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Geht es um Elvis Presleys Verhältnis zur Black Community, dann ist beinahe sofort auch von »cultural appropriation«, von kultureller Aneignung und Rassismus, die Rede. Das hat eine lange Tradition. Sie geht weit über den Hip-Hopper und politischen Aktivisten Chuck D von Public Enemy hinaus, der Elvis 1989 im Song Fight The Power rundheraus als Rassisten bezeichnete: »Elvis was a hero to most / But he never meant shit to me you see / Straight up racist that sucker was«. Chuck Ds Sicht war damals keineswegs neu, aber sie saß – und sie wirkt bis in die Gegenwart fort. Zu Unrecht.

Frühe Nachfragen zur „cultural appropriation“: Elvis steht Rede und Antwort in Detroit – 25. Mai 1956

Nicht nur unter Afroamerikanern gilt Elvis vielen bis heute als eine der Symbolfiguren für kulturelle Aneignung. Als ein Weißer, der – ohne einen legitimen Bezug zur afroamerikanischen Kultur zu haben – seinen musikalischen Stil bei schwarzen Vorbildern »stahl« und dafür von der weißen Mehrheitsgesellschaft als »King of Rock ’n’ Roll« gefeiert wurde, während die »wahren Rock ’n’ Roller« aufgrund ihrer Hautfarbe wenig Beachtung fanden.

Diese Sichtweise ist gerade in unserer Zeit, in der die Diskussion um kulturelle Aneignung einen neuen Höhepunkt erreicht hat (man denke nur an die Winnetou-Debatte), populärer denn je. Dabei lässt sie entscheidende Fakten aus Elvis Presleys Biografie und musikalischem Schaffen – sei es aus Unkenntnis oder Ignoranz – außer Acht.

Einen dieser Aspekte greift der australische Filmproduzent und Regisseur Baz Luhrmann in seinem neuen, vieldiskutierten Biopic Elvis (2022) auf. Es ist die Freundschaft zwischen Elvis Presley und Sam Bell – eine Freundschaft, die es gar nicht hätte geben dürfen, wäre an den genannten Vorwürfen etwas dran.

Auf dem Hügel und über den Zaun in Tupelo

»Eines Tages stand er einfach am Gartenzaun«, erinnert sich Sam Bell im Gespräch mit Filmregisseur Baz Luhrmann, als dieser ihn in Tupelo zu Recherchen für sein Biopic Elvis besuchte.

„Eines Tages stand er einfach am Zaun“: Sam Bell (re.) im Gespräch mit Filmproduzent Baz Luhrmann in Tupelo

Der blonde Junge stand dort ganz allein und schaute sehnsüchtig zu ihnen rüber – hinüber auf das große Nachbargrundstück, wo Sam mit seinen vier gleichaltrigen Kumpels spielte. Er war im selben Alter wie sie, vielleicht elf oder zwölf Jahre, schätzte Sam. Die abgewetzte Latzhose schlotterte um seine dünne Gestalt und er war barfuß. Es war heiß – wie immer um diese Zeit in Tupelo/Mississippi im Sommer 1947.

Sam wusste, der neue Nachbarsjunge war gerade erst mit seinen Eltern eingezogen in das Haus in der North Green Street, dessen Grundstück an das seiner Großeltern grenzte. Er mochte ihn auf Anhieb. Und an diesem Nachmittag rief Sam spontan: »Komm‘ doch rüber zu uns«. Der Junge zögerte einen Moment, schaute fragend über die Schulter Richtung Veranda, auf der seine Mutter saß und die kleine Szene beobachtete. Auch sie zögerte. Doch als sie  zustimmend nickte, machte der Junge sofort einen Satz über den Zaun auf die andere Seite – »er sprang schneller als jedes Kanickel«, erinnert sich Sam lachend.

Von diesem Sprung an war der Junge Teil von Sams »Gang«, die sich jeden Nachmittag nach der Schule bei den Bells traf. Deren großes Grundstück hatte einen Nutzgarten mit vielen Obstbäumen, außerdem einen Teich, in dem die Jungs fischen durften, und ein Wasserloch, das sie als Pool nutzten. Es war wie ein einziger riesiger Abenteuerspielplatz.

Bemerkenswert daran war, dass der Zaun, der die Jungs trennte, nicht einfach irgendein beliebiger Grundstückszaun war. Vielmehr markierte er die sogenannte »Color Line« – die Farblinie, die in den amerikanischen Südstaaten die strikte Trennung der afroamerikanischen und der weißen Bevölkerung vorsah. Denn Sam Bell und seine Freunde waren Schwarz – der Nachbarsjunge hingegen war Weiß. Er hieß Elvis Presley.

Grenzenlose Freundschaft trotz vorgeschriebener Rassentrennung: Elvis und sein Kumpel Sam Bell 1947 – nachgestellt im Biopic Elvis (2022)

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Praktisch noch druckfrisch ist Mathias Häußlers englischsprachige Buchveröffentlichung „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ aus dem Bloomsbury Verlag. The Memphis Flash hat den 32-jährigen promovierten Historiker zu dem eher ungewöhnlichen, dabei hochinteressanten Thema seines Buches über Elvis Presley interviewt.

INTERVIEW

Elvis-Kenner: Dr. Mathias Häußler ist Autor des 2021 erschienenen Buches „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ – Foto: Häußler

The Memphis Flash: Herr Dr. Häußler, Sie arbeiten als Dozent für europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Regensburg. Wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch ausgerechnet über Elvis Presley zu schreiben?

Mathias Häußler: Ja, wie kam ich zu Elvis. Es war die Kombination aus zwei Sachen. Zum einen bin ich selbst Elvis-Fan seit meiner Jugend, habe sehr viele Bücher über ihn gelesen, natürlich auch viele Platten gesammelt. Insofern hatte ich schon immer ein persönliches Interesse an Elvis. Zum andern bin ich Historiker und dadurch nicht nur an Elvis selbst interessiert, sondern eben auch an dem größeren historischen Kontext, in dem er sich bewegte, in dem Elvis wurde, was er war. Und dabei ist mir aufgefallen, dass es zum Phänomen Elvis und zu der historischen Bedeutung von Elvis erstaunlich wenig Literatur gibt. So kam ich zu der Idee, dazu etwas zu machen.

The Memphis Flash: Ihr Buch, das bislang nur in englischer Sprache erschienen ist, trägt den Titel „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“. Was erwartet den Leser hier genau? Ist das eine weitere Elvis-Biografie?

Mathias Häußler: Inventing Elvis – in dem Buchtitel steckt schon vieles drin. Wie gesagt, es ist keine klassische Biografie, da es mir nicht in erster Linie um das Leben und den musikalischen Output von Elvis geht, sondern um die größere Bedeutung, die Elvis als Referenzpunkt hatte für gesellschaftliche Debatten, die sich an ihm entzündeten. Das meine ich mit „Inventing Elvis“. Nicht im Sinne einer postmodernen Figur – ich sage im Buch ja auch, der größte Erfinder von Elvis war Elvis selbst. Aber zusätzlich zu Elvis es gab eben auch ganz viele andere Akteure, die alle etwas in Elvis sahen, die durch Elvis etwas artikuliert haben, seien es Journalisten, Fans, Politiker, Filmemacher: Jeder hat in Elvis etwas gesehen und wollte mit Elvis etwas sagen. Deshalb kann man Elvis als eine schöne Sonde nehmen, an der sich größere gesellschaftliche Debatten kristallisierten.

The Memphis Flash: Welche waren das zum Beispiel?

Mathias Häußler: Innerhalb der USA natürlich das klassische Tripos „race“, „class“, und „gender“. „Darf“ ein weißer Junge afroamerikanische Rhythm-and-Blues-Musik adaptieren? Welche Rolle spielte Elvis‘ Herkunft als armer Südstaatenjunge bei dem Ressentiment, welches ihm von der kulturellen Elite des Landes entgegenschlug? Und inwiefern standen der laszive Hüftschwung und das Kreischen der meist weiblichen Fans für einen neuen Ausdruck von Sexualität der amerikanischen Jugend, der gegen die Konventionen jener Zeit rebellierte? Alles Riesendebatten im Amerika der Fünfziger Jahre. Elvis war ein Produkt dieser zutiefst gespaltenen Gesellschaft jener Zeit und wurde gleichzeitig auch zu einer medialen Figur, an der sich diese Widersprüche kristallisierten, über die sie verhandelt wurden. Sei es durch Ablehnung vom Establishment, vom Kulturjournalismus, den Medienmachern, sei es aber auch durch die Annahme und Akzeptanz durch seine Fans, die in ihm eine Galionsfigur sahen.

Elvis zwischen den Fronten: In diesem Fall Manager Colonel Tom Parker (links) und Showmaster Ed Sullivan 1956 in New York

The Memphis Flash: Jetzt sprechen Sie in Ihrem Buch ja auch davon, dass Elvis in den 1950ern praktisch vom Start seiner Karriere weg politisch instrumentalisiert wurde. Das verwundert erst einmal, da Elvis Presley heute in der öffentlichen Wahrnehmung als weitgehend unpolitisch wahrgenommen wird. Vor allem im direkten Vergleich zur offen engagierten Singer-Songwriter-Generation eines Bob Dylan, von der sich der King mehrfach deutlich distanzierte. Mit den Worten, er sei in erster Linie Entertainer und als solcher wolle er sich nicht zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen äußern, hat er zum Beispiel Fragen von Journalisten nach seiner Einstellung bei einer Pressekonferenz 1972 in New York freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. Alles andere sei seine Privatsache und solle es auch bleiben, unabhängig davon, wie andere Musiker das handhaben wollten. In Sachen direkter Einlassung zum politischen Zeitgeschehen war bei Elvis also nicht viel zu holen. Wie geht das zusammen mit der politischen Instrumentalisierung, von der Sie sprechen?

Mathias Häußler: Klar, Elvis ist, da würde ich zustimmen, sicherlich kein politischer Aktivist gewesen, und wir wissen erstaunlich wenig über seine politische Haltung. Wir wissen, dass er 1956 für Stevenson war (Anmerk.: Adlai Ewing Stevenson junior war Politiker der Demokratischen Partei und zwischen 1949 und 1953 der 31. Gouverneur des Bundesstaates Illinois. Er trat 1952 und 1956 als Kandidat seiner Partei für die Präsidentschaftswahl an, unterlag aber Dwight D. Eisenhower. Von 1961 bis 1965 war Stevenson US-Botschafter bei den Vereinten Nationen). Wir wissen auch, dass Elvis Nixon ganz cool fand und dass er die ganzen Armeefilme und das Patriotische in den Siebzigern umarmt hat. Ansonsten wissen wir aber ganz wenig, und auch in seiner Kunst finden wir kaum politische Artikulationen. Wir können „If I Can Dream“ als Statement sehen, „In The Ghetto“ von mir aus auch, aber da hört es dann auch schon wieder auf. Verglichen mit dem, was sonst in den 1960ern war, ist das sehr wenig.

The Memphis Flash: Und dennoch ist er politisch?

Mathias Häußler: Total politisch! Aber es äußert sich eben im nichtverbalen Rahmen, einfach durch das, was er machte. Der Hüftschwung beispielsweise war eine ganz klare Rebellion gegen die biederen gesellschaftlichen Konventionen jener Zeit, auch wenn er ihn anfangs vielleicht nur zufällig oder teils ironisch einsetzt. Aber wenn man sich den anschließenden Proteststurm anschaut, der beispielsweise 1956 nach Elvis‘ Performance von Hound Dog in der Milton Berle Show ausbricht, dann war das total politisch. Sein Umgang mit afroamerikanischer Kultur, dass er beispielsweise 1956 in Memphis zu der afroamerikanischen WDIA Goodwill Revue Night, das war auch ein klares Statement. Er war natürlich politisch, in dem was er machte, und bis zu einem gewissen Grad wusste er das wahrscheinlich auch. Viel mehr waren es jedoch noch andere Akteure, die Elvis letztendlich „politisierten“: Seien es die Kritiker unter den Journalisten, seien es enthusiastische Fans, die in ihm größere gesellschaftliche Relevanz gesehen haben und das auch nutzten, um ihre eigenen Positionen durch ihn zu artikulieren. Also ist es letztendlich vielleicht gar nicht so wichtig, wo Elvis genau politisch stand und ob er sich selbst als politisch gesehen hat, sondern was er für die Gesellschaft darstellte und welche Debatten sich an ihm entzündeten.

Juni 1956: Elvis gibt den Hound Dog in der Milton Berle Show und löst per Hüftschwung eine Revolution aus

The Memphis Flash: Das klingt erst einmal ziemlich abstrakt?

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Ausgeruht, fit und voll motiviert meldet sich Elvis Presley am 3. Juni 1968 aus dem Hawai-Urlaub zurück im Büro von Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles.

Der King ist startbereit für die Proben zum geplanten Fernseh-Special JUST ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special. Und die finden zunächst in den Räumen von Binder und Howe statt.

Elvis Presley 1968 – Foto: ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Wie Binder und Howe Elvis im Mai versprochen haben, soll das Special – wie der Arbeitstitel JUST ELVIS schon nahelegt – ganz auf ihn zugeschnitten sein. Entsprechend haben die Drehbuchautoren Chris Bearde und Alan Blye den Urlaub des Memphis Flash vor allem dazu genutzt,  an Vision und Konzept der Fernsehshow zu arbeiten, die als eine Art Semidokumentation der bisherigen Karriere Elvis Presleys geplant ist.

Was das Team Elvis Anfang Juni als Story vorstellt, ist ein erster Entwurf, den es jetzt noch mit Leben zu füllen gilt. Genau deswegen ist Elvis Presley von jetzt an täglich vor Ort – also auch am Mittwoch, den 5. Juni 1968.

Die Ermordung Bobby Kennedys

An diesem Tag kommt es in Los Angeles zu einem tragischen Ereignis, das nicht nur amerikanische Geschichte schreibt, sondern auch das Drehbuch des ’68 Comeback Special maßgeblich beeinflusst.

Senator Robert F. Kennedy (1925-1968), der für die demokratische Partei als Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 1969 im Gespräch ist und der durchaus gute Chancen auf das Amt hat, fällt nach einer Rede auf einer Wahlkampfveranstaltung im Ambassador Hotel einem Attentat zum Opfer. Der Attentäter Sirhan Sirhan (*1944) – ein junger Palästinenser, der mit seinen Eltern in den 1950ern in die USA einwanderte – kann noch am Tatort verhaftet werden.

Bobby Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 in Dallas/Texas ebenfalls von einem Attentäter getöteten Präsidenten John F. Kennedy, stirbt in den frühen Morgenstunden des 6. Juni an den Folgen seiner Schussverletzung.

Wofür Robert „Bobby“ Kennedy politisch steht, das geht unter anderem aus seiner letzten Rede wenige Minuten vor dem Attentat am 5. Juni 1968 hervor, die im nachfolgenden Video zu hören ist.

Kennedy verspricht in seiner letzten Rede erneut, dass er sich als Präsidentschaftskandidat dafür einsetzen werde, etwas gegen die soziale Ungerechtigkeit in der amerikanischen Gesellschaft, die gravierenden Unterschiede in den Lebensbedingungen von Armen und Reichen, Weißen und Afroamerikanern zu tun und sich für ein Ende des Vietnamkrieges einzusetzen. Alles Brennpunktthemen der damaligen Zeit (und leider teilweise auch der heutigen).

Dabei schwört er seine Zuhörer auf die Qualitäten Amerikas als ein Land ein, dessen Volk mitfühlend und stark in der Gemeinschaft und daher auch in der Lage sei, bestehende Konflikte friedlich zu lösen.

Die Nachricht vom Attentat auf Robert Kennedy erreicht das Team um Regisseur Steve Binder, als alle inklusive Elvis in den Räumen der Produktionsfirma von Binder und Howe anwesend sind, um zu proben und weiter an dem Drehbuch für JUST ELVIS zu arbeiten.

Als die Nachricht vom Attentat die Runde macht, versammeln sich alle vor dem Fernseher und verfolgen schockiert die Berichterstattung. Steve Binder beschreibt die Situation so:

„Then, while we were in rehearsals and we were still at my offices on Sunset Boulevard, Bobby Kennedy was assasinated live on television. One of the TVs was on in one of the other rooms, and we heard this commotion. All of us ran into the other room to see what was happening, and Bobby Kennedy had just been shot by Sirhan Sirhan. […] We just forgot about the show and spent the rest of the night talking about what was happening to our country.“

Steve Binder, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Drehbuchautor Chris Bearde bestätigt die Reaktion der Anwesenden:

„On that little black and white TV were live pictures of the Robert F. Kennedy assasination at the Ambassador Hotel. In that room was Elvis, all of us. And we were just flabbergasted. We were…“

Chris Bearde, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Womit zu diesem Zeitpunkt keiner rechnet, ist Elvis Presleys zutiefst persönliche Reaktion auf die Ereignisse. Er ist offenbar so aufgewühlt durch das Geschehen, dass er die für ihn typische vorsichtige Zurückhaltung aufgibt, aus sich herausgeht und erstmals von sich erzählt – seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht erzählt. Und er tut es, indem er sich dazu auf der Gitarre begleitet und immer wieder die unterschiedlichsten Songs singt – über Stunden, wie Chris Bearde beschreibt:

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Viele Songs werden zu Hits, aber nur wenige auch zu Klassikern. Ein Hit lebt im Moment – ein Klassiker beinahe unendlich. Er ist zeitlos. Elvis Presleys In The Ghetto von 1969 ist ein solcher Klassiker.

Ein nachdenklicher Elvis Presley Anfang 1969, als er In The Ghetto aufnahm.

Bleibt die Frage, was In The Ghetto – Elvis Presleys einzige Nr. 1 in den deutschen Charts – so zeitlos macht? Ist es vor allem der Liedtext von Countrysänger und Komponist Mac Davies (Pseudonym Scott Davis)…

IN THE GHETTO

As the snow flies
On a cold and gray Chicago mornin‘
A poor little baby child is born
In the ghetto (in the ghetto)
And his mama cries
‚Cause if there’s one thing that she don’t need
It’s another hungry mouth to feed
In the ghetto (in the ghetto)
People, don’t you understand
The child needs a helping hand
Or he’ll grow to be an angry young man some day?
Take a look at you and me
Are we too blind to see
Do we simply turn our heads, and look the other way?
Well, the world turns
And a hungry little boy with a runny nose
Plays in the street as the cold wind blows
In the ghetto (in the ghetto)
And his hunger burns
So he starts to roam the streets at night
And he learns how to steal, and he learns how to fight
In the ghetto (in the ghetto)
Then one night in desperation
A young man breaks away
He buys a gun, steals a car
Tries to run, but he don’t get far
And his mama cries
As a crowd gathers ‚round an angry young man
Face down on the street with a gun in his hand
In the ghetto (in the ghetto)
And as her young man dies
On a cold and gray Chicago mornin‘
Another little baby child is born
In the ghetto (in the ghetto)
And his mama cries (in the ghetto)
(In the ghetto)
(Aah-aah)

… oder doch eher die Interpretation des King – aufgenommen am 20. Januar 1969 – in Chip Momans American Sound Studio in Memphis?

In The Ghetto – Quelle: Elvis Presley Complete Masters

Es ist beides. In The Ghetto ist ein schönes Beispiel dafür, dass ein guter Song genau dann zu einem großartigen wird, wenn er auf einen erstklassigen Interpreten trifft. Ein perfektes Paar.

Elvis‘ ruhige, geradezu minimalistische, Darbietung, die für jeden seiner mehr als 20 im Januar 1969 eingespielten Takes kennzeichnend ist, transportiert eindringlich emotional die ausweglose Situation, von der im Liedtext die Rede ist. Und zwar ohne dass der Song ins Kitschige abrutscht.

Seine Stimme trägt den Song nicht nur – sie ist der Song. Das kann man besonders gut an den Originalaufnahmen mit minimalistischer Begleitung der Hausband des American Sound Studio hören, bevor diese Aufnahmen von Chips Moman mit den sogenannten Overdubs, also Backgroundsängerinnen und anderem Tralala, angereichert wurden.

In The Ghetto undubbed – Quelle: From Elvis in Memphis (Sammlerlabel FTD)

In dem Liedtext, der ursprünglich The Vicious Circle (Der Teufelskreis) hieß, geht es um das Schicksal eines jungen Mannes, der aufgrund seines sozialen Umfelds, also dem Leben im Getto, das ihm keinerlei Perspektive bietet, zwangsläufig in der Kriminalität landet und viel zu früh den Tod findet – wie viele vor und nach ihm.

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Als Elvis Presley im Sommer 1974 seine 11. Saison im großen Showroom des Hilton Hotels in Las Vegas absolvierte, kam es bei der Mitternachtsshow am 27. August zu einem unerfreulichen Zwischenfall. Und zwar gab es einen rassistischen Zwischenruf, der auf dem folgenden Audiomitschnitt ab 1:24 zu hören ist.

Elvis Presley im Showroom des Hilton Hotels in Las Vegas im August 1974 – Foto: Fashion For A King, Flaming Star / FTD Books 2011


Elvis über „white N.I.G.G.E.R.“ – FTD Elvis From Sunset To Vegas

Was hier zu hören ist, ist der leider nicht optimal zu verstehende rassistische Einwurf einer Frau aus dem Publikum, kurz bevor Elvis Presley zum Song It’s Now Or Never (alias O Sole Mio) überleiten möchte. Die Zwischenruferin sagt etwas wie: „damn nigger [you’re so full of yourself]„.

Elvis, der sich für Etymologie – also die Bedeutung und Geschichte von Wörtern – interessierte, nimmt diese Beleidigung spontan zum Anlass, seinem Publikum mit Verweis auf das Lexikon (Webster’s Dictionary) mal ganz genau zu erläutern, was N.I.G.G.E.R. eigentlich bedeutet, nämlich schlicht „lazy and shiftless“ (dt.: faul, träge).

Der King kontert den rassistischen Zwischenruf also mit einer neutralen Bedeutungsebene des Wortes, die sich so tatsächlich in älteren Ausgaben des Lexikons Webster findet, und folgert daraus entsprechend: „in that case there are white niggers, too / also gibt es auch weiße Nigger. Nigger ist also vor allem eine Frage der Einstellung und nicht der Hautfarbe.

Als Beleg für seine Erläuterung verweist er auf Charaktere in der wöchentlich ausgestrahlten amerikanischen TV-Serie Hee Haw (1969 – 1992). Gemessen am Applaus kommt diese Erläuterung beim Publikum durchaus gut an, womit die Sache für den Memphis Flash vorerst erledigt ist.

Welche Macht das „N-Wort“ selbst in einem positiven Kontext hat, zeigte sich 2009 als der oben beschriebene Mitschnitt auf der CD Elvis From Sunset To Las Vegas des Sammlerlabels Follow That Dream (FTD) veröffentlicht wurde. Spontan gab es Beschwerden – von welcher Seite auch immer -, die dazu führten, dass FTD diese Sequenz nun nicht mehr auf der CD veröffentlicht.

Es kursieren also Versionen der Veröffentlichung mit und ohne diesen Mitschnitt (→ vielen Dank an Helmut Radermacher für diesen Hinweis) – davon abgesehen gibt’s das Ganze natürlich auch auf Bootlegs. Irgendwie sehr schade, dass es immer noch nicht ohne eingeforderte Zensur geht.

Dass Rassismus über den geschilderten Vorfall hinaus im August 1974 sehr präsent im Bewusstsein Elvis Presleys war, zeigt eine weitere Episode aus demselben Las Vegas-Engagement. Bei mehreren Konzerten erzählte Elvis seinem Publikum folgende Anekdote, die Bezug auf die Dekorationen des Showrooms nahm. Der war offensichtlich durch Wandgemälde, die Szenen aus dem 18. Jahrhundert zeigten, und barocken Putten geschmückt. Eine Steilvorlage für den King, um sein Weltbild zu transportieren:

„Richtet einen Strahler auf die Statuen an dieser Wand. O.k. Das ist schön. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber das ist schön. Tom Jones war neulich hier, und er kommt aus Wales. Ich fragte Tom, was das [Statue an der Wand des Showrooms] ist, und er sagte, dass es King Edward wäre. King George, tut mir Leid, entschuldigen Sie, Ihre Majestät. Nehmt jetzt den Strahler und richtet ihn auf diese Engel [an der Decke]. Schaut euch nur diese Kerle an, Junge. Große, fette Engel! [Jetzt] Richtet den Strahler auf diese Wand da drüben. Sie werden einen leichten Unterschied bemerken. Die ‚Kaukasier‘ unter Ihnen. Das ist es doch, oder? ‚Kaukasier‘? Das stand auf meiner Einberufung. Ich dachte, es würde ‚beschnitten‘ bedeuten! Jedenfalls, letzte Nacht kam ich gegen 4:40 morgens hier runter, mit ein paar Freunden, die für mich arbeiten, Jerry Schilling und Red West […] Jedenfalls, er [Red West] kletterte über das Geländer, wo [die Hoteltechnik] ihr Material aufbewahrt, die Farbe und so weiter; er […] holte eine kleine Dose schwarze Farbe. Er steckte sie in seinen Gürtel, kam zurück, kletterte rüber und wir stellten zwei Tische übereinander. Ich stieg mit der Farbe und dem Pinsel hoch, und ich war Michelangelo, oder der Kerl, der die Decke im Vatikan, die Sixtinische Kapelle, malte. Ich habe diese Statue [schwarz] gemalt. Es hat 30 Minuten gedauert. Das Hotel hat kein Wort gesagt. Ich dachte nur, ich teile es mit Ihnen.“

Zitiert nach der deutschen Ausgabe von Peter Guralnick: Careless Love, Bosworth 2006

Meistens aus dem Zusammenhang zitiert, wird diese Anekdote gerne als peinliche rhetorische Episode interpretiert, die besser gar nicht erst erwähnt wird. Schade, denn es lohnt sich genauer hinzuschauen, was Entertainer Presley, der direkte Äußerungen zu politischen bzw. gesellschaftlichen Themen stets ablehnte, hier tatsächlich kommuniziert.

Interessant auch deshalb, weil man ihm seit den 1950ern immer wieder rassistische Tendenzen unterstellt hat (→ siehe auch Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika).

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Der Western Flaming Star (Flammender Stern, 1960) mit Elvis Presley in der Hauptrolle als Halbblut Pacer Burton ist gleich in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Außerhalb der Fangemeinde Elvis Presleys ist der Film heute kaum noch ein Begriff und dennoch sorgt die Figur des Pacer Burton regelmäßig für Schlagzeilen.

Elvis Presley als Pacer Burton in 'Flaming Star'

Gebrochener Held: Elvis Presley als Pacer Burton in ‚Flaming Star‘

Allerdings nicht für Schlagzeilen in Film- oder Musikkreisen, sondern in der internationalen Kunstszene, hat ihn doch ausgerechnet Pop Art-Genie Andy Warhol in seinen Siebdrucken eindrucksvoll verewigt und damit Kunstwerke geschaffen, für die  heute bis zu 100 Millionen USD gezahlt werden. Nun sind Elvis Presley und Andy Warhol als „Kings of Popular Art des 20. Jahrhunderts“ nachvollziehbar eine potente Mischung, aber was hat das jetzt genau mit einem fast vergessenen Western zu tun, der im Jahr 1878 spielt und der noch dazu alles andere als ein typisches Elvis-Musical ist, wie etwa der → Pop Art-Klassiker Viva Las Vegas (1964)?

Warum hat Warhol ausgerechnet ein Pressefoto des an der Kinokasse nicht besonders erfolgreichen Westerns Flaming Star (→ Elvis in Hollywood) – produziert 1960 von David Weisbart für die Twentieth Century Fox – als Vorlage für seine millionenschwere Elvis-Siebdruckreihe (1963) gewählt? Wäre nicht ein Motiv aus legendären Filmen des King wie Jailhouse Rock (1957) oder King Creole (1958) wesentlich naheliegender gewesen? Eine mögliche Antwort liegt in Warhols Siebdruck selbst und dem Hauptthema des Films Flaming Star: Rassismus.

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