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Inventing Elvis – Mathias Häußler im Interview

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Praktisch noch druckfrisch ist Mathias Häußlers englischsprachige Buchveröffentlichung „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ aus dem Bloomsbury Verlag. The Memphis Flash hat den 32-jährigen promovierten Historiker zu dem eher ungewöhnlichen, dabei hochinteressanten Thema seines Buches über Elvis Presley interviewt.

INTERVIEW

Elvis-Kenner: Dr. Mathias Häußler ist Autor des 2021 erschienenen Buches „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ – Foto: Häußler

The Memphis Flash: Herr Dr. Häußler, Sie arbeiten als Dozent für europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Regensburg. Wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch ausgerechnet über Elvis Presley zu schreiben?

Mathias Häußler: Ja, wie kam ich zu Elvis. Es war die Kombination aus zwei Sachen. Zum einen bin ich selbst Elvis-Fan seit meiner Jugend, habe sehr viele Bücher über ihn gelesen, natürlich auch viele Platten gesammelt. Insofern hatte ich schon immer ein persönliches Interesse an Elvis. Zum andern bin ich Historiker und dadurch nicht nur an Elvis selbst interessiert, sondern eben auch an dem größeren historischen Kontext, in dem er sich bewegte, in dem Elvis wurde, was er war. Und dabei ist mir aufgefallen, dass es zum Phänomen Elvis und zu der historischen Bedeutung von Elvis erstaunlich wenig Literatur gibt. So kam ich zu der Idee, dazu etwas zu machen.

The Memphis Flash: Ihr Buch, das bislang nur in englischer Sprache erschienen ist, trägt den Titel „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“. Was erwartet den Leser hier genau? Ist das eine weitere Elvis-Biografie?

Mathias Häußler: Inventing Elvis – in dem Buchtitel steckt schon vieles drin. Wie gesagt, es ist keine klassische Biografie, da es mir nicht in erster Linie um das Leben und den musikalischen Output von Elvis geht, sondern um die größere Bedeutung, die Elvis als Referenzpunkt hatte für gesellschaftliche Debatten, die sich an ihm entzündeten. Das meine ich mit „Inventing Elvis“. Nicht im Sinne einer postmodernen Figur – ich sage im Buch ja auch, der größte Erfinder von Elvis war Elvis selbst. Aber zusätzlich zu Elvis es gab eben auch ganz viele andere Akteure, die alle etwas in Elvis sahen, die durch Elvis etwas artikuliert haben, seien es Journalisten, Fans, Politiker, Filmemacher: Jeder hat in Elvis etwas gesehen und wollte mit Elvis etwas sagen. Deshalb kann man Elvis als eine schöne Sonde nehmen, an der sich größere gesellschaftliche Debatten kristallisierten.

The Memphis Flash: Welche waren das zum Beispiel?

Mathias Häußler: Innerhalb der USA natürlich das klassische Tripos „race“, „class“, und „gender“. „Darf“ ein weißer Junge afroamerikanische Rhythm-and-Blues-Musik adaptieren? Welche Rolle spielte Elvis‘ Herkunft als armer Südstaatenjunge bei dem Ressentiment, welches ihm von der kulturellen Elite des Landes entgegenschlug? Und inwiefern standen der laszive Hüftschwung und das Kreischen der meist weiblichen Fans für einen neuen Ausdruck von Sexualität der amerikanischen Jugend, der gegen die Konventionen jener Zeit rebellierte? Alles Riesendebatten im Amerika der Fünfziger Jahre. Elvis war ein Produkt dieser zutiefst gespaltenen Gesellschaft jener Zeit und wurde gleichzeitig auch zu einer medialen Figur, an der sich diese Widersprüche kristallisierten, über die sie verhandelt wurden. Sei es durch Ablehnung vom Establishment, vom Kulturjournalismus, den Medienmachern, sei es aber auch durch die Annahme und Akzeptanz durch seine Fans, die in ihm eine Galionsfigur sahen.

Elvis zwischen den Fronten: In diesem Fall Manager Colonel Tom Parker (links) und Showmaster Ed Sullivan 1956 in New York

The Memphis Flash: Jetzt sprechen Sie in Ihrem Buch ja auch davon, dass Elvis in den 1950ern praktisch vom Start seiner Karriere weg politisch instrumentalisiert wurde. Das verwundert erst einmal, da Elvis Presley heute in der öffentlichen Wahrnehmung als weitgehend unpolitisch wahrgenommen wird. Vor allem im direkten Vergleich zur offen engagierten Singer-Songwriter-Generation eines Bob Dylan, von der sich der King mehrfach deutlich distanzierte. Mit den Worten, er sei in erster Linie Entertainer und als solcher wolle er sich nicht zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen äußern, hat er zum Beispiel Fragen von Journalisten nach seiner Einstellung bei einer Pressekonferenz 1972 in New York freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. Alles andere sei seine Privatsache und solle es auch bleiben, unabhängig davon, wie andere Musiker das handhaben wollten. In Sachen direkter Einlassung zum politischen Zeitgeschehen war bei Elvis also nicht viel zu holen. Wie geht das zusammen mit der politischen Instrumentalisierung, von der Sie sprechen?

Mathias Häußler: Klar, Elvis ist, da würde ich zustimmen, sicherlich kein politischer Aktivist gewesen, und wir wissen erstaunlich wenig über seine politische Haltung. Wir wissen, dass er 1956 für Stevenson war (Anmerk.: Adlai Ewing Stevenson junior war Politiker der Demokratischen Partei und zwischen 1949 und 1953 der 31. Gouverneur des Bundesstaates Illinois. Er trat 1952 und 1956 als Kandidat seiner Partei für die Präsidentschaftswahl an, unterlag aber Dwight D. Eisenhower. Von 1961 bis 1965 war Stevenson US-Botschafter bei den Vereinten Nationen). Wir wissen auch, dass Elvis Nixon ganz cool fand und dass er die ganzen Armeefilme und das Patriotische in den Siebzigern umarmt hat. Ansonsten wissen wir aber ganz wenig, und auch in seiner Kunst finden wir kaum politische Artikulationen. Wir können „If I Can Dream“ als Statement sehen, „In The Ghetto“ von mir aus auch, aber da hört es dann auch schon wieder auf. Verglichen mit dem, was sonst in den 1960ern war, ist das sehr wenig.

The Memphis Flash: Und dennoch ist er politisch?

Mathias Häußler: Total politisch! Aber es äußert sich eben im nichtverbalen Rahmen, einfach durch das, was er machte. Der Hüftschwung beispielsweise war eine ganz klare Rebellion gegen die biederen gesellschaftlichen Konventionen jener Zeit, auch wenn er ihn anfangs vielleicht nur zufällig oder teils ironisch einsetzt. Aber wenn man sich den anschließenden Proteststurm anschaut, der beispielsweise 1956 nach Elvis‘ Performance von Hound Dog in der Milton Berle Show ausbricht, dann war das total politisch. Sein Umgang mit afroamerikanischer Kultur, dass er beispielsweise 1956 in Memphis zu der afroamerikanischen WDIA Goodwill Revue Night, das war auch ein klares Statement. Er war natürlich politisch, in dem was er machte, und bis zu einem gewissen Grad wusste er das wahrscheinlich auch. Viel mehr waren es jedoch noch andere Akteure, die Elvis letztendlich „politisierten“: Seien es die Kritiker unter den Journalisten, seien es enthusiastische Fans, die in ihm größere gesellschaftliche Relevanz gesehen haben und das auch nutzten, um ihre eigenen Positionen durch ihn zu artikulieren. Also ist es letztendlich vielleicht gar nicht so wichtig, wo Elvis genau politisch stand und ob er sich selbst als politisch gesehen hat, sondern was er für die Gesellschaft darstellte und welche Debatten sich an ihm entzündeten.

Juni 1956: Elvis gibt den Hound Dog in der Milton Berle Show und löst per Hüftschwung eine Revolution aus

The Memphis Flash: Das klingt erst einmal ziemlich abstrakt?

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