Elvis und Rassismus: “Weiße Nigger” und “schwarze Engel” in Las Vegas

Als Elvis Presley im Sommer 1974 seine 11. Saison im großen Showroom des Hilton Hotels (vormals International) in Las Vegas absolvierte, kam es bei der Mitternachtsshow am 27. August zu einem Zwischenfall, der auf dem folgenden Audiomitschnitt ab 1:24 auszumachen ist.

Elvis Presley im Showroom des Hilton Hotels in Las Vegas im August 1974 – Foto: Fashion For A King, Flaming Star / FTD Books 2011

Elvis über “white N.I.G.G.E.R.” – FTD Elvis From Sunset To Vegas

Was hier zu hören ist, ist der akustisch nicht optimal zu verstehende rassistische Einwurf einer Frau aus dem Publikum, kurz bevor Elvis Presley zum Song It’s Now Or Never (alias O Sole Mio) überleiten möchte. Die Zwischenruferin sagt in etwa: “damn nigger [you’re so full of yourself]“.

Elvis, der sich privat für Etymologie (die Bedeutung und Geschichte von Wörtern) interessierte, nimmt diese Beleidigung spontan zum Anlass, seinem Publikum mit Verweis auf das Lexikon (Webster’s Dictionary) mal ganz genau zu erläutern, was N.I.G.G.E.R. eigentlich bedeutet, nämlich schlicht “lazy and shiftless” (dt.: faul, träge).

Der King kontert den rassistischen Zwischenruf also mit einer neutralen Bedeutungsebene des Wortes, die sich so tatsächlich in älteren Ausgaben des Webster findet, und folgert daraus entsprechend: “in that case there are white niggers, too / also gibt es auch weiße Nigger. Nigger ist also vor allem eine Frage der Einstellung und nicht der Hautfarbe.

Als Beleg für seine Erläuterung verweist er auf Charaktere in der wöchentlich ausgestrahlten amerikanischen TV-Serie Hee Haw (1969 – 1992). Gemessen am Applaus kommt diese Erläuterung beim Publikum durchaus gut an, womit die Sache für den King vorerst erledigt ist.

Welche Macht das “N-Wort” selbst in einem positiven Kontext hat, zeigte sich 2009 als der oben beschriebene Mitschnitt auf der CD Elvis From Sunset To Las Vegas des Sammlerlabels Follow That Dream (FTD) veröffentlicht wurde. Spontan gab es Beschwerden – von welcher Seite auch immer -, die dazu führten, dass FTD diese Sequenz nun nicht mehr auf der CD veröffentlicht.

Es kursieren also Versionen der Veröffentlichung mit und ohne diesen Mitschnitt (→ vielen Dank an Helmut Radermacher für diesen Hinweis) – davon abgesehen gibt’s das Ganze natürlich auch auf Bootlegs. Irgendwie sehr schade, dass es immer noch nicht ohne eingeforderte Zensur geht.

Dass Rassismus über den geschilderten Vorfall hinaus im August 1974 sehr präsent im Bewusstsein Elvis Presleys war, zeigt eine weitere Episode aus demselben Las Vegas-Engagement. Bei mehreren Konzerten erzählte Elvis seinem Publikum folgende Anekdote, die Bezug auf die Dekorationen des Showrooms nahm. Der war offensichtlich durch Wandgemälde, die Szenen aus dem 18. Jahrhundert zeigten, und barocken Putten geschmückt. Eine Steilvorlage für den King, um sein Weltbild zu transportieren:

“Richtet einen Strahler auf die Statuen an dieser Wand. O.k. Das ist schön. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber das ist schön. Tom Jones war neulich hier, und er kommt aus Wales. Ich fragte Tom, was das [Statue an der Wand des Showrooms] ist, und er sagte, dass es King Edward wäre. King George, tut mir Leid, entschuldigen Sie, Ihre Majestät. Nehmt jetzt den Strahler und richtet ihn auf diese Engel [an der Decke]. Schaut euch nur diese Kerle an, Junge. Große, fette Engel! [Jetzt] Richtet den Strahler auf diese Wand da drüben. Sie werden einen leichten Unterschied bemerken. Die ‘Kaukasier’ unter Ihnen. Das ist es doch, oder? ‘Kaukasier’? Das stand auf meiner Einberufung. Ich dachte, es würde ‘beschnitten’ bedeuten! Jedenfalls, letzte Nacht kam ich gegen 4:40 morgens hier runter, mit ein paar Freunden, die für mich arbeiten, Jerry Schilling und Red West […] Jedenfalls, er [Red West] kletterte über das Geländer, wo [die Hoteltechnik] ihr Material aufbewahrt, die Farbe und so weiter; er […] holte eine kleine Dose schwarze Farbe. Er steckte sie in seinen Gürtel, kam zurück, kletterte rüber und wir stellten zwei Tische übereinander. Ich stieg mit der Farbe und dem Pinsel hoch, und ich war Michelangelo, oder der Kerl, der die Decke im Vatikan, die Sixtinische Kapelle, malte. Ich habe diese Statue [schwarz] gemalt. Es hat 30 Minuten gedauert. Das Hotel hat kein Wort gesagt. Ich dachte nur, ich teile es mit Ihnen.”

Zitiert nach der deutschen Ausgabe von Peter Guralnick: Careless Love, Bosworth 2006

Meistens aus dem Zusammenhang zitiert, wird diese Anekdote gerne als peinliche rhetorische Episode interpretiert, die besser gar nicht erst erwähnt wird. Schade, denn es lohnt sich genauer hinzuschauen, was Entertainer Presley, der direkte Äußerungen zu politischen bzw. gesellschaftlichen Themen stets ablehnte (→ Welcome to my World – Welcome to the Promised Land), hier tatsächlich kommuniziert.

Interessant auch deshalb, weil man ihm seit den 1950ern immer wieder rassistische Tendenzen unterstellt hat (→ siehe auch Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika).

Weiterlesen

Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika

In Eugene Jareckis Dokumentation “The King – Mit Elvis durch Amerika” (2017), die vor wenigen Wochen auch im deutschen Kino angelaufen ist, zieht der amerikanische Regisseur eine provokante Parallele zwischen Leben und Karriere Elvis Presleys und dem Niedergang der USA bis zur Wahl Donald Trumps als 45. Präsidenten der Vereinigen Staaten.

 

Pop Art: Elvis Presley als humorvolle Personifikation von U(ncle) S(am).

Elvis wird in der sozialkritischen Dokumentation, in der Jarecki während des Wahlkampfes Donald Trumps am Steuer von Elvis’ 1963er Rolls Royce Phantom 5 einen Roadtrip quer durch die USA unternimmt, als Metapher für den gescheiterten amerikanischen Traum präsentiert.

Auf dem Roadtrip, der wichtige Stationen in Elvis Presleys Vita einschließt, steigen immer wieder bekannte Persönlichkeiten in den Fond des Rolls Royce, neben Musikern auch Schauspieler wie Alec Baldwin und Ethan Hawke, und erzählen aus ihrer Perspektive über den King, den American Dream und den gesellschaftlichen Ist-Zustand in den USA.

Ein spannendes Konzept für eine sozialkritische Dokumentation, die den King in den Fokus nimmt. Aber vielleicht doch ein bisschen zu weit hergeholt 40 Jahre nach dem Tod Elvis Presleys?

Was ist dran an Elvis als nach wie vor lebendigem Symbol für den (verlorenen) American Dream? Es lohnt ein Blick zurück in das Jahr 1973.

Aloha: Mit freundlichen Grüßen von Elvis aus Honululu

Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Gesungene Grüße an die Welt: Elvis am 14. Januar 1973.

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die dem King am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches politisches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem  Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das “Wie” genauer zu erläutern:

“I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.”

“Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.”

Zitat aus: Egil “Bud” Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der “American Bald Headed Eagle-Jumpsuit”, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert –  und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award, ausgezeichnet.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und  der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede anläßlich der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis’ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

“Promised Land” war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt “da draußen” daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und “antiamerikanische Tendenzen” zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

Als genialer Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

An American Trilogy hat einen starken Bezug zum Amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) sowohl in Text als auch in Melodie und verweist damit auf eine Zeit, in der ein militärischer Konflikt zwischen den – nach der Wahl Abraham Lincolns zum amerikanischen Präsidenten – aus den Vereinigten Staaten ausgetretenen Südstaaten (Konföderation) und den in der Union verbliebenen Nordstaaten entbrannte. Ursache des Bürgerkriegs war eine tiefe wirtschaftliche, soziale und politische Spaltung zwischen Nord- und Südstaaten, bei der es vor allem auch um die Abschaffung der Sklaverei im Süden ging.

Die drei in den tödlichen Konflikt verstrickten Parteien – die Vertreter der Nord-, die der Südstaaten und die versklavte afroamerikanische Bevölkerung – werden in American Trilogy durch den Marsch der Union (Nordstaaten), The Battle Hymn of Republic einerseits, durch  Dixie, der inoffiziellen Nationalhymne der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg andererseits, und All My Trials, einem Wiegenlied, das eng verwandt mit afroamerikanischen Spirituals sein soll, repräsentiert:

An American Trilogy

Oh I wish I was in the land of cotton
Old things they are not forgotten
Look away, look away, look away dixieland
Oh I wish I was in dixie, away, away
In dixieland I take my stand to live and die in dixie
Cause dixieland, that’s where I was born
Early lord one frosty morning
Look away, look away, look away dixieland

Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
Glory, glory hallelujah
His truth is marching on

So hush little baby
Don’t you cry
You know your daddy ‘s bound to die
But all my trials, lord will soon be over

Hier wird einmal mehr deutlich, dass Elvis Presleys Ansatz, Botschaften zu transportieren, ein indirekter war. Wie bei seinem Bühnenkostüm, dessen Design er selbst nie kommentierte, bediente er sich vor allem der Symbolik. American Trilogy ist kein zeitgenössischer Protestsong, bei dem der Liedtext, wie etwa beim klassischen Singer-/Songwriting, eine direkte Botschaft vermittelt, die sich leicht einordnen und interpretieren lässt.

American Trilogy in Elvis Presleys bombastischem Arrangement mit allem, was Band, Orchester sowie weiße und afroamerikanische Backgroundsänger aufzubieten haben, setzte ganz darauf, den Zuhörer emotional aufzurütteln.

Indem unterschiedliche musikalische Traditionen der amerikanischen Gesellschaft heraufbeschworen und lose miteinander verknüft werden, wird eine Analogie hergestellt zwischen dem Amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert und “America’s Uncivil War” im 20. Jahrhundert. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in den 1960er und 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts werden so als Fortsetzung eines ungelösten gesellschaftlichen Konflikts präsentiert, der tief in der Geschichte der Nation wurzelt.

Trotz des fatalistischen Liedtextes (You know your daddy ‘s bound to die) vermittelt Elvis’ Darbietung der American Trilogy die Sicherheit, dass die Nation die Stärke (symbolisiert durch den Adler) und den Glauben hat, ihre Konflikte mit Gottes Hilfe (Glory, glory haleluja, his truth is marching on) zu überwinden und ihren Bürgern – ungeachtet von Hautfarbe und Herkunft – die Verwirklichung des American Dream zu ermöglichen.

Interessant ist, dass die Gesangsstimme durchweg die Perspektive des Südstaatlers beibehält (Cause dixieland, that’s where I was born, early lord one frosty morning), was ihr vor dem Hintergrund von Elvis Presleys Vita besondere Authentizität verleiht. Gerade in den amerikanischen Südstaaten wurden die gesellschaftlichen Konflikte besonders erbittert ausgetragen – im 19. ebenso wie im 20. Jahrhundert.

Elvis Presleys American Trilogy, das von einem ehemals armen Jungen aus dem Süden, der den amerikanischen Traum lebt, dargeboten wird in einem Bühnenkostüm, das den amerikanischen Adler als Symbol für Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität symbolisiert, entwickelt eine ungeheure Kraft, der sich Zuschauer und Zuhörer des Aloha-Konzerts bis heute kaum entziehen können. Und das gilt längst nicht nur für US-Amerikaner, wie der Blick auf YouTube verrät.

In mehr als einer Hinsicht ist American Trilogy die Fortsetzung von If I Can Dream (1968), das Elvis Presley kurz nach der Ermordung Martin Luther Kings aufnahm. Auch hier spielt der American Dream eine zentrale Rolle, allerdings fehlt in der Performance noch die Personfizierung über ein symbolträchtiges Bühnenkostüm.

Ganz sicher ist es auch kein Zufall, dass der King den Gürtel seines Adlerkostüms bei seinem Konzert Aloha From Hawaii ausgerechnet nach American Trilogy ins Publikum des Honululu Convention Center warf – eine Geste, die er am Schluss des Konzerts mit dem „Fliegenlassen“ des Adler-Capes noch einmal aufnahm. Dergestalt ließ er den amerikanischen Adler um die Welt segeln.

Festzuhalten ist, dass Elvis Presley nicht zuletzt mit diesem Auftritt den bis heute lebendigen Mythos, er symbolisiere Amerika, ganz wesentlich mitbegründet hat. Es war u.a. dieser Moment, der zeitgenössische Dokumentationen wie Jareckis The King – Mit Elvis Durch Amerika nahelegt.

Elvis oder der amerikanische Albtraum

Bleibt die Frage, inwieweit Jareckis Dokumentation Elvis Presleys Sicht auf sich selbst und den American Dream überhaupt berücksichtigt. Sie tut es nicht – leider! Wie die meisten Dokumentationen über Elvis Presley stellt auch sie die Perspektiven anderer in den Mittelpunkt, ohne sie den Absichten des Protagonisten gegenüber zu stellen. In diesem Sinne ist sie eine Elvis-Dokumentation ohne Elvis. Da hilft auch der Original-Rolls nicht, mit dem Jarecki durch die USA kurvt.

Wie Jarecki in einem Interview erläutert, ist Elvis für ihn – und in der Erweiterung auch für alle, die in der Dokumentation zu Wort kommen – vor allem eine Metapher für das Scheitern des American Dream, das eine lange Vorgeschichte hat, aber nie deutlicher zutage trat als im Zeitalter Donald Trumps.

 

Die Metapher macht Jarecki, dessen Familie vor dem Holocaust aus Deutschland in die USA floh, vor allem an Parallelen zwischen der Situation, in der sich die amerikanische Gesellschaft derzeit befindet, und einer sehr einfachen Sicht auf das Leben Elvis Presleys fest. Eine Sicht, die sich schon früh nach dem Tod Presleys etablierte und daher sehr weit verbreitet ist, mittlerweile aber einer differenzierteren Sichtweise Platz gemacht hat.

Die vereinfachte Sicht, hundertfach nacherzählt, geht so: Elvis startete als junges unverbrauchtes Naturtalent, wurde aufgrund seines Genies weltberühmt, in der Folge zwangsläufig durch seinen Megaerfolg korrumpiert, verschwendete sein Talent in Hollywood und landete – nach einer kurzen Rückkehr zu alter Größe 1968 – in Las Vegas, wo er völlig übersättigt und vollgepumpt mit Tabletten fragwürdigen Wirkunsgrades sein Talent einbüßte und viel zu früh verstarb. Abgerundet wird das Ganze häufig noch mit John Lennons Zitat, dass Elvis im Grunde schon starb, als er 1958 zur Armee ging. 1973 wäre er damit bereits 15 Jahre tot gewesen.

Was so vielversprechend begann, entwickelte sich wie die Vision des American Dream schon sehr bald zu einem Albtraum erster Güte – und ist deckungsgleich mit dem Zustand der amerikanischen Gesellschaft in der Ära Trump. “Amerika, wenn Du nicht endlich aufwachst, wirst Du enden wie Elvis”, ist die Botschaft in Jareckis Dokumentation.

Elvis ist hier das Symbol für einen Totalschaden des American Dream – sinnigerweise gibt auch sein Rolls Royce auf Jareckis Roadtip irgendwann den Geist auf.

Der American Dream als Totalschaden: Elvis Rolls Royce wird abgeschleppt.

Fazit: Jareckis The King – Mit Elvis durch Amerika, auch bekannt unter dem wesentlich treffenderen Titel “Promised Land”, ist sicher sehenswert, aber sie ist keine Elvis-Dokumentation im eigentlichen Sinne. Das sollte man wissen.

Elvis ist vor allem ein unterhaltsamer Aufhänger, um einen sozialkritischen Gesichtspunkt bildhaft an den Mann und die Frau zu bringen. Aber ganz offensichtlich ist er einer, der immer noch zieht, was zeigt, wie tief verankert im amerikanischen Bewusstsein der King mehr als 40 Jahre nach seinem Tod immer noch ist.

Are You… Laughing Tonight?

Heute schon so richtig von Herzen gelacht? Nein? Da gibt’s ein Gegenmittel: rein in die Zeitmaschine, zurück ins Jahr 1969, genauer gesagt den 26. August 1969, den besten Platz ganz vorne im großen Showroom des International Hotel in Las Vegas entern und Elvis sehen und vor allem hören: Are You… Laughing Tonight?

Einer hat gut lachen: Elvis Presley bei seinem 1. Las Vegas-Engagement im August 1969

Hat gut lachen: Elvis Presley bei seinem 1. Las Vegas-Engagement im August 1969

»Are You Lonesome Tonight« (Lachversion), Midnight Show, Las Vegas 26.8.1969 –
Elvis All Shook Up, Sammlerlabel FTD 2005

Weiterlesen

Revisited: Elvis Presleys Aloha From Hawaii

Was hat Richard Nixon mit Elvis Presleys legendärem Fernseh-Special Aloha From Hawaii zu tun? Er hat die Idee dazu geliefert… ganz unfreiwillig. Denn der Einfall, ein Elvis-Konzert via Satellit weltweit zu übertragen, kam seinem Manager Colonel Tom Parker (alias Andreas van Kuijk, 1909 – 1997), als er im amerikanischen Fernsehen ausgerechnet eine per Satellit übertragene Live-Sendung zum Staatsbesuch des Präsidenten Richard Nixon in China sah.

Was der Präsident kann, kann mein Junge schon lange, dachte sich wohl der findige “Colonel” und verkündete im Sommer 1972 erstmals den Plan, ein Elvis-Konzert von Hawaii aus per Satellit weltweit auszustrahlen. Auf diese Weise sollte der internationalen Fangemeinde des King das Live-Erlebnis Elvis Presley – quasi vom heimischen Fernsehsessel aus – ermöglicht werden. Möglich gemacht mit innovativer Satellitentechnik.

Kult: Elvis Presley – Aloha From Hawaii – 14. Januar 1973

Ursprünglich war die Satelliten-Show schon für November 1972 geplant, da aber MGM (Metro Goldwyn Mayer) fürchtete, das Konzert könnte von dem dann gerade erst in die Kinos kommenden Dokumentarfilm Elvis On Tour ablenken, verschob man das Vorhaben kurzerhand auf den 14. Januar 1973, was erstmals auf einer Pressekonferenz in Las Vegas am 4. September 1972 verkündet wurde.

Eine weitere Pressekonferenz folgte am 20. November in Honolulu, wo Elvis Presley am 18. und 19. November 1972 schon mal einen Vorgeschmack auf sein noch folgendes Aloha-Konzert gegeben hatte. Ausschnitte aus den beiden Pressekonferenzen sind im folgenden YouTube-Video zu sehen, selten zu findende Sequenzen finden sich zwischen 4:27 und 7:22.

Aloha From Hawaii: Die sagenumwobene Einschaltquote

Bei diesen Pressekonferenzen und in einer Pressemitteilung aus demselben Zeitraum war erstmals die Rede davon, dass man über 1 Milliarde Zuschauer weltweit erwartete, was im Grunde nichts weiter als einer Hochrechnung entsprach, bei der man offensichtlich die Einwohner der Länder addierte, deren Fernsehstationen eine Sendelizenz des Aloha-Konzerts zu erwerben gedachten oder dies rein theoretisch hätten tun können. Kurioserweise sollte ausgerechnet Großbritannien – traditionell Heimat einer der größten Elvis-Fangemeinden – keine Sendelizenz erwerben, Hongkong, damals noch britische Kronkolonie, allerdings schon.

Und Deutschland? Dem damalige NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier, der in West-Deutschland verantwortlich zeichnete, war das Vorhaben eines Elvis Presley Konzerts live per Satellit schlicht zu riskant, er traute der Technik nicht und argumentierte zudem, die Lizenz sei zu teuer. An dieser Haltung konnte auch das folgende heftige Rauschen im deutschen Blätterwald, dass wir als technikaffine Nation uns gerade hier ja wohl nicht als Spaßbremsen erweisen sollten, nichts ändern.

Regnier setzte auf die Aufzeichnung, von deren Qualität sich der NDR am 21. Januar 1973 erst einmal selbst überzeugte – ich sag’s ja immer, es geht ja nix über deutsches Qualitätsstreben ;-). Das Urteil fiel positiv aus, man  erwarb daraufhin zusammen mit Österreich und der Schweiz im Rahmen der Eurovision eine Lizenz und der King konnte endlich am 12. März 1973 zur besten Sendezeit um 21.00 Uhr – also fast zwei Monate nach dem eigentlichen Ereignis – mit Aloha From Hawaii in der ARD auf Sendung gehen.

Weiterlesen

Elvis in Concert 1977: Showtime in Omaha und Rapid City

Am 17. Juni 1977 startete Elvis Presley seine 29. Tournee durch die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1970. Zehn Städte in zehn Tagen – sieben verschiedene Bundesstaaten im Mittleren Westen standen diesmal auf dem Programm. Von Missouri und Nebraska ging es über South Dakota, Iowa, Wisconsin und Ohio weiter nach Indiana. In der Market Square Arena in Indianapolis gab Elvis Presley am 26. Juni 1977 sein letztes Konzert. Sieben Wochen später war er tot.

Begleitet wurde der King auf seiner letzten Tournee vom Kamerateam um die → Produzenten Dwight Hemion und Gary Smith, die im Auftrag des TV-Senders CBS die Konzertdokumentation Elvis In Concert produzierten. Das Konzept von Smith-Hemion Productions sah neben → Sequenzen der dänischen Dokumentarfilmerin Annett Wolf zum Fan-Geschehen rund um ein typisches Elvis-Konzert und dessen Vermarktung vor, zwei Konzerte dieser Tournee mitzuschneiden.

Elvis Presley im Omaha Civic Auditorium am 19. Juni 1977

Die Wahl fiel auf das Konzert im Omaha Civic Auditorium in Omaha/Nebraska vom 19. Juni 1977 und das im Rushmore Plaza Civic Center in Rapid City/South Dakota zwei Tage später. Im Omaha Civic Auditorium hatte der King zuletzt im Juni 1974 gleich mehrere Konzerte gegeben. Im Rapid City durfte er am 21. Juni 1977 das Rushmore Plaza Civic Center, die gerade erst fertiggestellte Veranstaltungsarena für Sport- und Musik-Events, eröffnen. Ein besonderer Anlass also, auf den die Stadtväter von Rapid City immer noch gerne mit Stolz verweisen.

Für weitaus weniger Freude sorgen bis heute allerdings die beiden in Omaha und Rapid City gefilmten Elvis-Konzerte selbst. Denn sie werden allgemein – vor allem das in Omaha – zu den schlechtesten Auftritten der gesamten Presleyschen Karriere gezählt.

Wegen ihrer als imageschädigend empfundenen Wirkung werden sie samt Elvis in Concert-Dokumentation sowie des nicht verwendeten Filmmaterials auf Betreiben der Presleyschen Nachlassverwalter und Rechteinhalber nicht mehr gezeigt und sind damit auch nicht regulär auf DVD erhältlich. Nur wenige Ausschnitte, wie etwa Unchained Melody aus dem Konzert in Rapid City, sind bislang auf DVDs wie Elvis Presley – The Great Performances erschienen.

Das ist schade, denn das Filmmaterial als Ganzes hat auf jeden Fall einen dokumentarischen Wert. Das zu zeigen, bleibt den Veröffentlichungen des grauen Markts vorbehalten, die immer wieder ihren Weg in die Social Media-Plattformen finden, wo sie selbst in ihrer oftmals schlechten Ton- und Bildqualität millionenfach angeschaut werden.

Prelude: Elvis wants to say hello

Kurz vor Showbeginn in Omaha hatten die Produzenten Smith und Hemion es längst aufgeben, endlich einmal persönlich mit dem Star ihres TV-Specials Elvis in Concert zu sprechen. Manager Colonel Tom Parker hatte dem Team von Anfang an eingeschärft, dass jede Kontaktaufnahme mit Elvis Presley unerwünscht war, sie sich schlicht auf den Mitschnitt der Konzerte zu beschränken und den Star ansonsten nicht zu behelligen hätten. Daran schien kein Weg vorbeizuführen.

Umso überraschender kam für Gary Smith und Dwight Hemion Elvis’ Einladung zum Gespräch nur wenige Minuten vor Beginn des Konzerts am 19. Juni 1977, wie sie Jahre später Autor Allen Wiener (Channeling Elvis, 2014) in einem Interview erzählten. Gleichzeitig liefert die Beschreibung der ersten Begegnung eine erste Erklärung dafür, warum die nicht schon viel früher stattgefunden hatte – der Backstage-Bereich hatte die Atmosphäre einer Arztpraxis:

We were told that ‘he wants to say hello to you’. We had not met him yet. I remember the smell of the dressing room was like when you were a kid and you had a cough and you had to breathe into a vaporizer. It had a vaporizer odor to it. He was drinking Gatorade. In Chicago [May 1, 1977] he looked a bit overweight, but in Omaha, he was quite heavy; heavier than I’d ever seen him before. I could see that he was wearing a cincher around his waist. It looked like his chest was expanded.

He looked terrible. I think the big reason for the way he looked had to do with drugs.

Gary Smith (oben) und Dwight Hemion in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Abgesehen von seinem “nicht fernsehtauglichen” Erscheinungsbild empfanden Smith und Hemion das Treffen als angenehm. Der King sei sehr freundlich und zuvorkommend gewesen, erinnerten sie sich später. Er machte ihnen Komplimente zu anderen TV-Specials, die er gesehen und die ihm offenbar gefallen hatten.

Die Produzenten hatten auch keineswegs den Eindruck, dass der Star irgendwie neben sich stand. Ganz und gar nicht. Allerdings zeigte er sich auch nicht tiefer interessiert an dem Special über ihn selbst, was sie verwunderte. War er besser informiert als sie dachten? Oder schlicht desinteressiert? Elvis blieb eine Antwort schuldig – Fragen hatte er auch keine:

He never asked us what the concept of the show was, what we were doing, if there was an opening. He never asked anything.

Gary Smith in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Als sie Kameraeinstellungen ansprachen, zeigte sich Elvis kooperativ, machte aber auch seine einzige Präferenz klar: Mit einer weiteren Kamera auf der Bühne sei er einverstanden, aber nicht zu dicht, denn er wolle auf keinen Fall, dass die Sicht des Publikums blockiert werde. Beim Licht argumentierte er ähnlich. Bei den Balladen müsse es stimmungsvoll dunkel bleiben. Nichts solle das Erlebnis seines Publikums mindern. Weitere Vorgaben, etwa wie er selbst abzulichten sei, machte er nicht.

Elvis in Omaha am 19. Juni 1977: Der King in Zeitlupe

Der Ruf des Konzerts, das Elvis Presley unmittelbar nach dem Gespräch mit Hemion und Smith am 19. Juni 1977 in Omaha gab, hat über die Jahrzehnte das Ausmaß eines Supergaus erreicht. Wie war die Show wirklich?

Weiterlesen

Elvis in Concert 1977: The Storyteller

Nachdem die Produzenten Gary Smith und Mike Hemion am 1. Mai 1977 das Elvis-Konzert in Chicago gesehen hatten, beschlossen sie, dem geplanten CBS-TV-Special Elvis in Concert eine neue Ausrichtung zu geben.

Die Produzenten fanden, dass Elvis in Chicago einen kranken, übergewichtigen und wesentlich weniger dynamischen Eindruck machte, als sie erwartet hatten. Einfach ein Elvis-Konzert im Rahmen einer Tournee zu filmen, kam nun nicht mehr in Frage, sollte das einstündige TV-Special ein Erfolg werden.

Elvis Presley wenige Monate vor seinem Tod bei den Aufnahmen zu seinem letzten TV-Special Elvis in Concert im Mai 1977

Erschwerend kam hinzu, dass Elvis Presleys Manager, der knallharte “Colonel” Tom Parker (alias Andreas van Kuijk), den Produzenten unmissverständlich klarmachte, dass eine Mitarbeit seines Stars bei der Dokumentation nicht in Frage kam. Eine Kontaktaufnahme der Produzenten mit Elvis – welcher Art auch immer – war verboten. Von einem Interview ganz zu schweigen. Keine guten Voraussetzungen also.

Das brachte Hemion und Smith auf die Idee, sich einen weiteren Profi ins Team zu holen: Sie engagierten die dänische Dokumentarfilmerin, Produzentin, Regisseurin und Autorin Annett Wolf (*1936). Wolf hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon erfolgreich mehr als 80 TV-Specials und Kurzfilme, etwa über Peter Ustinov, Dave Allen, Jacques Brel, Peter Sellers und Charlie Chaplin, für das dänische Fernsehen produziert. Anfang der 1970er war sie ebenfalls als Theaterdirektorin für das Royal Danish Theatre tätig.

Ab 1976 arbeitete Wolf in den USA, wo sie schnell an ihre Erfolge in Dänemark anknüpfen konnte. Noch im selben Jahr drehte sie die Dokumentationen The World of Alfred Hitchcock – 1978 folgte Jaws (Der weiße Hai) – The Making of. In den 1980ern machte sich die Dänin einen Namen als Mitbegründerin der Women in Film and Television International (WIFTI), einem Netzwerk für Frauen in der Film- und TV-Branche.

2000 gründete die engagierte Filmemacherin The Wolf Foundation, eine Non-Profit-Organisation zur Erhaltung und zum Schutz der Natur in der kanadischen Arktis. Später lehrte sie an verschiedenen Colleges und Universitäten zum Thema Interviewtechniken und gründete ihre eigene Produktionsfirma Wise Wolf Productions. Seit 2004 lebt Annett Wolf in Kanada.

Filmemacherin Annett Wolf beim European Elvis Festival 2016 in Bad Nauheim

Bekannt war Wolf früh für ihre Tiefeninterviews, in denen es ihr gelang, bis dahin unbekannte Innenansichten ihrer Interviewpartner zum Vorschein zu bringen, wie etwa in ihrem Porträt The World of Jerry Lewis (1972). Man kann also sagen: Annett Wolf für die geplante Elvis-Doku zu engagieren, war ein richtig guter Schachzug von Hemion und Smith.

Annett Wolf: “I fell in love with his voice”

Allerdings war Wolf, wie sie in einer Talkrunde im Rahmen des 15. European Elvis Festivals 2016 in Bad Nauheim erzählte, kein ausgewiesener Elvis-Kenner, als die Produzenten sie engagierten. Als großer Fan von Miles Davies war sie viel zu wenig vertraut mit der Musik des King. Kein Problem für Hemion und Smith. Sie schickten der lebhaften Dänin gleich mehrere Kisten voll mit Platten, damit sie sich vor Drehbeginn umfassend einhören konnte.

Eine wundervolle Art, sich ihrer Arbeit an der Dokumentation zu nähern, wie Wolf bis heute findet. Sie war allein mit dieser Stimme – nichts lenkte davon ab. Sie habe sich augenblicklich in die Stimme verliebt, so die Filmemacherin. Besonders Elvis’ Gospelsinterpretationen beeindruckten sie nachhaltig. In der tiefen Spiritualität und Humanität, die er darin zum Ausdruck brachte, sieht Wolf bis heute den Kern seiner Persönlichkeit und gleichzeitig auch die große Anziehungskraft für sein Publikum.

Weiterlesen

Elvis darf nicht sterben

Hier sitze ich also in Block N der Frankfurter Festhalle an einem frühsommerlichen Samstagabend Ende Mai 2017. Nach längerer Überlegung habe ich sie mir dann noch besorgt, die Eintrittskarte zu Elvis in ConcertDas Original aus Graceland, wie auf meiner Karte zu lesen ist.

Elvis in Concert 2017 – Festhalle Frankfurt

Letzteres ist reichlich schräg, denn eins werde ich heute Abend ganz sicher nicht zu sehen und zu hören bekommen: das “Original aus Graceland”. Elvis Presley ist nämlich verhindert… seit ziemlich genau 40 Jahren. Ein Todesfall ist ihm dazwischen gekommen… Es war sein eigener. Leider!

Wenn man diese Tatsache einen Moment “sacken” lässt, (ich tue es, während ich meinen Platz suche), dann ist es erstaunlich, dass die Festhalle so gut besucht ist an diesem Samstagabend. Nicht ausverkauft, aber gut besucht. Das Publikum ist deutlich 40+, viele Paare, aber auch ganze Familien sind darunter.

Neben mir sitzen zwei unternehmungslustig dreinblickende Mitvierzigerinnen, offensichtlich Freundinnen, die sich schön gemacht haben für die “special occasion”. Schade, dass der King die Beauties heute Abend nicht gebührend wird würdigen können.

Denn was wir jetzt in den nächsten zwei Stunden zu sehen bekommen, ist ein Konzert des King in Abwesenheit des King. Genauer gesagt gibt es eine weitere Auflage von Elvis in Concert (→ Elvis in Concert 2012, → Elvis Presley On Stage 2014), bei dem Elvis per Videoprojektion zu sehen und mit Originalstimme zu hören ist.

Musikalisch begleitet wird er diesmal vom Czech National Symphony Orchestra, also nicht seinen Originalmusikern, wie das bis 2012 der Fall war. Wen wundert’s, die Herrschaften aus Elvis’ ehemaliger Band sind inzwischen ja auch schon weit über 70.

Eine weitere Neuerung des Konzepts: Priscilla Presley, “Ex-Ehefrau-Witwe” des King, moderiert das Ereignis und wird, so heißt es, Einblicke in die private Seite des King bieten. Oha. Ich dachte immer, da wäre schon alles gesagt seit der Veröffentlichung von Elvis & Me vor gut 30 Jahren und der Dokumentation Elvis by the Presleys… Denkste.

Das Ganze steht unter dem Motto The Wonder Of You – Titel eines Elvis-Songs aus den 1970ern und passenderweise auch der Titel einer erfolgreichen CD aus dem Jahr 2016, auf der Elvis-Klassiker mit dem Royal Philharmonic Orchestra vertont wurden. 2015 gab es die erste sehr erfolgreiche Version von Elvis mit dem Royal Philharmonic Orchestra: If I Can Dream. Mit ihr kam der King in vielen Ländern bis in die Spitze der Charts. Jetzt gibt es also die Europatournee dazu, allerdings mit einem anderen Orchester.

Der Clou: Priscilla Presley – zu Lebzeiten des King völlig außer vor, was die Karriere ihres Göttergatten anging – fungierte als Co-Executive-Producer beider Erfolgsscheiben und erfüllt, so heißt es, ihrem Ex mit der neuen Tournee den Wunsch, einmal gemeinsam mit großem Orchester aufzutreten. Wirklich eine nette Geste von ihr, oder? Endlich darf er mal mit Orchester, nicht nur mit so einer “mickrigen” 3-Mann-Band. Jawoll!

Komisch nur, dass Elvis’ bei seinen Auftritten in den 1970ern zusätzlich zur legendären TCB-Band auch dauernd ein Orchester am Start hatte, etwas, was den Rock ‘n’ Roll-Puristen bis heute so derart gegen den Strich geht, das sie für “Vegas-Elvis” nur vielfach dokumentierte Verachtung übrig haben. Aber wer könnte sich Elvis’ berühmte American Trilogy ohne das wunderbare Zusammenspiel des Joe Guercio Orchestra mit der TCB-Band vorstellen?

Man merkt schon, an der Elvis-Legende wird auch weiterhin eifrig gestrickt – posthume Wunscherfüllung inklusive: Elvis darf einfach nicht sterben. Aber zurück in die Frankfurter Festhalle.

Elvis In Concert 2017: Programm

Auftritt für Elvis und das vielseitige Czech National Symphony Orchestra aus Prag, das sich 1993 formierte und das neben Klassik auch Jazz sowie Musical im Portfolio hat. Dirigiert wird es von Maestro Libor Pešek. Es geht los mit dem Klassiker If I Can Dream aus dem TV-Special ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special.

In Frankfurt läuft dazu auf Leinwand der Liedtext – klatschen und mitsingen ausdrücklich erlaubt. Die Videoprojektionen laufen auf einer großen Leinwand hinter dem Orchester, einer weiteren direkt über dem Orchester und zwei kleineren an den Seiten der Halle ab. Da Leinwände bei Konzerten heute schlicht Status Quo sind, damit alle gut sehen können, was auf der Bühne vor sich geht, könnte man fast vergessen, dass der Star von Elvis In Concert gar nicht auf der Bühne steht. Es starren sowieso alle auf die Leinwände. Allerdings könnte die Akustik – wie immer in der Festhalle – durchaus besser sein.

Nach dem Konzertauftakt mit If I Can Dream folgt Priscilla Presleys erster Auftritt mit Begrüßung des Publikums in deutscher Sprache. Kunststück: Die Dame hat einige Jahre ihrer Schulzeit in Deutschland verbracht, wo sie 1959 ja auch ihren berühmten Ehemann kennenlernte, der als G.I. der US-Armee im hessischen Friedberg stationiert war. Aber für mehr als ein paar Sätze reicht ihr Deutsch nach fast 60 Jahren dann doch nicht mehr.

Weiterlesen

Elvis Presleys ‘How Great Thou Art’

Mit How Great Thou Art hat Elvis Presley gleich zwei seiner insgesamt drei Grammys eingefahren. Den ersten für sein zweites Gospel-Album How Great Thou Art, das der King im Mai 1966 – also vor genau 50 Jahren –  in RCAs Studio B in Nashville aufnahm, und einen weiteren für eine Liveversion des Titelsongs, die er am 20. März 1974 bei einem Konzert in Memphis sang. Sie ist verewigt auf dem Album Elvis Recorded Live On Stage in Memphis (1974).

How Great Thou Art ist damit also ein doppelter Gewinner – besonders die Studioversion vom 25. Mai 1966 wird heute zu den besten Gesangsdarbietungen des Memphis Flash gezählt.

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presley verband von Kindes Beinen an eine große Liebe zur Gospelmusik der amerikanischen Südstaaten. Sang er Gospels, dann legte sich der King jedes Mal mächtig ins Zeug mit einer Intensität und einer inneren Überzeugung, die sich in seinem Repertoire in dieser gleichbleibend hohen Qualität sonst kaum findet, findet etwa Musikhistoriker Will Friedwald.

Zu Elvis’ frühen Heroen zählten die Sänger der bekannten Gospelquartette Blackwood Brothers und Statesmen Quartet. Besonders der charismatische Leadsänger der Statesmen, Jake Hess (1927–2004), hatte es dem jungen Elvis angetan. Hess gründete Anfang der 1960er mit den Imperials eine eigene Gospelformation, die später sowohl im Studio als auch live mit Elvis erfolgreich war und die es bis heute gibt.

Bevor Elvis sein Glück als Solist in Sam Phillips Sun Studio suchte, hoffte er Anfang der 1950er vergeblich auf einen Einstieg als Gospelsänger bei den Nachwuchstruppe der Blackwood Brothers, den Songfellows. Das klappte nicht, da er sich gesanglich nicht in die Gruppe einfügen konnte. Die Songfellows erkannten vor Elvis, dass ihm eine Karriere als Solosänger besser passte, und “stupsten” in mit ihrer Ablehnung in die entscheidende Richtung:

“As long as [Elvis] was singing lead, he was fine. But when the baritone or the tenor took over, someone had to sing harmony, and he could not harmonize. He’d sing baritone a line or two, then switch off to tenor a couple of lines, and wind up singing the lead part. That was the reason we didn’t take him into the quartet with us.”

Songfellow-Mitglied Jim Hamill zitiert nach The Sound of Light: A History of Gospel Music

Elvis Presley soll zunächst ganz schön gefrustet gewesen sein, dass die Songfellows ihn nicht haben wollten, löste das “Problemchen” dann aber auf seine Weise: Er machte Weltkarriere als Solosänger und engagierte seine geliebten Gospelquartette einfach als Backgroundsänger – angefangen von den Jordanaires über die schon erwähnten Imperials bis zu den Stamps. Eine bis heute sehr hörenswerte Lösung eines Problems.

Wenn der King es ganz perfekt haben wollte, dann kamen gleich mehrere Gospelformationen zum Einsatz, wie etwa bei der Aufnahmesession für das Album How Great Thou Art im Mai 1966. Am Grammy-Gewinner waren nämlich sowohl die Jordanaires – seit 1956 fester Bestandteil seiner Studioalben, Live-Auftritte und auch frühen Filme – mit Gordon Stoker, Neal Matthews, Hoyt Hawkins und Ray Walker als auch die noch jungen Imperials mit Elvis’ Jugendidol Ex-Statesmen Jake Hess beteiligt.

Weiterlesen

Ausverkauft! Elvis – das Musical

AUSVERKAUFT steht in großen Lettern auf dem Plakat, das am Eingang des Rüsselsheimer Theaters unübersehbar Elvis – das Musical ankündigt. AUSVERKAUFT, ELVIS, RÜSSELSHEIM?! Noch bin ich skeptisch, werde aber sofort eines Besseren belehrt, als ich die Menschenmenge sehe, die sich an diesem Freitagabend kurz vor 20 Uhr ebenso zielstrebig wie gut gelaunt vom Parkplatz auf den Eingang des Theaters zu bewegt.

Elvis - das Musical mit Grahame Patrick

Elvis – das Musical mit Grahame Patrick

“So voll habe ich das hier noch nie erlebt”, bestätigt eine sympathische ältere Dame im Foyer. Sie muss es wissen, schließlich hat sie ein Theaterabonnement, wie sie mir gleich erzählt. Trotzdem sei sie wählerisch, betont meine neue Zufallsbekanntschaft. Nur 3 handverlesene Aufführungen pro Saison gönne sie sich zusammen mit ihrer Freundin. Und heute steht ganz was Besonderes auf dem Plan im Großen Haus der Opelstadt. Nein, nicht Molière oder Mozart, sondern ELVIS. “Den mochte ich schon immer”, spricht’s und zieht mit der gerade eintreffenden Freundin flugs von dannen in Richtung Getränkestand. Ein Weinchen oder ein Prosecco, bevor es losgeht, das muss jetzt noch drin sein.

Ich trolle mich derweil schon mal auf meinen Platz in Reihe 5, erst mal ohne Weinchen oder Prosecco. Es ist proppenvoll im Saal. Das Publikum ist gut 45+, meistens Paare, ebenso viele Männer wie Frauen. Die Stimmung gleicht verhaltener Erwartungsfreude. Endlich ist der King “in the building”, besucht die Autostadt Rüsselsheim… Na ja, fast.

Weiterlesen

Spotlight 5. Juni 1956: “You ain’t nothing but a Hound Dog”

Am 5. Juni 1956 versetzte Elvis Presley die amerikanische Fernsehnation in Aufruhr. Das gelang ihm mit der knapp zweieinhalb Minuten langen, sehr dynamischen Parodie eines Rhythm-and-Blues-Songs, den die Songwriter Jerry Leiber und Mike Stoller Anfang der 1950er ursprünglich für Sängerin Willie Mae “Big Mama” Thornton komponiert hatten: Hound Dog.

Elvis Presleys Live-Auftritt in Milton Berles beliebter TV-Show am Dienstag, den 5. Juni 1956, katapultierte den 21-jährigen Nachwuchssänger aus den Südstaaten mit einem Schlag in das Bewusstsein der breiten amerikanischen Öffentlichkeit und machte ihn zu einer kontrovers diskutierten Figur, zum enfant terrible der Rock ‘n’ Roll-Generation. 40 Millionen US-Amerikaner (bei einer Gesamtbevölkerung von damals rund 169 Mio.) sollen den Auftritt zur besten Sendezeit in “Uncle Miltie’s” Varieté-Show gesehen haben. “Elvis the Pelvis” war geboren.

 

 

Bis heute gehört der nationale Aufreger von 1956 zu den bekanntesten Performances des King und ist fester Bestandteil der amerikanischen Popkultur. Als solcher wird er etwa in Robert Zemeckis oscarträchtigem Filmklassiker Forrest Gump (1994) mit Tom Hanks in der Hauptrolle beschworen. Am 5. Juni 1956 schrieb Elvis Presley also ein weiteres Mal Geschichte (→ Spotlight 5. Juli 1954). Höchste Zeit, dem “Windhund” hier im Blog ein mehrteiliges Special zu widmen. Im 1. Teil geht es heute um Elvis’ Auftritte in der Milton Berle Show am 3. April und 5. Juni 1956.

Vorspiel April 1956: Elvis trifft Mr. Television

Einer von zwei Triple Crown Awards für Heartbreak Hotel, 12. Mai 1956

Einer von zwei Triple Crown Awards für Heartbreak Hotel, 12. Mai 1956

Elvis Presleys Wechsel vom regionalen Plattenlabel SUN zum etablierten New Yorker Label RCA Ende 1955 und die im Januar 1956 folgenden ersten Live-Auftritte im nationalen TV gaben der Karriere des Nachwuchsstars den entscheidenden Schub. War er bis dahin vor allem in den Südstaaten bekannt, machten ihn seine erste RCA-Single Heartbreak Hotel/I Was The One, das Debütalbum Elvis Presley und die ersten TV-Auftritte in Jimmy und Tommy Dorseys Stage Show (Januar bis März 1956) in nur wenigen Monaten zum nationalen und schnell auch zum internationalen Superstar.

Sogar der deutsche Spiegel widmete Mr. Presley 1956 erste Beiträge, im Dezember sogar ein eigenes Cover sowie einen längeren Artikel, der den damaligen Zeitgeist und die Aufregung um das Phänomen Elvis Presley gut auf den Punkt bringt.

Als Elvis im Frühjahr 1956 in San Diego zum ersten Mal auf Milton Berle traf, um am 3. April zusammen mit seiner Band bestehend aus Gitarrist Scotty Moore, Bassist Bill Black und Drummer D.J. Fontana in  Berles Show beim TV-Sender NBC aufzutreten, hatte er mit Heartbreak Hotel bereits einen Nummer-1-Hit in Billboards Country-Charts eingefahren, einen weiteren Rang 1 in den Pop-Charts sowie zwei Triple-Crown-Awards für Heartbreak Hotel auf den Weg gebracht.

Inzwischen kletterte auch das Debütalbum Elvis Presley in den Albumcharts eifrig nach oben, wo es Anfang Juni die Nummer 1 wurde. Kein Wunder also, dass Milton Berle dem Publikum seiner Show den jungen Gast aus Memphis  als “America’s new singing sensation” vorstellte.

War Elvis’ zu diesem Zeitpunkt eindeutig auf einem aufsteigenden Ast, war die lange Karriere des Komikers Milton Berle (1908–2002) 1956 eher im Sinkflug begriffen. Dabei war Berle ein richtiger Tausendsassa. Er hatte sich schon als Kinderstar in der Stummfilmära einen Namen gemacht, war in jungen Jahren bereits erfolgreich am Broadway, reüssierte im Vaudeville, der US-amerikanischen Spielart des Varietés, und konnte sich in den 1930ern als Stand-Up-Comedian etablieren.

Bevor Berle Ende der 1940er das Medium Fernsehen für sich entdeckte – seine Milton Berle Varieté-Show erreichte teilweise bis zu 80 Prozent des amerikanischen Fernsehpublikums -, war er mit verschiedenen eigenen Radiosendungen erfolgreich.

Milton Berle ca. 1950

Milton Berle ca. 1950

Bei aller Vielseitigkeit bleib Berle sich stets treu: Er war ein Slapstick-Komiker und tief dem US-Vaudeville verbunden. Berle gilt heute als einer der ersten Superstars der TV-Ära in den USA, was ihm früh den Spitznamen “Mr. Television” einbrachte. Bekannt ist er auch als “Uncle Miltie”, ein Name, den er selbst mit einem Standardspruch für seine jugendlichen Zuschauer prägte: “Listen to your Uncle Miltie and go to bed“. Das Ende von Berles Ära als Mr. Television setzte ein, als Konkurrenzsender CBS 1955 die bald sehr populäre TV-Serie The Phil Silvers Show dienstags zur selben Sendezeit ins Rennen schickte. Die witzige Phil Silvers Show war neu, die Milton Berle Show war es jetzt nicht mehr.

Die Idee, den schwindenden Quoten der Milton Berle Show 1956 mit Elvis Presley auf die Sprünge zu helfen, war naheliegend, da RCA – Elvis’ Plattenlabel – zugleich auch Sponsor der Milton Berle Show war. Und so kam es, dass sich Elvis am 3. April 1956 in “Uncle Miltie’s” Varieté-Show wiederfand, die vom Deck eines Flugzeugträgers der US-Marine aus, der U.S.S. Hancock vor San Diego, auf Sendung ging.

Das Live-Publikum vor Ort bestand in erster Linie aus Angehörigen der US-Marine. Ganz typisch für Berles Varieté-Show trat auch an diesem Abend eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Gäste in bunter Reihenfolge auf, darunter Badenixe Esther Williams. Das Ganze garniert mit viel Stand-Up-Comedy von Berle, dessen Spezialität neben abgefahrenen Kostümen die schrägen Sketche mit seinen Gästen waren. Damit machte er auch vor Elvis nicht halt, wie in diesem Video zu sehen ist, in dem Milton Berle  Elvis’ Zwillingsbruder Melvin gibt:

 

 

Der Sketch ist aus heutiger Sicht ziemlich antiquiert, aber was man gut sehen kann, ist, dass Elvis und Milton Berle sich offensichtlich sympathisch waren. Im Vergleich zur Interaktion mit anderen Moderatoren, etwa Steve Allen oder Ed Sullivan, wirkt Elvis Presley hier sehr entspannt, natürlich und selbstsicher. Miltons Humor mag nicht jedermanns Sache gewesen sein, aber bösartig war er sicher nicht. Zudem verhielt sich der selbst ziemlich abgefahrene Gastgeber weder bei den Proben noch bei der Show von oben herab oder machte Anstalten, die dynamichen Auftritte seines Gastes in irgendeiner Form zu beeinflussen oder gar zu zensieren, wie das später der Fall sein sollte. Im folgenden Video ist Elvis’ mit Heartbreak Hotel am 3. April 1956 zu sehen.

 

 

5. Juni 1956: Hound Dog oder wie ein Windhund einen Sturm auslöst

Elvis und Milton Berle waren also eine ziemlich gute Kombination: Sie profitierten gleichermaßen von der Zusammenarbeit. Milton in Form gestiegener Einschaltquoten, die er dringend benötigte, und Elvis durch die Steigerung seiner Bekanntheit, was sich positiv auf die Chartpositionen und Abverkäufe seiner Platten auswirkte. Eine klare Win-Win-Situation also. Daher war es für Milton Berle auch überhaupt keine Frage, Elvis zu einer zweiten Show am 4. Juni 1956 einzuladen und gleich noch einmal das Honorar  zu erhöhen.

Weiterlesen