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JUST ELVIS: Vision und Konzept des ’68 Comeback-Specials

Als Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe am Morgen des 10. Mai 1968 das Büro von Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker verließen (→ siehe dazu Teil 1 der Serie), waren sie sich keineswegs sicher, ob sie die soeben besprochene TV-Sondersetzung mit dem King tatsächlich realisieren wollten.

Immer noch der King oder ein Relikt aus den 1950ern? Elvis Presley im Frühsommer 1968.

Vor allem der 35-jährige Binder, der im Gegensatz zu seinem Partner Howe Elvis Presley bis zu diesem Zeitpunkt noch nie getroffen und folglich auch noch nicht mit ihm gearbeitet hatte, war skeptisch, ob ein Projekt mit dem “King of Rock ‘n’ Roll”, der für ihn vor allem ein Relikt aus den 1950ern war, wirklich ein kluger Karriereschritt war. Noch dazu schwebte Elvis’ Manager eine Show mit Weihnachtsliedern vor, die auf wenig Begeisterung bei Regisseur und Musikproduzent stieß.

Binder hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen, wie er nur wenige Stunden später feststellen sollte. Als Elvis Presley am Nachmittag des 10. Mai auf die Minute pünktlich in Binder und Howes Büro auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles eintraf, sah er nicht nur umwerfend und ganz und gar nicht wie ein Relikt der 1950er aus, sondern eroberte den skeptischen Regisseur im Sturm mit seiner Persönlichkeit. Wie Howe seinem Partner prophezeit hatte, waren er und der fast gleichaltrige Presley sofort auf einer Linie und wie selbstverständlich per Du.

Sofort auf einer Linie: Steve Binder und Elvis Presley 1968.

Nachdem Elvis seine Entourage – die berühmte Memphis Mafia –  im Vorzimmer des Binderschen Büros sich selbst überlassen hatte, kam es zu einem erstaunlich offenen 6-Augen-Gespräch zwischen ihm, Binder und Howe über das geplante TV-Special für NBC.

Binder fragte Elvis unumwunden, an welchem Punkt seine Karriere sich aus seiner Sicht aktuell wohl befände. Der King anwortete mit einer Gegenfrage: “Sag’ Du es mir!” “Ich sehe keine Karriere“, sagte Binder direkt, und verwies darauf, dass er als erfolgreicher TV-Produzent im Musikgeschäft schon ein paar Jahre lang keine Elvis-Songs mehr die Charts habe stürmen sehen. Er nehme außerdem an, dass die Idee des TV-Specials aufgekommen sei, weil die Hollywoodfilm-Deals auch nicht mehr so liefen.

Damit traf Binder den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf – und das machte Eindruck auf Elvis Presley. Binder sprach offen aus, was er selbst längst dachte. Daraufhin entspann sich ein Gespräch über die aktuelle Musikszene. Zu Binders Überraschung kannte der King sich bemerkenswert gut aus, war also nicht wie befürchtet in der Vergangenheit stecken geblieben.

Endgültig gebrochen war das Eis, als Elvis die Frage, ob er denn einen für damalige Verhältnisse sehr modernen, von Bones Howe inspirierten Song wie Jimmy Webb’s Mc Arthur Park selbst aufnehmen würde, sofort bejahte. Schauspieler Richard Harris hatte mit Mc Arthur Park im selben Jahr einen Nummer-1-Hit in den Billboard-Charts.

Keep it simple: Ganz einfach nur Elvis

Jetzt waren Binder und Howe überzeugt, dass es Elvis Presley nicht darum ging, sich auf dem Erfolg vergangener Tage auszuruhen. Das war also nicht das Problem. Aber es gab eins: Elvis hatte große Vorbehalte gegen das Medium TV an sich, denn er hatte es in der Vergangenheit als extrem einschränkend erlebt.

Wirklich er selbst, betonte er, sei er nur im Aufnahmestudio mit gutem Songmaterial, zu dem er einen emotionalen Bezug habe, und live auf der Bühne, wo er sich frei bewegen könne und nicht wie festgetackert vor dem Mikro stehen müsse. In den 1950ern hatte er sich in TV-Shows, wie etwa bei Steve Allen, wiedergefunden, die um den Gastgeber herum gebaut waren, der ihn mehr oder weniger nur als Quotentreiber vorführte und nur wenig eigenen Spielraum ließ.

Binder versicherte Elvis, dass sie das geplante Special völlig anders angehen würden. Es solle ihm passen wie ein maßgeschneiderter Anzug und daher auch nur für ihn und niemand anders als ihn funktionieren. JUST ELVIS – so der Arbeitstitel. Der gesamte Fokus solle auf Elvis Presley und seiner Musik liegen – keine anderen Gäste sollten davon ablenken. Sein Team wolle die perfekten Bilder zur Musik Elvis Presleys finden, damit er sich ganz auf seine Musik konzentrieren könne.

Und dennoch sei das TV-Special nicht ohne Risiko, so Binder zu Elvis. Sollte es trotz aller Bemühungen floppen, wäre es wohl vorbei mit seiner Karriere. Wäre es aber ein Erfolg, dann wäre der King aller Wahrscheinlichkeit zurück auf seinem Thron. Elvis Presley war bereit, das Risiko einzugehen. Von einem Weihnachtsspecial war dabei nicht die Rede.

Man vereinbarte unverzüglich ein zweites Treffen, bei dem Binder und Howe konkrete Ideen für die Sondersendung präsentieren wollten.

The Guitar Man’s Journey

Gleich nach diesem ersten Gespräch mit Elvis formierten Binder und Howe eine Brainstorming-Runde mit ihrem bewährten Produktionsteam. Dazu gehörten der Bühnenausstatter Gene McAvoy, die Choreografen Claude Thompson und Jaime Rogers, Gesangsarrangeur Earl Brown, Kostümdesigner Bill Belew, der in den 1970ern Elvis berühmte Jumpsuits kreiieren sollte, und die Drehbuchautoren Allan Blye und Chris Bearde. Letzterer ein mehrfacher Emmy-Gewinner, der auch für eine der Lieblings-Comedyserien Elvis Presleys schrieb: Rowan & Martin’s Laugh In (1968-1973).

Um die Idee von JUST ELVIS mit Leben zu füllen, besorgten sich Blye und Bearde so viel Song- und Filmmaterial von Elvis wie irgend möglich. Sie sollten die Basis bilden für das musikalische Drehbuch, das Elvis Presleys Leben sozusagen “in Musik”erzählen sollte. Ihre Grundidee leiteten Blye und Bearde dabei von dem Stück The Blue Bird des belgischen Dramatikers Maurice Materlinck ab. Im Stück geht es um Kinder, die ausziehen, um Glück und Wohlstand zu suchen, am Ende aber erkennen, dass das wahre Glück zu Hause liegt.

Schnell werden Blye und Bearde in Elvis’ Songrepertoire auf den Song Guitar Man von Songwriter Jerry Reed aufmerksam, den Elvis 1967 aufgenommen, der aber wenig Resonanz in den Charts gefunden hatte.

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Elvis Presley On Stage 2014

Dieser Tage hat Elvis Presley wieder mächtig viel zu tun. Gerade erst hat er eine Europa-Tournee absolviert, die ihn mit 5 Konzerten auch nach Berlin, Hamburg, Halle, München und Mainz führte. Ähhh, wie bitte? Ist das ein schlechter Scherz? Oder hatte hier jemand eine außerirdische Erscheinung infolge eines Sonnenstichs, was bei den aktuellen Temperaturen bei uns ja durchaus denkbar wäre…

Elvis On Stage 2014

Elvis On Stage 2014

Aber nein, der King, 1977 viel zu früh verstorben, tourt posthum. Das macht er regelmäßig seit Ende der 1990er, in Deutschland zuletzt 2012 mit Originalmusikern seiner Band ab 1969 (→ Elvis in Concert rockt Deutschland, → Elvis’ TCB-Band).

Das Prinzip dabei ist einfach wie genial: Band, Backgroundsänger und Orchester spielen live und Elvis wird per großer Videoleinwand optisch und per separierter Tonspur akustisch mit Original-Liveaufnahmen aus dem Zeitraum 1968 bis 1973 zugespielt. Klingt gut. Wer Elvis kennt, weiß, der King war eine stimmgewaltige, humorvolle Rampensau erster Güte, die ständig mit Band und Publikum interagierte. Kurz: hörens- und sehenswert.

Elvis, das Original, in seinen Element – 1970

Nun ist aber in den letzten Jahren ein kleines, aber nicht unerhebliches Problemchen aufgetaucht, welches das lange sehr erfolgreiche Konzept von → Elvis In Concert unter der Ägide von Stig Edgren von SEG Events und Elvis Presley Enterprises erschwert. Die Originalmusiker Elvis Presleys sind nämlich unübersehbar in die Jahre gekommen, teilweise gesundheitlich angeschlagen oder schon verstorben, während der per Videoleinwand transportierte King ein ewig knackiger Mitt- bis Enddreißiger bleibt…

Ein neues Konzept muss also her. Und genau das kann man Anfang Juni 2014 in Deutschland sehen, etwa in der Rheingoldhalle in Mainz, deren Sitzplatzkapazität etwa zu 75 Prozent mit Fans und Neugierigen gefüllt ist. Das Publikum ist deutlich 40+ mit einigen Endzwanzigern und Dreißigern darunter.

Elvis On Stage 2014 oder bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe

Das neue Konzept zeigt Elvis als Videoprojektion auf einer transparenten Leinwand, hinter der ich schemenhaft eine junge Band mit Backgroundsängern und Orchester erkennen kann. Neu ist bei Elvis on Stage 2014 gegenüber Elvis in Concert 2012, dass Elvis überlebensgroß  – und reichlich pixelig, d.h. zu niedrig aufgelöst – auf einer die volle Breite der Bühne abdeckenden, großen Leinwand klar im Vordergrund steht, während die Band dahinter praktisch nicht zu sehen ist. Nur in wenigen Sequenzen dürfen einzelne Bandmitglieder vor den großen transparenten Vorhang – und genau dann wirkt das neue Konzept am stimmigsten.

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Elvis Presley: Guitar Man

Einer meiner Elvis-Lieblingssongs ist einer, den man auf den Hit-Zusammenstellungen des Memphis Flash eher vergeblich sucht: Guitar Man (1967). Kunststück, schließlich war Guitar Man zumindest chartmäßig zunächst kein Hit für den King – und ist es auf den zweiten Blick doch.

Guitar Man –  Elvis Sings Guitar Man, FTD 2011:

 

Die meisten werden den Song am ehesten mit dem legendären Comeback-Special ELVIS (1968) verbinden, wo er in einer abgewandelten Form das musikalische Grundthema, den erzählerischen roten Faden bildet: hier erzählt Guitar Man vom Aufstieg des Musikers zum Superstar, den Jahren in Hollywood und der musikalischen Wiederauferstehung nach langer Zeit der ausschließlichen Kinoleinwandpräsenz.

Elvis Presley im Comeback-TV-Special ELVIS 1968 - hier mit der Gibson seines langjährigen Lead-Gitarristen Scotty Moore

Guitar Man Elvis Presley im Comeback-TV-Special ELVIS 1968 mit der Gibson seines langjährigen Weggefährten und Lead-Gitarristen Scotty Moore

Guitar Man ist also vor allem auf der symbolischen Ebene ein Hit. Umso mehr, wenn man sich anschaut, wann und wie es tatsächlich zu Elvis‘ Aufnahme dieses Songs und seiner engen Zusammenarbeit mit Gitarrist und Songschreiber Jerry Reed kam.

Elvis, Guitar Man und das Comeback

Wenn von Elvis‘ Comeback Ende der 1960er die Rede ist, dann bezieht sich das meist auf das schon erwähnte TV-Special ELVIS, das Anfang Dezember 1968 in den USA beim Sender NBC auf Sendung ging und die satte Einschaltquote von 42 Prozent erreichte. Eigentlich startete das musikalische Comeback des Memphis Flash aber schon ein paar Jahre früher.

Elvis selbst sagte in einem Interview einmal, dass er sich schon 1965 entschloss, seiner Karriere, die Mitte der 1960er auf langfristige Hollywoodfilmverträge und die dazugehörigen Soundtrack-Alben beschränkt war, eine neue Wendung zu geben. Und das kommt zeitlich auch hin, blieb aber zunächst weitgehend unbemerkt, genauso wie der Song Guitar Man, der dabei eine Rolle spielte.

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Das kann doch nicht euer Ernst sein!

Manchmal hat Werner ja schon recht (→ Elvis Presley oder Werner und die 5 besten Alben des King), Elvis-Fans sind doch ein komischer Haufen. Jetzt kriegen sie endlich einmal die Chance, ihre Wunschsongs auf einer Fan-CD  – Titel I’m An Elvis Fan – zu verewigen und  zum 35. Todestag des King ein möglichst spannendes Set zu veröffentlichen, aber nutzen sie das auch? Nö! Und das, obwohl sonst andauernd über die wenig einfallsreichen Greatest-Hits-Ausgaben der Plattenlabel gemeckert wird.

I’m An Elvis Fan: Mosaikartiges Cover mit Fan-Konterfeis

Großes Brimborium mit Facebook-Aktion und Angebot, das eigene Konterfei im Mosaik auf dem CD-Cover zu verewigen, gab es als Auftakt zur Wahl der besten Elvis-Songs durch seine Fans. 250.000 Elvis-Fans aus 20 Ländern sollen ihr Votum abgegeben haben, aber rausgekommen ist schlicht eine weitere Greatest Hits-Zusammenstellung mit 21 Songs, wie Sony sie auch ohne Fangemeinde mit links hinbekommen hätte – 30 Number 1 Hits revisited. Leute, das kann doch nicht euer Ernst sein… Weiterlesen