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Speedway: Elvis mit Nancy auf der Piste

Der Film Speedway aus dem Jahr 1968 markiert das Ende einer Ära: Es ist das letzte der klassischen Elvis-Musicals, zu dem auch ein Soundtrack-Album erschien.

Der Hollywoodstreifen mit Elvis Presley und Nancy Sinatra in den Hauptrollen wurde im Sommer 1967 von Douglas Laurence unter der Regie von Altmeister Norman Taurog für Metro Goldwyn Mayer (MGM) produziert, lief aber erst ein Jahr später, nämlich ab Mitte Juni 1968, in den amerikanischen Kinos.

Speedway: Original-Filmplakat aus dem Jahr 1968 – aus: Helmut Radermacher, Das große Elvis Presley Filmbuch

Speedway entstand in einer Zeit, als Elvis Presley seiner Filmkarriere überdrüssig war und auch das Kinopublikum deutlich das Interesse daran verloren hatte. In den deutschen Kinos lief der Film gar nicht erst an. Hierzulande wurde Speedway erstmals im TV gezeigt, und zwar im Dezember 1976, also fast zehn Jahre nach den Dreharbeiten.

Die Tatsache, dass Speedway kurz vor Elvis Presleys berühmten ’68 Comeback-TV-Special und seine anschließende Rückkehr auf die Konzertbühne veröffentlicht wurde, sich der King ab diesem Zeitpunkt immer wieder enttäuscht über den Verlauf seiner Filmkarriere äußerte, die zwar kommerziell über Jahre sehr erfolgreich war, ihm aber kaum die Möglichkeit bot, als Schauspieler zu überzeugen, hat das Interesse an diesem Klassiker lange im Keim erstickt.

Fast 50 Jahre nach der Filmpremiere sieht das anders aus. Speedway, eine Art Fortsetzung des Pop Art-Klassikers Viva Las Vegas (1964), ist erstaunlich gut gealtert und hat längst sein Publikum (zurück)erobert. Das zeigt schon allein ein Blick auf YouTube, wo zahlreiche User diesen Film (wie auch andere Elvis-Musicals) lustvoll in seine Einzelteile zerlegen, auf die zentralen Szenen eindampfen und in ihren YouTube-Kanälen den überwiegend positiven Kommentaren der Onlinegemeinde preisgeben. Man könnte glatt meinen, Elvis-Musicals wären ihrer Zeit weit voraus gewesen, so gut eignen sie sich für die Darstellung in kurzen Filmsequenzen per YouTube-Video.

Und auch die Filmhistoriker haben das lange von der Filmkritik als flunderflach geächtete Konzept des Elvis-Musicals, das 1960 von Produzent Hal Wallis mit G.I. Blues (Café Europa) sozusagen erfunden und bis 1967/68 von gleich mehreren Hollywood-Studios in Serie produziert wurde, inzwischen rehabilitiert und als eigenes Genre identifiziert. Sehr zu empfehlen sind dazu die Erkenntnisse der Filmhistorikerin Susan M. Doll (Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998), die unter anderem für Turner Classic Movies arbeitet.

Bleibt die Frage: Was genau ist ein “Elvis-Musical” eigentlich und inwieweit ist Speedway (1968) ein klassischer Vertreter des Genres?

Der Elvis-Imagefilm: Singender Playboy auf der Überholspur des Lebens

Im Privaten bezeichnete Elvis Presley seine Musicals gerne kurz und knapp als “travelogues” (Reisebeschreibungen), wenn er in den 1960ern nach der Handlung seiner Filme gefragt wurde. Das ist erstaunlich auf den Punkt. Denn was ein klassisches Elvis-Musical als Ausgangspunkt unbedingt braucht, um gut zu funktionieren, ist ein möglichst aufregender Handlungsort, an dem Spaß, Action und schöne Frauen zu Hause sind.

Deswegen wurde der Handlungsort meistens schon im Titel der Elvis-Musikkomödien genannt: Blue Hawaii (Blaues Hawai, 1961), Viva Las Vegas (Tolle Nächte in Las Vegas, 1964), die Weltausstellung in Seattle in It Happened At The World’s Fair (Ob blond, ob braun, 1963), Fun In Acapulco (Acapulco, 1963)… oder eben – wie im Film Speedway (1968) – die bekannte Rennstrecke Charlotte Motor Speedway in North Carolina, wo die amerikanischen Stockcar-Rennen der Nascar beheimatet sind.

Für Speedway wurden Szenen vor Ort auf dem Charlotte Motor Speedway gedreht und einige der damals sehr bekannten Stockcar-Rennfahrer, wie etwa Cale Yarborough, sind im Film kurz zu sehen.

Stockcar-Rennfahrer Cale Yarborough bei seinem Gastauftritt in Speedway.

Speedway spielt also in der aufregenden Stockcar-Szene und ist nach Klassiker Viva Las Vegas ( 1964) und dem weniger bekannten Spinout (Sag niemals ja, 1966) das dritte Musical, in dem Autonarr Elvis einen Rennfahrer spielt. Das ist kein Zufall. Denn ein klassisches Elvis-Musical ist immer ganz gezielt als Starvehikel oder – anders formuliert – als Imagefilm angelegt (→ Viva Las Vegas: Starvehikel mit Kultcharakter), bei dem die Handlung bewusst vom Image des berühmten Hauptdarstellers bestimmt wird. Überspitzt formuliert: Das Image des Stars ist die Handlungsvorlage des Films.

Spaß und viel Action: Autonarr Elvis als Rennfahrer in Viva Las Vegas (1964)…

… und vier Jahre später hinter dem Steuer in Speedway (1968).

Wenn etwas zu Lebzeiten Elvis Presleys in der breiten Öffentlichkeit bekannt war, dann war es seine Vorliebe für alles, was Räder hat. Vom Beginn seiner Karriere an wurde das in einer Vielzahl von Presseartikeln über ihn transportiert – es war sozusagen “common knowledge” – ebenso wie seine Vorliebe für schöne Frauen. Musik sowieso, schließlich war er als Sänger international sehr erfolgreich.

Beim Genre des Imagefilms ist es hochgradig unerwünscht, wie Filmkennerin Susan Doll argumentiert, dass der Star im klassischen Sinne schauspielert, d.h. in der Rolle eines fiktionalen Charakters aufgeht, sozusagen in ihr verschwindet. Vielmehr ist genau das Gegenteil gewollt: Je besser die Grenzen zwischen Star und Filmrolle, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, desto gelungener ist diese Art von Film. Wer diesen Aspekt kritisiert ist entweder naiv oder kennt sich schlicht nicht besonders gut aus, so Filmhistorikerin Doll:

“Because most of Presley’s films were vehicles, his star image overshadows any fictional character he might play, which is precisely the point. Audiences went to see Elvis Presley, not to see him submerged into the personality of a fictional character. Presley’s star image defined his movie roles and vice versa. […] High-brow reviewers – or, in the case of Presley, rock music historians and certain biographers – who consider film vehicles inferior because of these characteristics are naive. Criticizing the star of a vehicle for playing himself, or attacking a film vehicle for being repetititve, is like criticizing a tiger for having stripes. It is the nature of the beast.”

– zitiert nach Susan M. Doll: Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998

Ein Elvis-Musical ist also gewollt etwas völlig anderes als ein Film, in dem der Schaupieler Elvis Presley zu sehen ist, wobei es letzteres durchaus gibt, siehe → Flaming Star/Flammender Stern (1960). Speedway wird dem Genre des Elvis-Imagefilms auf seine ganz eigene Weise gerecht. Genau das macht den Film zum Klassiker.

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The Wonder Of You: Elvis with the Royal Philharmonic Orchestra

Die Macher der sehr erfolgreichen Scheibe von If I Can Dream: Elvis with the Royal Philharmonic Orchestra (2015), das im letzten Jahr mit einem Duett von Elvis und Michael Buble zum Song Fever für Furore sorgte, haben erneut zugeschlagen.

Die zweite Produktion von Sony, die erneut bekannte und weniger bekannte Elvis-Songs aus allen Schaffensphasen neu arrangiert mit dem Royal Philharmonic Orchestra präsentiert, heißt The Wonder of You.

Ende Oktober 2016 erschienen, katapultierte The Wonder of You den King – wie schon der Vorgänger – im Eiltempo auf Platz 1 der britischen Charts, in Deutschland unter die Top 20.

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In Deutschland sorgte die Veröffentlichung schon vor Erscheinen für einen Sturm der Entrüstung in der immer noch stattlichen Elvis-Fangemeinde, da The Wonder Of You ein Duett von Elvis mit der deutschen Schlagersängerin Helene Fischer enthält.

Ausgerechnet Helene Fischer, hieß es. Fischer durfte sich über einen regelrechten Shitstorm in Social Media “freuen”. Der Song, bei dem die beiden zusammen zu hören sind, ist Just Pretend. The Wonder of You ist der Auftakt zu einer Elvis-Tournee des Royal Philharmonic Orchestra, die im Frühjahr 2017 auch in Deutschland Halt macht.

Damit sich jeder selbst ein Bild von der neuen Scheibe inkl. Elvis-Helene-Duett machen kann, kommen hier die Tracks inkl. Duett.

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Revisited: Die letzte Reise des stillen Beobachters

2 Jahre ist das jetzt her: Meine Reise mit Elvis’ berühmten Fotograf Alfred Wertheimer in seine jüdische Vergangenheit nach Coburg. Als kleiner Junge ist Alfred Wertheimer mit Eltern und Bruder nur knapp der Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen. Die Familie konnte 1936 noch rechtzeitig in die USA emigrieren.

Alfred Wertheimer vor dem Familengrab auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Alfred Wertheimer im August 2014 vor dem Grab seiner Familie auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Nur zwei Monate nach seinem letzten Deutschlandbesuch ist Alfred Wertheimer am 19. Oktober 2014 in seiner Wahlheimat New York verstorben.

Der stille Beobachter des King hat einen ganz besonderen Platz in meiner Erinnerung, nicht nur wegen seiner wunderbaren Elvis-Fotografien, sondern als eine große Persönlichkeit, die mich auf der letzten Reise zu seinen Anfängen mit seiner Großzügigkeit, Intelligenz, mit Charme und Humor verzaubert hat → Elvis’ Fotograf Alfred Wertheimer: Reise in die Vergangenheit.

Buchtipp: A Little Thing Called Life von Linda Thompson

Nach Priscilla Presley, Anita Wood und Ginger Alden hat nun auch Linda Thompson (* 23. Mai 1950 in Memphis) die Geschichte ihrer viereinhalb Jahre dauerenden Liebesbeziehung zu Elvis Presley in einem Buch verarbeitet. A Little Thing Called Life: On Loving Elvis Presley, Bruce Jenner, and Songs in Between ist Ende August 2016  erschienen und hat – wie Ginger Aldens Veröffentlichung 2014 – sofort die Bestsellerliste der New York Times erklommen. Völlig zu Recht, denn A Little Thing Called Life ist wirklich lesenswert.

Linda Thompson in der Zeit, in der sie mit Elvis Presley liiert war (1972-1976)

Ebenso schön wie talentiert: Linda Thompson in der Zeit, in der sie mit Elvis Presley liiert war (1972-1976)

Das liegt vor allem daran, dass Linda neben ihrer frühen Karriere als Schönheitskönigin, mit der sie sich ihr Studium (Englisch, Theaterwissenschaften) an der Memphis State University verdiente, und späteren, meist eher kleineren Rollen als Schauspielerin in bekannten amerikanischen TV-Serien wie Hee Haw, Starsky & Hutch, Vega$, Beverly Hills 90210 und dem Film Bodyguard (1992) vor allem eins ist: eine talentierte Schriftstellerin mit einer besonderen Begabung für lyrische Texte.

Erfolgreich wurde Linda ab den 1985ern als Songtexterin u.a. für Kenny Rogers, Celine Dion, Whitney Houston, Josh Groban und Barbra Streisand. Gearbeitet hat Linda als Texterin meist im Duo mit einem Komponisten, hier vor allem ihrem 2. Ehemann, dem erfolgreichen kanadischen Musiker und Plattenproduzenten David Foster, mit dem sie bis 2005 verheiratet war. Foster zeichnet für die Debütalben von Michael Bublé und Josh Groban verantwortlich.

Für die Powerballade I Have Nothing, die Linda gemeinsam mit David Foster komponierte, und die Whitney Houston in dem Hollywood-Klassiker The Bodyguard singt, wurde sie 1993 zusammen mit Foster für einen Academy Award und 1994 für einen Grammy nominiert. 2003 erhielt Linda einen Emmy für Outstanding Music and Lyrics ihres Songs Aren’t They All Our Children in The Concert for World Children’s Day.

Wow. Warum hat die Dame eigentlich keine Songs für Elvis Presley geschrieben, der gute Songwriter nun wahrlich zu schätzen wusste? Ganz einfach: Sie wollte es nicht. Die Gedichte, die sie dem King – ihrer ersten großen Liebe – während ihrer Beziehung schrieb, waren zu privat, wie sie damals fand.

Seinen Vorschlag, einige besonders gelungene von einem Komponisten vertonen zu lassen, lehnte sie ab. Ganz schön blöd, wie Linda heute selber findet, wäre es doch zu schön, zumindest einen ihrer Songstexte von ihm, bekannterweise ein Fan gefühlvoller Powerballaden, interpretiert zu wissen. Finanziell lukrativ wäre es außerdem gewesen.

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Elvis Presley oder die Einladung

Elvis Presley ist nicht nur für seine Musik, sondern auch für seine große internationale Fangemeinde bekannt. Gut 60 Jahre nachdem der King erstmals via Radio, Platte und  Kinoleinwand für Furore sorgte, umfasst seine Fangemeinde mittlerweile mehrere Generationen. Und die sind treu wie Gold. Sie sorgen dafür, dass ihr 1977 verstorbener Lieblingssänger es bis heute regelmäßig  in die Musikcharts schafft, als Musical erfolgreich ist, zu seinen Ehren veranstaltete Festivals füllt, als Leinwandprojektion mit seinen ehemaligen Musikern auf Tournee geht u.v.m.

Vor dem Hotel Grunewald - noch schnell ein paar Impressionen für die Erinnerungen

Fans auf dem European Elvis Festival im hessischen Bad Nauheim, wo der King von Oktober 1958 bis Anfang März 1960 als G.I. lebte

Selbst in unserem schnelllebigen Medienzeitalter sind Elvis-Fans immer noch für eine (meistens humorvolle) Schlagzeile gut, vor allem wenn sie sich in ihrer Freizeit gerne in zu enge Jumpsuits und schwarze Perücken mit riesigen Koteletten schmeißen, trotz gering ausgeprägter Gesangsfähigkeiten kein Publikum scheuen oder sonstwie durch bizarres Verhalten auffallen. Der eigentlich Witz an der Sache: Diese Fans sind eine, wenn auch vielbeachtete, Minderheit.

Das Gros der Elvis-Fans stellen die unauffälligen Ottonormalverbraucher. Die geben wenig her für eine Schlagzeile. Dafür kommen sie in allen Formen und Größen, im Alter zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Siebzig (oha!), etwa gleich viel Männer wie Frauen, viele unterschiedliche Nationalitäten, die meisten wohl am ehesten aus der Mitte ihrer Gesellschaft. Um es mit Elvis zu sagen: Just all kinds of people.

Aber wie wird man eigentlich zum Elvis-Fan? Was so simpel scheint, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Elvis-Fans finden das in der Regel auch nicht wichtig. Man ist es oder man ist es eben nicht. Eine größere Rolle spielt dann schon, wie lange man Fan ist. Begegnet man sich unter Fans zum ersten Mal, dann ist das eine Information, die bei der Vorstellung ungefragt sofort mitgeliefert wird. Je länger, desto besser, logisch!

Und noch eine Sache haben Elvis-Fans gemeinsam, sie können sich meist sehr gut an den einen Moment erinnern, der sie zum Fan machte, und Elvis zum Soundtrack ihres Lebens. Das gilt auch dann, wenn sie sich selbst nicht als Fan bezeichnen würden. Dabei ist der Moment jedes Mal ein anderer, aber immer hat er eine bleibende Bedeutung für die jeweilige Person.

Es ist der Moment, den Filmhistoriker und Elvis-Aficionado Björn Eckerl “die Einladung” nennt, dieser eine Augenblick, in dem der Star über Zeit und Raum hinweg dem Fan das ultimative Versprechen gibt: Folge mir und ich bin für dich, was immer du von mir erwartest, ich mache mich zu deiner persönlichen Projektionsfläche.

Elvis Presley lädt ein

Projektionsfläche Elvis – Ed Sullivan Show 1956

Die Einladung – und natürlich das Annehmen der Einladung – setzt den Startschuss für den Beginn einer ziemlich eigenartigen Fernbeziehung, die von der Distanz lebt, obwohl sie große Nähe suggeriert. Hier ist die ganz persönliche Geschichte meiner Einladung.

Ready Teddy und die Einladung

Es ist der 17. August 1977, ich habe Sommerferien und ich sitze vor dem Fernseher. Nachrichten interessieren mich eigentlich nicht besonders, aber diesmal hat die Tagesschau meine volle Aufmerksamkeit. Jemand ist gestorben, so ein Typ mit einem komischen Namen, den ich schon mal gehört habe, aber nicht zuordnen kann. Irgendwo in den USA ist das, also dort, wo mit Sicherheit mehr los ist als in der hessischen Kleinstadt, in der ich zur Schule gehe und mich gerade extrem langweile.

Was mich sofort in den Bann zieht, ist eine Gruppe von Trauernden, die in dem Einspieler der Tagesschau gezeigt wird. Die Trauernden sind so offen emotional, so völlig aus dem Häuschen, dass ich neugierig werde. Der Typ muss wirklich von staatstragender Wichtigkeit sein, wenn er es bis in die Tagesschau um Acht schafft, einfach indem er stirbt und diese ungehemmten Trauerbekundungen auslöst.

Richtig verblüfft bin ich dann, als die weitere Berichterstattung enthüllt, dass es sich bei dem Verstorbenen nicht etwa um einen amerikanischen Politiker, so eine Art Reinkarnation von John F. Kennedy, handelt, dem amerikanischen Lieblingspräsidenten von so ziemlich jedem, den ich kenne, sondern um einen Sänger. Hm.

Es kommt noch besser: Die Tagesschau zeigt eine Frequenz aus einem Auftritt des “Idols der Rockmusik und der sogenannten Popkultur”, wie der Typ mit der Trauergemeinde jetzt vom Nachrichtenmoderator genannt wird.

In dem Filmmaterial von annodunnemals – 1977 war Schwarz-Weiß noch nicht Kult, es war einfach nur alt – wird ein Auftritt des Typen gezeigt, den ich sofort sympathisch, weil witzig und voller Leben finde. Es ist Elvis Presleys Performance von Ready Teddy in der Ed Sullivan Show vom 9. September 1956. Das weiß ich aber nicht… und selbst wenn, ich könnte damit zu diesem Zeitpunkt gar nichts anfangen.

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A Star Is Born – der Film, der Elvis Presleys Leben retten sollte

Es ist ganz schön lange her, dass mich ein Film so gelangweilt hat, dass ich mich nur mit Mühe wach halten konnte. Jetzt ist es passiert… und es war KEIN Elvis-Film. Aber es hätte einer sein können. Der Film, um den es geht, ist A Star Is Born – und zwar das Remake von 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson in den Hauptrollen.

Kris Kristofferson und Barbra Streisand in 'A Star Is Born' (1976)

Kris Kristofferson und Barbra Streisand im Duett in ‘A Star Is Born’ (1976)

Das Kuriose daran ist, A Star Is Born ist genau der Film, dem nachgesagt wird, er hätte Elvis Presleys Leben retten können, wenn er statt Singer-/Songwriter Kris Kristofferson die Hauptrolle übernommen hätte. Eine Hauptrolle, die dem King 1975 auch tatsächlich von Barbra Streisand und Jon Peters – Co-Produzenten des Films – angeboten wurde. Der Film wäre genau die künstlerische Herausforderung gewesen, die Elvis Presleys selbstzerstörerischen Lebensstil Einhalt geboten und damit vielleicht sein frühes Ableben mit 42 Jahren hätte abwenden können, so wird vielfach argumentiert, u.a. von dem bekannten britischen Journalisten, Filmkenner und bekennenden Elvisfan Paul Simpson: → Elvis in Hollywood.

Darüber hinaus gilt A Star Is Born als die Art von ernsthaftem, künstlerisch wertvollen Film, den Elvis Presley selbst immer gerne machen wollte im Gegensatz zu den → Elvis-Musicals, auf die er fast seine gesamte Karriere hindurch beschränkt blieb, so erzählen es auch ehemalige Angestellte und Freunde wie beispielsweise Jerry Schilling in seinem Buch Me and A Guy Named Elvis (2006). Das klingt eindrucksvoll und macht ordentlich neugierig auf diesen Film. Worum geht es dabei?

Vom Aufstieg und Fall eines Superstars

Die Geschichte, die in A Star Is Born erzählt wird, ist ein Klassiker, der in seiner Ursprungsfassung den Aufstieg und tragischen Fall von Filmstars in Hollywood zum Thema hat. Erstmals verfilmt wurde der dramatische Stoff 1937 mit Janet Gaynor und Fredric March in den Hauptrollen als Esther Victoria Blodgett und Norman Maine. Produziert wurde das Ganze von David O. Selznick, der zwei Jahre später auch für die Verfilmung von Gone With The Wind (Vom Winde Verweht, 1939) verantwortlich zeichnete.

In dieser ersten Filmfassung von 1937 träumt Esther Blodgett, ein einfaches Mädchen vom Lande davon, ein großer Star in Hollywood zu werden. Sie macht sich auf den Weg ins “Gelobte Filmland”, kann dort ihren Traum aber zunächst nicht verwirklichen. Als sie auf einer Party kellnert, lernt sie den berühmten Schauspieler Norman Maine kennen, der ihr zu einem Screen-Test und kurz darauf zu ihrer ersten Hauptrolle verhilft. Maines eigene Karriere hat zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt schon überschritten, u.a. weil der Star ein massives Alkoholproblem hat.

Im weiteren Verlauf der Handlung entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Esther und Norman, die beiden heiraten. In der Folge blüht und gedeiht Esthers Schauspielkarriere, während Norman nicht mehr so recht Fuß fassen kann. Mit Hilfe von Esther gelingt es Norman, zumindest zeitweise vom Alkohol loszukommen. Doch die Frustration des einstigen Stars über das eigene Karrieretief ist letztlich so groß, dass Norman Selbstmord begeht. Er ertränkt sich im Pazifik. Ganz großes Drama.

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Elvis Presleys Hound Dog

Es kommt gar nicht so selten vor, dass die Cover-Version eines Songs bekannter ist als das Original. Selten ist das jedoch so offensichtlich wie im Fall von Elvis Presleys Monster-Hit Hound Dog (1956), den die Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller nicht etwa – wie später andere Hits – dem King auf den Leib schneiderten, sondern 1952 der R&B-Sängerin Willie Mae Thornton.

Elvis’ Version aus dem Jahr 1956 ist diejenige, die 1988 in die NARAS Hall of Fame für Aufnahmen von dauerhaft hoher Qualität und historischer Bedeutung aufgenommen und 2010 vom Musikmagazin Rolling Stone zum wiederholten Mal unter die Top 20 der 500 besten Songs aller Zeiten gewählt wurde. Willie Maes Original hingegen, das immerhin auch sieben Wochen lang Billboards R&B-Charts toppte, ist heute nur noch Eingeweihten ein Begriff. Das ist richtig schade. Nicht nur, weil Willie Maes Version hörenswert und die Geschichte, wie es überhaupt zu dem Song kam, lesenswert ist, sondern weil man Elvis Presleys Hound Dog ohne das Original, andere Cover-Versionen und Parodien nicht wirklich versteht.

Als ziemlich sicher gilt heute, dass Elvis mit Willie Maes R&B-Hit schon vertraut war, bevor er 1954 seine eigene professionelle Karriere startete. Zu einer eigenen Version verarbeitete er Hound Dog jedoch erst, nachdem er 1956 live die Cover-Version von Freddie Bell and The Bellboys in Las Vegas sah. Auch hatte Elvis zunächst gar nicht vor, eine Studioversion von Hound Dog einzusingen – Hound Dog war als reine Live-Performance, als “komische Nummer” bei seinen Konzerten gedacht, wie  Scotty Moore, Elvis’ Gitarrist der ersten Stunde, Jahre später erzählte.

Hat gut lachen: Elvis Presley bei der Aufnahme seines Monsterhits Hound Dog am 2. Juli 1956 in New York - Foto: Alfred Wertheimer

Hat gut lachen: Elvis Presley bei der Aufnahme seines Monsterhits Hound Dog am 2. Juli 1956 in New York – Foto: Alfred Wertheimer

Eine Studioversion wurde erst am 2. Juli 1956 in New Yorker Aufnahmestudio von RCA in Angriff genommen, nachdem Elvis Presley mit seiner Windhund-Performance am 5. Juni 1956 in der beliebten Milton Berle Show das amerikanische Fernsehpublikum quasi aus den Angeln gehoben hatte.

Wieso aber dieser Umweg? Die Antwort könnte in dem dritten Vorläufer-Song, der für Elvis’ Hound Dog eine entscheidende Rolle spielt, liegen: Rufus’ Thomas Bear Cat (1953). Dabei handelt es sich um einen in der R&B-Szene populären “Answer Song”, sozusagen die männliche Antwort auf Willie Maes 1953 bei Peacock Records veröffentlichtem Hound Dog (→ Hound Dog vor Elvis). Anders ausgedrückt: In Bear Cat gibt Rufus den Mann, der in Hound Dog als nichtsnutziger Lover dargestellt wird, und antwortet auf die Anschuldigungen, indem er seine Sicht der Dinge darlegt. Dabei zieht er Willie Maes Version nach allen Regeln der Kunst durch den Kakao und dreht die sexuellen Anspielungen von “Hund auf Katze”. Heraus kommt ein witziges imaginäres “Gesangsduell” zwischen Rufus Thomas und Willie Mae Thornton.

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Der doppelte Elvis

Wie kann man einem ohnehin schon erfolgreichen Konzept wie dem Elvis-Musical noch die Krone aufsetzen? Schließlich lebt ein Starvehikel – wie Filmdozentin Susan Doll von Turner Classic Movies nachvollziehbar argumentiert – in erster Linie von der Person des Stars, und die ist nun mal einzigartig. Eine ebenso einfache wie geniale Antwort auf diese Frage haben in den frühren 1960ern die → Macher von Viva Las Vegas  gefunden: die Doppelung des Stars.

Viva Las Vegas: Elvis hoch 2 in Action

Der doppelte Elvis: Ann-Margret Olsson und Elvis Presley geben alles in Viva Las Vegas

Anders ausgedrückt: Im Pop Art Klassiker Viva Las Vegas (1964) trifft der King auf sein weibliches Pendant: die ebenso talentierte wie schöne Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Ann-Margret Olsson. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten für Viva Las Vegas, die vom 15. Juli bis 16. September 1963 im US-Bundesstaat Nevada und auf dem MGM-Studiogelände in Hollywood stattfinden, gilt die 22-jährige gebürtige Schwedin (*1941 in Valsjöbyn) bereits als weiblicher Elvis.

Das hat wesentlich mit ihrer Hauptrolle als Kim McAfee in der Verfilmung des Broadway-Musicals Bye Bye Birdie (1963) zu tun, in dem es um einen amerikanischen Sänger und Teenieschwarm geht, der zum Militär eingezogen wird. Kurz: Das Drehbuch – ebenfalls verfilmt unter der Regie von Viva Las Vegas-Regisseur George Sidney – ist deutlich an die Biografie Elvis Presleys angelehnt. Für die Rolle der Kim fuhr Ann-Margret 1964 u.a. eine Golden Globe-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ein.

Doch das ist längst noch nicht der einzige Elvis-Bezug, denn Ann-Margret bringt 1961 ihr Debütalbum And here she is: Ann-Margret ausgerechnet bei Elvis’ Plattenfirma RCA raus. 1962 versucht sie sich zudem an einem → Cover von Elvis Megahit Heartbreak Hotel (1956).

Die Idee der Hollywoodindustrie, dem King in Viva Las Vegas ausgerechnet sexy Ann-Margret, bekannt für ihre heißen Tanzeinlagen, als weiblichen Elvis an die Seite zu stellen und damit sozusagen einen doppelten Elvis zu schaffen, ist also naheliegend.

Aber ob die Filmverantwortlichen, die sich dieses clevere Konzept ausdenken, auch ahnen, was die gelungene Zusammenführung für die beiden Hauptdarsteller privat bedeutet? Wohl eher nicht.

Zwischen Elvis Presley und Ann-Margret entwickelt sich während der Dreharbeiten zu Viva Las Vegas eine intensive Liebesbeziehung, die viel mehr ist als nur eine heiße Affäre und – nach Aussage der schönen Schwedin in ihrer Autobiografie Ann-Margret My Story (1994) – etwa ein Jahr lang dauert.

Nach dem Ende der Beziehung bleiben Freundschaft und gegenseitige Faszination, obwohl beide Stars – anders als vom Hollywooddrehbuch vorgesehen – 1967 fast zeitgleich andere Partner heiraten: Elvis seine langjährige Freundin Priscilla Beaulieu, Ann-Margret ihren Manager Roger Smith.

Doch es ist Ann-Margret, die in ihrer lesenswerten Autobiografie dokumentiert, dass sie Elvis Presley – und zwar nicht den Superstar, sondern die Privatperson – wahrscheinlich besser versteht als die meisten anderen Menschen seines persönlichen Umfelds.

Der Grund dafür ist einfach: Elvis und Ann – der doppelte Elvis – sind sich im wirklichen Leben tatsächlich unglaublich ähnlich. Das hätte sich so kein Drehbuchautor ausdenken können. “We were indeed soul mates, shy outside, but unbridled within” , beschreibt es Ann-Margret in ihrer Autobiografie.

Der doppelte Elvis: Der King trifft seine Queen

Dabei verläuft die erste Begegnung der 22-jährigen Schwedin mit dem 28-jährigen King of Rock ‘n’ Roll Anfang Juli 1963 eher unspektakulär. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Filmstudios arrangiert ein Treffen, bei dem einige Pressefotos gemacht werden. Regisseur George Sidney, dem nachgesagt wird, selbst ein Auge auf die rothaarige Schwedin geworfen zu haben, stellt seine beiden Hauptdarsteller einander vor.

Ann-Margret und Elvis beäugen sich erst einmal vorsichtig, beide sind – trotz ihres lebhaften öffentlichen Images – sehr zurückhaltend, fast schüchtern, insgesamt sehr vorsichtig, was persönliche Beziehungen angeht. Genau das schafft sofort eine Verbindung, die Chemie zwischen den beiden stimmt von Anfang an. Ann-Margret schreibt über die erste Begegnung in Ann-Margret My Story:

“It also allowed me to catch a glimpse of Elvis’ famous smile, set off to the left, slightly crooked, very warm and nice. In a few month, the posters advertising Viva Las Vegas would tout us as ‘that Go-Go guy and that Bye-bye gal’ but that day we looked rather straitlaced. […] We were both very conservative, very correct. Little did we know we both shared a devil within. […] We left with a good sense of each other. I realized Elvis was as shy and ill-at-ease meeting new people as I was. Later, he told me that he, too, thought that he detected a kindred soul in me. He sensed something was there, some kind of chemistry. But neither of us was the type who would’ve risked our sensitive egos with any remark that showed inner feeilings. We were very quiet, polite, and careful. But I knew what was going to happen once we got to know each other. Elvis did, too. We both felt a current, an electricity that went straight through us. It would become a force we couldn’t control”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 108/109

Nur wenige Tage später treffen Ann-Margret und Elvis bei Radio Recorders in Hollywood erneut aufeinander. Der Soundtrack zum Film wird dort vor Drehbeginn eingespielt und am 11. Juli 1963 stehen drei Duette für den „Go Go guy und das Bye Bye gal“ auf dem Programm: The Lady Loves Me, Today Tomorrow and Forever und You’re The Boss. Ann-Margret wird später sagen, es war genau dieser Tag, an dem sie beide realisierten, dass es etwas Ernstes zwischen ihnen werden würde – das verbindende Element ist ihre Leidenschaft für Musik:

“That day, we discovered two things about each other. Once the music started, neither of us could stand still. Also, we experienced music in the same visceral way. Music ignited a fiery pent-up passion inside Elvis and inside me. It was an odd, embarrassing, funny, inspiring, and wonderful sensation. We looked at each other move and saw virtual mirror images. When Elvis thrust his pelvis, mine slammed forward too. When his shoulders dropped, I was down there with him. When he whirled, I was already on my heel.”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 110

Die Funken sprühen nur so an diesem 11. Juli 1963 – und das ist unverkennbar in der Aufnahme der Leiber und Stoller-Komposition You’re The Boss, die leider nicht im Film zu sehen ist – sie wird erst Jahrzehnte später veröffentlicht:

Der doppelte Elvis: zwei Seiten einer Medaille

Als die Dreharbeiten mit den Außenaufnahmen in Las Vegas beginnen, nimmt die Beziehung schnell an Fahrt auf. Elvis nimmt die Eroberung in Angriff, nachdem er sich rückversichert hat, dass Ann-Margret nicht in einer festen Beziehung lebt. Er selbst ist es zwar alles andere als single – Priscilla Beaulieu, die er 1959 in Deutschland kennengelernt hat, ist erst erst kurz zuvor im Frühjahr 1963 bei ihm in Memphis eingezogen, wartet dort sehnsüchtig und ob seines schönen neuen Costars hochgradig eifersüchtig auf ihn –, aber das zählt jetzt nicht wirklich.

Denn Elvis Presley ist bis über beide Ohren verknallt in die rothaarige Ann, die nicht nur eine beeindruckende Entertainerin ist, sondern auch viele seiner privaten Interessen teilt. So ist die lebhafte Schwedin etwa eine begeisterte Bikerin. Doch am wichtigsten ist wohl, dass sie Eigenschaften verbindet, auf die der King nun mal steht: Sie ist sehr gutaussehend, vom Typ her ausgesprochen weiblich und trotzdem ein Kumpeltyp mit dem man Pferde stehlen kann. Ann ist gerne ganz Frau und möchte einen Partner an ihrer Seite, der die Rolle des starken Mannes und Beschützers übernimmt – das passt. In ihrer Autobiografie schreibt Ann-Margret:

“We were so alike, so compatible. Elvis didn’t like strong, aggressive women and I posed no threat there. He, on the other hand, was strong, gentle, exciting, and protective. Just the qualities I liked. In terms of our careers, there was no conflict, only respect.”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 110

Dabei ist gerade der Punkt mit der Karriere der Frau an seiner Seite etwas, was Elvis Presley eigentlich rundheraus ablehnt. Der King ist fest überzeugt, dass Showbusiness-Beziehungen auf Dauer einfach nicht funktionieren, es gibt zu viele abschreckende Beispiele, die das belegen. Und da er nun mal die Karriere hat, heißt das für die Frau an seiner Seite vor allem, ihm zu Hause den Rücken frei zu halten. Keep the home fires burning, ist einer seiner Lieblingssprüche. Ann-Margret stellt dieses Prinzip auf den Kopf.

Auch ist Ann-Margret einige der wenigen Frauen, die sehr gut mit der Männerwirtschaft um Elvis Presley – der berühmt-berüchtigten Memphis Mafia – klarkommt. Man könnte auch sagen, der ganze Presley-Haushalt ist in die Dame aus Schweden verknallt und sie weiß es mit Humor zu nehmen. Personen, die Elvis und Ann-Margret zusammen erleben, sind sich einig: Das harmoniert EXTREM. Beide sind charismatische Persönlichkeiten, die strahlen – ein Star im Doppel.

  • Zärtliche Gesten: Der King und seine Queen in einer Drehpause zu Viva Las Vegas 1963

Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille, was sich nicht nur bei privaten improvisierten Entertainmenteinlagen, sondern auch bei den Tanzsenen für den Film Viva Las Vegas zeigt, wie Ann-Margret erzählt. Für Choreograph David Winters gibt es hier nicht viel zu tun, da der doppelte Elvis die Szenen fast komplett improvisiert. Und dabei ist das Doppel vor allem eins: wild.

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Revisited: Alfred Wertheimers letzte Reise

Ziemlich genau 1 Jahr ist das jetzt her: Meine Reise mit Elvis’ Fotograf Alfred Wertheimer in seine jüdische Vergangenheit nach Coburg. Als kleiner Junge ist Alfred Wertheimer mit Eltern und Bruder nur knapp der Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen. Die Familie konnte 1936 noch rechtzeitig in die USA emigrieren.

Alfred Wertheimer vor dem Familengrab auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Alfred Wertheimer im August 2014 vor dem Grab seiner Familie auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Zwei Monate nach seinem letzten Deutschlandbesuch ist Alfred Wertheimer (1929-2014) in seiner Wahlheimat New York verstorben. Dass eines seiner berühmten Fotos von Elvis Presley aus dem Jahr 1956 aktuell in der Coca Cola-Werbung weltweit für Furore sorgt, hat er also nicht mehr erlebt. Es hätte ihn sicher sehr gefreut.

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Elvis Presley und Red West: A failure to communicate

Robert “Red” Gene West (*1936) gehört zu den Personen aus dem direkten Umfeld Elvis Presleys, die (fast) alle Organisatoren von Elvis-Events gerne im Programm haben. Der Grund liegt auf der Hand: Red West war über 20 Jahre ein enger Freund, später auch Angestellter Elvis Presleys, entsprechend viel hat er zu erzählen, Interviews gibt er jedoch selten.

Im Juli 2015 war Red nach Jahren wieder einmal in Begleitung seiner Familie in Europa auf “Elvis-Tournee”, zunächst in England, dann in Dänemark, wo er im Rahmen einer Veranstaltung in Henrik Knudsen Graceland Randers – einer originalgetreuen Kopie von Elvis’ Wohnsitz in Memphis – von seiner Zeit mit dem King erzählte:

Wie in dem Video zu hören ist, kannten sich Elvis und Red aus High School-Tagen in Memphis. Schon in der Schulzeit hielt der kräftig gebaute, sportliche Rotschopf seinem schlaksigen Freund prügelwillige Schulkameraden vom Hals, später, als Elvis Mitte der 1950er mit seiner Band durch die amerikanischen Südstaaten tingelte, half er als Fahrer, Bodyguard und Mädchen für alles aus.

1958 begleitete er G.I. Elvis Presley für ein Dreivierteljahr nach Deutschland, wo er mit Familie Presley zusammen in Bad Nauheim im Hotel und später im Haus in der Goethestraße 14 wohnte. 1961 heiratete Red West eine der Sekretärinnen Elvis Presleys – eine Ehe, die bis heute hält.

Elvis Presley mit Red West in Deutschland Ende der 1950er

Elvis Presley mit Red West in Deutschland 1958/59

Red West ist vor allem als einer der “Bodyguards”, als Mitglied der berühmt-berüchtigten Memphis Mafia ein Begriff,  jener männlichen Spiel- und Spaßtruppe, die den King überall hin begleitete. Es ist eine Beschreibung, die im Falle Red Wests zu kurz greift. Red und Elvis hatten neben sportlichen Aktivitäten (Football, später Karate) von Anfang an ihre Leidenschaft für Musik und auch die Schauspielerei gemeinsam.

West komponierte nicht nur einige erfolgreiche Songs für Elvis Presley (teilweise im Duo mit anderen Komponisten), darunter That’s Someone You Never Forget und Separate Ways, sondern baute sich ab den 1960ern – beginnend mit kleinen Schauspielrollen in vielen Elvis-Filmen (etwa als Hank Tyler in Wild In The Country, 1961) – sukzessive eine eigene Karriere als Charakterdarsteller in Filmen und TV-Serien auf. Sein jüngstes Projekt ist der anspruchsvolle Independent-Kurzfilm The Last Generation To Die (2015).

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Hound Dog vor Elvis: Mann und Frau wie Hund und Katze

Die Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller haben Elvis Presley einige Hits auf den Leib geschrieben, Hound Dog gehört nicht dazu. Das überrascht, wird der Song doch vor allem mit Elvis Presley in Verbindung gebracht. Es ist sein Riesenhit aus dem Jahr 1956, der 1988 in die NARAS Hall of Fame für Aufnahmen von dauerhaft hoher Qualität und historischer Bedeutung aufgenommen und 2010 vom Musikmagazin Rolling Stone zum wiederholten Mal unter die Top 20 der 500 besten Songs aller Zeiten gewählt wurde.

Nein, zum Windhund inspiriert hat Leiber und Stoller die Sängerin Willie Mae Thornton mit dem schönen Spitznamen “Big Mama”. Und das kam so: Jerome “Jerry” Leiber (1933 – 2011) und Mike Stoller (*1933) – zwei weiße Jungs von Amerikas Ostküste – mit einer großen Vorliebe für Blues und Rhythm & Blues, lernten sich Anfang der 1950er auf dem College in Los Angeles kennen. Sie taten sich als Komponisten-Duo zusammen und hatten schon bald, noch nicht einmal volljährig, mit Charles Browns Hard Times (1952) einen ersten Hit.

In der Folge wurde der Sänger, Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis (alias Ioannis Alexandres Veliotes, 1921 – 2012) auf die beiden aufmerksam und beauftragte sie damit, für die vorwiegend afroamerikanischen Sänger seiner Band, darunter 1952 auch Otis’ Neuentdeckung Willie Mae Thornton (1926 – 1984), Songs beizusteuern.

 

  • Hound Dog-Ideengeber Johnny Otis mit Band

 

Big Mamas ganz persönlicher Windhund

Gesagt – getan. Im Sommer 1952 trafen Leiber und Stoller bei Proben von Otis’ Band erstmals auf Willie Mae und waren spontan beeindruckt. Die Dame, für die schnell ein Song her musste, war nämlich eine ordentliche Wuchtbrumme mit einer beeindruckenden Stimme und einem selbstsicheren Auftreten, das fast etwas Furchterregendes hatte, wie das Duo später zu Protokoll gab.

Thornton war eine starke afroamerikanische Frau aus Alabama, die sich so schnell nichts sagen ließ, schon gar nicht von zwei weißen “Bübchen” von der Ostküste. Ihre Karriere hatte Willie Mae in den 1940ern gestartet. Bevor sie sich mit Johnny Otis zusammentat, war die Rhythm & Blues-Sängerin vor allem mit der Sammy Greens Hot Harlem Revue quer durch die Südstaaten unterwegs. In der Revue trat Willie Mae, die außerdem sehr gut Mundharmonika spielte, als Sängerin und Komödiantin auf. Bei ihren Auftritten trug sie schon mal Männerkleidung und spielte mit etablierten Geschlechterrollen.

Wie dem auch sei: Auf Leiber und Stoller verfehlte der erste persönliche Eindruck von Willie Mae – alias Wuchtbrumme “Big Mama” – seine Wirkung jedenfalls nicht. Die Komponisten setzen ihr Erlebnis flugs in Hound Dog um mit einem ordentlich doppelbödigen Liedtext, bei dem sich eine Frau wohl weniger über ihr Haustier als ihren Liebhaber beklagt, einen nichtsnutzigen Gigolo, der sie sich von ihr durchfüttern lässt und den sie besser schnell endgültig vor die Tür setzen sollte. Dabei spart der minimalistische Text vom Windhund in bester R&B-Tradition nicht mit sexuellen Anspielungen (wag your tail / snoopin’ round my door).

 

Hound Dog (1952)

You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin’ round my door
You ain’t nothing but a hound dog
Been snoopin’ round my door
You can wag your tail
But I ain’t gonna feed you no more

You told me you was high class
But I could see through that
She told me you was high class
But I could see through that
And daddy I know
You ain’t no real cool cat

You made me feel so blue
You made me weep and moan
You made me feel so blue
You made me weep and moan
Cause you ain’t looking for a woman
All you’re lookin’ is for a home

 

1990 ließ Jerry Leiber in einem Interview verlauten, dass es keine Viertelstunde gebraucht hätte, um Hound Dog zu komponieren, schließlich sei es ja auch kein besonders kompliziertes Stück. Entstanden ist der Windhund spontan nach der Begegnung mit Willie Mae auf der Rückfahrt im Auto vom Studio zu Stollers Apartment, so die Version der beiden Komponisten.

Nur einen Tag nach der 1. Begegnung mit Thornton  fand  am 13. August 1952 bei Radio Recorders Annex in Los Angeles die Aufnahmesession von Hound Dog statt, bei der Leiber und Stoller – wie später bei Elvis Presleys Jailhouse Rock-Session – eine aktive Rolle übernahmen. Nach Aussage der Komponisten leiteten sie die Session, an der Johnny Otis-Band – mit Otis am Schlagzeug – beteiligt war.

Ordentlich auf die Sprünge geholfen haben wollen Leiber und Stoller Big Mama bei der Aufnahme von Hound Dog im August 1952, weil sie den Song zunächst eher im Sinatra-Stil croonen wollte. Willie Mae Thornton hat dies später selbst in einem Interview energisch zurückgewiesen, indem sie darauf verwies, dass die beiden “weißen Jungs” im Grunde nichts als ein bisschen Text auf Papier dabei gehabt hätten, der Rest sei ihre Interpretation, ihr kreativer Input. Vor allem der klasssiche Blues Talk in der Aufnahme und das Heulen und Bellen der Otis-Band im Hintergrund ginge auf sie zurück.

Das macht Sinn, wenn man sich die Intensität ihrer Interpretation anhört: Der Song lebt vor allem von ihrer prägnanten Stimme, von ihrem originärem Stil, begleitet nur von Gitarre, Bass und Schlagzeug. Big Mama brauchte nur 2 Aufnahmeversuche, um den einzigen richtigen Hit ihrer Karriere auf Platte zu bannen. Hier ist er – veröffentlicht Anfang 1953 bei Peacock Records, wo sie seit 1951 unter Vertrag war.

Willie Maes Hound Dog – von Billboard als “a wild and exciting rhumba blues” beschrieben, konnte sich 14 Wochen in Billboards R&B-Charts halten, davon 7 auf Platz 1. In der afroamerikanischen Gemeinde war Hound Dog zwischen März und Juli 1953 ein Renner – vom Musikmagazin Cash Box zum Best Rhythm and Blues Song of 1953 gewählt. Entsprechend gut soll sich die Platte verkauft haben, wobei Willie Mae Thornton Zeit ihres Lebens nur einmalig ein Honorar von ein paar Hundert USD für ihre Aufnahme erhalten haben will, wie sie in einem Interview äußerte. Besonders bitter ist das, da sie auch in ihrer weiteren Karriere eher glücklos war – ihre Eigenkomposition Ball and Chains wird viel eher mit Janis Joplin in Verbindung gebracht.

Selbst die Komponisten Leiber und Stoller wollen mit dem Windhund erst dick im Geschäft gewesen sein, als Elvis Presley mit seiner Interpretation 1956 weit über die Rhythm & Blues-Charts hinaus seinen Megahit landete, der witzigerweise nur wenig mit Leibers, Stollers und Big Mamas Version zu tun hat – dazu später mehr. Dafür brachte er aber Johnny Otis erneut auf den Plan, der infolge des Presley-Hits an das Komponisten-Duo als Auftraggeber und Co-Autor des Originals finanzielle Ansprüche stellte. Allerdings kam Johnny Otis mit seiner Klage nicht durch. Letzteres wohl deshalb, weil Leiber und Stoller zum Zeitpunkt ihre Zusammenarbeit mit Otis noch gar nicht volljährig und damit nicht geschäftsfähig waren. Man merkt schon: Das Musikgeschäft war immer schon ein ordentlich schlüpfriges Pflaster.

Windhund trifft Katze: Rufus Thomas’ Bear Cat als Antwort auf Hound Dog

Willie Maes Windhund jedenfalls bekam schon drei Jahre bevor Elvis Presley mit seinem Auftritt in der Milton Berle Show 1956 für nationalen Aufruhr sorgte ordentlich Gegenwind, und zwar in Form des Songs Bear Cat, aufgenommen ausgerechnet in Sam Phillips legendären SUN-Studio alias Memphis Recording Service, in dem Elvis Presley im Sommer 1953 das erste Mal auftauchen und wo er 1954 seine Profikarriere starten sollte. Was für ein Zufall… Der ehemalige Radiomoderator Sam Phillips (1923 – 2003)  hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon einen Namen gemacht als weißer Studioinhaber, der in Memphis vor allem afroamerikanische R&B-Künstler produzierte – Bear Cat sollte 1953 der erste richtige Hit seines SUN-Labels werden.

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