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Elvis in der Jugendliteratur: Robert Jüttners ‚Elvis verschwindet‘

Vor ein paar Wochen habe ich Shelley Pearsalls Roman All Shook Up (2008) als ein humorvolles Beispiel aus der amerikanischen Kinder- und Jugendbuchliteratur vorgestellt, in dem Elvis Presley als erzählerisches Motiv eingesetzt wird, um einen Vater-Sohn-Konflikt auf den Punkt zu bringen.

Ganz ähnlich wie im Fall der 15-jährigen Antje aus Jana Scheerers deutschem Roman Mein innerer Elvis (2010) dient Josh Greenwoods „Begegnung mit Elvis“ in All Shook Up als Katalysator für den Prozess des Erwachsenwerdens. Beiden Jugendbüchern gemeinsam sind bei aller Ernsthaftigkeit in der Bearbeitung des Themas die erfrischende Leichtigkeit und der Humor, mit denen von den Problemen der jugendlichen Protagonisten erzählt wird.

Auch im wirklichen Leben ein Freund von Kindern: Elvis Presley mit Chris Karmedar, Deutschland 1959 - Foto: Chris Karmedar

Kinderlieb: Elvis Presley ganz privat mit dem männlichen Nachwuchs eines befreundeten Ehepaars in Deutschland 1959 – Foto: Chris Karmedar

Über die Begegnung mit Elvis – im Fall von Josh ist es eher eine Konfrontation – lernen sowohl die 15-jährige Antje als auch der 13-jährige Josh etwas Entscheidendes für ihre Entwicklung hinzu. Anders ausgedrückt: Die Begegnung und Auseinandersetzung mit Elvis ist sowohl für Antje aus Hamburg, die aktiv auf der Suche nach ihrem „inneren Elvis“ ist, als auch Josh aus Boston, dem Elvis einfach passiert, letztlich ein Gewinn.

Elvis verschwindet: Daniel und der Verlust der Kindheit

Der ehemalige Fußballspieler Robert Jüttner (*1959) geht das Thema Erwachsenwerden in seinem Romanerstling Elvis verschwindet (2012) anders an als beispielsweise Shelley Pearsall in All Shook Up und Jana Scheerer in Mein innerer Elvis. Zwar geht es in seiner Bearbeitung auch um den Prozess des Erwachsenwerdens, der wird allerdings viel stärker als schmerzhafter und vor allem als sehr verlustreicher Prozess geschildert.

Buchcover-Elvis-verschwindet

In Jüttners Roman um den 17-jährigen Daniel Nawrat steht das „Verschwinden von Elvis“ vor allem für den Verlust der Kindheit als einen sicheren Ort, in dem sich die Welt, wenn auch nicht als ideal, so doch als einfach und vor allem eindeutig darstellt. Daniels Weltsicht – Elvis verschwindet wird ganz aus der Perspektive des 17-Jährigen erzählt – gerät im Verlauf der Romanhandlung gehörig ins Wanken. Plötzlich ist nichts mehr sicher – nichts ist wirklich so, wie es lange schien. Daniels Welt wird auf den Kopf gestellt.

Entsprechend geht Daniels innere Entwicklung nicht – wie im Falle von Antje und Josh – mit dem Finden von Elvis, sondern mit seinem Verschwinden einher. Soviel schon mal vorab zur Erklärung des Romantitels. Und Josh verliert nicht nur im übertragenen Sinne „seinen Elvis“, er verliert ganz real ihm nahestehende Personen: seine erste große Liebe Sarah und den Vater, die beide sterben. Trotz dieser Gegensätze findet sich bei Jüttner eine zentrale Parallele zu Scheerer und Pearsall: Elvis als Vaterfigur.

Die Geschichte um den 17-jährigen Daniel spielt in Westberlin 1980/81. Daniel lebt mit seiner alleinerziehenden Mutter im Hinterhaus eines – wie er es beschreibt – ziemlich heruntergekommenen Altbaus. Die Mutter, die selbst erst Mitte Dreißig ist, arbeitet als Serviererin, hat wechselnde, meist unglücklich endende Beziehungen zu Männern, raucht und trinkt zu viel. Aber sie hat eine wichtiges Ziel vor Augen: Ihr Junge soll das Abitur machen und es einmal besser haben.

An seinen Vater kann Daniel sich nicht erinnern. Seine Mutter hat ihm erzählt, dass er während eines Urlaubs beim Schwimmen im Meer ertrunken ist. Nur ein Foto ist vom Vater erhalten, es zeigt einen gutaussehenden jungen Mann mit Elvis-Tolle. Die Vorliebe für Elvis ist auch schon alles, was Daniel über seinen Vater weiß. Es ist eine Vorliebe, die Daniel wie selbstverständlich teilt – sein Zimmer ist mit Elvis-Postern gepflastert. Elvis dient als eine Art Ersatzvater.

Väterlichen Rat und Beistand kann Daniel im Zusammenleben mit seiner labilen Mutter gut gebrauchen, denn er selbst ist schüchtern und unsicher, empfindet sich als Außenseiter. Heimlich verknallt ist er in Schulfreundin Sarah, die ihm unerreichbar scheint. Sein einziger richtiger Freund an der Schule ist Johnny, ein großer Fan von Punkrocker Sid Vicious, dem legendären Bassisten der Sex Pistols. Braucht Johnny einen Rat, spricht er mit Sid – Daniel kommuniziert mit Elvis.

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