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Eindrucksvolle zwölf Minuten dauerte die Standing Ovation für ELVIS – das neue Biopic des australischen Produzenten und Regisseurs Baz Luhrmann über den King of Rock ’n‘ Roll mit Austin Butler und Tom Hanks in den Hauptrollen – bei der Premiere im Rahmen der 75. Internationalen Filmfestspiele in Cannes. Das allein, gefolgt von der sofort einsetzenden Flut an Filmkritiken in Print- und Onlinemedien, ließ großes Kino erahnen, noch bevor der Film überhaupt in den Kinos angelaufen war.

Jetzt läuft ELVIS in den Kinos, ist in aller Munde und toppte am Startwochenende in den USA sogar die Kinobesucherzahlen von Tom Cruises Blockbuster Maverick. Doch wie gut ist Luhrmanns ELVIS?

Baz Luhrmanns ELVIS ist in einem Wort: GROSSARTIG. Und das in mehrfacher Hinsicht. Wer bislang geglaubt hat, die allseits bekannte Geschichte von Elvis, dem armen Jungen aus Tupelo/Mississippi, der zum Megastar seiner Zeit aufstieg, an seinem Ruhm zerbrach, mit nur 42 Jahren früh verstarb und posthum endgültig zum Mythos wurde, sei schon seit langem auserzählt, wird von Baz Luhrmanns Biopic widerlegt.

Denn es gelingt dem australischen Produzenten und Regisseur, den allseits bekannten Mythos als Leinwand zu nutzen, auf der er zwei zentrale Themen neu in den Fokus rückt. Die wiederum sagen zum einen viel über den Künstler und Menschen Elvis Presley aus, zum anderen verweisen sie über das persönliche Schicksal hinaus auf größere Themen im Zentrum der amerikanischen Gesellschaft der 1950er bis 1970er, die bis in unsere Gegenwart hinein wirken.

Dabei wird das Ganze in einem Stil erzählt, der very Elvis und gleichzeitig very Luhrmann ist: energiegeladen, temporreich und hochemotional wie die beste Musik des King – in opulenten Bildern mit viel Liebe zum Detail und reichlich Glitz und Glam (hier wird nicht gekleckert, sondern ordentlich gerockt).

Außerdem punktet ELVIS mit einem tollen Soundtrack, bei dem bekannte Elvis-Songs mit denen zeitgenössischer Künster:innen, darunter Doja Cat,  Kacey Musgraves, Steve Nicks, Chris Isaak, Jack White, Stuart Price, Yola und Eminem, präsentiert werden.

ELVIS 2022: Austin Butler, Baz Luhrmann und Tom Hanks

Absolutes Highlight sind jedoch die beiden Hauptdarsteller: Austin Butler, der Elvis oscarreif und dabei zum Verlieben sympathisch spielt, außerdem den jungen Elvis selbst singt (siehe Soundtrack), und Tom Hanks in der Rolle seines gewieften Managers Colonel Tom Parker. Um es mit Elvis zu sagen: Mah, boy, mah boy!

Elvis und Colonel Tom Parker: »The Soul and the Sell«

Und damit ist auch schon das erste der beiden zentralen Themen, die Luhrmanns im Biopic setzt, angesprochen: Nämlich die schwierige Beziehung des Künstlers zu seinem Manager Colonel Tom Parker – von Luhrmann verdichtet zum Konflikt zwischen The Soul (Elvis) und The Sell (Parker) – zwischen Seele alias Kunst und Kommerz, wie es der Regisseur formuliert. Sie bildet den Erzählfaden des Biopics, in dem die Ereignisse aus der Retrospektive Tom Parkers dargestellt werden.

Was bislang gar nicht so viele Leute jenseits der Fanszene wissen: Parker wurde als Andreas Cornelius van Kuijk (26. Juni 1909 bis 21. Januar 1997) im niederländischen Breda geboren, reiste als junger Mann illegal in die USA ein, wo er sich flugs umbenannte in Tom Parker aus Huntington/Virginia – seine tatsächliche Herkunft verleugnend. Parker arbeitete zunächst beim Zirkus, bevor er sich als Manager von Countrymusikern wie Eddy Arnold und Hank Snow einen Namen machte. Den Titel eines Colonels erhielt van Kuijk alias Tom Parker 1948 ehrenhalber vom Gouverneur des Bundesstaates Louisiana als Dank für die Mitarbeit bei seiner Wahlkampagne.

Der Snowman: Tom Hanks als Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker

Schon an diesem Punkt wird klar: Der falsche Colonel, der sein Handwerk beim Zirkus lernte, versteht sich auf den schönen Schein. Die Illusion ist seine Welt. Man ist, wer man vorgibt zu sein. Doch er ist viel eher ein Spieler im ganz ursprünglichen Sinne als ein reiner Hochstapler. Es geht ihm nicht nur einfach ums Geld an sich, sondern um das Spiel um Geld – und um Macht. Andere zu »snowen«, sie einzuwickeln bzw. einzulullen, ihnen mit der Aussicht auf ein besonderes Erlebnis mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, als sie ursprünglich ausgeben wollten, das ist seine große Leidenschaft.

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NBCs TV-Special ELVIS – heute besser bekannt unter dem Namen ’68 Comeback Special – wird in diesem Jahr 50! Längst ein zeitloser Klassiker besticht Steve Binders Produktion für den Fernsehsender NBC aus dem Jahr 1968 ebenso mit Elvis Presleys energie- und emotionsgeladener Musik wie mit der Wucht schöner Bilder.

Nie zuvor und niemals danach wurde der King im Fernsehen so gut in Szene gesetzt. Das war kein Zufall, sondern das Resultat der fruchtbaren Zusammenarbeit des Memphis Flash mit Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe.

I’m back! Elvis Presley im Juni 1968.

Dabei war Steve Binder (*1932), der Medizin studierte, bevor er in den 1960ern sein Talent als Regisseur von Musikproduktionen fürs Fernsehen entdeckte (Hullabaloo, Shindig, T.A.M.I), zunächst gar nicht besonders begeistert davon, ein TV-Special mit Elvis zu realisieren.

Erst im April 1968 hatte der junge Regisseur ein Musik-Special für NBC mit der damals sehr populären britischen Sängerin Petula Clark (*1932) auf Sendung gebracht, das sehr kontrovers diskutiert wurde. Und zwar, weil Petula während ihres Duetts mit Harry Belafonte zu On The Path Of Glory dessen Arm berührte.

Die Berührung eines Afroamerikaners durch eine weiße Frau, sei sie auch noch so harmlos wie im Video, war trotz Bürgerrechtsbewegung zu dieser Zeit nach wie vor ein Tabu im amerikanischen Fernsehen.

Obwohl Binder von Sender und Hauptsponsor aufgefordert wurde, die Szene zu streichen, kam er dem in Absprache mit Clark nicht nach. Die TV-Show wurde mit der Szene gesendet. Die nachfolgenden Diskussionen sorgten dafür, dass Binder ernsthaft überlegte, seine Karriere als Regisseur im Fernsehen aufzugeben und sich anders zu orientieren, wie er in seiner Buchpublikation ’68 at 40 Retrospective (2008) erzählt. Aus Fernsehkreisen hörte Binder nämlich, dass er nach dieser Sache keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen würde.

Just zu diesem Zeitpunkt erreichte Binder ein Telefonanruf des TV-Produzenten Robert „Bob“ Finkel (1918-2012). Finkel hatte die Diskussion um den Aufreger ebenfalls mitbekommen – und die hatte ihn auf eine richtig gute Idee gebracht, wie er endlich eines seiner dringlichsten Probleme lösen könnte.

Ein Fernseh-Special – och nee!

Finkel, bis zu diesem Zeitpunkt u.a. erfolgreich mit TV-Produktionen für Andy Williams und Dinah Shore, erzählte Binder, dass er von NBCs Vizepräsidenten an der Westküste, Tom Sarnoff, den Auftrag erhalten hatte, eine TV-Show mit Elvis Presley zu produzieren. Die Show war Teil eines Paket-Deals, den Sarnoff mit Presleys Manager Colonel Tom Parker abgeschlossen hatte. Das einzige Problem: Elvis hatte offenbar überhaupt keine Lust auf ein Fernseh-Special.

Im Frühjahr 1968 hatte Finkel mehrere Besprechungen mit Elvis, in denen es um das geplante TV-Special ging. Immer wenn Finkel bei diesen Gelegenheiten auf Elvis traf, war der zwar freundlich und höflich, blieb aber distanziert, was Finkel zunehmend irritierte. Der King weigerte sich schlicht, den Produzenten zu duzen. Finkel ahnte, dass dahinter mehr als reine Südstaatenhöflichkeit steckte.

Inhaltlich machte Elvis in den Gesprächen mit Finkel nämlich deutlich, dass ihm vor allem daran gelegen war, sein Hollywood-Image abzulegen und sich als vielseitiger Musiker der Gegenwart zu positionieren. Kurz: Der King wollte zeigen, was er alles noch drauf hatte. Eine TV-Show, die – so der Plan seines Managers – nur (ältere) Weihnachtssongs in den Fokus stellte, würde das ganz sicher nicht bewirken, war Elvis überzeugt.

Juni 1968 (v.l.n.r.): Dayton „Bones“ Howe, Steve Binder, Elvis und Bob Finkel finden nach Anfangsschwierigkeiten zueinander und haben sichtlich viel Spaß dabei.

Abgesehen davon äußerte der King grundsätzliche Vorbehalte gegen das Medium Fernsehen, hatte er sich in den 1950ern doch vor allem als „novelty act“,  als kurioses Phänomen, in den Varieté-Shows von Steve Allen und Ed Sullivan wiedergefunden, wo er dazu verdonnert wurde, in altmodischen Sketchen mitzuspielen und seinen Hit Hound Dog einem lebenden Bassett vorzusingen.

Steve Allen Show Juli 1956: Elvis beglückt den Bassett mit seinem Windhund-Hit Hound Dog.

Finkel wurde klar, Fernsehproduzenten standen ebenso wenig hoch im Kurs bei Mr. Presley wie Hollywoodproduzenten – da blieb man lieber beim Sie. Wollte er mit dem geplanten Fernseh-Special bei Elvis also je vorankommen, dann brauchte er einen richtig guten Plan.

Die Kontroverse um die Petula-Show brachte ihn auf die Idee, dass ein junger talentierter Regisseur wie Binder her musste. Einer, der den Status Quo selbst gerne herausforderte, war doch genau der richtige Partner für einen Musiker, der in den 1950ern für ordentlich Furore gesorgt hatte und sich jetzt eindrucksvoll zurückmelden wollte.

Doch Binder war nicht überzeugt. Elvis? Och nee, dachte der sich und bekennt heute lachend: „Ich hatte für Elvis‘ Musik damals nicht viel übrig. Ich meine, ich bin an der Westküste aufgewachsen und stand mehr auf die Beach Boys, Jimmy Webb und `Mc Arthur Park‘, solche Sachen.“

Zunächst kein Fan von Elvis: Regisseur Steve Binder.

Aber die Angelegenheit war immerhin so interessant, dass Binder sie mit seinem damaligen Partner, dem erfahrenen Musikproduzenten Dayton Burr „Bones“ Howe (*1933), besprach. Und der sagte spontan: „Du bist verrückt, wenn Du die Chance ausschlägst, mit Elvis zu arbeiten. Ihr wäret ein großartiges Team.

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