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Onkel Gustav’s Hütte

Potzblitz, das ist er ja tatsächlich! Der Hermann hat recht. In Gustav Matthes‘ Biergarten – im Volksmund liebevoll „Onkel Gustav’s Hütte“ genannt – sitzt unterm Bluna-Sonnenschirm kein geringerer als Elvis Presley höchstpersönlich. Er ist – wie die beiden GIs, die ihn begleiten – in Uniform. Unverkennbar prangt darauf sein Name und das Abzeichen seiner Einheit.

Elvis Presley mit Jugendlichen aus dem Usinger Land vor „Onkel Gustav’s Hütte“ am Hattsteinweiher 1959 – in der Mitte vorne sitzt der 15-jährige Peter Weidemann, rechts neben ihm Freund Hermann Wöhlermann. Foto: Dr. Peter Weidemann

Hinter der kleinen Gruppe, die (noch) allein an einem Tisch sitzt, erstreckt sich eine Liegewiese. Auf ihr haben es sich an diesem hochsommerlich-sonnigen Freitagnachmittag Mitte August 1959 zahlreiche Badegäste auf Decken und Handtüchern bequem gemacht.

Ein beliebtes Ausflugslokal: „Onkel Gustav’s Hütte“ in den 1950er Jahren – Foto: Dr. Peter Weidemann

Die Wiese mündet nämlich in den Hattsteinweiher, dem einzigen offiziellen Badesee im Usinger Land. Eigentlich ist der nichts weiter als ein künstlich angelegter Teich, etwa 1,6 Hektar groß, umgeben von einem Rundweg.

Der Hattsteinweiher bei Usingen heute – vom Rundweg aus in Richtung Liegewiese fotografiert: Rechts hinten im Bild ist die Stelle zu sehen, an der einst Onkel Gustav’s Hütte stand. Es gibt sie schon lange nicht mehr, dafür einen Strand und ein Ausflugslokal – Foto: memphisflash.de

Der Hattsteinweiher liegt vor den Toren des kleinen Örtchens Usingen im Hochtaunus, etwa 30 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main. Von den Friedberger Ray Barracks aus, wo Elvis Presley vom Herbst 1958 bis März 1960 als Späher in der Company C des 32nd Armor Regiment der 3rd Armored Division seinen Wehrdienst absolviert, erreicht man den Weiher mit dem Auto in einer knappen halben Stunde.

GI Presley vor dem Schild seiner Einheit in Friedberg 1958 – kurze Zeit nach dieser Aufnahme wechselte er zur Company C.

Der Hattsteinweiher ist ein beliebtes Ausflugsziel in der Region – im Sommer zum Zelten, Campen und Baden, im Winter zum Schlittschuhlaufen. Und er ist so ziemlich die einzige Attraktion, die Usingen seinen knapp 5.000 Einwohnern in den 1950ern an einem heißen Sommertag zu bieten hat.

Niemand weiß das besser als der 15-jährige Peter Weidemann, der 1959 in dem Städtchen wohnt und hier das örtliche Gymnasium, die Christian-Wirth-Schule, besucht. 1963 wird er in Usingen sein Abitur machen. Aber noch ist es nicht so weit.

Blick über die Dächer von Usingen heute: Das schlossartige Gebäude in der hinteren Bildmitte ist die Christian-Wirth-Schule, an der Peter Weidemann 1963 sein Abitur macht. Foto: Wikipedia

Keine halbe Stunde bevor Peter an diesem 14. August 1959 zum ersten Mal vor Elvis Presley steht, hat er noch keine Ahnung, was ihn erwartet. Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu und damit auch sein Ferienjob auf dem Bau. Es ist glücklicherweise ein Freitag und er hat früher mit der Arbeit Schluss machen können.

Jetzt heißt es schnell die Badesachen packen, bloß das wertvolle Philips-Kofferradio, ein Geschenk zur Konfirmation, nicht vergessen und die 10 Minuten zum Hattsteinweiher laufen, wo sein jüngerer Bruder Günther und die Clique um seinen gleichaltrigen Freund Hermann sicher schon auf ihn warten.

Fahrrad und Radio immer dabei: Die „Weiher-Clique“ um Peter (in der Mitte) und Hermann (im dunklen Shirt links hinter Peter) am Hattsteinweiher in Usingen. Foto: Dr. Peter Weidemann

Doch kaum hat er sein Zuhause in der Hattsteiner Allee verlassen, sieht er plötzlich seinen Freund auf seinem Rennrad die Allee hinunter sausen. Mit einer Vollbremsung macht er vor Peter Halt. „Peter, du musst unbedingt umkehren und einen Fotoapparat holen. Der Elvis ist am Weiher“, stößt Hermann aufgeregt und völlig außer Atem hervor. „Hier nimm mein Rad, ich warte hier auf dich“, sagt Hermann.

Peter weiß, sein Freund ist nicht nur wie er ein begeisterter AFN-Hörer, sondern auch ein riesiger Elvis-Fan, während er selbst sich genauso gerne Buddy Holly oder Frankie Avalon hört. Dass Elvis sich ausgerechnet an „den Weiher“ zu Onkel Gustav verirrt, ist dennoch wie ein Sechser im Lotto. Peter schnappt sich ohne viel Federlesen das Rad von Hermann und saust zurück zum Elternhaus, wo Vater Weidemann seine Kamera, eine Agfa Clack, aufbewahrt. Und Gott sei Dank ist heute auch ein Film drin.

Zusammen machen sich die beiden Jungs in großer Eile auf dem Weg zum Weiher und dort schnurstracks an den Tisch, an dem der King in aller Seelen Ruhe sitzt und eine Cola trinkt. Als sie ankommen, ist es etwa 15.00 Uhr am Nachmittag. Und obwohl einiges los ist am Weiher – viele Kinder und Jugendliche genießen die Badesaison – haben erst wenige Elvis Presley erkannt.

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