Beiträge

Old Man

Wo bleibt der Junge nur? Nervös streicht Scotty Moore über seine Gibson ES-295. Er liebt die Gitarre… vielleicht sogar mehr als seine Frau. Zumindest behauptet das Mary, die ihn deswegen mit den beiden Kindern Donald und Linda verlassen hat. Aber daran will Scotty jetzt nicht denken. Seit kurzem ist er zum zweiten Mal verheiratet – und seine neue Frau Bobby ist klug genug, sicht nicht zwischen ihn und seine Gitarre zu stellen. Zärtlich fährt der 22-Jährige mit seinen Fingern die feminine Kontur der goldfarbenen Gibson entlang.

Scottys Gibson ES-295

Scottys erste große Liebe: Die Gibson ES-295

Die Gibson ES-295 symbolisiert Scottys Traum, seinen Brot-und-Butter-Job in der Reinigung endlich aufzugeben und eine Band zu formen, die mehr ist als ein Zeitvertreib. Eine Band, die besser ist als die Starlite Wranglers, eine Country- und Western-Band, die Scotty aktuell managt und mit der er in seiner Freizeit in den Honky-Tonk-Kneipen in und um Memphis auftritt.

Vor allem braucht seine Band einen charismatischen Frontmann, wenn das mit der Profikarriere endlich etwas werden soll, da ist sich der Gitarrist ganz sicher. Doug Poindexter, Sänger der Starlite Wranglers, ist nicht das, was ihm dabei vorschwebt. Er braucht einen jungen, ungebundenen Typen, der die Profikarriere als Musiker genauso will wie er.

Der junge Scotty Moore während seiner Zeit bei der US-Marine (1948-1952).

Der junge Scotty Moore während seiner Zeit bei der US-Marine (1948-1952).

Selbst die Rampensau ganz vorne im Scheinwerferlicht zu geben, das ist allerdings nichts für Scotty. Der blonde Scotty mit dem akkuraten Scheitel und den makellos gebügelten Hemden, 1931 auf einer Farm in Gadsden/Tennessee geboren, ist ein zurückhaltener Typ, ruhig und konzentriert. Er bleibt lieber im Hintergrund – abgesehen von den Solos natürlich – das weiß er selbst sehr genau.

Seine Leidenschaft brennt für die Gitarre, mit der er sich in jeder Minute seiner Freizeit beschäftigt. Schon als Kind hat er viel allein und mit Freunden gespielt. Doch erst seit er nicht mehr für die US-Marine in Fernost zur See fährt (1948-1952) sammelt er gezielt Erfahrung als Gitarrist in verschiedenen semiprofessionellen Bands… und träumt seinen Gibson-Traum.

Weiterlesen

Spotlight: Elvis Presley beim Louisiana Hayride: 8. Januar 1955

Am 8. Januar 1955 feierte Elvis Presley seinen 20. Geburtstag, allerdings nicht – wie man annehmen könnte – mit Familie und Freunden auf einer großen Sause zuhause in Memphis, sondern auf Tournee. Nein, an diesem Tag traf der Memphis Flash mit seinen Bandmitgliedern Scotty Moore und Bill Black, auch die Blue Moon Boys genannt, in Shreveport/Louisiana ein, um dort am Abend einen Auftritt beim legendären Louisiana Hayride zu absolvieren.

Auf dem Weg nach oben: Elvis mit seinen ‚Blue Moon Boys‘: Gitarrist Scotty Moore (links) und Bassist Bill Black (rechts); Foto: A Boy From Tupelo-Boxset

Der Louisiana Hayride war eine damals sehr bekannte Radio-Show (später auch TV) für Country-Musik des Senders KWKH, die ab 1948 wöchentlich live vom Municipal Memorial Auditorium in Shreveport/Louisiana aus auf Sendung ging. Der Hayride galt als „Wiege der Stars“, da er vielen namhaften Musikern der amerikanischen Country & Western-Szene zum Durchbruch verhalf.

Als praktisch völlig unbekannter Newcomer stand auch Elvis Presley erstmals Mitte Oktober 1954 auf der Bühne des Hayrides, als international bekannter King of Rock ’n‘ Roll ein letztes Mal Mitte Dezember 1956 ( → unbekannte Elvis-Aufnahme vom Louisiana Hayride entdeckt). Anfang Januar 1955 war er also schon eine Weile dabei, stand aber noch am Anfang seiner Karriere.

An den 3 Tagen vor dem 8. Januar 1955 waren Elvis, Scotty und Bill zusammen mit den Country-Sängern Jimmy Walker, Jimmy & Johnny und einem Komödianten mit dem kuriosen Künstlernamen „Peach Seed Jones“ – eigentlich Tillman Franks, sog. Talent-Koordinator beim Louisiana Hayride, außerdem Manager von Jimmy & Johnny, Slim Whitman und Webb Pierce – im Westen von Texas auf Tournee gewesen, wo sie kleine Auftritte in Stadthallen und High School-Hörsälen in San Angelo, Lubbock und Midland hatten.

Der künftige King hat also auch ganz schön klein mit Mini-Gigs angefangen, die Zeiten, in denen er als internationaler Quotengarant vor einem Millionenpublikum auftreten sollte (→ Elvis Aloha From Hawaii 1973), waren für den Zwanzigjährigen Anfang 1955 noch unvorstellbare Zukunftsmusik. Beim Louisiana Hayride jedoch waren Elvis und die Blue Moon Boys Anfang Januar 1955  fast schon so etwas wie alte Bekannte, denn hier hatten sie sofort einen Jahresvertrag bekommen, nachdem schon ein erster Auftritt am 16. Oktober 1954 ein Erfolg gewesen war.

Be Happy Go Lucky: Elvis, die ‚Blue Moon Boys‘ und ein Pianist des ‚Louisiana Hayride‘ rocken die Bühne in Shreveport (etwa 22. Januar 1955)

Weiterlesen