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If I Can Dream: Elvis, Martin Luther King und Bobby Kennedy

Ausgeruht, fit und voll motiviert meldet sich Elvis Presley am 3. Juni 1968 aus dem Hawai-Urlaub zurück im Büro von Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles.

Der King ist startbereit für die Proben zum geplanten Fernseh-Special JUST ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special. Und die finden zunächst in den Räumen von Binder und Howe statt.

Elvis Presley 1968 – Foto: ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Wie Binder und Howe Elvis im Mai versprochen haben, soll das Special – wie der Arbeitstitel JUST ELVIS schon nahelegt – ganz auf ihn zugeschnitten sein. Entsprechend haben die Drehbuchautoren Chris Bearde und Alan Blye den Urlaub des Memphis Flash vor allem dazu genutzt,  an Vision und Konzept der Fernsehshow zu arbeiten, die als eine Art Semidokumentation der bisherigen Karriere Elvis Presleys geplant ist.

Was das Team Elvis Anfang Juni als Story vorstellt, ist ein erster Entwurf, den es jetzt noch mit Leben zu füllen gilt. Genau deswegen ist Elvis Presley von jetzt an täglich vor Ort – also auch am Mittwoch, den 5. Juni 1968.

An diesem Tag kommt es in Los Angeles zu einem tragischen Ereignis, das nicht nur amerikanische Geschichte schreibt, sondern auch das Drehbuch des ’68 Comeback Special maßgeblich beeinflusst.

Senator Robert F. Kennedy (1925-1968), der für die demokratische Partei als Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 1969 im Gespräch ist und der durchaus gute Chancen auf das Amt hat, fällt nach einer Rede auf einer Wahlkampfveranstaltung im Ambassador Hotel einem Attentat zum Opfer. Der Attentäter Sirhan Sirhan (*1944) – ein junger Palästinenser, der mit seinen Eltern in den 1950ern in die USA einwanderte – kann noch am Tatort verhaftet werden.

Bobby Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 in Dallas/Texas ebenfalls von einem Attentäter getöteten Präsidenten John F. Kennedy, stirbt in den frühen Morgenstunden des 6. Juni an den Folgen seiner Schussverletzung.

Wofür Robert „Bobby“ Kennedy politisch steht, das geht unter anderem aus seiner letzten Rede wenige Minuten vor dem Attentat am 5. Juni 1968 hervor, die im nachfolgenden Video zu hören ist.

Kennedy verspricht in seiner letzten Rede erneut, dass er sich als Präsidentschaftskandidat dafür einsetzen werde, etwas gegen die soziale Ungerechtigkeit in der amerikanischen Gesellschaft, die gravierenden Unterschiede in den Lebensbedingungen von Armen und Reichen, Weißen und Afroamerikanern zu tun und sich für ein Ende des Vietnamkrieges einzusetzen. Alles Brennpunktthemen der damaligen Zeit (und leider teilweise auch der heutigen).

Dabei schwört er seine Zuhörer auf die Qualitäten Amerikas als ein Land ein, dessen Volk mitfühlend und stark in der Gemeinschaft und daher auch in der Lage sei, bestehende Konflikte friedlich zu lösen.

Die Nachricht vom Attentat auf Robert Kennedy erreicht das Team um Regisseur Steve Binder, als alle inklusive Elvis in den Räumen der Produktionsfirma von Binder und Howe anwesend sind, um zu proben und weiter an dem Drehbuch für JUST ELVIS zu arbeiten.

Als die Nachricht vom Attentat die Runde macht, versammeln sich alle vor dem Fernseher und verfolgen schockiert die Berichterstattung. Steve Binder beschreibt die Situation so:

„Then, while we were in rehearsals and we were still at my offices on Sunset Boulevard, Bobby Kennedy was assasinated live on television. One of the TVs was on in one of the other rooms, and we heard this commotion. All of us ran into the other room to see what was happening, and Bobby Kennedy had just been shot by Sirhan Sirhan. […] We just forgot about the show and spent the rest of the night talking about what was happening to our country.“

Steve Binder, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Drehbuchautor Chris Bearde bestätigt die Reaktion der Anwesenden:

„On that little black and white TV were live pictures of the Robert F. Kennedy assasination at the Ambassador Hotel. In that room was Elvis, all of us. And we were just flabbergasted. We were…“

Chris Bearde, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Womit zu diesem Zeitpunkt keiner rechnet, ist Elvis Presleys zutiefst persönliche Reaktion auf die Ereignisse. Er ist offenbar so aufgewühlt durch das Geschehen, dass er die für ihn typische vorsichtige Zurückhaltung aufgibt, aus sich herausgeht und erstmals von sich erzählt – seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht erzählt. Und er tut es, indem er sich dazu auf der Gitarre begleitet und immer wieder die unterschiedlichsten Songs singt – über Stunden, wie Chris Bearde beschreibt:

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Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika

In Eugene Jareckis Dokumentation „The King – Mit Elvis durch Amerika“ (2017), die vor wenigen Wochen auch im deutschen Kino angelaufen ist, zieht der amerikanische Regisseur eine provokante Parallele zwischen Leben und Karriere Elvis Presleys und dem Niedergang der USA bis zur Wahl Donald Trumps als 45. Präsidenten der Vereinigen Staaten.

 

Pop Art: Elvis Presley als humorvolle Personifikation von U(ncle) S(am).

Elvis wird in der sozialkritischen Dokumentation, in der Jarecki während des Wahlkampfes Donald Trumps am Steuer von Elvis‘ 1963er Rolls Royce Phantom 5 einen Roadtrip quer durch die USA unternimmt, als Metapher für den gescheiterten amerikanischen Traum präsentiert.

Auf dem Roadtrip, der wichtige Stationen in Elvis Presleys Vita einschließt, steigen immer wieder bekannte Persönlichkeiten in den Fond des Rolls Royce, neben Musikern auch Schauspieler wie Alec Baldwin und Ethan Hawke, und erzählen aus ihrer Perspektive über den King, den American Dream und den gesellschaftlichen Ist-Zustand in den USA.

Ein spannendes Konzept für eine sozialkritische Dokumentation, die den King in den Fokus nimmt. Aber vielleicht doch ein bisschen zu weit hergeholt 40 Jahre nach dem Tod Elvis Presleys?

Was ist dran an Elvis als nach wie vor lebendigem Symbol für den (verlorenen) American Dream? Es lohnt ein Blick zurück in das Jahr 1973.

Aloha: Mit freundlichen Grüßen von Elvis aus Honululu

Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Gesungene Grüße an die Welt: Elvis am 14. Januar 1973.

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die dem King am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches politisches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem  Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das „Wie“ genauer zu erläutern:

„I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.“

„Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.“

Zitat aus: Egil „Bud“ Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der „American Bald Headed Eagle-Jumpsuit“, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert –  und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award, ausgezeichnet.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und  der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede anläßlich der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis‘ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

„Promised Land“ war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt „da draußen“ daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und „antiamerikanische Tendenzen“ zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

Als genialer Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

An American Trilogy hat einen starken Bezug zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) sowohl in Text als auch in Melodie und verweist damit auf eine Zeit, in der ein militärischer Konflikt zwischen den – nach der Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten – aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten (Konföderation) und den in der Union verbliebenen Nordstaaten entbrannte. Ursache des Bürgerkriegs war eine tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten, bei der es vor allem auch um die Abschaffung der Sklaverei im Süden ging.

Die drei in den tödlichen Konflikt verstrickten Parteien – die Vertreter der Nord-, die der Südstaaten und die versklavte afroamerikanische Bevölkerung – werden in American Trilogy durch den Marsch der Union (Nordstaaten), The Battle Hymn of Republic einerseits, durch  Dixie, der inoffiziellen Nationalhymne der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg andererseits, und All My Trials, einem Wiegenlied, das eng verwandt mit afroamerikanischen Spirituals sein soll, repräsentiert:

An American Trilogy

Oh I wish I was in the land of cotton
Old things they are not forgotten
Look away, look away, look away dixieland
Oh I wish I was in dixie, away, away
In dixieland I take my stand to live and die in dixie
Cause dixieland, that’s where I was born
Early lord one frosty morning
Look away, look away, look away dixieland

Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
His truth is marching on

So hush little baby
Don’t you cry
You know your daddy ’s bound to die
But all my trials, lord will soon be over

Hier wird einmal mehr deutlich, dass Elvis Presleys Ansatz, Botschaften zu transportieren, ein indirekter war. Wie bei seinem Bühnenkostüm, dessen Design er selbst nie kommentierte, bediente er sich vor allem der Symbolik. American Trilogy ist kein zeitgenössischer Protestsong, bei dem der Liedtext, wie etwa beim klassischen Singer-/Songwriting, eine direkte Botschaft vermittelt, die sich leicht einordnen und interpretieren lässt.

American Trilogy in Elvis Presleys bombastischem Arrangement mit allem, was Band, Orchester sowie weiße und afroamerikanische Backgroundsänger aufzubieten haben, setzte ganz darauf, den Zuhörer emotional aufzurütteln.

Indem unterschiedliche musikalische Traditionen der amerikanischen Gesellschaft heraufbeschworen und lose miteinander verknüft werden, wird eine Analogie hergestellt zwischen dem Amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert und „America’s Uncivil War“ im 20. Jahrhundert. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts werden so als Fortsetzung eines ungelösten gesellschaftlichen Konflikts präsentiert, der tief in der Geschichte der Nation wurzelt.

Trotz des fatalistischen Liedtextes (You know your daddy ’s bound to die) vermittelt Elvis‘ Darbietung der American Trilogy die Sicherheit, dass die Nation die Stärke (symbolisiert durch den Adler) und den Glauben hat, ihre Konflikte mit Gottes Hilfe (Glory, glory haleluja, his truth is marching on) zu überwinden und ihren Bürgern – ungeachtet von Hautfarbe und Herkunft – die Verwirklichung des American Dream zu ermöglichen.

Interessant ist, dass die Gesangsstimme durchweg die Perspektive des Südstaatlers beibehält (Cause dixieland, that’s where I was born, early lord one frosty morning), was ihr vor dem Hintergrund von Elvis Presleys Vita besondere Authentizität verleiht. Gerade in den amerikanischen Südstaaten wurden die gesellschaftlichen Konflikte besonders erbittert ausgetragen – im 19. ebenso wie im 20. Jahrhundert.

Elvis Presleys American Trilogy, das von einem ehemals armen Jungen aus dem Süden, der den amerikanischen Traum lebt, dargeboten wird in einem Bühnenkostüm, das den amerikanischen Adler als Symbol für Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität symbolisiert, entwickelt eine ungeheure Kraft, der sich Zuschauer und Zuhörer des Aloha-Konzerts bis heute kaum entziehen können. Und das gilt längst nicht nur für US-Amerikaner, wie der Blick auf YouTube verrät.

In mehr als einer Hinsicht ist American Trilogy die Fortsetzung von If I Can Dream (1968), das Elvis Presley kurz nach der Ermordung Martin Luther Kings aufnahm. Auch hier spielt der American Dream eine zentrale Rolle, allerdings fehlt in der Performance noch die Personfizierung über ein symbolträchtiges Bühnenkostüm.

Ganz sicher ist es auch kein Zufall, dass der King den Gürtel seines Adlerkostüms bei seinem Konzert Aloha From Hawaii ausgerechnet nach American Trilogy ins Publikum des Honululu Convention Center warf – eine Geste, die er am Schluss des Konzerts mit dem „Fliegenlassen“ des Adler-Capes noch einmal aufnahm. Dergestalt ließ er den amerikanischen Adler um die Welt segeln.

Festzuhalten ist, dass Elvis Presley nicht zuletzt mit diesem Auftritt den bis heute lebendigen Mythos, er symbolisiere Amerika, ganz wesentlich mitbegründet hat. Es war u.a. dieser Moment, der zeitgenössische Dokumentationen wie Jareckis The King – Mit Elvis Durch Amerika nahelegt.

Elvis oder der amerikanische Albtraum

Bleibt die Frage, inwieweit Jareckis Dokumentation Elvis Presleys Sicht auf sich selbst und den American Dream überhaupt berücksichtigt. Sie tut es nicht – leider! Wie die meisten Dokumentationen über Elvis Presley stellt auch sie die Perspektiven anderer in den Mittelpunkt, ohne sie den Absichten des Protagonisten gegenüber zu stellen. In diesem Sinne ist sie eine Elvis-Dokumentation ohne Elvis. Da hilft auch der Original-Rolls nicht, mit dem Jarecki durch die USA kurvt.

Wie Jarecki in einem Interview erläutert, ist Elvis für ihn – und in der Erweiterung auch für alle, die in der Dokumentation zu Wort kommen – vor allem eine Metapher für das Scheitern des American Dream, das eine lange Vorgeschichte hat, aber nie deutlicher zutage trat als im Zeitalter Donald Trumps.

 

Die Metapher macht Jarecki, dessen Familie vor dem Holocaust aus Deutschland in die USA floh, vor allem an Parallelen zwischen der Situation, in der sich die amerikanische Gesellschaft derzeit befindet, und einer sehr einfachen Sicht auf das Leben Elvis Presleys fest. Eine Sicht, die sich schon früh nach dem Tod Presleys etablierte und daher sehr weit verbreitet ist, mittlerweile aber einer differenzierteren Sichtweise Platz gemacht hat.

Die vereinfachte Sicht, hundertfach nacherzählt, geht so: Elvis startete als junges unverbrauchtes Naturtalent, wurde aufgrund seines Genies weltberühmt, in der Folge zwangsläufig durch seinen Megaerfolg korrumpiert, verschwendete sein Talent in Hollywood und landete – nach einer kurzen Rückkehr zu alter Größe 1968 – in Las Vegas, wo er völlig übersättigt und vollgepumpt mit Tabletten fragwürdigen Wirkunsgrades sein Talent einbüßte und viel zu früh verstarb. Abgerundet wird das Ganze häufig noch mit John Lennons Zitat, dass Elvis im Grunde schon starb, als er 1958 zur Armee ging. 1973 wäre er damit bereits 15 Jahre tot gewesen.

Was so vielversprechend begann, entwickelte sich wie die Vision des American Dream schon sehr bald zu einem Albtraum erster Güte – und ist deckungsgleich mit dem Zustand der amerikanischen Gesellschaft in der Ära Trump. „Amerika, wenn Du nicht endlich aufwachst, wirst Du enden wie Elvis“, ist die Botschaft in Jareckis Dokumentation.

Elvis ist hier das Symbol für einen Totalschaden des American Dream – sinnigerweise gibt auch sein Rolls Royce auf Jareckis Roadtip irgendwann den Geist auf.

Der American Dream als Totalschaden: Elvis Rolls Royce wird abgeschleppt.

Fazit: Jareckis The King – Mit Elvis durch Amerika, auch bekannt unter dem wesentlich treffenderen Titel „Promised Land“, ist sicher sehenswert, aber sie ist keine Elvis-Dokumentation im eigentlichen Sinne. Das sollte man wissen.

Elvis ist vor allem ein unterhaltsamer Aufhänger, um einen sozialkritischen Gesichtspunkt bildhaft an den Mann und die Frau zu bringen. Aber ganz offensichtlich ist er einer, der immer noch zieht, was zeigt, wie tief verankert im amerikanischen Bewusstsein der King mehr als 40 Jahre nach seinem Tod immer noch ist.

Elvis darf nicht sterben

Hier sitze ich also in Block N der Frankfurter Festhalle an einem frühsommerlichen Samstagabend Ende Mai 2017. Nach längerer Überlegung habe ich sie mir dann noch besorgt, die Eintrittskarte zu Elvis in ConcertDas Original aus Graceland, wie auf meiner Karte zu lesen ist.

Elvis in Concert 2017 – Festhalle Frankfurt

Letzteres ist reichlich schräg, denn eins werde ich heute Abend ganz sicher nicht zu sehen und zu hören bekommen: das „Original aus Graceland“. Elvis Presley ist nämlich verhindert… seit ziemlich genau 40 Jahren. Ein Todesfall ist ihm dazwischen gekommen… Es war sein eigener. Leider!

Wenn man diese Tatsache einen Moment „sacken“ lässt, (ich tue es, während ich meinen Platz suche), dann ist es erstaunlich, dass die Festhalle so gut besucht ist an diesem Samstagabend. Nicht ausverkauft, aber gut besucht. Das Publikum ist deutlich 40+, viele Paare, aber auch ganze Familien sind darunter.

Neben mir sitzen zwei unternehmungslustig dreinblickende Mitvierzigerinnen, offensichtlich Freundinnen, die sich schön gemacht haben für die „special occasion“. Schade, dass der King die Beauties heute Abend nicht gebührend wird würdigen können.

Denn was wir jetzt in den nächsten zwei Stunden zu sehen bekommen, ist ein Konzert des King in Abwesenheit des King. Genauer gesagt gibt es eine weitere Auflage von Elvis in Concert (→ Elvis in Concert 2012, → Elvis Presley On Stage 2014), bei dem Elvis per Videoprojektion zu sehen und mit Originalstimme zu hören ist.

Musikalisch begleitet wird er diesmal vom Czech National Symphony Orchestra, also nicht seinen Originalmusikern, wie das bis 2012 der Fall war. Wen wundert’s, die Herrschaften aus Elvis‘ ehemaliger Band sind inzwischen ja auch schon weit über 70.

Eine weitere Neuerung des Konzepts: Priscilla Presley, „Ex-Ehefrau-Witwe“ des King, moderiert das Ereignis und wird, so heißt es, Einblicke in die private Seite des King bieten. Oha. Ich dachte immer, da wäre schon alles gesagt seit der Veröffentlichung von Elvis & Me vor gut 30 Jahren und der Dokumentation Elvis by the Presleys… Denkste.

Das Ganze steht unter dem Motto The Wonder Of You – Titel eines Elvis-Songs aus den 1970ern und passenderweise auch der Titel einer erfolgreichen CD aus dem Jahr 2016, auf der Elvis-Klassiker mit dem Royal Philharmonic Orchestra vertont wurden. 2015 gab es die erste sehr erfolgreiche Version von Elvis mit dem Royal Philharmonic Orchestra: If I Can Dream. Mit ihr kam der King in vielen Ländern bis in die Spitze der Charts. Jetzt gibt es also die Europatournee dazu, allerdings mit einem anderen Orchester.

Der Clou: Priscilla Presley – zu Lebzeiten des King völlig außer vor, was die Karriere ihres Göttergatten anging – fungierte als Co-Executive-Producer beider Erfolgsscheiben und erfüllt, so heißt es, ihrem Ex mit der neuen Tournee den Wunsch, einmal gemeinsam mit großem Orchester aufzutreten. Wirklich eine nette Geste von ihr, oder? Endlich darf er mal mit Orchester, nicht nur mit so einer „mickrigen“ 3-Mann-Band. Jawoll!

Komisch nur, dass Elvis‘ bei seinen Auftritten in den 1970ern zusätzlich zur legendären TCB-Band auch dauernd ein Orchester am Start hatte, etwas, was den Rock ’n‘ Roll-Puristen bis heute so derart gegen den Strich geht, das sie für „Vegas-Elvis“ nur vielfach dokumentierte Verachtung übrig haben. Aber wer könnte sich Elvis‘ berühmte American Trilogy ohne das wunderbare Zusammenspiel des Joe Guercio Orchestra mit der TCB-Band vorstellen?

Man merkt schon, an der Elvis-Legende wird auch weiterhin eifrig gestrickt – posthume Wunscherfüllung inklusive: Elvis darf einfach nicht sterben. Aber zurück in die Frankfurter Festhalle.

Elvis In Concert 2017: Programm

Auftritt für Elvis und das vielseitige Czech National Symphony Orchestra aus Prag, das sich 1993 formierte und das neben Klassik auch Jazz sowie Musical im Portfolio hat. Dirigiert wird es von Maestro Libor Pešek. Es geht los mit dem Klassiker If I Can Dream aus dem TV-Special ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special.

In Frankfurt läuft dazu auf Leinwand der Liedtext – klatschen und mitsingen ausdrücklich erlaubt. Die Videoprojektionen laufen auf einer großen Leinwand hinter dem Orchester, einer weiteren direkt über dem Orchester und zwei kleineren an den Seiten der Halle ab. Da Leinwände bei Konzerten heute schlicht Status Quo sind, damit alle gut sehen können, was auf der Bühne vor sich geht, könnte man fast vergessen, dass der Star von Elvis In Concert gar nicht auf der Bühne steht. Es starren sowieso alle auf die Leinwände. Allerdings könnte die Akustik – wie immer in der Festhalle – durchaus besser sein.

Nach dem Konzertauftakt mit If I Can Dream folgt Priscilla Presleys erster Auftritt mit Begrüßung des Publikums in deutscher Sprache. Kunststück: Die Dame hat einige Jahre ihrer Schulzeit in Deutschland verbracht, wo sie 1959 ja auch ihren berühmten Ehemann kennenlernte, der als G.I. der US-Armee im hessischen Friedberg stationiert war. Aber für mehr als ein paar Sätze reicht ihr Deutsch nach fast 60 Jahren dann doch nicht mehr.

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The King’s Speech

Am 16. Januar 1971 macht Elvis Presley etwas für ihn Ungewöhnliches: Er betritt in seiner Heimatstadt Memphis ein Podium, stellt sich an ein Rednerpult und hält vor einer honorigen Versammlung eine selbstverfasste Rede. Bedankt er sich etwa für einen Grammy, die vielen Goldenen Schallplatten und ausverkauften Konzerte? Wurde ja auch mal Zeit…

16. Januar 1971: Elvis Presley hält eine Rede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Jaycee Award

16. Januar 1971: Elvis Presley bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Jaycee Award

Aber nein, er hält  eine Rede, weil er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 ausgezeichnet wurde. Der sog. Jaycee-Award wird von einer hochkarätigen Jury, zu der 1970 auch der amerikanische Ex-Präsident Lyndon B. Johnson zählt, an herausragende Persönlichkeiten im Alter zwischen 18 und 35 Jahren verliehen, die „die besten Eigenschaften ihrer Generation verkörpern und damit einen Fortschritt für eine bessere Welt bewirken“. Dabei müssen sich die Kandidaten durch besondere Leistungen in ihrem jeweiligen Betätigungsfeld sowie ihr humanitäres Engagement auszeichnen.

Die Gemeinschaft der Jaycees vertritt die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Aus Sicht der Jaycees werden Veränderungen eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

Zu den Jaycee-Preisträgern des Jahres 1970, die am 16. Januar 1971 in Memphis geehrt werden, zählen neben Elvis u.a. der afroamerikanische Jurist und Bürgerrechtler Thomas Atkins, Biophysiker Mario R. Capecchi, späterer Nobelpreisträger für Medizin, und Paul W. Bucha, Experte für den Nahen Osten und Barack Obamas Berater für Außenpolitik. Die frischgebackenen Jaycees erhalten eine Skulptur mit zwei sich berührenden Händen.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King mit ihren symbolträchtigen Awards in der Hand: zwei Hände, die sich berühren

Zwei Hände, die sich berühren: Jaycee-Preisträger Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, mit Elvis Presley 1971

Der Jaycee-Award ist also eine sehr hohe Auszeichnung und Elvis Presley ist 1970 der einzige Preisträger aus dem Entertainment. Vorgeschlagen für den Award – und man muss vorgeschlagen werden – wurde Elvis von dem demokratischen Politiker, Sheriff und späteren Bürgermeister des Bezirks Shelby County, William N. („Bill“) Morris. Morris, ein Freund Elvis Presleys, war nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968 in Memphis maßgeblich an der Festnahme des Attentäters James Earl Ray beteiligt.

„I was a dreamer“: Der 16. Januar 1971 und eine Rede, die es in sich hat

Was die Verleihung des Jaycee-Awards an Elvis Presley besonders macht, ist die Tatsache, dass sie die einzige bekannte Preisverleihung ist, zu der der King nicht nur persönlich erscheint – selbst den Grammy für sein Lebenswerk ließ der Mann sich einfach zwischen zwei Konzerten in Las Vegas „vorbeibringen“ (→ Elvis und die Grammys), sondern für die er selbst am Abend vor der Preisverleihung eine kurze, dabei erstaunlich poetische Rede verfasst. Als der King seine Rede am 16. Januar 1971 als letzter Preisträger frei am Rednerpult hält, braucht er dazu weniger als 1 Minute – noch nicht einmal die Länge eines Songs.

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Das kann doch nicht euer Ernst sein!

Manchmal hat Werner ja schon recht (→ Elvis Presley oder Werner und die 5 besten Alben des King), Elvis-Fans sind doch ein komischer Haufen. Jetzt kriegen sie endlich einmal die Chance, ihre Wunschsongs auf einer Fan-CD  – Titel I’m An Elvis Fan – zu verewigen und  zum 35. Todestag des King ein möglichst spannendes Set zu veröffentlichen, aber nutzen sie das auch? Nö! Und das, obwohl sonst andauernd über die wenig einfallsreichen Greatest-Hits-Ausgaben der Plattenlabel gemeckert wird.

I’m An Elvis Fan: Mosaikartiges Cover mit Fan-Konterfeis

Großes Brimborium mit Facebook-Aktion und Angebot, das eigene Konterfei im Mosaik auf dem CD-Cover zu verewigen, gab es als Auftakt zur Wahl der besten Elvis-Songs durch seine Fans. 250.000 Elvis-Fans aus 20 Ländern sollen ihr Votum abgegeben haben, aber rausgekommen ist schlicht eine weitere Greatest Hits-Zusammenstellung mit 21 Songs, wie Sony sie auch ohne Fangemeinde mit links hinbekommen hätte – 30 Number 1 Hits revisited. Leute, das kann doch nicht euer Ernst sein… Weiterlesen