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Prince Charming

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Dixie bemerkt ihn zum ersten Mal vor der sonntäglichen Bibelstunde. Wie unglaublich gut er aussieht, denkt sie. Erst vor kurzem ist seine Familie zu ihrer Kirchengemeinde gestoßen, der First Assembly of God Church in der 1084 McLemore Street in Memphis. Verstohlen schaut sie noch einmal zu ihm hinüber in die letzte Reihe. Jetzt lächelt er sie an – mit diesem schüchternen, leicht schiefen Lächeln, bei dessen Anblick Dixie schwindlig wird vor Glück. Was für ein Prince Charming! Er heißt Elvis Presley und ist gerade erst 19 Jahre alt geworden – so viel hat sie schon herausgefunden.

Begegnung in der Kirchengemeinde: Die Jungs der Sonntagsklasse der „First Assembly of God Church“ in Memphis Anfang 1954…

… mit dem „gutaussehenden schüchternen Neuen“ in der letzten Reihe – Foto: Unlocked – Memoirs Of Elvis‘ First Girlfriend by Dixie Locke Emmons, 2021

Als Dixie »den Neuen« das erste Mal in der Sonntagsschule bemerkt, ist sie 15 und besucht die South Side High School in Memphis. Willa Dean (*1938), wie Dixie eigentlich heißt, wächst mit ihren vier Geschwistern – drei Schwestern und einem Bruder – in sehr bescheidenen Verhältnissen auf.

Bescheidene Verhältnisse in Memphis

Die Lockies stammen eigentlich aus Georgia und ziehen 1940 nach Memphis, wo Dixies Vater Thad schließlich einen Job bei der American Railway Express Agency findet, einem nationalen Paketzustelldienst, für den er Züge be- und entlädt.

Die Großfamilie wohnt in einem kleinen Haus mit nur drei Zimmern in der Lucy Street nahe der Innenstadt von Memphis. Die Locke-Kinder müssen sich eins der Zimmer teilen – ganz schön eng. Wenn Vater Thad, der morgens früh raus muss, um 8 Uhr abends ins Bett geht, ist auch für den Rest der Familie Schicht im Schacht.

Das einzige Bad befindet sich auf der hinteren Veranda – die stählerne Badewanne dient nicht nur der Körperhygiene, sondern wird auch fürs Wäschewaschen genutzt. Eine Waschmaschine ist unvollstellbarer Luxus für die Lockes. Nein, bei den Lockes wird per Hand gewaschen, von Mutter Lillian und den Töchtern. Auch ein Auto hat die Familie nicht – der Vater fährt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit.

Trotz der bescheidenen Verhältnisse hat Willa Dean, die ihren Geburtsnamen nicht besonders mag und sich deshalb schon früh in »Dixie« (Abkürzung für Dixieland = amerikanische Südstaaten) umbenennt, eine glückliche Kindheit. Zwar sind die Folgen der Weltwirtschaftskrise noch immer überall spürbar, doch die Lockes sind froh, dass der Vater einen einigermaßen sicheren Job hat, der ihnen in diesen schwierigen Zeiten ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen und etwas zum Anziehen sichert.

Der Höhepunkt des Jahres ist der Familienurlaub bei der Familie des Vaters auf dem Land in Georgia, der nur deshalb möglich ist, weil die Zugtickets von Thads Arbeitgeber bezahlt werden.

Die Schwestern Locke (v. l. n. r.): Betty Jean (1934-2010), Juanity Fay (*1936), Willa Dean „Dixie“ (*1938) und Shirley Lois (1946-2016) – Foto: Unlocked, 2021

Ein weiteres Highlight für die Locke-Mädchen ist, wenn Mutter Lillian vor Beginn des neuen Schuljahres den dicken Katalog von Sears Roebuck raussucht, aus dem sich jede ein paar Stoffe zum Bestellen aussuchen darf. Aus den Stoffen näht Mutter Locke auf ihrer alten Nähmaschine die neuen Röcke und Blusen für ihre Töchter (Hosen sind tabu). Ansonsten sind die jüngeren Schwestern darauf angewiesen, die Kleidung der älteren aufzutragen. Dixie ist die Zweitjüngste – aua!

Dass die Familie darüber hinaus sehr wenig Geld zur Verfügung hat, empfindet Dixie jedoch nicht als großen Nachteil – schließlich haben alle anderen in ihrem Umfeld auch nicht mehr. Ihre Freizeitaktivitäten kreisen ganz um die Familie, die Nachbarschaft und die Kirche, die First Assembly of God Church, in der die Lockes seit 1944 Mitglied sind. Die Lockes sind sehr religiös. Vor allem Mutter Lillian achtet streng darauf, dass ihre Kinder die zehn Gebote und Kapitel 3, Vers 16 des Johannes-Evangeliums in- und auswendig können, noch bevor sie eingeschult werden.

Die First Assembly of God Church in der McLemore Street in Memphis – Foto: Unlocked, 2021

Davon abgesehen ist Dixie ein typischer Teenager, wird sie später sagen. Sie hat ein besonders enges Verhältnis zu ihrer zwei Jahre älteren Schwester Juanita und verbringt die Zeit, wenn sie nicht in der Schule ist oder im Haushalt helfen muss, am liebsten mit ihren Freunden. Obwohl bodenständig und praktisch veranlagt, ist die sportliche 15-Jährige auch eine Romantikerin. Sie träumt von der großen Liebe, von dem Märchenprinzen, von Prince Charming, der ihr Herz im Sturm erobert. Ihr Vorbild ist die Ehe ihrer Eltern, die 70 Jahre bis zum Tod des Vaters halten wird.

Wartet auf ihren Märchenprinzen: Dixie als Teenager im Haus ihrer Eltern – Foto: Unlocked, 2021

Doch als der Märchenprinz in ihr Leben tritt, hat er so gar nichts von dem eigenen Vater. Genau genommen fällt der Junge aus der sonntäglichen Bibelstunde ihr vor allem deshalb auf, weil er »so anders« ist. Da ist einmal die Art, wie er sich kleidet: so auffällig in Pink und Schwarz. Dann seine für damalige Verhältnisse ziemlich langen, mit Pomade zum Entenschwanz zurückgekämmten Haare. Unerhört!

Elvis in Pink und Schwarz: Hier fotografiert 1956 in der Innenstadt von Memphis, als der er sich einen Strafzettel einfängt

»Alle anderen Jungs waren wie die Ebenbilder ihrer Väter«, wird sie später sagen. Der Neue jedoch fällt unübersehbar aus dem Rahmen, weswegen die anderen Mädchen in der Gruppe ihn »seltsam« finden. Und noch etwas bemerkt Dixie: Seine Schüchternheit steht in einem eigenartigen Kontrast zu seinem offensichtlichen Bemühen, unbedingt aus der Menge herauszustechen. Sie verknallt sich Hals über Kopf in den Neuen.

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