erste, selbst finanzierte Platte My Happiness (1953) als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter Gladys  aufgenommen. Dieses Märchen ist einfach nicht totzukriegen! Dabei existiert eine Quittung darüber, dass Elvis den Song am 18. Juli 1953 aufnahm, fast drei Monate nach dem Geburtstag seiner Mutter am 25. April. Das wäre also ein reichlich verspätetes Geburtstagsgeschenk gewesen.

Sei’s drum. Begleitend zur TV-Serie wollte die deutsche Niederlassung von Elvis’ Plattenfirma RCA jedenfalls eine Platte herausbringen. Da ich RCA zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach bei ähnlichen Projekten erfolgreich beraten hatte, bat mich 1991 die A&R-Abteilung (Artist und Repertoire) nach Hamburg zu kommen, um vor dem Start der Serie im TV ein paar Folgen anzusehen. Die Verantwortlichen bei RCA glaubten nämlich, dass in der Serie auch Elvis im Original zu hören und deswegen eine Kopplung mit einer Platte geradezu optimal wäre. In Hamburg saß seit 1956 die Teldec, ab 1975 RCA, ab 1986 hieß es Ariola, bevor das Ganze wiederum zu BMG (Bertelsmann Music Group) wurde. RCA als Label blieb aber stets bestehen – heute unter dem Dach von SONY.

Ich sah mir die Serie also an und musste die Herren enttäuschen – in der Serie hört man nämlich nicht Elvis im Original, sondern Ronnie Mc Dowell, genau den Mann, den man in den USA schon 1979 als Sänger für den Film ELVIS The Movie mit Kurt Russel in der Hauptrolle verpflichtet hatte, weil Elvis Presley Enterprises die Rechte an Elvis Originalstimme nicht erteilt hatte. Hier ein Ausschnitt aus der TV-Serie ELVIS mit Michael St. Gerard als Elvis auf der Bühne und Ronnie McDowell, der dem King die Stimme zu Baby Let’s Play House leiht – sozusagen eine St. Gerard/Mc Dowell-Koproduktion:

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Rassismus im Western Flaming Star: Elvis als Pacer Burton

Der Western Flaming Star (Flammender Stern, 1960) mit Elvis Presley in der Hauptrolle als Halbblut Pacer Burton ist gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Außerhalb der Fangemeinde Elvis Presleys ist der Film heute kaum noch ein Begriff und dennoch sorgt die Figur des Pacer Burton regelmäßig für Schlagzeilen.

Elvis Presley als Pacer Burton in 'Flaming Star'

Gebrochener Held: Elvis Presley als Pacer Burton in ‘Flaming Star’

Allerdings nicht für Schlagzeilen in Film- oder Musikkreisen, sondern in der internationalen Kunstszene, hat ihn doch ausgerechnet Pop Art-Genie Andy Warhol in seinen Siebdrucken eindrucksvoll verewigt und damit Kunstwerke geschaffen, für die  heute bis zu 100 Millionen USD gezahlt werden. Nun sind Elvis Presley und Andy Warhol als “Kings of Popular Art des 20. Jahrhunderts” nachvollziehbar eine potente Mischung, aber was hat das jetzt genau mit einem fast vergessenen Western zu tun, der im Jahr 1878 spielt und der noch dazu alles andere als ein typisches Elvis-Musical ist, wie etwa der → Pop Art-Klassiker Viva Las Vegas (1964)?

Warum hat Warhol ausgerechnet ein Pressefoto des an der Kinokasse nicht besonders erfolgreichen Westerns Flaming Star (→ Elvis in Hollywood) – produziert 1960 von David Weisbart für die Twentieth Century Fox – als Vorlage für seine millionenschwere Elvis-Siebdruckreihe (1963) gewählt? Wäre nicht ein Motiv aus legendären Filmen des King wie Jailhouse Rock (1957) oder King Creole (1958) wesentlich naheliegender gewesen? Eine mögliche Antwort liegt in Warhols Siebdruck selbst und dem Hauptthema des Films Flaming Star: Rassismus.

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Understanding Elvis: Interview with Nigel Patterson

One of the most amazing things about Elvis Presley are his fans. The amount of creative, well-educated and dedicated people among them who manage to do continuous in-depth research and writing about the man besides having successful professional careers and active family lives is simply astounding. One of their key figures who for decades has helped to better understand Elvis Presley’s life, career and cultural impact on many different levels is Nigel Patterson from Australia. The Memphis Flash has talked to the Elvis expert about his passion for the King and what interests him most: Elvis’ films and books.

The Memphis Flash: Nigel, most English-speaking Elvis aficionados are familiar with you as Honorary President of the Elvis Information Network (EIN), an Australian fan club that runs one of the, if not the most prolific and informative websites on Elvis Presley: www.elvisinfonet.com. Apart from that, not too much is known about you (at least not in Germany). Please do tell us more about yourself, your background and what made you such an expert on everything Elvis.

Nigel Patterson: I am originally from Northern Ireland and my family moved to Canberra, capital city of the “lucky country”, Australia, in the early 1960s.  While I knew of Elvis and seen some of his movies I did not become a fan until early 1969 when on a school excursion to Griffith, a small town in the winery region of country New South Wales. As I would learn later Griffith was also a hot spot for dope production in Australia (but I digress)!  While on the bus we were listening to 2CA, the only commercial radio station in Canberra at the time, and Edge of Reality came on.  I was hooked the moment I heard it and my interest in things Elvis quickly grew from there.

The Memphis Flash: Sounds like a fun way of being introduced to Elvis ;-). The psychedelic Edge Of Reality from the movie Live A Little, Love A Little (German: Liebling, laß’ das Lügen, 1968) was a hit in Australia, right? It’s relatively unknown in Germany though. Let’s give it a listen.

Audio Edge of Reality – Complete Masters

 

The Memphis Flash: How was being an Elvis fan like in Australia in the late 1960s?

elvis-monthly-1960Nigel Patterson: Living “downunder” in a snail mail and pre-Internet time we relied on primarily newspapers and magazines for our news of overseas stars.  I started buying the newsstand magazine Elvis Monthly (which, due to its small size, fitted nicely into the inside pocket of my school jacket and served me well when I became bored with scholarly instruction), subscribed to Rocky Barra’s Strictly Elvis and submerged myself in various popular Aussie magazines including Movie News, Everybody’s and the Australasian Post, as they regularly featured Elvis on their cover and had feature articles inside.

In the early 70s I joined my first Elvis fan club, run by Bob Stephens in Sydney and I started contributing to Rex Martin’s fantastic Worldwide Weekly Elvis News Service and later Elvis Monthly.

The Memphis Flash: Some great magazines that have iconic status among fans today. I’ve seen that there is an → interesting interview with Rocky Barra, the guy behind Strictly Elvis, on EIN. Besides magazines films soon became another great interest of yours?

Nigel Patterson: From my childhood years growing up during the silver age of television I always had a fascination with TV shows and films.  In the late 1970s-early 1980s I became a reviewer for the Brisbane Film Group (BFG) enjoying working “flexi-time” (before it was introduced to the bureaucracy) as I was given free tickets to watch and review films screening usually at 11 am in the morning. I remember the first time I asked my boss if I could take an early, long lunch and he looked at me as if I was from another planet! In those days we had a regimented 12:30-1:30 lunch period.  A few years later flexitime was the norm.  Most of my reviews for the BFG were of horror movies as classic titles like Halloween, Friday the 13th, Prom Night and the underrated Happy Birthday To Me were enjoying peak popularity.  My involvement with the Brisbane Film Group was the genesis of my interest in a more analytical approach to the Elvis film canon.

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Elvis Presley On Stage 2014

Dieser Tage hat Elvis Presley wieder mächtig viel zu tun. Gerade erst hat er eine Europa-Tournee absolviert, die ihn mit 5 Konzerten auch nach Berlin, Hamburg, Halle, München und Mainz führte. Ähhh, wie bitte? Ist das ein schlechter Scherz? Oder hatte hier jemand eine außerirdische Erscheinung infolge eines Sonnenstichs, was bei den aktuellen Temperaturen bei uns ja durchaus denkbar wäre…

Elvis On Stage 2014

Elvis On Stage 2014

Aber nein, der King, 1977 viel zu früh verstorben, tourt posthum. Das macht er regelmäßig seit Ende der 1990er, in Deutschland zuletzt 2012 mit Originalmusikern seiner Band ab 1969 (→ Elvis in Concert rockt Deutschland, → Elvis’ TCB-Band).

Das Prinzip dabei ist einfach wie genial: Band, Backgroundsänger und Orchester spielen live und Elvis wird per großer Videoleinwand optisch und per separierter Tonspur akustisch mit Original-Liveaufnahmen aus dem Zeitraum 1968 bis 1973 zugespielt. Klingt gut. Wer Elvis kennt, weiß, der King war eine stimmgewaltige, humorvolle Rampensau erster Güte, die ständig mit Band und Publikum interagierte. Kurz: hörens- und sehenswert.

Elvis, das Original, in seinen Element – 1970

Nun ist aber in den letzten Jahren ein kleines, aber nicht unerhebliches Problemchen aufgetaucht, welches das lange sehr erfolgreiche Konzept von → Elvis In Concert unter der Ägide von Stig Edgren von SEG Events und Elvis Presley Enterprises erschwert. Die Originalmusiker Elvis Presleys sind nämlich unübersehbar in die Jahre gekommen, teilweise gesundheitlich angeschlagen oder schon verstorben, während der per Videoleinwand transportierte King ein ewig knackiger Mitt- bis Enddreißiger bleibt…

Ein neues Konzept muss also her. Und genau das kann man Anfang Juni 2014 in Deutschland sehen, etwa in der Rheingoldhalle in Mainz, deren Sitzplatzkapazität etwa zu 75 Prozent mit Fans und Neugierigen gefüllt ist. Das Publikum ist deutlich 40+ mit einigen Endzwanzigern und Dreißigern darunter.

Elvis On Stage 2014 oder bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe

Das neue Konzept zeigt Elvis als Videoprojektion auf einer transparenten Leinwand, hinter der ich schemenhaft eine junge Band mit Backgroundsängern und Orchester erkennen kann. Neu ist bei Elvis on Stage 2014 gegenüber Elvis in Concert 2012, dass Elvis überlebensgroß  – und reichlich pixelig, d.h. zu niedrig aufgelöst – auf einer die volle Breite der Bühne abdeckenden, großen Leinwand klar im Vordergrund steht, während die Band dahinter praktisch nicht zu sehen ist. Nur in wenigen Sequenzen dürfen einzelne Bandmitglieder vor den großen transparenten Vorhang – und genau dann wirkt das neue Konzept am stimmigsten.

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Viva Las Vegas: ein Pop Art-Klassiker wird 50!

Vor 50 Jahren, am 20. Mai 1964, lief Viva Las Vegas – Elvis Presleys 15. Hollywoodfilm – in den amerikanischen Kinos an. Deutschlandpremiere war am 24. Juli unter dem Titel Tolle Nächte in Las Vegas. Höchste Zeit für eine Hommage an einen unterhaltsamen Filmklassiker und seine beiden charismatischen Hauptdarsteller: Elvis Presley und Ann-Margret Olsson!

Nose to nose: Ann-Magret als Rusty mit Elvis Presley alias Lucky Jackson in Viva Las Vegas

Ann-Margret als Rusty mit Elvis Presley alias Lucky Jackson in ‘Viva Las Vegas’ (1964)

2 echte Klassiker hat Elvis Presleys vielgeschmähte Hollywoodkarriere (→ Elvis in Hollywood, → Elvis im Kino) hervorgebracht, da sind sich Filmhistoriker mittlerweile ziemlich einig: → Jailhouse Rock (1957), der Rock ‘n’ Roll-Film schlechthin – 2004 ins Nationale Filmregister der USA als kulturell, historisch und ästhetisch besonders relevanter Film aufgenommen – und… Viva Las Vegas (1964), ein klassisches Elvis-Musical der 1960er.

Nun könnten die Filme auf den ersten Blick unterschiedlicher gar nicht sein: der eine ein musikalisch unterlegtes Drama um einen “angry young man” in der Tradition von Dean und Brando, der andere eine farbenfrohe Musikkomödie um einen Rennfahrer, der sein Glück ausgerechnet in Las Vegas findet. Können die wirklich in einer Liga spielen? Und ob. Viva Las Vegas gilt unter amerikanischen Filmhistorikern heute als “a visionary cultural artifact”, konkreter ausgedrückt als:

“A fully realized example for the early- to mid-’60s pop art movement, in its cinematic specifics it signifies every American fantasy of innocence and lust, flawless beauty and easy money, good times and charmed lives.”

– zitiert nach Douglas Brode: Elvis Cinema and Popular Culture, 2006

Viva Las Vegas wird also als filmische Pop Art erster Güte geschätzt, was Andy Warhols guten Riecher (→ Elvis und Andy Warhol: Kings of Popular Art) einmal mehr bestätigt. Eine Bewertung, der sich – in anderen Worten – auch Filmhistoriker James Neibaur → The Elvis Movies und Film-Aficionado → Paul Simpson in ihren Veröffentlichungen anschließen.

Viva Las Vegas: Spotlight Filmcrew

Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr, denn bei Viva Las Vegas – eine Produktion der MGM unter der Regie des Filmproduzenten und Regisseurs George Sidney – war eine Filmcrew am Werk, die den Auftrag, eine unterhaltsame, zeitgemäße Musikkomödie zu schaffen offensichtlich nicht nur ernst nahm, sondern mit den vorhandenen Mitteln auch kreativ umzusetzen wusste.Das ist vor allem bei den Gesangs- und Tanznummern von Elvis und Ann-Margret zu sehen.

Herausgekommen ist ein Film-Musical, das dem Team um Hollywoodproduzent Hal Wallis, der als eigentlicher Erfinder des Elvis-Musicals (G.I. Blues, Blue Hawaii, → Fun In Acapulco) gilt, zeigte, wie man’s besser machen kann.

My baby loves me: Ann-Magret und Elvis legen eine flotte Sohle aufs Parkett

My baby loves me: Ann-Margret und Elvis legen eine flotte Sohle aufs Parkett

Mit Ann-Margret Olsson besetzte Viva Las Vegas nur 1 weibliche Hauptrolle, während sich sonst in einem Elvis-Film gleich eine ganze Riege mehr oder minder bekannter (und begabter) Darstellerinnen die Klinke in die Hand gaben. Ann-Margret jedoch war 1963 selbst schon ein Star und konnte dem King das Wasser reichen, was Leinwandpräsenz und Musikalität anging.

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Rollenbilder in Elvis Presleys Film Fun In Acapulco

Schon die ersten Szenen von Fun In Acapulco (1963) zeigen dem Zuschauer: Elvis Presley als Mike Windgren hat wirklich nichts mehr mit der Person des “unverstandenen jungen Mannes”, des Außenseiters und Rebells in der Tradition James Deans zu tun, in der Elvis in den 1950ern in Loving YouJailhouse Rock und King Creole zu sehen war.

Stets wie aus dem Ei gepellt: Elvis Presley als charmanter Playboy Mike Windgren in Acapulco

Stets wie aus dem Ei gepellt: Elvis Presley als charmanter Playboy Mike Windgren in Acapulco

Mike verkörpert vielmehr die Spielart eines neuen Männerbildes, das als Folge gesellschaftlicher Veränderungen in den 1950ern – Veränderungen, die Elvis Presley entscheidend mitgeprägt hat –  salonfähig und sehr populär wurde: das des attraktiven und charmanten, wohlhabenden, stets gut gekleideten, aber bindungsunwilligen Junggesellen.

Mike ist – typisch für alle Protagonisten des Elvis-Musicals – ein Playboy, der an keiner hübschen Frau vorbeikommt, ohne sein Glück zu versuchen. Und er ist immer dort zu finden, wo garantiert was los ist, ob in Las Vegas (Viva Las Vegas, 1964), auf der Weltausstellung in Seattle (It Happened At The World’s Fair, 1963) oder eben im angesagten Urlaubsparadies Acapulco.

El Torito: In der angesagtesten Bar von Acapulco sucht Mike die Nähe der attraktiven Dolores (Elsa Cardénas)

El Torito: In der angesagtesten Bar von Acapulco sucht Mike die Nähe der attraktiven Dolores (Elsa Cárdenas)

1963, als Fun In Acapulco gedreht wird,  ist die 1. große Welle der sexuellen Revolution in weiten Teilen der amerikanischen Gesellschaft angekommen. Ein Elvis “the pelvis” Presley hat die Musikszene längst revolutioniert, die beiden Kinsey-Reports haben bei Männlein und Weiblein eifrige Leser gefunden, seit 1960 ist mit Enovid die erste Antibabypille auf den amerikanischen Markt, man bewegt sich insgesamt freier… in jeder Hinsicht.

Was in den 1950ern noch als anstößig und revolutionär galt, ist jetzt salonfähig. Moderne Männer- und Frauenbilder – wenn auch stereotyp – erobern die Kinoleinwand. Beim Mann ist das etwa der Typ Playboy, wie ihn Hugh Hefners 1953 gegründetes gleichnamiges Magazin, der Industriellensohn Gunter Sachs – in den 1960ern verbandelt mit Brigitte Bardot – oder auch die frühen James Bond-Verfilmungen mit Sean Connery in der Hauptrolle (inkl. Bond-Girl Ursula Andress, Elvis’ Filmpartnerin in Fun In Acapulco) propagieren.

Elvis alias Mike umgarnt die hübsche Maggie, gespielt von Bond-Girl Ursula Andress

Elvis alias Mike umgarnt die hübsche Maggie, gespielt von Bond-Girl Ursula Andress

Bei den Frauen ist es zunehmend die unabhängige, berufstätige Frau, die selbstbewusst kommuniziert, dass sie nicht unbedingt einen Ring am Finger möchte, bevor sie Sex mit einem Mann hat.

Dolores und Mike: Emanzipation in der Stierkampfarena

Die interessanteste Beziehung in Sachen veränderte Rollenbilder in Fun In Acapulco ist sicher die zwischen Mike und der schönen Stierkämpferin Dolores, gespielt von der → Mexikanerin Elsa Cárdenas. Mike begegnet Dolores gleich zu Beginn des Films bei seinem Ausflug in die Bar El Torito. Kaum sieht er die zierliche Dame, die in ihrem hautengen Stierkampf-Anzug eine mehr als gute Figur macht, geht er schon zum Charmeangriff über…

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Interview mit Paul Simpson: Elvis in Hollywood

Praktisch nElvisFAQ-buchcoveroch druckfrisch ist die aktuelle Veröffentlichung des bekannten britischen Journalisten und Buchautors Paul Simpson mit dem inspirierenden Titel Elvis Films FAQ: All That’s Left To Know About the King of Rock ‘n’ Roll in Hollywood.

Simpson (*1961), der u. a. als Redakteur für das Fußballmagazin Champions Matchday – The official magazine of the UEFA Champions League arbeitet, hat schon eine ganze Reihe Bücher zu Themen der Popkultur veröffentlicht, darunter The Rough Guide to James Bond (2002), The Rough Guide to Cult Fiction (2005), 397 Ways To Pick A DVD (2009) … und er ist ein großer Elvis-Fan!

Elvis Films FAQ, was so viel heißt wie “häufig gestellte Fragen zu Elvis’ Filmen”, ist nach dem bekannten The Rough Guide to Elvis (2005) Simpsons zweite Veröffentlichung über den King of Rock ‘n’ Roll – The Memphis Flash hat Paul Simpson zum Thema seines neuen Buchs interviewt.

Original English version of the interview with Paul Simpson

Interview

The Memphis Flash: Paul, als professioneller Autor und langjähriger Elvis-Fan, warum hast Du so viel Arbeit in ein Buch – immerhin über 400 Seiten – gesteckt, das sich ausschließlich mit Elvis Presleys 31 Hollywoodfilmen beschäftigt? Die Filme waren zu ihrer Zeit zwar an der Kinokasse ziemlich erfolgreich, aber heute stehen sie bei vielen Fans, Kritikern und Biografen des King (Peter Guralnick) nicht gerade besonders hoch im Kurs. Nicht wenige halten Elvis Presleys Schauspielambitionen für einen Tiefpunkt seiner Karriere. Macht ein Buch wie Elvis FAQ überhaupt Sinn?

Paul Simpson: Es macht schon allein deshalb Sinn, weil die Filme Elvis selbst wichtig waren. Und für einen Fan wie mich, der versucht, sein Leben und seine Karriere als Ganzes zu verstehen, ist es daher auch sinnvoll, sich näher mit ihnen zu beschäftigen. Außerdem haben sie eine ganze Reihe großartiger Musik und unvergessliche Szenen hervorgebracht, die mit ein Grund sind, weshalb Elvis Presley heute eine solche globale Ikone ist. Einige der Filme sind ganz sicher genauere Einzelbetrachtungen wert, wie etwa die beiden Höhepunkte King Creole (1958) und Flaming Star (1960). Die Rahmenbedingungen, unter denen die Filme entstanden, werfen zudem ein Licht darauf, wie die gesamte Karriere Elvis Presleys gemanagt wurde.

Flaming Star 1960: Elvis Presley with Barbara Eden and Steve Forrest

Flaming Star 1960: Elvis Presley als Halbindianer Pacer mit Co-Stars Barbara Eden und Steve Forrest

Bis heute sind die Filme ein Aspekt in der Karriere Elvis Presleys, der unterrepräsentiert ist. Peter Guralnick scheint es in seiner beinahe definitiven Elvis-Biografie kaum abwarten zu können, über einige der Musicals aus den 1960ern möglichst schnell hinwegzugehen. Ich kann das durchaus verstehen. Aber wenn Elvis nicht der nächste James Dean oder Tony Curtis hätte sein wollen, hätten wir am Ende vielleicht nie etwas von ihm gehört.

The Memphis Flash: Von diesem Traum sprach Elvis ja auch selbst in seiner Dankesrede anlässlich der Vergabe des Jaycee Award 1971: “When I was a child, ladies and gentlemen, I was a dreamer. […] I saw movies, and I was the hero in the movie...”

Paul Simpson: Genau. Das Bild, das ich jetzt, nachdem mein Buch erschienen ist, immer noch im Kopf habe, ist das des jungen Elvis in Tupelo, der zusammen mit seinem Vater ins Kino eilt (etwas, was die Assembly-of-God-Kirchengemeinde der Presleys in den 1930ern und 1940ern sicher nicht guthieß), wo er sich für die Filme der damaligen Zeit begeistert, wo er Bing Crosby hört, wie er Blue Hawaii in dem Film Wakiki Wedding singt, und wo er selbst davon träumt, mit seiner Familie einmal ein anderes Leben zu führen. War es nicht gerade diese Form des Eskapismus, dieser Traum, der die Hoffnung in ihm wach hielt, der bitteren Armut seiner Jugend entkommen zu können?

The Memphis Flash: Das ist sehr wahrscheinlich. Was ich besonders faszinierend an Elvis Films FAQ finde, sind die vielen unterschiedlichen Perspektiven von Regisseuren, Drehbuchautoren und Co-Stars, die Du zusammengetragen hast. Es gibt da beispielsweise eine Passage, in der Du Drehbuchautor Allan Weiss, der gleich eine ganze Reihe Drehbücher für so erfolgreiche Hal Wallis-Produktionen wie Blue Hawaii (mit Hal Kanter, 1961), Girls, Girls, Girls (1962) und Fun in Acapulco (1963) geschrieben hat, mit den Worten zitierst:

“In viewing the [initial screen] test [1956] one thing was clear: it would be a mistake to try to force this strong personality into a preconceived role. His parts must be tailored for him, designed to exploit the thing he did best – sing”.
Allan Weiss zitiert nach: Paul Simpson’s Elvis FAQ, 2013

Das klingt fast wie eine Beleidigung. Aber war es tatsächlich auch so gemeint? Der deutsche Filmhistoriker Björn Eckerl – Autor des Buches Elvis im Kino: Was wir von Elvis-Filmen über Elvis und das Kino lernen können – verfolgt einen ähnlichen Ansatz, wenn er sagt, dass es gar nicht möglich war, Elvis in seinen Filmen in einer anderen Rolle als Elvis zu präsentieren, da seine Persönlichkeit, sein Image, sein Kultstatus sowieso jedes Genre sprengten. Selbst ein Science Fiction mutiere unweigerlich zum Elvis-Film mit Elvis in der Hauptrolle.

King Creole 1958: Elvis fights Walter Matthau

King Creole 1958: Elvis prügelt sich mit Walter Matthau

Eckerl macht dafür nicht etwa fehlende schauspielerische Fähigkeiten des King verantwortlich – um die geht es gar nicht, sondern die Erwartung des Kinobesuchers, der einfach sofort erkennt, wen er auf der Kinoleinwand vor sich hat. In anderen Worten, da gab es im Grunde nicht viel, was Elvis selbst (und letztendlich auch die Filmstudios) hätten ändern können. Was meinst Du, ist an der Sichtweise von Weiss und Eckerl was dran?

Paul Simpson: Da ist schon was dran. Es stimmt, dass Elvis eine so kraftvolle, sofort erkennbare Persönlichkeit darstellte, an deren Image man nur schwer vorbeikam und bis heute -kommt. Gerade deswegen gibt es ja so viele Filme mit idealisierten oder verzerrten Versionen seiner Lebensgeschichte und Person. Und dennoch haben es einige Filmemacher geschafft, diesen Nachteil zu überwinden.

In Filmen wie King Creole (1958), Flaming Star (1960), Wild In The Country (1961, hier vor allem in den Szenen mit Hope Lange) und Follow That Dream  (1962) gelang es, über das Elvis-Image hinauszugehen und glaubhafte Charaktere jenseits des Images darzustellen. Die Rolle des Toby Kwimper, die “Unschuld vom Lande” aus Follow That Dream, spielt Elvis ganz ausgezeichnet. Er trifft nicht nur den feinen Humor in der Geschichte Richard Powells, sondern verkörpert mit seiner fülligeren Erscheinung und den helleren Haaren auch äußerlich gut diesen speziellen Charakter.

Elvis Presely as Toby Kwimper with co-star Howard Mc Near and director Gordon Douglas  on the set of 'Follow That Dream'

Elvis Presley als Toby Kwimper mit Co-Star Howard Mc Near und Regisseur Gordon Douglas bei den Dreharbeiten zu ‘Follow That Dream’

Was Weiss angeht, hat man allerdings schon den Eindruck, dass er in der Retrospektive versucht, die Studiopolitik zu rechtfertigen, die letztendlich dazu führte, dass Elvis durch einige seiner Rollen nur noch schlafwandelte. Dabei war Weiss selbst deprimiert ob der Desillusionierung seines Stars und rieb sich auf an den engen Vorgaben, die ihm die Erfolgsformel des immer seichter werdenden Elvis-Musicals in den 1960ern als Drehbuchautor auferlegte.

Andererseits war die Formel der singenden Elvis-Persona nicht per se falsch – letztendlich kann man auch King Creole (für diese Hal Wallis-Produktion war Weiss nicht drehbuchmäßig tätig) in diese Kategorie einordnen – und sie zahlte sich auch aus, wenn man einen talentierten Regisseur wie George Sidney [für Viva Las Vegas, 1964] engagierte. Ab 1965 war aber klar, dass sowohl künstlerisch als auch kommerziell eine Neuausrichtung nötig war, was in späten Filmen wie The Trouble With Girls und Change Of Habit (beide 1969) auch zu sehen ist.

Kinobesucher, die Elvis-Persona vergessen zu lassen, war sicher kein leichtes Unterfangen – genauso schwierig wie es im Falle John Waynes war, den Cowboy auf der Ranch aus den Köpfen zu kriegen. Aber es war die Sache auf jeden Fall wert bei den wenigen Malen, die ein Regisseur diese Herausforderung auch tatsächlich annahm.

The Memphis Flash: Elvis war ja selbst ein großer Filmenthusiast: Er mietete sich nach Vorstellungsschluss regelmäßig ein komplettes Kino, um Filme seiner Wahl mit Freunden anzuschauen. Welche Filme mochte er? Gibt es einen gemeinsamen Nenner? Und was kann man aus seinen Vorlieben schließen?

Paul Simpson: Elvis sagte einmal zu Marion Keisker, Sam Phillips Mitarbeiterin bei SUN: “Ich singe alles Mögliche”. Genauso offen war er, wenn es um Filme ging. Zu seinen besonderen Filmlieblingen gehörten offenbar Across 110th Street, Dr Strangelove, Rebel Without A Cause und Patton (inkl. der Textzeile, die er häufig selbst zitierte: “All glory is fleeting”).

Er fand ebenso Gefallen an To Kill A Mockingbird (eine interessante Wahl wegen der Rassenthematik des Films, was Autor Albert Goldman einst dazu veranlasste, Elvis als Rassisten darzustellen), Max Ophüls’ kunstvoller Romanze Letter From An Unknown Woman, Dirty Harry, Monty Python And The Holy Grail sowie an den meisten Filmen mit Peter Sellers. James Dean war wohl sein Lieblingsschauspieler, er hatte aber auch eine Vorliebe für Humphrey Bogart, Marlon Brando, Kim Novak, den schon erwähnten Peter Sellers und Richard Widmark, um nur mal einige Namen zu nennen.

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2 Klassiker und ein 3.: James Deans ‘Denn sie wissen nicht, was sie tun’ (1955), ‘Straße zum Jenseits’ mit Anthony Quinn und Yaphet Kotto (1972), Peter Sellers in ‘Dr. Seltsam’ (1964)
 

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3 weitere Favoriten des King: ‘Wer die Nachtigall stört’ (1962), Max Ophüls ‘Brief einer Unbekannten’ (1948) und Monty Pythons ‘Der Ritter der Kokosnuss’ (1975)

 

Dass er so viele völlig unterschiedliche Filme schaute – angefangen von Dokumentationen über die Ureinwohner Papua-Neuguineas bis zu den Dirty Harry-Filmen mit Clint Eastwood – lässt für mich nur den Schluss zu: Er war so ziemlich offen für alles, sofern er die Zeit dazu fand.

The Memphis Flash: Nun war Elvis zwar ein bekennender Filmliebhaber, von seiner eigenen Filmkarriere war er aber bald höchst desillisioniert, wie Du mehrfach in Elvis Films FAQ erwähnst. In seinem Interview mit Robert Abel und Peter Adidge für den Dokumentarfilm  Elvis On Tour (1972) sprach er ziemlich offen darüber und sagte unter anderem:

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Elvis in Hollywood: Interview with Paul Simpson

ElvisFAQ-buchcoverHot off the press is the newest book publication by well-known British journalist and author Paul Simpson with the intriguing title Elvis Films FAQ: All That’s Left To Know About the King of Rock ‘n’ Roll in Hollywood.

Simpson (*1961), who works as editor of Champions Matchday, The official magazine of the UEFA Champions League, has already published a number of books on topics closely related to popular culture such as The Rough Guide to James Bond (2002), The Rough Guide to Cult Fiction (2005), 397 Ways To Pick A DVD (2009) … and he is a big Elvis fan!

Elvis Films FAQ is Simpson’s second book on the King of Rock ‘n’ Roll after the well-received The Rough Guide to Elvis (2005) – The Memphis Flash talked with Paul Simpson about Elvis Presley’s movie career and the new book → Elvis Films FAQ.

zur deutschen Fassung des Interviews mit Paul Simpson

Interview

The Memphis Flash: Paul, as a professional writer and longtime Elvis fan what made you dedicate a book with 400 pages to Elvis’ movies? Although initially successful at the box office, they today are mostly not well-regarded by fans, critics and Elvis biographers (Peter Guralnick) alike. Some even say the movies are the low point of Elvis Presley’s career. Frankly, is there really a point for such a book – and why?

Paul Simpson: The point is the movies were important to him – and as a fan and someone trying to understand his life and career I felt they were worth exploring. They did produce some great music, memorable scenes and helped him become such a global icon. Many of the movies are worth exploring on their own merits – the twin peaks being King Creole and Flaming Star – and the process which created them sheds a lot of light on how Presley’s career was run.

Flaming Star 1960: Elvis Presley with Barbara Eden and Steve Forrest

Flaming Star 1960: Elvis Presley as Half-Indian Pacer with co-stars Barbara Eden and Steve Forrest

Also, this is one aspect of his working life that is under-explored – Guralnick, in his near definitive biography, can barely wait to gloss over some of the travelogues in the 1960s. I can understand why but if Elvis hadn’t wanted to be the next James Dean or Tony Curtis, we might never have heard of him.

The Memphis Flash: Elvis talked about his big childhood dream in his acceptance speech for the Jaycee award 1971: “When I was a child, ladies and gentlemen, I was a dreamer. […] I saw movies, and I was the hero in the movie...”

Paul Simpson: Right. The image that stays with me now, after the book is published, is Elvis as a child rushing into a cinema in Tupelo with his dad (something the Assembly of God church would not have approved of in the 1930s and 1940s) and marveling at the serials and films, watching Crosby singing Blue Hawaii in Wakiki Wedding and dreaming of a different life for himself and his family. Did that escapism, that permission to dream, keep hope alive in the desperate, dehumanising poverty of his boyhood?

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Fun In Acapulco: Elvis in seinem 13. Kinofilm

Elvis Presleys 13. Kinofilm Fun In Acapulco (1963) ist ein klassisches Elvis-Musical, wie es nach dem Mega-Erfolg des Vorläufers Blue Hawaii (1961) – beide Filme wurden von Hal Wallis produziert – für den King in den 1960ern zum Standard wurde.

Elvis Presley in seinem 13. Kinofilm 'Fun In Acapulco'

Schicker Serienheld: Elvis Presley in seinem 13. Kinofilm ‘Fun In Acapulco’ (1963)

Elvis-Musicals wirken wie Teile einer Fortsetzungsserie. Im Zentrum steht nicht nur immer wieder derselbe Hauptdarsteller, auch die Nebendarsteller kommen mehrfach zum Einsatz, ebenso wie  Drehbuchautoren, Soundtrackkomponisten, Musiker und Produzenten (→ siehe 50 Jahre Fun In Acapulco: Spotlight Filmcrew,Fun In Acapulco: Drehbuch und Soundtrack).

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