Speedway: Elvis mit Nancy auf der Piste

Der Film Speedway aus dem Jahr 1968 markiert das Ende einer Ära: Es ist das letzte der klassischen Elvis-Musicals, zu dem auch ein Soundtrack-Album erschien.

Der Hollywoodstreifen mit Elvis Presley und Nancy Sinatra in den Hauptrollen wurde im Sommer 1967 von Douglas Laurence unter der Regie von Altmeister Norman Taurog für Metro Goldwyn Mayer (MGM) produziert, lief aber erst ein Jahr später, nämlich ab Mitte Juni 1968, in den amerikanischen Kinos.

Speedway: Original-Filmplakat aus dem Jahr 1968 – aus: Helmut Radermacher, Das große Elvis Presley Filmbuch

Speedway entstand in einer Zeit, als Elvis Presley seiner Filmkarriere überdrüssig war und auch das Kinopublikum deutlich das Interesse daran verloren hatte. In den deutschen Kinos lief der Film gar nicht erst an. Hierzulande wurde Speedway erstmals im TV gezeigt, und zwar im Dezember 1976, also fast zehn Jahre nach den Dreharbeiten.

Die Tatsache, dass Speedway kurz vor Elvis Presleys berühmten ’68 Comeback-TV-Special und seine anschließende Rückkehr auf die Konzertbühne veröffentlicht wurde, sich der King ab diesem Zeitpunkt immer wieder enttäuscht über den Verlauf seiner Filmkarriere äußerte, die zwar kommerziell über Jahre sehr erfolgreich war, ihm aber kaum die Möglichkeit bot, als Schauspieler zu überzeugen, hat das Interesse an diesem Klassiker lange im Keim erstickt.

Fast 50 Jahre nach der Filmpremiere sieht das anders aus. Speedway, eine Art Fortsetzung des Pop Art-Klassikers Viva Las Vegas (1964), ist erstaunlich gut gealtert und hat längst sein Publikum (zurück)erobert. Das zeigt schon allein ein Blick auf YouTube, wo zahlreiche User diesen Film (wie auch andere Elvis-Musicals) lustvoll in seine Einzelteile zerlegen, auf die zentralen Szenen eindampfen und in ihren YouTube-Kanälen den überwiegend positiven Kommentaren der Onlinegemeinde preisgeben. Man könnte glatt meinen, Elvis-Musicals wären ihrer Zeit weit voraus gewesen, so gut eignen sie sich für die Darstellung in kurzen Filmsequenzen per YouTube-Video.

Und auch die Filmhistoriker haben das lange von der Filmkritik als flunderflach geächtete Konzept des Elvis-Musicals, das 1960 von Produzent Hal Wallis mit G.I. Blues (Café Europa) sozusagen erfunden und bis 1967/68 von gleich mehreren Hollywood-Studios in Serie produziert wurde, inzwischen rehabilitiert und als eigenes Genre identifiziert. Sehr zu empfehlen sind dazu die Erkenntnisse der Filmhistorikerin Susan M. Doll (Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998), die unter anderem für Turner Classic Movies arbeitet.

Bleibt die Frage: Was genau ist ein “Elvis-Musical” eigentlich und inwieweit ist Speedway (1968) ein klassischer Vertreter des Genres?

Der Elvis-Imagefilm: Singender Playboy auf der Überholspur des Lebens

Im Privaten bezeichnete Elvis Presley seine Musicals gerne kurz und knapp als “travelogues” (Reisebeschreibungen), wenn er in den 1960ern nach der Handlung seiner Filme gefragt wurde. Das ist erstaunlich auf den Punkt. Denn was ein klassisches Elvis-Musical als Ausgangspunkt unbedingt braucht, um gut zu funktionieren, ist ein möglichst aufregender Handlungsort, an dem Spaß, Action und schöne Frauen zu Hause sind.

Deswegen wurde der Handlungsort meistens schon im Titel der Elvis-Musikkomödien genannt: Blue Hawaii (Blaues Hawai, 1961), Viva Las Vegas (Tolle Nächte in Las Vegas, 1964), die Weltausstellung in Seattle in It Happened At The World’s Fair (Ob blond, ob braun, 1963), Fun In Acapulco (Acapulco, 1963)… oder eben – wie im Film Speedway (1968) – die bekannte Rennstrecke Charlotte Motor Speedway in North Carolina, wo die amerikanischen Stockcar-Rennen der Nascar beheimatet sind.

Für Speedway wurden Szenen vor Ort auf dem Charlotte Motor Speedway gedreht und einige der damals sehr bekannten Stockcar-Rennfahrer, wie etwa Cale Yarborough, sind im Film kurz zu sehen.

Stockcar-Rennfahrer Cale Yarborough bei seinem Gastauftritt in Speedway.

Speedway spielt also in der aufregenden Stockcar-Szene und ist nach Klassiker Viva Las Vegas ( 1964) und dem weniger bekannten Spinout (Sag niemals ja, 1966) das dritte Musical, in dem Autonarr Elvis einen Rennfahrer spielt. Das ist kein Zufall. Denn ein klassisches Elvis-Musical ist immer ganz gezielt als Starvehikel oder – anders formuliert – als Imagefilm angelegt (→ Viva Las Vegas: Starvehikel mit Kultcharakter), bei dem die Handlung bewusst vom Image des berühmten Hauptdarstellers bestimmt wird. Überspitzt formuliert: Das Image des Stars ist die Handlungsvorlage des Films.

Spaß und viel Action: Autonarr Elvis als Rennfahrer in Viva Las Vegas (1964)…

… und vier Jahre später hinter dem Steuer in Speedway (1968).

Wenn etwas zu Lebzeiten Elvis Presleys in der breiten Öffentlichkeit bekannt war, dann war es seine Vorliebe für alles, was Räder hat. Vom Beginn seiner Karriere an wurde das in einer Vielzahl von Presseartikeln über ihn transportiert – es war sozusagen “common knowledge” – ebenso wie seine Vorliebe für schöne Frauen. Musik sowieso, schließlich war er als Sänger international sehr erfolgreich.

Beim Genre des Imagefilms ist es hochgradig unerwünscht, wie Filmkennerin Susan Doll argumentiert, dass der Star im klassischen Sinne schauspielert, d.h. in der Rolle eines fiktionalen Charakters aufgeht, sozusagen in ihr verschwindet. Vielmehr ist genau das Gegenteil gewollt: Je besser die Grenzen zwischen Star und Filmrolle, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, desto gelungener ist diese Art von Film. Wer diesen Aspekt kritisiert ist entweder naiv oder kennt sich schlicht nicht besonders gut aus, so Filmhistorikerin Doll:

“Because most of Presley’s films were vehicles, his star image overshadows any fictional character he might play, which is precisely the point. Audiences went to see Elvis Presley, not to see him submerged into the personality of a fictional character. Presley’s star image defined his movie roles and vice versa. […] High-brow reviewers – or, in the case of Presley, rock music historians and certain biographers – who consider film vehicles inferior because of these characteristics are naive. Criticizing the star of a vehicle for playing himself, or attacking a film vehicle for being repetititve, is like criticizing a tiger for having stripes. It is the nature of the beast.”

– zitiert nach Susan M. Doll: Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998

Ein Elvis-Musical ist also gewollt etwas völlig anderes als ein Film, in dem der Schaupieler Elvis Presley zu sehen ist, wobei es letzteres durchaus gibt, siehe → Flaming Star/Flammender Stern (1960). Speedway wird dem Genre des Elvis-Imagefilms auf seine ganz eigene Weise gerecht. Genau das macht den Film zum Klassiker.

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Elvis & Nixon – der Film

Elvis Presley war ein Jäger und Sammler, wer hätte das gedacht. Im Dezember 1970 – wenige Tage vor Weihnachten und gut zwei Wochen vor seinem 36. Geburtstag – ging der King auf die Jagd nach einem besonderen Geschenk für sich selbst, das als Prunkstück seiner Polizeidienstmarken-Sammlung gedacht war: eine Dienstmarke für Spezialagenten des Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs (BNDD).

Das 1968 gegründete BNDD war eine im US-amerikanischen Justizministerium angesiedelte Behörde zur Bekämpfung von Drogenschmuggel und -handel, die 1973 in der neuformierten Drug Enforcement Administration (DEA) aufging. Agenten, die für das BNDD tätig waren, wiesen sich mit einer speziellen Dienstmarke aus. Genau um eine solche ging es dem King, und zwar eine echte Marke, also keine Nachbildung für Sammler.

Dienstmarke für Spezialagenten der BNDD-Nachfolgebehörde DEA

Die Jagd nach “The Badge” führte Elvis Presley über einige Umwege am 21. Dezember 1970 nach Washington D.C. – und zwar direkt in das Oval Office des Weißen Hauses, wo er den amtierenden republikanischen Präsidenten Richard Nixon traf, der ihm – man höre uns staune, tatsächlich noch am selben Tag zu einer BNDD-Dienstmarke verhalf. Letztlich waren es sogar zwei Dienstmarken, die Elvis Presley auf diesem Wege seiner Sammlung zuführte.

 

Elvis Presleys Original-BNDD-“Dienstmarken”. Die oben gezeigte wurde ihm am 21.12.1970 in Washington persönlich überreicht, die zweite ein paar Wochen später zugesendet – Foto aus: Taking Care of Business in a Flash, 2016

Das Treffen des King mit Richard Nixon, der 1974 im Zuge der Watergate-Affäre als einziger Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten von seinem Amt zurücktreten musste, ist so kurios, dass es Filmstoff erster Güte darstellt. Gäbe es nicht eine Reihe von Fotos im amerikanischen Nationalarchiv, die das Treffen dokumentieren, und einen offensichtlich hastig geschriebenen handschriftlichen Brief Elvis Presleys an Nixon auf Papier der Fluggesellschaft American Airlines als Beweis, dann würde man diese Geschichte am ehesten im Reich der hyperaktiven Phantasie eines Hollywood-Drehbuchautors verorten. Sie ist trotzdem passiert.

Präsident Richard Nixon mit Elvis Presley im Oval Office am 21.12.1970 – Foto aus: Taking Care of Business in a Flash, 2016

Der berühmte Brief Elvis Presleys an Richard Nixon, hastig verfasst während eines Fluges von Los Angeles nach Washington wenige Stunden vor dem Treffen im Weißen Haus – Foto aus: Taking Care of Business in a Flash, 2016

Jetzt wurden die Begegnung der besonderern Art und die Ereignisse unmittelbar davor in Elvis & Nixon (2016) unter der Regie der vor allem für ihre Kurzfilme bekannten Filmemacherin Liza Johnson nach einem Drehbuch von Joey Sagal, Hanala Sagal sowie Cary Elwes verfilmt. Die Komödie ist im Dezember 2016 auch in den deutschen Kinos angelaufen.

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Kult: Elvis is not dead – he just went home!

November-Tristesse. Es regnet und ich steh’ mal wieder im Stau. Einfach toll! Nix geht mehr vorm Tunnel. Tunnel? Das ist genau das richtige Stichwort für Ablenkung mit einem ultracoolen Elvis-im-Kino-Moment: Agent K(ay) alias Tommy Lee Jones zeigt Nachwuchsagent J(ay) in der Science-Fiction-Komödie Men in Black (1997) was ein ELVIS ist.

Klar, dass dabei ein fahrbarer Untersatz, wie der King ihn sicher geliebt hätte (→ Elvis und die gelebte Auto Emoción), und der passende Soundtrack mit Elvis’ dynamischer Version von Chuck Berrys Promised Land aus der Stax-Session von 1973 (→ Elvis At Stax) nicht fehlen dürfen:

Einfach zu köstlich der Dialog, den Drehbuchautor Ed Solomon hier den Hauptdarstellern in den Mund legt:

Tommy Lee Jones: Push the little red button! You’re much too tense, young man. You need to relax, learn to take some joy in your work. You like music?… Better?

Will Smith: You do know Elvis is dead, right?

Tommy Lee Jones: No, Elvis is not dead. He just went home!

Diese Szene ist so ELVIS, wie selbst ein Quentin Tarantino sie nicht besser hinbekommen könnte. Und mein Stau hat sich inzwischen auch aufgelöst… Es geht doch nix über einen Elvis-im-Kino-Moment, wenn einen die Tristesse so richtig überkommt ;-).

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Revisited: Kings of Popular Art

Wenn die Kings of Popular Art, Elvis Presley und Andy Warhol, gemeinsam ins Scheinwerferlicht treten, dann horcht nicht nur die internationale Kunstszene auf. Zeit für ein kleines…

Elvis und Andy-Special:

Elvis und Andy Warhol: Kings of Popular Art

Triple Elvis: Andy Warhols Westernheld

Andys Elvis: Rassismus im Western Flaming Star

Millionenschwer: Andys Elvis im Casino Aachen

 

Revisited: Elvis’ wahrscheinlich bester Film!

Atmosphärisch dicht und mit einer guten Story ausgestattet ist King Creole, Anfang 1958 unter der Regie von Michael Curtiz (Casablanca) gedreht, wahrscheinlich Elvis Presleys bester Film.

Elvis Presley im Gespräch mit Regisseur Michael Curtiz bei den Dreharbeiten zu King Creole (1958)

Elvis Presley im intensiven Gespräch mit Regisseur Michael Curtiz bei den Dreharbeiten zu King Creole (1958)

Der King selbst hielt ihn jedenfalls dafür – und Michael Curtiz für einen ausgezeichneten Regisseur, der ihn forderte.

Revisited: King Creole Frame by Frame

A Star Is Born – der Film, der Elvis Presleys Leben retten sollte

Es ist ganz schön lange her, dass mich ein Film so gelangweilt hat, dass ich mich nur mit Mühe wach halten konnte. Jetzt ist es passiert… und es war KEIN Elvis-Film. Aber es hätte einer sein können. Der Film, um den es geht, ist A Star Is Born – und zwar das Remake von 1976 mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson in den Hauptrollen.

Kris Kristofferson und Barbra Streisand in 'A Star Is Born' (1976)

Kris Kristofferson und Barbra Streisand im Duett in ‘A Star Is Born’ (1976)

Das Kuriose daran ist, A Star Is Born ist genau der Film, dem nachgesagt wird, er hätte Elvis Presleys Leben retten können, wenn er statt Singer-/Songwriter Kris Kristofferson die Hauptrolle übernommen hätte. Eine Hauptrolle, die dem King 1975 auch tatsächlich von Barbra Streisand und Jon Peters – Co-Produzenten des Films – angeboten wurde. Der Film wäre genau die künstlerische Herausforderung gewesen, die Elvis Presleys selbstzerstörerischen Lebensstil Einhalt geboten und damit vielleicht sein frühes Ableben mit 42 Jahren hätte abwenden können, so wird vielfach argumentiert, u.a. von dem bekannten britischen Journalisten, Filmkenner und bekennenden Elvisfan Paul Simpson: → Elvis in Hollywood.

Darüber hinaus gilt A Star Is Born als die Art von ernsthaftem, künstlerisch wertvollen Film, den Elvis Presley selbst immer gerne machen wollte im Gegensatz zu den → Elvis-Musicals, auf die er fast seine gesamte Karriere hindurch beschränkt blieb, so erzählen es auch ehemalige Angestellte und Freunde wie beispielsweise Jerry Schilling in seinem Buch Me and A Guy Named Elvis (2006). Das klingt eindrucksvoll und macht ordentlich neugierig auf diesen Film. Worum geht es dabei?

Vom Aufstieg und Fall eines Superstars

Die Geschichte, die in A Star Is Born erzählt wird, ist ein Klassiker, der in seiner Ursprungsfassung den Aufstieg und tragischen Fall von Filmstars in Hollywood zum Thema hat. Erstmals verfilmt wurde der dramatische Stoff 1937 mit Janet Gaynor und Fredric March in den Hauptrollen als Esther Victoria Blodgett und Norman Maine. Produziert wurde das Ganze von David O. Selznick, der zwei Jahre später auch für die Verfilmung von Gone With The Wind (Vom Winde Verweht, 1939) verantwortlich zeichnete.

In dieser ersten Filmfassung von 1937 träumt Esther Blodgett, ein einfaches Mädchen vom Lande davon, ein großer Star in Hollywood zu werden. Sie macht sich auf den Weg ins “Gelobte Filmland”, kann dort ihren Traum aber zunächst nicht verwirklichen. Als sie auf einer Party kellnert, lernt sie den berühmten Schauspieler Norman Maine kennen, der ihr zu einem Screen-Test und kurz darauf zu ihrer ersten Hauptrolle verhilft. Maines eigene Karriere hat zu diesem Zeitpunkt ihren Höhepunkt schon überschritten, u.a. weil der Star ein massives Alkoholproblem hat.

Im weiteren Verlauf der Handlung entwickelt sich eine Liebesbeziehung zwischen Esther und Norman, die beiden heiraten. In der Folge blüht und gedeiht Esthers Schauspielkarriere, während Norman nicht mehr so recht Fuß fassen kann. Mit Hilfe von Esther gelingt es Norman, zumindest zeitweise vom Alkohol loszukommen. Doch die Frustration des einstigen Stars über das eigene Karrieretief ist letztlich so groß, dass Norman Selbstmord begeht. Er ertränkt sich im Pazifik. Ganz großes Drama.

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Der doppelte Elvis

Wie kann man einem ohnehin schon erfolgreichen Konzept wie dem Elvis-Musical noch die Krone aufsetzen? Schließlich lebt ein Starvehikel – wie Filmdozentin Susan Doll von Turner Classic Movies nachvollziehbar argumentiert – in erster Linie von der Persona des Stars und die ist nun mal einzigartig. Eine ebenso einfache wie geniale Antwort auf diese Frage haben in den frühren 1960ern die → Macher von Viva Las Vegas  gefunden: die Doppelung des Stars.

Viva Las Vegas: Elvis hoch 2 in Action

Der doppelte Elvis: Ann-Margret Olsson und Elvis Presley geben alles in Viva Las Vegas

Anders ausgedrückt: Im Pop Art Klassiker Viva Las Vegas (1964) trifft der King auf sein weibliches Pendant: die ebenso talentierte wie schöne Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin Ann-Margret Olsson. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten für Viva Las Vegas, die vom 15. Juli bis 16. September 1963 im US-Bundesstaat Nevada und auf dem MGM-Studiogelände in Hollywood stattfinden, gilt die 22-jährige gebürtige Schwedin (*1941 in Valsjöbyn) bereits als weiblicher Elvis.

Das hat wesentlich mit ihrer Hauptrolle als Kim McAfee in der Verfilmung des Broadway-Musicals Bye Bye Birdie (1963) zu tun, in dem es um einen amerikanischen Sänger und Teenieschwarm geht, der zum Militär eingezogen wird. Kurz: Das Drehbuch – ebenfalls verfilmt unter der Regie von Viva Las Vegas-Regisseur George Sidney – ist deutlich an die Biografie Elvis Presleys angelehnt. Für die Rolle der Kim fuhr Ann-Margret 1964 u.a. eine Golden Globe-Nominierung als beste Hauptdarstellerin ein.

Doch das ist längst noch nicht der einzige Elvis-Bezug, denn Ann-Margret bringt 1961 ihr Debütalbum And here she is: Ann-Margret ausgerechnet bei Elvis’ Plattenfirma RCA raus. 1962 versucht sie sich zudem an einem → Cover von Elvis Megahit Heartbreak Hotel (1956).

Die Idee der Hollywoodindustrie, dem King in Viva Las Vegas ausgerechnet sexy Ann-Margret, bekannt für ihre heißen Tanzeinlagen, als weiblichen Elvis an die Seite zu stellen und damit sozusagen einen doppelten Elvis zu schaffen, ist also naheliegend.

Aber ob die Filmverantwortlichen, die sich dieses clevere Konzept ausdenken, auch ahnen, was die gelungene Zusammenführung für die beiden Hauptdarsteller privat bedeutet? Wohl eher nicht.

Zwischen Elvis Presley und Ann-Margret entwickelt sich während der Dreharbeiten zu Viva Las Vegas eine intensive Liebesbeziehung, die viel mehr ist als nur eine heiße Affäre und – nach Aussage der schönen Schwedin in ihrer Autobiografie Ann-Margret My Story (1994) – etwa ein Jahr lang dauert.

Nach dem Ende der Beziehung bleiben Freundschaft und gegenseitige Faszination, obwohl beide Stars – anders als vom Hollywooddrehbuch vorgesehen – 1967 fast zeitgleich andere Partner heiraten: Elvis seine langjährige Freundin Priscilla Beaulieu, Ann-Margret ihren Manager Roger Smith.

Doch es ist Ann-Margret, die in ihrer lesenswerten Autobiografie dokumentiert, dass sie Elvis Presley – und zwar nicht den Superstar, sondern die Privatperson – wahrscheinlich besser versteht als die meisten anderen Menschen seines persönlichen Umfelds.

Der Grund dafür ist einfach: Elvis und Ann – der doppelte Elvis – sind sich im wirklichen Leben tatsächlich unglaublich ähnlich. Das hätte sich so kein Drehbuchautor ausdenken können. “We were indeed soul mates, shy outside, but unbridled within” , beschreibt es Ann-Margret in ihrer Autobiografie.

Der doppelte Elvis: Der King trifft seine Queen

Dabei verläuft die erste Begegnung der 22-jährigen Schwedin mit dem 28-jährigen King of Rock ‘n’ Roll Anfang Juli 1963 eher unspektakulär. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Filmstudios arrangiert ein Treffen, bei dem einige Pressefotos gemacht werden. Regisseur George Sidney, dem nachgesagt wird, selbst ein Auge auf die rothaarige Schwedin geworfen zu haben, stellt seine beiden Hauptdarsteller einander vor.

Ann-Margret und Elvis beäugen sich erst einmal vorsichtig, beide sind – trotz ihres lebhaften öffentlichen Images – sehr zurückhaltend, fast schüchtern, insgesamt sehr vorsichtig, was persönliche Beziehungen angeht. Genau das schafft sofort eine Verbindung, die Chemie zwischen den beiden stimmt von Anfang an. Ann-Margret schreibt über die erste Begegnung in Ann-Margret My Story:

“It also allowed me to catch a glimpse of Elvis’ famous smile, set off to the left, slightly crooked, very warm and nice. In a few month, the posters advertising Viva Las Vegas would tout us as ‘that Go-Go guy and that Bye-bye gal’ but that day we looked rather straitlaced. […] We were both very conservative, very correct. Little did we know we both shared a devil within. […] We left with a good sense of each other. I realized Elvis was as shy and ill-at-ease meeting new people as I was. Later, he told me that he, too, thought that he detected a kindred soul in me. He sensed something was there, some kind of chemistry. But neither of us was the type who would’ve risked our sensitive egos with any remark that showed inner feeilings. We were very quiet, polite, and careful. But I knew what was going to happen once we got to know each other. Elvis did, too. We both felt a current, an electricity that went straight through us. It would become a force we couldn’t control”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 108/109

Nur wenige Tage später treffen Ann-Margret und Elvis bei Radio Recorders in Hollywood erneut aufeinander. Der Soundtrack zum Film wird dort vor Drehbeginn eingespielt und am 11. Juli 1963 stehen drei Duette für den „Go Go guy und das Bye Bye gal“ auf dem Programm: The Lady Loves Me, Today Tomorrow and Forever und You’re The Boss. Ann-Margret wird später sagen, es war genau dieser Tag, an dem sie beide realisierten, dass es etwas Ernstes zwischen ihnen werden würde – das verbindende Element ist ihre Leidenschaft für Musik:

“That day, we discovered two things about each other. Once the music started, neither of us could stand still. Also, we experienced music in the same visceral way. Music ignited a fiery pent-up passion inside Elvis and inside me. It was an odd, embarrassing, funny, inspiring, and wonderful sensation. We looked at each other move and saw virtual mirror images. When Elvis thrust his pelvis, mine slammed forward too. When his shoulders dropped, I was down there with him. When he whirled, I was already on my heel.”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 110

Die Funken sprühen nur so an diesem 11. Juli 1963 – und das ist unverkennbar in der Aufnahme der Leiber und Stoller-Komposition You’re The Boss, die leider nicht im Film zu sehen ist – sie wird erst Jahrzehnte später veröffentlicht:

Der doppelte Elvis: zwei Seiten einer Medaille

Als die Dreharbeiten mit den Außenaufnahmen in Las Vegas beginnen, nimmt die Beziehung schnell an Fahrt auf. Elvis nimmt die Eroberung in Angriff, nachdem er sich rückversichert hat, dass Ann-Margret nicht in einer festen Beziehung lebt. Er selbst ist es zwar alles andere als single – Priscilla Beaulieu, die er 1959 in Deutschland kennengelernt hat, ist erst erst kurz zuvor im Frühjahr 1963 bei ihm in Memphis eingezogen, wartet dort sehnsüchtig und ob seines schönen neuen Costars hochgradig eifersüchtig auf ihn –, aber das zählt jetzt nicht wirklich.

Denn Elvis Presley ist bis über beide Ohren verknallt in die rothaarige Ann, die nicht nur eine beeindruckende Entertainerin ist, sondern auch viele seiner privaten Interessen teilt. So ist die lebhafte Schwedin etwa eine begeisterte Bikerin. Doch am wichtigsten ist wohl, dass sie Eigenschaften verbindet, auf die der King nun mal steht: Sie ist sehr gutaussehend, vom Typ her ausgesprochen weiblich und trotzdem ein Kumpeltyp mit dem man Pferde stehlen kann. Ann ist gerne ganz Frau und möchte einen Partner an ihrer Seite, der die Rolle des starken Mannes und Beschützers übernimmt – das passt. In ihrer Autobiografie schreibt Ann-Margret:

“We were so alike, so compatible. Elvis didn’t like strong, aggressive women and I posed no threat there. He, on the other hand, was strong, gentle, exciting, and protective. Just the qualities I liked. In terms of our careers, there was no conflict, only respect.”

Zitat: Ann-Margret My Story, S. 110

Dabei ist gerade der Punkt mit der Karriere der Frau an seiner Seite etwas, was Elvis Presley eigentlich rundheraus ablehnt. Der King ist fest überzeugt, dass Showbusiness-Beziehungen auf Dauer einfach nicht funktionieren, es gibt zu viele abschreckende Beispiele, die das belegen. Und da er nun mal die Karriere hat, heißt das für die Frau an seiner Seite vor allem, ihm zu Hause den Rücken frei zu halten. Keep the home fires burning, ist einer seiner Lieblingssprüche. Ann-Margret stellt dieses Prinzip auf den Kopf.

Auch ist Ann-Margret einige der wenigen Frauen, die sehr gut mit der Männerwirtschaft um Elvis Presley – der berühmt-berüchtigten Memphis Mafia – klarkommt. Man könnte auch sagen, der ganze Presley-Haushalt ist in die Dame aus Schweden verknallt und sie weiß es mit Humor zu nehmen. Personen, die Elvis und Ann-Margret zusammen erleben, sind sich einig: Das harmoniert EXTREM. Beide sind charismatische Persönlichkeiten, die strahlen – ein Star im Doppel.

  • Zärtliche Gesten: Der King und seine Queen in einer Drehpause zu Viva Las Vegas 1963

Sie sind wie zwei Seiten einer Medaille, was sich nicht nur bei privaten improvisierten Entertainmenteinlagen, sondern auch bei den Tanzsenen für den Film Viva Las Vegas zeigt, wie Ann-Margret erzählt. Für Choreograph David Winters gibt es hier nicht viel zu tun, da der doppelte Elvis die Szenen fast komplett improvisiert. Und dabei ist das Doppel vor allem eins: wild.

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Rassismus im Western Flaming Star: Elvis als Pacer Burton

Der Western Flaming Star (Flammender Stern, 1960) mit Elvis Presley in der Hauptrolle als Halbblut Pacer Burton ist gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Außerhalb der Fangemeinde Elvis Presleys ist der Film heute kaum noch ein Begriff und dennoch sorgt die Figur des Pacer Burton regelmäßig für Schlagzeilen.

Elvis Presley als Pacer Burton in 'Flaming Star'

Gebrochener Held: Elvis Presley als Pacer Burton in ‘Flaming Star’

Allerdings nicht für Schlagzeilen in Film- oder Musikkreisen, sondern in der internationalen Kunstszene, hat ihn doch ausgerechnet Pop Art-Genie Andy Warhol in seinen Siebdrucken eindrucksvoll verewigt und damit Kunstwerke geschaffen, für die  heute bis zu 100 Millionen USD gezahlt werden. Nun sind Elvis Presley und Andy Warhol als “Kings of Popular Art des 20. Jahrhunderts” nachvollziehbar eine potente Mischung, aber was hat das jetzt genau mit einem fast vergessenen Western zu tun, der im Jahr 1878 spielt und der noch dazu alles andere als ein typisches Elvis-Musical ist, wie etwa der → Pop Art-Klassiker Viva Las Vegas (1964)?

Warum hat Warhol ausgerechnet ein Pressefoto des an der Kinokasse nicht besonders erfolgreichen Westerns Flaming Star (→ Elvis in Hollywood) – produziert 1960 von David Weisbart für die Twentieth Century Fox – als Vorlage für seine millionenschwere Elvis-Siebdruckreihe (1963) gewählt? Wäre nicht ein Motiv aus legendären Filmen des King wie Jailhouse Rock (1957) oder King Creole (1958) wesentlich naheliegender gewesen? Eine mögliche Antwort liegt in Warhols Siebdruck selbst und dem Hauptthema des Films Flaming Star: Rassismus.

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Triple Elvis: Andy Warhols Westernheld

73 zum 1., zum 2. zum 3.! Mit Wucht knallt Auktionator Jussi Pylkkänen seinen Hammer auf das Mahagonipult vor sich und besiegelt damit das Schicksal von Lot 9. Es ist der 12. November 2014 in New York, der Auktionssaal bei Christie’s im Rockefeller Center ist mit 600 betuchten Kunstliebhabern gut gefüllt, weitere Sammler aus 43 Ländern sind per Telefon zugeschaltet. Die mit Spannung erwartete, besondere Attraktion des Abends: 2 Siebdrucke von Pop Art-Künstler Andy Warhol aus deutschem Besitz – genauer aus dem Fundus der zur NRW.Bank gehörenden Spielcasinogruppe Westspiel – stehen zur Versteigerung an.

Schon Wochen vorher hatte die Versteigerung, mit der sich die finanziell angeschlagene Westspiel-Gruppe sanieren möchte, vor allem in der bundesdeutschen Politik und Kulturszene für Schlagzeilen gesorgt. Von Raubbau und Sündenfall war vielerorts die Rede, genützt hat es nichts. 100 Millionen USD erhoffte sich Westspiel im Vorfeld von den beiden Warhols, die Ende der 1970er zur Dekoration des zur Gruppe gehörenden Spielcasinos in Aachen für weniger als 200.000 angeschafft worden und seit 2009 wegen ihrer immensen Wertsteigerung eingelagert waren.

  • Christie-Auktionator Pylkkänen bei der Versteigerung der Westspiel-Warhols in New York, 12. November 2014

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Elvis – so isses!

Wenn es um Elvis Presley geht, dann gibt es im Grunde nur eine einzige Sache, die mich wirklich entttäuscht – nur eine Tatsache, die ich zutiefst bedaure: Ich hatte nie die Möglichkeit, diesen großartigen Performer je live zu erleben.

Elvis Presley 1970

Elvis Presley 1970

Und warum? Ich bin einfach zu jung! Elvis Presley hätte es mindestens bis gut in die 1980er, besser noch die 1990er, schaffen müssen, um mir eine realistische Chance zu geben, eines seiner Konzerte zu besuchen. Da beneide ich die Fans etwa der Rolling Stones oder eines Bob Dylan, die immer noch in den Genuss von Live-Auftritten ihrer Lieblinge kommen. So gut habe ich es nicht.

Dabei wäre mir kaum eine Anreise zu weit, kaum ein Ticketpreis zu hoch, um wenigstens 1 Konzert live zu erleben – in Las Vegas oder sonstwo auf dieser Welt. Aus naheliegenden Gründen – der vermaledeite 16. August 1977 hat mir unwiederbringlich einen Strich durch die Rechnung gemacht – ist das unmöglich: That’s The Way It Is. So isses nun mal. Weiterlesen