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Elvis in Sandras Kiezschnitte

Es gibt Läden, in denen fühlt man sich sofort sauwohl. So ging’s mir in Sandra Brandts Kiezschnitte. Kunststück, denn Sandra ist ein großer Elvis-Fan und hat dem unvergessenen King of Rock ’n‘ Roll mit seiner „dollen Tolle“ in ihrem kultigen Friseursalon im Hamburger Stadtteil St. Pauli eine zweite Heimat gegeben.

Wer Sandras kleinen Salon betritt, macht eine spontane Zeitreise in die 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Salon ist übersät mit Souvenirs, die Elvis Presley in allen nur denkbaren Ausführungen zeigen. Ein ausgeschnittener Elvis rockt vor Sandras Meisterbrief – Fotos des King aus allen Schaffensphasen, auf PEZ-Spendern und Matrjoschkas stehen oder hängen über, neben, hinter Pomadetigeln, Shampoos, Kämmen, Scheren, Haarschneidern und -trocknern… kurz allem, was das Friseurhandwerk braucht, um die Elvis-Tolle in all ihren Varianten perfekt in Form zu bringen.

  • Sandra Brandt legt Hand an die berühmteste Tolle der Welt. Foto: www.memphisflash.de

Gleich gegenüber der Eingangstür hängt ein offenbar selbstgemaltes Bild, das Sandra dabei zeigt, wie sie dem King die Haare macht. Das Ambiente ist kitschig und kunstvoll zugleich, vor allem aber in sich stimmig – vom Prinzip her also genau so wie der Jungle Room im King’s Castle Graceland. Elvis würde diese Friseursalon lieben, da bin ich sicher! Auf dem Boden hat es sich der Mops gemütlich gemacht, der Hundeliebhaberin Sandra überall hin begleitet.

Sandras Kiezschnitte ist ein Herrensalon, 90 Prozent der Kunden sind Männer. Und die Herren, denen ich bei meinem Besuch hier begegne, fühlen sich sichtbar wohl in den Friseurstühlen aus der guten alten Zeit. Sechs Stück gibt’s davon in der Kiezschnitte – sie sind gut belegt an diesem Vormittag. Dabei sind Sandras Kunden alles andere als Oldies but Goldies – wer hier sitzt, ist eher unter 35 als drüber.

Sandra selbst ist 40 und kommt eigentlich aus Nordrhein-Westfalen. Nach dem Abitur hatte sie zunächst ein Studium begonnen: Englisch, Literaturwissenschaften und Geschichte waren die Studienfächer der Wahl. Sie merkte schnell, dass es sie in eine andere Richtung zog, brach das Studium ab, begann stattdessen eine Friseurlehre und zog nach Hamburg. Dort arbeitete sie zunächst als angestellte Friseurin, machte ihren Meister und Betriebswirt, beides mit dem Ziel, sich mit einem eigenen Salon, spezialisiert auf Herrenschnitte, selbständig zu machen.

Mit der Kiezschnitte, die sie seit 2007 in der Seilerstraße im Herzen St. Paulis betreibt, hat sich Sandra einen Traum erfüllt: Ein Stück Amerika und dessen Herz, Elvis Presley, in ihre Wahlheimat St. Pauli zu bringen, wo das Herz Hamburgs schlagt, wie sie sagt. „Der Name meines Ladens steht nicht mehr nur für den Salon, sondern für mich selbst. Sandra IST die Kiezschnitte und jede Frisur die hier entsteht, ist auch ein Teil von mir“, erzählt die quirlige Friseurin.

So viel ist sicher: Sandra hat das Elvis-Prinzip mustergültig umgesetzt. Die Wahlhamburgerin lebt – wie der King – ihre Leidenschaften. In ihrem Fall: Elvis und „die Lust am Haar“. Das Ergebnis ist eine ebenso liebenswerte wie clevere Kombination aus Lebensgefühl, Hobby und Geschäftsprinzip. „It’s all about me“, könnte Sandras Motto auch lauten.

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Dolle Tolle

Elvis Presley gilt als King of Rock ’n‘ Roll oder schlicht als King nicht nur wegen seiner Musik, den aufsehenerregenden Auftritten und der unverkennbaren Stimme, sondern auch wegen seines Stils. Als Stilikone wird er bis heute vielfach kopiert und bleibt dennoch unerreicht.

In den 1950ern sorgte er auch mit seiner Frisur für reichlich Furore.

  • "It ain't tactics, honey. It's the beast in me" - Kult: die Elvis-Tolle im Film Jailhouse Rock (1957).

Damals regierte der Bürstenschnitt auf den Köpfen – ordentlich kurz, besonders an den Seiten und im Nacken, sollte der Mann sein Haupthaar tragen. Die gebändigte Pracht auf dem Kopf ohne jegliches ChiChi stand für Ordnung und Anstand, für gefestigte moralische Werte ihres Trägers. Wenig konnte diesen militärisch anmutenden Durchschnittshaarschnitt erschüttern.

Welch ein Gegensatz dazu Elvis‘ dolle Tolle mit ihren langen Front- und Seitenpartien, die – mit viel Pomade schwungvoll nach hinten gekämmt – am Hinterkopf überlappten und so optisch an den Schwanz einer Ente erinnerten. Entsprechend schnell hatte dieser Teil der Frisur seinen Namen weg: duck’s tail, duck’s ass oder kurz D.A. in den USA – Entenschwanz hierzulande.

Herzstück der Haartracht war allerdings der über der Stirn aufgetürmte, in einer Welle aus dem Gesicht frisierte sogenannte Pompadour – kurz Pomp – plus die nach hinten gekämmten Seitenpartien, die in Elvis Presleys Variante mit (für damalige Verhältnisse) unanständig langen Koteletten akzentuiert wurden.

Pompadour, womöglich noch mit Entenschwanz und Koteletten, waren in den 1950ern der sprichwörtliche Stinkefinger in Richtung Bürstenhaarschnitt. Wer das trug, stellte sich gegen den Status Quo und hatte seinen Ruf als Querschläger und Revoluzzer weg. Und das nicht nur in den USA. Beatle John Lennon wäre wegen seiner Elvis-Frisur fast von der Schule gefolgen, wie er beim Treffen der Fab Four mit Elvis 1965 stolz erzählte.

„Before Elvis there was nothing“: Beatle John Lennon mit Elvis-Tolle.

Tollenträger wie Marlon Brando und James Dean sorgten Mitte der 1950er  in Kinofilmen wie The Wild One (Der Wilde, 1953) und Rebel Without A Cause (Denn sie wissen nicht, was sie tun, 1955) dafür, dass die Frisur zum Symbol für den Aufstand der „Halbstarken“ gegen die Spießergesellschaft der Erwachsenen wurde.

Angry young man: James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955)

Eine Frisur mit hoher Symbolkraft – sie wurde nicht zuletzt durch Elvis‘ Erfolg zu dem Erkennungzeichen der Rock ’n‘ Roller in den 1950ern, lebt weiter im Lebensgefühl der Rockabilly-Szene und in unzähligen modernen Varianten, getragen nicht nur von Männern wie Sänger Bruno Mars oder Fußballer David Beckham, sondern auch von weiblichen Superstars wie Rihanna.

Elvis Presley hat die Tolle nicht erfunden, ebenso wenig wie Marlon Brando oder James Dean, deren Filme der leidenschaftliche Kinogänger liebte. Aber Elvis entdeckte die Tolle schon als Teenager, der noch brav die Schulbank der Humes High School in Memphis drückte, als unübersehbaren Ausdruck des Andersseins für sich und verpasste ihr – ähnlich wie seiner Musik – früh einen eigenen Stil.

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