Pure Elvisness: I Just Can’t Help Believin‘

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»B. J. Thomas has got out a new record. I don’t especially like it, but I like to sing it for you anyway«, witzelt ein gut gelaunter Elvis Presley auf der Bühne des großen Showrooms im International Hotel in Las Vegas. Das Publikum lacht – und sofort legt der King los mit seiner Version des Thomas-Hits I Just Can’t Help Believin‘ vom Sommer 1970. Es ist eine Interpretation, die Komponistin Cynthia Weil treffend als „pure Elvisness“ beschreibt.

Elvisness: Der King live mit ‚I Just Can’t Help Believin‘, 11. August 1970

Elvis Presley: I Just Can’t Help Believin‘ live 11. August 1970, Las Vegas (Mitternachts-Show)

Worauf Elvis bei seiner Ankündigung des Songs humorvoll anspielt, ist die Tatsache, dass der texanische Pop- und Country-Sänger B. J. Thomas (1942-2021) nach seinem großen Erfolg mit dem Ohrschmeichler Teardrops Keep Fallin‘ On My Head (1969), der als bester Filmsong aus der Western-Komädie Butch Cassidy und Sundance Kid (dt. Zwei Banditen) mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, mit I Just Can’t Help Believin‘ 1970 einen weiteren Top-10-Hit in den amerikanischen Hot 100-Billboard-Charts verbuchen kann. In Billboards Adult Contemporary Charts erreicht I Just Can’t Help Believin‘ sogar Platz 1. Damit ist B. J. Thomas einer der angesagtesten Interpreten des beginnenden 70er-Jahrzehnts.

Erfolgreich: Sänger B.J. Thomas in den 1970ern

B. J. Thomas: I Just Can’t Help Believin‘ – Album ‚Everybody Is Out Of Town‘, 1970

Beides gute Gründe für Elvis, I Just Can’t Help Believin‘ im Sommer 1970 in sein Live-Repertoire aufzunehmen. Schließlich möchte er sich in dieser Phase – ein Jahr nach seinem Bühnen-Comeback in Las Vegas – vor allem als zeitgenössischer Musiker und nicht als Retro-Act aus den 1950ern präsentieren.

Und wie könnte das besser gehen als mit dem brandaktuellen Hit eines populären Sängers, mit dem er außerdem eine Vorliebe für junge aufstrebende Komponisten wie Mark James (Suspicious Minds, 1969; Hooked On A Feeling, 1968) und das erfolgreiche Songwriter-Duo Cynthia Weil/Barry Mann teilt? Thomas‘ Hit Hooked On A Feeling aus der Feder von Mark James findet sich jedenfalls in Elvis Presleys privater Plattensammlung. Und Thomas nimmt gleich eine ganze Reihe seiner Hits direkt vor Elvis‘ Haustür auf – im American Sound Studio in Memphis, wo 1969 auch die legendären Elvis-Alben From Elvis In Memphis und Back in Memphis entstehen.

Cynthia Weil und Barry Mann: Wie ein Song entsteht

So erfolgreich, wie B. J. Thomas‘ Version von I Just Can’t Help Believin‘ auch war, sie war längst nicht die erste Veröffentlichung des Songs. Das Lied stammt aus der Feder des Ehepaares Barry Mann (*1939) und Cynthia Weil (*1940), die ab den 1960ern über Jahrzehnte sehr erfolgreich als Songwriter-Duo arbeiteten.

Barry Mann (eigentlich Barry Imberman) komponierte die Melodien, Cynthia war für die Texte zuständig. Ihre bis heute bekannteste Komposition dürfte You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘ sein, mit dem die Righteous Brothers, produziert von Phil Spector, 1964 einen großen Hit hatten, den Elvis 1970 ebenfalls aufnahm.

Ein schönes Paar und ein erfolgreiches Komponisten-Duo: Barry Mann und Cynthia Weil in den 1960ern

Cynthia und Barry lernten sich im New Yorker Musikverlag Aldon Music – 1958 von Don Kirshner und Al Nevins gegründet – kennen, wo sie zusammen mit späteren Größen wie Carole King, Neil Sedaka, Neil Diamond, Paul Simon und Phil Spector als Vertrags-Songwriter tätig waren. Aldon Music war Teil des berühmten Brill-Building-Komplexes am Broadway, das Anfang der 1960er mehr als 160 Musikverlage beherbergte, darunter auch Elvis Presleys Musikverleger Hill & Range, und dessen Produktionen den Pop-Sound der 1960er wesentlich beeinflussten.

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Immer noch hörenswert: Elvis live in Richmond März 1974

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In Zeiten von Corona und dem ziemlich eingeschränktem Aktionsradius, den die Pandemie für uns alle mit sich bringt, tut es gut, sich mit Elvis ein bisschen abzulenken. Ich mache das neben der Vorbereitung neuer Blog-Beiträge  (z.B. zu „Elvis Is Back!“), indem ich mal wieder in Elvis-Veröffentlichungen reinhöre, die ich länger nicht auf dem Schirm hatte. Eine davon ist die FTD 48 Hours To Memphis aus dem Jahr 2011.

Als Elvis Presley am 18. März 1974 unter Blitzlichtgewitter und donnerndem Applaus zu den Klängen von Also Sprach Zarathustra die Bühne des Coliseum in Richmond/Virginia betrat, waren es noch genau 48 Stunden bis zu dem legendären Konzert in seiner Wahlheimatstadt, erstmals 1974 verewigt auf der LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Lange ahnte kaum jemand, dass auch von dem kompletten Konzert in Richmond eine professionelle Multitrack-Aufnahme realisiert wurde, von der wiederum eine Kopie – versehen mit nicht mehr als dem unspektakulären Aufdruck „All Star Shows, Madison Tennessee“ – 1990 über Umwege in die Hände des Fans und Sammlers Robert Frieser kam.

Erst mehr als 20 Jahre später hat Frieser diese Kopie des Mitschnitts (das Original gilt weiterhin als verschollen) für die Veröffentlichung durch das Elvis Presley-Sammlerlabel Follow That Dream Records zur Verfügung gestellt, für das Ernst Jorgensen und Roger Semon seit 1999 mit vielen erstklassigen Elvis-Publikationen verantwortlich zeichnen. Zuvor kursierte das Konzert nur als Import unter dem Titel „Guaranteed To Blow Your Mind“.

2011 erschien das Richmond-Konzert dann endlich unter dem Titel 48 Hours To Memphis im Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream. Veröffentlicht wurde es in demselben 3-teiligen, ausklappbaren Deluxe-Format wie sein FTD-Pendant Elvis Recorded Live On Stage In Memphis. Versehen ist das Set mit Farbfotos, die den King im Aqua Blue Vine-Jumpsuit in Action zeigen, verschiedenen Schnappschüssen am Flughafen und einem 16-seitigen Booklet mit Informationen rund um das Konzert in Richmond.

Aber das Wichtigste ist das Konzert selbst, ein echter Hammer, in wirklich guter Soundqualität! Hier hat Toningenieur Vic Anesini ganze Arbeit geleistet. Denn er schafft es, sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch die Aufregung im Publikum zu transportieren, also das, worauf es bei einem Live-Konzert wirklich ankommt. Und das lohnt sich.

Der King selbst ist hörbar exzellenter Laune, verdammt gut bei Stimme und ausgelassener als bei dem Konzert zwei Tage später in Memphis. Begleitet wird er von seiner allseits bewährten TCB-Band mit James Burton an der Leadgitarre, Glen D. Hardin am Piano, Ronnie Tutt am Schlagzeug, John Wilkinson an der Rhythmusgitarre und Duke Bardwell am Bass.

Dazu kommen die Backgroundsänger mit den Soulladies The Sweet Inspirations, die Gospeltruppe J.D. Sumner & The Stamps, eine neue durchweg männliche Gesangsformation namens Voice und die zierliche Sopranistin Kathy Westmoreland, das „kleine Mädchen mit der schönen hohen Stimme“, wie Elvis Presley sie dem Publikum gerne vorstellte.

Die Songauswahl des Konzerts in Richmond unterscheidet sich nicht wesentlich von der des bekannteren in Memphis. Elvis präsentiert bei beiden seine inzwischen zum Markenzeichen gewordene Kombination von Rock ’n’ Roll, Blues, Gospel und Balladen. Beim Richmond-Konzert fehlen allerdings der Klassiker My Baby Left Me und How Great Thou Art, die beeindruckende Live-Interpretation vom 20. März 1974, die Elvis Presley einen weiteren Grammy (→Elvis und die Grammys) einbrachte:

  1. Also Sprach Zarathustra
  2. See See Rider
  3. I Got A Woman / Amen
  4. Love Me
  5. Trying To Get To You
  6. All Shook Up
  7. Steamroller Blues
  8. Teddy Bear / Don’t Be Cruel
  9. Love Me Tender
  10. Medley Long Tall Sally / Whole Lotta Shaking’ Goin’ On / Your Mama Don’t Dance / Flip Flop And Fly / Jailhouse Rock / Hound Dog
  11. Fever
  12. Polk Salad Annie
  13. Why Me Lord
  14. Suspicious Minds
  15. Vorstellung der Band
  16. I Can’t Stop Loving You
  17. Help Me
  18. American Trilogoy
  19. Let Me Be There
  20. Funny How Time Slips Away
  21. Can’t Help Falling In Love
  22. Closing Vamp

Bonus-Tracks:

  1. Sweet Caroline
  2. Johnny B. Goode
  3. That’s All Right

Die drei Bonus-Tracks der CD stammen vom 1. Konzert dieser März-Tournee in Tulsa/Oklahoma am 1. März (Sweet Caroline) und von dem des 17. März in Memphis/Tennessee. Die gesamte Tournee vom Frühjahr 1974 mit insgesamt 25 Konzerten an nur 20 Tagen – das Richmond-Konzert vom 18. März ist das drittletzte dieser Tour de Force – war ein uneingeschränkter Erfolg und gilt bis heute als eine von Elvis Presleys besten. Die Nachfrage nach Tickets war so groß, dass Zusatzkonzerte angesetzt wurden.

48 Hours To Memphis: Highlights

Von den ersten Klängen an ist bei diesem Konzert klar, das wird eine gute Show. Ein kraftvolles Trying To Get To You ist ein erster Höhepunkt…

Audio: Trying To Get To You, 1974

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Elvis live im Februar 1970

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Immer wenn ich gefragt werde, welches Live-Album von Elvis ich denn besonders empfehlen könnte, dann gibt es eins, das mir in diesem Zusammenhang NIE spontan einfällt. Und das kurioserweise, obwohl ich alle Songs des Albums sehr gerne höre, sogar einer meiner absoluten Lieblingssongs (Ahhhhh, die Annie) hier erstmals drauf zu finden war. Es handelt sich um das Album On Stage von 1970.

Elvis On Stage 1970

Eigentlich kann man ein Album mit einem so coolen Cover doch gar nicht vergessen, oder? Auch dann nicht, wenn der Name des Interpreten auf dem Cover, ziemlich selten bei Elvis, nirgendwo zu finden ist. Wieso passiert’s mir dann dauernd – früher Fall von Alzheimer?

Nein, soweit ist es dann doch noch nicht ganz. Es liegt wohl in erster Linie daran, dass es mir schwerfällt, On Stage als ein in sich geschlossenes Album unter der Überschrift Elvis live 1970 wahrzunehmen. Irgendwie scheint da etwas zu fehlen. Und ich glaube, das hat viel mehr etwas mit der Entstehungsgeschichte, mit dem Konzept von On Stage zu tun als mit den enthaltenen Songs oder meinem Gedächtnis. Weiterlesen

Lesenswert: Dave Marsh in Elvis Walk A Mile In My Shoes

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Die nächste Runde ist eröffnet für meine Serie über die überraschend kleine und zum Teil wenig bekannte Gruppe von lesenswerten Veröffentlichungen, die sich kenntnisreich ausschließlich mit dem Musiker und Sänger Elvis Presley beschäftigen.

Elvis Presley legt alles in einen Song (1972) – Foto: Boxset Walk A Mile in my Shoes

Vorgestellt habe ich in der Vergangenheit schon Will Friedwalds erstaunliches Elvis-Essay in A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers (2010), Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide (2014 – hiervon gibt es eine bearbeitete und ergänzte 2. Auflage unter dem Titel Reconsider Baby, 2017), Robert Matthew-Walkers Elvis Presley A Study in Music (1979) und Helmut Radermachers Elvis A Life in Music (2017), die Neubearbeitung von Ernst Jorgensens Elvis Presley: A Life in Music.

Heute ist einer der bekannteren Elvis-Autoren an der Reihe: der amerikanische Rockmusk-Aficionado und Autor Dave Marsh (*1950), berühmt-berüchtigt für seine exzellent geschriebenen, aber oftmals auch provokanten Aussagen über die Musiker seines bevorzugten Genres.

Marsh, der ab den 1970ern für verschiedene Musikmagazine wie Creem und Rolling Stone schrieb, hat eine ganze Reihe von Büchern über Musiker – allein vier über Bruce Springsteen – sowie Rockmusik im Allgemeinen veröffentlicht (The Heart of Rock and Soul – The 1001 Best Singles Ever Made, 1999) und engagierte sich zudem in der Rock ’n‘ Roll Hall of Fame. 

Dave Marsh in seinem Büro – Foto: www.davemarsh.us

Marsh zählt neben Greil Marcus und Peter Guralnick zu den Top-Elvis-Autoren aus der Fraktion der amerikanischen Musikjournalisten, die sich vor allem mit Rockmusik beschäftigen bzw. in der Vergangenheit beschäftigt haben.

Zu seinen bekannteren Elvis-Veröffentlichungen gehören der Nachruf Elvis Presley: Spiritual Leader of a Generation im Magazin Rolling Stone vom 22.9.1977, vor allem aber die vielbeachtete Buchveröffentlichung Elvis aus dem Jahr 1982.

Elvis: The Seventies

Weit weniger bekannt als seine Buchveröffentlichung Elvis von 1982 ist Marshs Essay „Elvis: The Seventies“ im Begleitheft zu dem 1995 erschienenen und von Ernst Jorgensen zusammengestellten Boxset Elvis Walk A Mile in my Shoes: The Essential 70’s Masters.

Boxset Elvis Walk A Mile In My Shoes – The Essential 70’s Masters

Das dritte Boxset der Essential-Reihe aus den 1990ern konzentriert sich mit seinen fünf CDs ausschließlich auf Elvis Presleys musikalisches Schaffen zwischen 1970-1977 – hier vor allem die Studioaufnahmen – und gilt bis heute als guter Einstieg in den Elvis der 70er für alle, die hier bislang Berührungsängste hatten.

Das Bemerkenswerte an Marshs Essay Elvis: The Seventies ist, dass es dem Autor nicht nur gelingt, Elvis‘ Musik der 1970er stimmig in den Kontext seiner Gesamtkarriere einzuordnen – und dabei mit ein paar grundlegenden Missverständnissen aufzuräumen -, sondern zentrale Erkenntnisse über den Künstler Elvis Presley zu präsentieren, wie sie andernorts kaum je zu finden sind.

Dabei schlägt der Musikjournalist eine Brücke vom Elvis der 1950er zu dem der 1970er Jahre und zeigt erstmals die Kontinuität im Schaffen des King auf – vom Anfang bis zum (bitteren) Ende. Damit schafft Marsh auf knapp 40 Seiten, was Peter Guralnicks zweibändiger Biographie aus den 1990ern auf mehr als tausend – zweifelsohne hervorragend geschriebenen – Seiten nicht abschließend gelingt: Er bringt den Künstler Elvis Presley auf den Punkt!

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Aloha American Trilogy

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Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Elvis: Aloha American Trilogy 1973

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die dem King am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches politisches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche kritische Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das „Wie“ genauer zu erläutern:

„I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.“

„Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.“

Zitat aus: Egil „Bud“ Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der „American Bald Headed Eagle-Jumpsuit“, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert – und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award ausgezeichnet.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede bei der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis‘ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

„Promised Land“ war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt „da draußen“ daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und „antiamerikanische Tendenzen“ zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

American Trilogy: Elvis‘ Plädoyer für Integration

Als Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

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Ah… die Annie!

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Ah… die Annie. Wenn ich meine Lieblings-Elvis-Songs der 1970er benennen soll, dann steht Polk Salad Annie ganz hoch im Kurs. Rockt ordentlich – krieg‘ ich nie leid – geht einfach immer!

Ein schneller Blick auf YouTube verrät, dass ich damit ganz und gar nicht alleine bin. Tony Joe Whites (1943-2018) Swamp-Rock-Klassiker von 1969 hatte ab 1970 einen festen Platz in Elvis‘ Konzertrepertoire und ist vor allem durch diese legendäre Performance vom August 1970 – festgehalten im Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is – weltbekannt.

Eine Studioversion des King gibt es von Polk Salad Annie nicht. Wer sich das Video anschaut, ahnt wieso – die Annie ist ganz großes Elvis-Kino. Ohne die Optik ist sie immer noch beachtlich, aber trotzdem nur die halbe Miete. Subtil ist die Annie – grandios begleitet von der TCB-Band – kein Stück. Der Gegensatz zu einem anderen großen Elvis-Klassiker wie In The Ghetto (1969) könnte kaum größer sein.

Trotzdem ist Polk Salad Annie Elvis in Reinkultur, wie schon die Kommentare zum YouTube-Video verraten. Aber warum das so ist – von der leidenschaftlichen Performance mit vollem Körpereinsatz mal abgesehen – verraten sie nicht. Es lohnt sich, Komponist und Liedtext näher unter die Lupe zu nehmen.

Elvis, Tony und die Amerikanische Kermesbeere

Der kürzlich verstorbene Singer/Songwriter Tony Joe White stammte wie Elvis Presley aus den amerikanischen Südstaaten. Er wuchs auf einer Baumwollfarm in Louisiana auf, war in seiner Jugend stark vom Blues und der Musik Elvis Presleys beeinflusst, den er sehr verehrte, wie er u.a. dem Autor Ken Sharp („Writing for the King“, 2006) erzählte.

In den 1960ern zog es White nach Texas, wo er in verschiedenen Nachtclubs spielte und selbst zu komponieren begann. 1969 brachte er mit Black and White sein erstes Album heraus. Darauf befand sich auch Polk Salad Annie, neben Rainy Night in Georgia, bekannt geworden durch die Version Brook Bentons, sein bis heute vielleicht bekanntester Song.

Zum Liedtext inspiriert hatte White dabei ein „Arme-Leute-Essen“ aus seiner Kindheit in Louisiana – nämlich Polk Salad alias Poke Sallet, wie es richtig heißt. Und hier ist das, was White selbst dazu sagt:

I was brought up down in Goodwill, Louisiana on a cotton farm by the river. I ate a lot polk salad growing up. Polk salad is a big leafy plant that grows wild down by the river and in the woods. My mother was half-Cherokee and in the spring she’d always boil up polk salad. She made sure us kids ate a lot of it. It kind of tastes like spinach and has a lot of vitamins in it. You boil it in water like turnip greens, add a little bacon rind to give it some flavor and it has a good taste. You eat it with corn bread, green spring onions, and a little pepper sauce. I’ve got it growing in my backyard right now.

Tony Joe White, zitiert nach Ken Sharp: Writing for the King, 2006

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Elvis und Rassismus: „Weiße Nigger“ und „schwarze Engel“ in Las Vegas

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Als Elvis Presley im Sommer 1974 seine 11. Saison im großen Showroom des Hilton Hotels (vormals International) in Las Vegas absolvierte, kam es bei der Mitternachtsshow am 27. August zu einem kleinen Zwischenfall, der auf dem nachfolgenden Audiomitschnitt ab 1:24 auszumachen ist.

Elvis Presley im Showroom des Hilton Hotels in Las Vegas im August 1974 – Foto: Fashion For A King, Flaming Star / FTD Books 2011

Elvis über „white N.I.G.G.E.R.“ – FTD Elvis From Sunset To Vegas

Was hier zu hören ist, ist der leider nicht optimal zu verstehende rassistische Einwurf einer Frau aus dem Publikum, kurz bevor Elvis Presley zum Song It’s Now Or Never (alias O Sole Mio) überleiten möchte. Die Zwischenruferin sagt in etwa: „damn nigger [you’re so full of yourself]„.

Elvis, der sich privat für Etymologie (die Bedeutung und Geschichte von Wörtern) interessierte, nimmt diese Beleidigung spontan zum Anlass, seinem Publikum mit Verweis auf das Lexikon (Webster’s Dictionary) mal ganz genau zu erläutern, was N.I.G.G.E.R. eigentlich bedeutet, nämlich schlicht „lazy and shiftless“ (dt.: faul, träge).

Der King kontert den rassistischen Zwischenruf also mit einer neutralen Bedeutungsebene des Wortes, die sich so tatsächlich in älteren Ausgaben des Webster findet, und folgert daraus entsprechend: „in that case there are white niggers, too / also gibt es auch weiße Nigger. Nigger ist also vor allem eine Frage der Einstellung und nicht der Hautfarbe.

Als Beleg für seine Erläuterung verweist er auf Charaktere in der wöchentlich ausgestrahlten amerikanischen TV-Serie Hee Haw (1969 – 1992). Gemessen am Applaus kommt diese Erläuterung beim Publikum durchaus gut an, womit die Sache für den King vorerst erledigt ist.

Welche Macht das „N-Wort“ selbst in einem positiven Kontext hat, zeigte sich 2009 als der oben beschriebene Mitschnitt auf der CD Elvis From Sunset To Las Vegas des Sammlerlabels Follow That Dream (FTD) veröffentlicht wurde. Spontan gab es Beschwerden – von welcher Seite auch immer -, die dazu führten, dass FTD diese Sequenz nun nicht mehr auf der CD veröffentlicht.

Es kursieren also Versionen der Veröffentlichung mit und ohne diesen Mitschnitt (→ vielen Dank an Helmut Radermacher für diesen Hinweis) – davon abgesehen gibt’s das Ganze natürlich auch auf Bootlegs. Irgendwie sehr schade, dass es immer noch nicht ohne eingeforderte Zensur geht.

Dass Rassismus über den geschilderten Vorfall hinaus im August 1974 sehr präsent im Bewusstsein Elvis Presleys war, zeigt eine weitere Episode aus demselben Las Vegas-Engagement. Bei mehreren Konzerten erzählte Elvis seinem Publikum folgende Anekdote, die Bezug auf die Dekorationen des Showrooms nahm. Der war offensichtlich durch Wandgemälde, die Szenen aus dem 18. Jahrhundert zeigten, und barocken Putten geschmückt. Eine Steilvorlage für den King, um sein Weltbild zu transportieren:

„Richtet einen Strahler auf die Statuen an dieser Wand. O.k. Das ist schön. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber das ist schön. Tom Jones war neulich hier, und er kommt aus Wales. Ich fragte Tom, was das [Statue an der Wand des Showrooms] ist, und er sagte, dass es King Edward wäre. King George, tut mir Leid, entschuldigen Sie, Ihre Majestät. Nehmt jetzt den Strahler und richtet ihn auf diese Engel [an der Decke]. Schaut euch nur diese Kerle an, Junge. Große, fette Engel! [Jetzt] Richtet den Strahler auf diese Wand da drüben. Sie werden einen leichten Unterschied bemerken. Die ‚Kaukasier‘ unter Ihnen. Das ist es doch, oder? ‚Kaukasier‘? Das stand auf meiner Einberufung. Ich dachte, es würde ‚beschnitten‘ bedeuten! Jedenfalls, letzte Nacht kam ich gegen 4:40 morgens hier runter, mit ein paar Freunden, die für mich arbeiten, Jerry Schilling und Red West […] Jedenfalls, er [Red West] kletterte über das Geländer, wo [die Hoteltechnik] ihr Material aufbewahrt, die Farbe und so weiter; er […] holte eine kleine Dose schwarze Farbe. Er steckte sie in seinen Gürtel, kam zurück, kletterte rüber und wir stellten zwei Tische übereinander. Ich stieg mit der Farbe und dem Pinsel hoch, und ich war Michelangelo, oder der Kerl, der die Decke im Vatikan, die Sixtinische Kapelle, malte. Ich habe diese Statue [schwarz] gemalt. Es hat 30 Minuten gedauert. Das Hotel hat kein Wort gesagt. Ich dachte nur, ich teile es mit Ihnen.“

Zitiert nach der deutschen Ausgabe von Peter Guralnick: Careless Love, Bosworth 2006

Meistens aus dem Zusammenhang zitiert, wird diese Anekdote gerne als peinliche rhetorische Episode interpretiert, die besser gar nicht erst erwähnt wird. Schade, denn es lohnt sich genauer hinzuschauen, was Entertainer Presley, der direkte Äußerungen zu politischen bzw. gesellschaftlichen Themen stets ablehnte (→ Welcome to my World – Welcome to the Promised Land), hier tatsächlich kommuniziert.

Interessant auch deshalb, weil man ihm seit den 1950ern immer wieder rassistische Tendenzen unterstellt hat (→ siehe auch Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika).

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Elvis in Concert 1977: Showtime in Omaha und Rapid City

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Am 17. Juni 1977 startete Elvis Presley seine 29. Tournee durch die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1970. Zehn Städte in zehn Tagen – sieben verschiedene Bundesstaaten im Mittleren Westen standen diesmal auf dem Programm. Von Missouri und Nebraska ging es über South Dakota, Iowa, Wisconsin und Ohio weiter nach Indiana. In der Market Square Arena in Indianapolis gab Elvis Presley am 26. Juni 1977 sein letztes Konzert. Sieben Wochen später war er tot.

Begleitet wurde der King auf seiner letzten Tournee vom Kamerateam um die → Produzenten Dwight Hemion und Gary Smith, die im Auftrag des TV-Senders CBS die Konzertdokumentation Elvis In Concert produzierten. Das Konzept von Smith-Hemion Productions sah neben → Sequenzen der dänischen Dokumentarfilmerin Annett Wolf zum Fan-Geschehen rund um ein typisches Elvis-Konzert und dessen Vermarktung vor, zwei Konzerte dieser Tournee mitzuschneiden.

Elvis Presley im Omaha Civic Auditorium am 19. Juni 1977

Die Wahl fiel auf das Konzert im Omaha Civic Auditorium in Omaha/Nebraska vom 19. Juni 1977 und das im Rushmore Plaza Civic Center in Rapid City/South Dakota zwei Tage später. Im Omaha Civic Auditorium hatte der King zuletzt im Juni 1974 gleich mehrere Konzerte gegeben. Im Rapid City durfte er am 21. Juni 1977 das Rushmore Plaza Civic Center, die gerade erst fertiggestellte Veranstaltungsarena für Sport- und Musik-Events, eröffnen. Ein besonderer Anlass also, auf den die Stadtväter von Rapid City immer noch gerne mit Stolz verweisen.

Für weitaus weniger Freude sorgen bis heute allerdings die beiden in Omaha und Rapid City gefilmten Elvis-Konzerte selbst. Denn sie werden allgemein – vor allem das in Omaha – zu den schlechtesten Auftritten der gesamten Presleyschen Karriere gezählt.

Wegen ihrer als imageschädigend empfundenen Wirkung werden sie samt Elvis in Concert-Dokumentation sowie des nicht verwendeten Filmmaterials auf Betreiben der Presleyschen Nachlassverwalter und Rechteinhalber nicht mehr gezeigt und sind damit auch nicht regulär auf DVD erhältlich. Nur wenige Ausschnitte, wie etwa Unchained Melody aus dem Konzert in Rapid City, sind bislang auf DVDs wie Elvis Presley – The Great Performances erschienen.

Das ist schade, denn das Filmmaterial als Ganzes hat auf jeden Fall einen dokumentarischen Wert. Das zu zeigen, bleibt den Veröffentlichungen des grauen Markts vorbehalten, die immer wieder ihren Weg in die Social Media-Plattformen finden, wo sie selbst in ihrer oftmals schlechten Ton- und Bildqualität millionenfach angeschaut werden.

Prelude: Elvis wants to say hello

Kurz vor Showbeginn in Omaha hatten die Produzenten Smith und Hemion es längst aufgeben, endlich einmal persönlich mit dem Star ihres TV-Specials Elvis in Concert zu sprechen. Manager Colonel Tom Parker hatte dem Team von Anfang an eingeschärft, dass jede Kontaktaufnahme mit Elvis Presley unerwünscht war, sie sich schlicht auf den Mitschnitt der Konzerte zu beschränken und den Star ansonsten nicht zu behelligen hätten. Daran schien kein Weg vorbeizuführen.

Umso überraschender kam für Gary Smith und Dwight Hemion Elvis‘ Einladung zum Gespräch nur wenige Minuten vor Beginn des Konzerts am 19. Juni 1977, wie sie Jahre später Autor Allen Wiener (Channeling Elvis, 2014) in einem Interview erzählten. Gleichzeitig liefert die Beschreibung der ersten Begegnung eine erste Erklärung dafür, warum die nicht schon viel früher stattgefunden hatte – der Backstage-Bereich hatte die Atmosphäre einer Arztpraxis:

We were told that ‚he wants to say hello to you‘. We had not met him yet. I remember the smell of the dressing room was like when you were a kid and you had a cough and you had to breathe into a vaporizer. It had a vaporizer odor to it. He was drinking Gatorade. In Chicago [May 1, 1977] he looked a bit overweight, but in Omaha, he was quite heavy; heavier than I’d ever seen him before. I could see that he was wearing a cincher around his waist. It looked like his chest was expanded.

He looked terrible. I think the big reason for the way he looked had to do with drugs.

Gary Smith (oben) und Dwight Hemion in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ’n‘ Roll, 2014

Abgesehen von seinem „nicht fernsehtauglichen“ Erscheinungsbild empfanden Smith und Hemion das Treffen als angenehm. Der King sei sehr freundlich und zuvorkommend gewesen, erinnerten sie sich später. Er machte ihnen Komplimente zu anderen TV-Specials, die er gesehen und die ihm offenbar gefallen hatten.

Die Produzenten hatten auch keineswegs den Eindruck, dass der Star irgendwie neben sich stand. Ganz und gar nicht. Allerdings zeigte er sich auch nicht tiefer interessiert an dem Special über ihn selbst, was sie verwunderte. War er besser informiert als sie dachten? Oder schlicht desinteressiert? Elvis blieb eine Antwort schuldig – Fragen hatte er auch keine:

He never asked us what the concept of the show was, what we were doing, if there was an opening. He never asked anything.

Gary Smith in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ’n‘ Roll, 2014

Als sie Kameraeinstellungen ansprachen, zeigte sich Elvis kooperativ, machte aber auch seine einzige Präferenz klar: Mit einer weiteren Kamera auf der Bühne sei er einverstanden, aber nicht zu dicht, denn er wolle auf keinen Fall, dass die Sicht des Publikums blockiert werde. Beim Licht argumentierte er ähnlich. Bei den Balladen müsse es stimmungsvoll dunkel bleiben. Nichts solle das Erlebnis seines Publikums mindern. Weitere Vorgaben, etwa wie er selbst abzulichten sei, machte er nicht.

Elvis in Omaha am 19. Juni 1977: Der King in Zeitlupe

Der Ruf des Konzerts, das Elvis Presley unmittelbar nach dem Gespräch mit Hemion und Smith am 19. Juni 1977 in Omaha gab, hat über die Jahrzehnte das Ausmaß eines Supergaus erreicht. Wie war die Show wirklich?

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Elvis in Concert 1977: The Storyteller

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Nachdem die Produzenten Gary Smith und Mike Hemion am 1. Mai 1977 das Elvis-Konzert in Chicago gesehen hatten, beschlossen sie, dem geplanten CBS-TV-Special Elvis in Concert eine neue Ausrichtung zu geben.

Die Produzenten fanden, dass Elvis in Chicago einen kranken, übergewichtigen und wesentlich weniger dynamischen Eindruck machte, als sie erwartet hatten. Einfach ein Elvis-Konzert im Rahmen einer Tournee zu filmen, kam nun nicht mehr in Frage, sollte das einstündige TV-Special ein Erfolg werden.

Elvis Presley wenige Monate vor seinem Tod bei den Aufnahmen zu seinem letzten TV-Special Elvis in Concert im Mai 1977

Erschwerend kam hinzu, dass Elvis Presleys Manager, der knallharte „Colonel“ Tom Parker (alias Andreas van Kuijk), den Produzenten unmissverständlich klarmachte, dass eine Mitarbeit seines Stars bei der Dokumentation nicht in Frage kam. Eine Kontaktaufnahme der Produzenten mit Elvis – welcher Art auch immer – war verboten. Von einem Interview ganz zu schweigen. Keine guten Voraussetzungen also.

Das brachte Hemion und Smith auf die Idee, sich einen weiteren Profi ins Team zu holen: Sie engagierten die dänische Dokumentarfilmerin, Produzentin, Regisseurin und Autorin Annett Wolf (*1936). Wolf hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon erfolgreich mehr als 80 TV-Specials und Kurzfilme, etwa über Peter Ustinov, Dave Allen, Jacques Brel, Peter Sellers und Charlie Chaplin, für das dänische Fernsehen produziert. Anfang der 1970er war sie ebenfalls als Theaterdirektorin für das Royal Danish Theatre tätig.

Ab 1976 arbeitete Wolf in den USA, wo sie schnell an ihre Erfolge in Dänemark anknüpfen konnte. Noch im selben Jahr drehte sie die Dokumentationen The World of Alfred Hitchcock – 1978 folgte Jaws (Der weiße Hai) – The Making of. In den 1980ern machte sich die Dänin einen Namen als Mitbegründerin der Women in Film and Television International (WIFTI), einem Netzwerk für Frauen in der Film- und TV-Branche.

2000 gründete die engagierte Filmemacherin The Wolf Foundation, eine Non-Profit-Organisation zur Erhaltung und zum Schutz der Natur in der kanadischen Arktis. Später lehrte sie an verschiedenen Colleges und Universitäten zum Thema Interviewtechniken und gründete ihre eigene Produktionsfirma Wise Wolf Productions. Seit 2004 lebt Annett Wolf in Kanada.

Filmemacherin Annett Wolf beim European Elvis Festival 2016 in Bad Nauheim

Bekannt war Wolf früh für ihre Tiefeninterviews, in denen es ihr gelang, bis dahin unbekannte Innenansichten ihrer Interviewpartner zum Vorschein zu bringen, wie etwa in ihrem Porträt The World of Jerry Lewis (1972). Man kann also sagen: Annett Wolf für die geplante Elvis-Doku zu engagieren, war ein richtig guter Schachzug von Hemion und Smith.

Annett Wolf: „I fell in love with his voice“

Allerdings war Wolf, wie sie in einer Talkrunde im Rahmen des 15. European Elvis Festivals 2016 in Bad Nauheim erzählte, kein ausgewiesener Elvis-Kenner, als die Produzenten sie engagierten. Als großer Fan von Miles Davies war sie viel zu wenig vertraut mit der Musik des King. Kein Problem für Hemion und Smith. Sie schickten der lebhaften Dänin gleich mehrere Kisten voll mit Platten, damit sie sich vor Drehbeginn umfassend einhören konnte.

Eine wundervolle Art, sich ihrer Arbeit an der Dokumentation zu nähern, wie Wolf bis heute findet. Sie war allein mit dieser Stimme – nichts lenkte davon ab. Sie habe sich augenblicklich in die Stimme verliebt, so die Filmemacherin. Besonders Elvis‘ Gospelsinterpretationen beeindruckten sie nachhaltig. In der tiefen Spiritualität und Humanität, die er darin zum Ausdruck brachte, sieht Wolf bis heute den Kern seiner Persönlichkeit und gleichzeitig auch die große Anziehungskraft für sein Publikum.

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Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago

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Als Gary Smith und Dwight Hemion Elvis Presley am 1. Mai 1977 zum ersten Mal live im Konzert erlebten, waren sie ziemlich überrascht, wie die beiden TV-Profis Buchautor Allen Wiener (Channeling Elvis, 2014) Jahrzehnte später in einem Interview erzählten.

Elvis Presley bei seinem Auftritt am 1. Mai 1977 im Chicago Stadium.

Die Inhaber von Smith-Hemion Productions hatten sich im Frühjahr ’77 auf den Weg ins Chicago Stadium gemacht, wo Elvis am 1. und 2. Mai vor jeweils 20.000 Konzertbesuchern auftrat, um ihr neuestes TV-Projekt Elvis in Concert für den Sender CBS vorzubereiten. Mit größeren Herausforderungen bei ihrem Auftrag rechneten sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht.

Als Produktionsteam hatten sich Hemion und Smith, die im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Emmy Awards einfuhren, auf TV-Produktionen für Showbusiness-Größen wie etwa Frank Sinatra, Bing Crosby, Sammy Davies Jr., Ann-Margret, Barbra Streisand, Perry Como und Neil Diamond spezialisiert.

Die Elvis in Concert-Produzenten Gary Smith und Dwight Hemion während eines Interviews circa 2000.

Daher war es naheliegend, dass die beiden über die William Morris-Agentur, bei der Elvis Presley unter Vertrag war, im Frühjahr 1977 den Auftrag erhielten, auch ein einstündiges TV-Special mit dem King für CBS umzusetzen. Im Hinterkopf hatten die Auftraggeber dabei natürlich die sehr erfolgreichen NBC-TV-Specials ELVIS (1968), heute besser bekannt als 68 Comeback Special

… und das 1973 via Satellit gesendete Aloha From Hawaii, das erst vier Jahre zuvor weltweit für Furore gesorgt hatte. Hier wollte CBS offensichtlich aufschließen und bot Star und Management 750.000 USD für das geplante Special, weitere 10.000 USD für Promotionaktivitäten.

Nach einer Sendewiederholung sollten die Rechte von Elvis in Concert komplett an Elvis Presley und seinen Manager „Colonel“ Tom Parker (alias Andreas van Kuijk) übergehen.

Ein TV-Special mit Elvis, das klang auch in den Ohren von Hemion und Smith wie ein sicherer Gewinner – die Fortsetzung ihrer eigenen Erfolgsstory.

Außerdem erinnerte sich Fernseh-Veteran Dwight Hemion, der in den 1950ern Regie u.a. in der bekannten TV-Sendung The Steve Allen Show geführte hatte, auch noch sehr gut an Elvis’ berühmten Fernsehauftritt in Allens Show am 1. Juli 1956, als der King in einer als Parodie angelegten Szene seinen Hound Dog einem phlegmatischen Bassett vorsang.

Hemion war 1956 begeistert vom Charisma des jungen, talentierten, energiegeladenen und attraktiven Entertainers und erwartete 1977, eine ältere Version dieses Elvis mit Elvis in Concert ins Fernsehen zu bringen. Und warum sollten Hemion und Smith daran auch eine Zweifel haben?

Denn erstaunlicherweise hatte keiner von ihnen in letzter Zeit einen Auftritt Elvis Presleys gesehen. Sie hatten offensichtlich nichts von den durchaus in den Medien diskutierten gesundheitlichen Problemen und den Gewichtsschwankungen des King mitbekommen, geschweige denn je persönlich mit ihm gesprochen.

Das ist reichlich seltsam. Wer macht schon ein Konzert-Special über eine Künstler, ohne je mit der Person im Zentrum des Geschehens zumindest bei einer Gelegenheit gesprochen zu haben? Wie soll das gehen? Da müssen die beiden doch eigentlich von vornherein große Fragezeichen in den Raum gestellt haben. Haben sie aber nicht. Dafür sorgte schon Elvis‘ berühmt-berüchtigter Manager Tom Parker.

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Elvis‘ Pianist Glen D. Hardin

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Glen D. Hardin, Elvis‘ langjähriger Pianist aus der TCB-Band, ist wieder mit von der Partie, wenn es vom 18. bis 20. August 2017 beim 16. European Elvis Festival in Bad Nauheim heißt: It’s Elvis Time!

Pianist Glen D. Hardin umringt von Fans in Bad Nauheim 2013

Kein Zweifel, der Texaner hat Feuer gefangen für die idyllische Kurstadt in der Wetterau, in der sein berühmter Boss während seiner Stationierung als GI in der Ray Barracks-Kaserne im benachbarten Friedberg für anderthalb Jahre wohnte.

Seit 2002 wird hier im Herzen der Wetterau von der Elvis Presley Gesellschaft jährlich das European Elvis Festival veranstaltet, das sich zu einem Anziehungspunkt für Fans des King aus aller Welt entwickelt hat. Und Glen Hardin ist als Festival-Gast ein gern gesehener Wiederholungstäter.

In diesem Jahr wird der Pianist mit der TCB-Band und Dennis Jale eine neue Show auf die Festival-Bühne bringen, und zwar am 18. August die Living-Room-Sessions, bei der es Elvis‘ Band (nahezu) unplugged zu erleben gibt. Klingt spannend – ist aber weit weitem nicht das einzige musikalische Highlight des diesjährigen Festivals → das komplette Programm.

Am Festivalsamstag (19. August) wird der sympathische Glen in einer Talkshow aus seiner Zeit mit Elvis erzählen. Aber wer ist dieser Glen eigentlich genau?

On piano: Glen D. Hardin

Glen D. Hardin (* 18.4.1939 in Texas) ist der Clown unter den TCBlern. Selten ist er um einen Gag oder eine lustige Geschichte verlegen, er hat auf eine sehr sympathische Weise ein sonniges Gemüt.

Den Rummel um ihn scheint er nicht allzu ernst zu nehmen. Gerne lässt er seinem langjährigen Weggefährten und Vorzeige-TCBler James Burton den Vortritt… schließlich ist er selbst ja „nur“ der Pianist!

Auf den ersten Blick wirkt Glen unscheinbar, man kann sich nicht gleich vorstellen, dass er laut Bandkollegen ein ziemlicher Womanizer gewesen sein soll. Erst wenn man direkt mit ihm spricht, lassen der langgedehnte Tonfall und der Charme des Texaners erahnen, dass das sehr wohl mehr als nur ein Gerücht sein könnte.

Glen D. stammt aus Texas und begann im Alter von acht Jahren mit dem Klavierspiel, zunächst jedoch ohne die Absicht, daraus je einen Beruf zu machen. Das änderte sich, als er nach seinem Dienst in der Navy 1959 begann, im bekannten Palomino Club in Hollywood – „Country Music’s most important West Coast club“ – zu spielen. Hier traf sich die Country-Szene und Glen war mittendrin.

Glen D. Hardin mit Elvis bei den Proben zum Dokumentarfilm 'Elvis That's The Way It Is' (1970)

Glen D. Hardin mit Elvis bei den Proben zum Dokumentarfilm ‚Elvis That’s The Way It Is‚ (1970)

Seine Karriere bekam richtig Auftrieb, als er 1962 Mitglied der Crickets wurde, die zuvor Buddy Hollys Band gewesen waren. In dieser Zeit begann Glen für die Crickets und andere Musiker Songs zu komponieren. 1965 hatten Gary Lewis and The Playboys mit Glens Song Count Me In einen Nr. 1-Hit.

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