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Wenn der Mythos stirbt

Am 25. Juni 2019 war der 10. Todestag von Michael Jackson. Und anders als zu erwarten gewesen wäre, blieb der ganz große Hype, der für Elvis Presley seit langem etablierter (Jubiläums-)Standard ist, aus.

Keine Sondersendungen im TV, keine umfangreichen Print-Specials in den großen Publikumsmedien – kein Dauerrauschen im digitalen Blätterwald, kein mit extra Tamtam gehyptes neues Boxset des King of Pop. Nada, nulla, niente! Stattdessen: still ruht der See.

Was ist da los? Normalerweise lassen sich die Geschäftemacher angeführt von Musiklabel (mit Sony dasselbe wie bei Elvis Presley) und Nachlassverwaltern doch freiwillig keine Gelegenheit entgehen, den Rubel auch außerhalb der Hardcore-Fanszene so richtig rollen zu lassen. Wann, wenn nicht jetzt, lässt sich besser auf der Erinnerungswelle reiten, um das kollektive Gedächtnis (und Portemonnaie) ordentlich zu melken?

Leaving Neverland: Peter Pan ist ausgeflogen

Die Erklärung: Diese Abstinzenz vom Hype ist alles andere als freiwillig. Anfang des Jahres hat es nämlich ein Ereignis gegeben, dass den Jubiläumsklassiker unmöglich macht und es ratsam erscheinen lässt, „den Ball flach zu halten“ – sehr flach.

Das Ereignis ist die Veröffentlichung der vierstündigen Dokumentation Leaving Neverland von Dan Reed, die zuerst auf dem Sundance Film Festival gezeigt wurde, im März dann beim amerikanischen Sender HBO und im April auch im deutschen Fernsehen zu sehen war.

Was hat es damit auf sich? In der Dokumentation erzählen Wade Robson und James Safechuck – im Wechsel mit verschiedenen Familienmitgliedern – von ihrem jahrelangen sexuellen Kindesmissbrauch (ab dem Alter von sieben Jahren) durch Michael Jackson und den daraus resultierenden Folgen für ihr weiteres Leben.

Dabei ist es vor allem die ruhige Erzählweise der Dokumentation, das Nicht-Sensationalistische, der Fokus auf die Opfer und weniger den Täter, was die Dokumentation wie einen Schlag in die Magengrube des Zuschauers wirken lässt.

Besonders schwierig für den Zuschauer sind die Passagen, in denen Safechuck und Robson – sichtlich mitgenommen – die sexuellen Handlungen beschreiben, die Jackson an ihnen vollzog – bevorzugt auf dem Areal seines „Peter-Pan-Kinderspielplatzes“ Neverland. Die beiden Teile der Leaving Neverland-Dokumentation waren bis Juni 2019 auf YouTube verfügbar – jetzt kann man sie via Amazon Prime anschauen.

Nun ist der Verdacht, Michael Jackson könnte pädophile Neigungen gehabt haben, nicht gerade neu. Schon Anfang der 1990er wurde er erstmals von Eltern eines minderjährigen Jungen verklagt, konnte sich aber außergerichtlich einigen und heiratete PR-wirksam ausgerechnet Lisa Marie Presley, die Tochter des „anderen King“.

Die Ehe war von kurzer Dauer – und zehn Jahre später kam es wegen neuer Verdachtsmomente dann doch noch zum medienwirksamen Prozess gegen Jackson. Der endete 2005 mit einem Freispruch, auch weil Safechuck und Robson damals, wie sie sagen, nicht in der Lage waren, über den Missbrauch zu sprechen – nicht mit der eigenen Familie und schon gar nicht öffentlich. Dass Missbrauchsopfer die Taten lange verdrängen und den Täter sogar in Schutz nehmen, ist dabei nicht ungewöhnlich.

Der Prozess und das immer bizarrer erscheinende Aussehen und Auftreten Michael Jacksons haben dem Image des Megastars in den 2000er Jahren zwar sehr geschadet, aber all das schien nach dem angekündigten Comeback und plötzlichem Tod im Juni 2009 vergessen. Die Songs des toten Michael Jackson liefen weltweit die Kanäle rauf und runter, jeder B-Promi beeilte sich, sein tiefe Bewunderung zu dokumentieren, und der Wert des King-of-Pop-Nachlasses stieg beträchtlich. Was ist zehn Jahre später anders?

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