Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis

Am 16. August 2017 jährt sich Elvis‘ Todestag zum 40. Mal. Das Jubiläum sorgt – wie alle Elvis-Jubiläen – in diesem Jahr erneut für eine erkleckliche Anzahl von Buchveröffentlichungen über den King. Im Rowohlt Verlag ist jetzt der praktisch noch druckfrische Roman „Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis“ des Berliner Autors Tobias Geigenmüller erschienen.

Das Roman greift die immer noch in den Medien, in Literatur, Film, Werbespots und natürlich auch in Fankreisen gern gespielte (Wunsch-)Vorstellung auf, dass Elvis 1977 vielleicht doch nicht gestorben ist, sondern noch irgendwo unter uns weilt. Was auch erklärt, warum er heute immer noch irgendwo auf dieser Welt „gesichtet“ wird.

Doch Tobias Geigenmüller trägt diese Idee von „Elvis lebt“ noch ein Stück weiter und erzählt in seinem mehr als 250 Seiten starken Roman auf unterhaltsame Weise davon, was der King in den letzten 40 Jahren wohl alles erlebt haben könnte, wenn er seinen Tod nur inszeniert hätte, um sich den Traum von einem ganz normalen Leben jenseits von Starruhm und Fankult zu erfüllen. Herausgekommen ist ein lesenswertes Buch, das als Hardcover und E-Book verfügbar ist. Und natürlich habe ich den Autor gefragt, was es mit seinem Roman genau auf sich hat.

Interview mit Tobias Geigenmüller

The Memphis Flash: Herr Geigenmüller, Sie sind Jahrgang 1977, leben in Berlin und arbeiten erfolgreich als freiberuflicher Texter und Konzeptioner für so namhafte Firmen wie Porsche, Mercedes, Volkswagen, Zalando, Villeroy & Boch, Beiersdorf, Vodafone, um nur einige aus Ihrer langen Referenzliste zu nennen. Wie kommt jemand wie Sie dazu, ein Buch ausgerechnet über Elvis Presley zu schreiben?

Autor und Werbetexter Tobias Geigenmüller – Foto: Tobias Geigenmüller

Tobias Geigenmüller: Elvis ist einfach eine wahnsinnig interessante Figur. Das reicht von ihm persönlich mit seinem Charisma, seiner enormen kulturellen Bedeutung, seinem geradezu übermenschlichen Erfolg und seiner Entwicklung zu einer eher tragischen Gestalt am Ende – es führt sich aber auch in seiner Familie fort. Die Familiengeschichte der Presleys war ja schon vor Elvis’ angeblichem Tode ein dramatisches Märchen. Aber auch danach ging es aufregend weiter. Mit Priscilla, die als Schauspielerin große Erfolge in einer ziemlich skurrilen Filmreihe feierte.

The Memphis Flash: Sie spielen auf die Filmreihe Die nackte Kanone mit Priscilla Presley neben Leslie Nielsen in der Hauptrolle an. Das ist wirklich witzig… und voller Anspielungen.

Tobias Geigenmüller: Und dann ist da Tochter Lisa, die wiederum genau wie ihre Mutter den größten Entertainer ihrer Zeit heiratete. All das bietet einfach unglaublich viel Stoff für eine tolle Geschichte, die zugleich eine Zeitreise durch die Popkultur der vergangenen Jahrzehnte ist. Noch dazu ist Elvis’ vierzigster Todestag das perfekte Datum für dieses Buch. Wie gesagt: Ich musste es machen.

Lisa Marie Presley war Mitte der 1990er knapp zwei Jahre mit dem King of Pop in zweiter Ehe verheiratet.

The Memphis Flash: Kann ich gut verstehen. Würden Sie sich denn selbst als Fan des King bezeichnen?

Tobias Geigenmüller: Ich habe eine ganz besondere Verbindung zu Elvis Presley. Und auch wenn es ausgedacht klingt, ist es wirklich wahr: Ich wurde am 17. August 1977 geboren. Am Tag nach Elvis’ Tod. Eben genau an jenem Tag, an dem mein Buch beginnt – und Elvis mit einem fetten Grinsen im Gesicht die Nachrichten über sein Ableben im Fernsehen anguckt.

Abgesehen von dieser Verbindung bin ich eher generell musikbegeistert und offen für die verschiedensten Stile. Ich liebe Elvis’ Musik – aber ich bin nicht im Speziellen Elvis-Fan. Wobei sich das während der ganzen Recherche schon gesteigert hat.

Mittlerweile finden sich in meinem Arbeitszimmer ein Wackelkopf-Elvis, ein gerahmtes Poster, ein Kalender, Briefmarken und ein Elvis-Hampelmann. Und während der Arbeit am Buch habe ich fast pausenlos seine Musik gehört.

Tobias Geigenmüller: Aber es muss auch nicht immer das Original sein. Mir gefällt beispielsweise auch Come as you are von The King.

The Memphis Flash: Man kann schnell süchtig werden, das versteh‘ ich gut. Ihr Roman erzählt ja in mehreren Episoden auf unterhaltsame Weise davon, was Elvis, wenn er seinen Tod 1977 nur vorgetäuscht hätte, in den folgenden 40 Jahren mit seinem „Leben nach dem Tod“ wohl anfangen würde. Dabei bleibt er sich und seinem Umfeld in Ihrem Buch erstaunlich treu. Warum ist das so?

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Elvis, ein Biest und zwei Frolleinwunder

„Jetzt drück‘ mal richtig auf die Tube. Ich will sehen, was das Biest drauf hat.“ William Taylor, First Lieutenant (Oberleutnant) der US-Armee, hat den Satz noch nicht ganz beendet, als sein Fahrer, der auf diesen Befehl offensichtlich gewartet hat, das Gaspedal des schwarzen 1952er-Fords bis unten durchtritt und zum Überholen ansetzt. Die Tachonadel schnellt nach oben, die Landschaft entlang der A5 fliegt nur so vorbei.

„Das nenn‘ ich fahren“, freut sich Taylor und schaut rüber zum Mann hinter dem Steuer. Dessen blau-graue Augen blitzen übermütig, die auffallend vollen Lippen haben sich zu einem schiefen Lächeln verzogen, das eine Reihe makelloser Zähne freilegt. Er weiß: Der Wagen, in dem Taylor und er an diesem Sonntag im Frühjahr 1959 die A5 in Richtung Frankfurt entlang brausen, ist ebensowenig ein normaler Ford wie er ein normaler Fahrer ist. Der Mann am Steuer ist Private First Class (Obergefreiter) Elvis Presley, hauptamtlich King of Rock ’n‘ Roll, der Ford – von seinem Besitzer Taylor liebevoll „das Biest“ genannt, ein verkappter Cadillac mit V8-Motor.

  • Im Gleichschritt eins, zwo, drei, vier: GI Elvis Presley in Deutschland.

Kurz bevor Elvis, der seinen Wehrdienst im Spähtrupp einer amerikanischen Panzerdivision – genauer gesagt der Company C der 3rd Armored Division – im hessischen Friedberg  leistet, und sein Vorgesetzter bei Friedberg auf die A5 gefahren sind, haben sie sich zum Schrauben am „Biest“ in Little Texas getroffen. In der Wohnsiedlung für amerikanische GIs in der Nähe der Ray Barracks-Kaserne wohnt der 26-jährige William Taylor mit seiner Frau Peggy und den beiden Kindern.

Elvis selbst, zwei Jahre jünger als sein“Lootenet“, hat seine Zelte in der nahegelegenen Kurstadt Bad Nauheim aufgeschlagen, wo er erst vor wenigen Wochen für sich, seinen Vater, die Großmutter und zwei Freunde ein Einfamilienhaus in der Goethestraße 14 angemietet hat.

An diesem Sonntagnachmittag hat der King das wöchentliche Football-Spiel mit seinen Kumpels auf der grünen Wiese in der Nähe vom Bad Nauheimer Gradierwerk IV extra kurz gehalten, um Taylor dabei zu helfen, in den getunten Ford Baujahr 1952, der neben dem besagten V8-Motor noch so allerlei weitere Optimierungen aufweist, einen neuen Zündkondensator einzubauen.

Taylor ist ganz schön überrascht, als sein berühmter Gast, der noch in seiner Sportkleidung bei ihm auftaucht, ihm nicht nur zur Hand geht, sondern das Teil gleich selbst einbaut. Er habe, so erklärt Autonarr Elvis, schon als Jugendlicher, wann immer sich die Gelegenheit ergab, an Hot Rods geschraubt. Benzin liege ihm einfach im Blut.

Nach so viel tatkräftiger Hilfe bleibt Zeit für eine Runde Geschwindigkeitsrausch auf der „German Autobahn“. „Hammer, wie das Teil beschleunigt“, bemerkt Elvis, als von hinten ein Mercedes-Cabrio kommt und an ihnen vorbei zieht, als sie gerade die nächste Ausfahrt nehmen wollen.

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Diamond Joe Esposito

Hello, I’m Elvis Presley, glad to meet you, waren die Worte, mit denen der King of Rock ’n‘ Roll  Joe Esposito im Sommer 1959 bei ihrer ersten Begegnung begrüßte. Ein fester Händedruck begleitet vom berühmten schiefen Lächeln des King besiegelte eine 19 Jahre dauernde Freundschaft und ein fast ebenso langes Arbeitsverhältnis, in denen Joe Esposito als persönlicher Assistent und späterer Roadmanager so manche Höhen und Tiefen mit Elvis Presley durchlief.

Elvis Presley und Joe Esposito in Deutschland

Elvis Presley und Joe Esposito in Deutschland

Ort des Geschehens dieser ersten Begegnung: ein sehr deutsch anmutendes Wohnzimmer in einem Einfamilienhaus mit der Adresse Goethestraße 14 in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim. Also genau dort, wo G.I. Elvis Presley mit Vater Vernon, Großmutter Minnie Mae und zwei Freunden (Lamar Fike, Red West) Anfang 1959 für ein Jahr seine Zelte aufschlug, um in den Ray Barracks im benachbarten Friedberg seinen Wehrdienst zu leisten.

Der reine Zufall hatte Joseph Carmine Esposito, 1938 als Sohn italienischer Einwanderer in Chicago geboren, in das deutsche Wohnzimmer gespült. Fast zeitgleich mit seinem berühmten Zeitgenossen hatte Uncle Sam ihn zum Dienst am Vaterland nach Westdeutschland verschifft, wo der 21-Jährige in den Ray Barracks im hessischen Friedberg als Lohnbuchhalter eingesetzt wurde.

Von Elvis sah er dort erst einmal wenig, denn der hatte als Panzerspäher der Company C im 32nd Armor Regiment der 3rd Armored Division alles andere als einen Bürojob und war häufig auf Manöver.

Joe Esposito als G.I. in Deutschland, wo er 1959 Elvis Presley kennenlernte – Foto: Joe Esposito

Das änderte sich, als Wes Daniels, Fotograf der PR-Abteilung der US-Armee mit dem Auftrag, Elvis Presley bei seinen militärischen Aktivitäten im Foto festzuhalten, Joe zu dem ersten Treffen mit dem Superstar in die Goethestraße 14 einlud. Der Hintergrund: Elvis spielte in seiner Freizeit gerne mit seinen Kumpels Touch Football und brauchte noch Spieler.

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Revisited: Die letzte Reise des stillen Beobachters

2 Jahre ist das jetzt her: Meine Reise mit Elvis‘ berühmten Fotograf Alfred Wertheimer in seine jüdische Vergangenheit nach Coburg. Als kleiner Junge ist Alfred Wertheimer mit Eltern und Bruder nur knapp der Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen. Die Familie konnte 1936 noch rechtzeitig in die USA emigrieren.

Alfred Wertheimer vor dem Familengrab auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Alfred Wertheimer im August 2014 vor dem Grab seiner Familie auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Nur zwei Monate nach seinem letzten Deutschlandbesuch ist Alfred Wertheimer am 19. Oktober 2014 in seiner Wahlheimat New York verstorben.

Der stille Beobachter des King hat einen ganz besonderen Platz in meiner Erinnerung, nicht nur wegen seiner wunderbaren Elvis-Fotografien, sondern als eine große Persönlichkeit, die mich auf der letzten Reise zu seinen Anfängen mit seiner Großzügigkeit, Intelligenz, mit Charme und Humor verzaubert hat → Elvis’ Fotograf Alfred Wertheimer: Reise in die Vergangenheit.

Talking Elvis: George Klein beim 15. European Elvis Festival 2016

Keine Frage, Elvis‘ Schulfreund und langjähriger Weggefährte George Klein hat eine Menge zu erzählen. Und genau das tat er auch auf dem 15. European Elvis Festival in Bad Nauheim, zu dem die Elvis Presley Gesellschaft ihn Mitte August auf das rote Sofa zum Talk eingeladen hatte.

Da Radiomoderator George ein veritabler Dampfplauderer ist, der am liebsten nonstop selber redet, war der Talk zwar sehr unterhaltsam, wurde aber für Moderatorin Maria Hesterberg, die alle Aussagen ins Deutsche übersetzen musste, zu einer echten Bewährungsprobe. Aber Maria hat reichlich Erfahrung mit illustren Elvis-Zeitzeugen und meisterte die Situation wie immer ganz ausgezeichnet.

Hier der Auftakt zum Talk mit George Klein – Maria Hesterbergs Übersetzungen habe ich diesmal nicht mit aufgenommen, um Wiederholungen zu vermeiden. In nachfolgender Erzählung von George geht es darum, wie er Elvis Presley in ihrer gemeinsamen Zeit an der Humes High School in Memphis  kennenlernte.

Im zweiten Teil erzählt George, wie er als Rock ’n‘ Roll-DJ in den 1950ern durchstartete und 1957 eine Zeit lang für Elvis arbeitete, nachdem seinen Job verloren hatte. Glück im Unglück für George: Seinen Job als DJ war er zwar los, dafür konnte er dabei sein, als Elvis in Hollywood den Film Jailhouse Rock mit der berühmten Tanzszene drehte und einen seiner bekanntesten Soundtracks aufnahm.

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Revisited: Kings of Popular Art

Wenn die Kings of Popular Art, Elvis Presley und Andy Warhol, gemeinsam ins Scheinwerferlicht treten, dann horcht nicht nur die internationale Kunstszene auf. Zeit für ein kleines…

Elvis und Andy-Special:

Elvis und Andy Warhol: Kings of Popular Art

Triple Elvis: Andy Warhols Westernheld

Andys Elvis: Rassismus im Western Flaming Star

Millionenschwer: Andys Elvis im Casino Aachen

 

Elvis in der Herrnmühle (1959)

Hier stehe ich also und kann es kaum glauben. Nur einen Steinwurf von der verschlafenen hessischen Kleinstadt entfernt, in der ich vor gefühlt einer halben Ewigkeit zur Schule gegangen bin, hat Elvis Presley Spuren hinterlassen.

Es kommt noch besser: Der King hat hier sogar richtig Party gemacht, und zwar im Gasthaus Herrnmühle, gelegen an der B 275 zwischen Bad Nauheim und Usingen, genauer gesagt an der Kreuzung zur Abfahrt Richtung Usingen-Kransberg. Elvis‘ Party in der Herrnmühle fand im Frühjahr 1959 zu Ehren von Sergeant Ira Jones statt.

Kreuzung

Wie kam es dazu? Im Frühjahr 1959 war der damals schon weltberühmte King of Rock ’n‘ Roll seit einem halben Jahr als amerikanischer G.I. mit der Nummer US 53310861 in den Friedberger Ray Barracks stationiert. Er tat Dienst als Panzerspäher in der Company C des 32nd Armor Regiment der 3rd Armored Division.

In dieser Panzerdivision war Elvis Presley unter anderem als Jeepfahrer für Sergeant Ira Jones eingesetzt, einem sehr erfahrenen und mit dem Purple Heart ausgezeichneten Veteranen des 2. Weltkrieges, der 1944 an der Landung der Alliierten in der Normandie teilgenommen hatte.

Der bodenständige Jones hatte den bei seiner Ankunft in Deutschland im Oktober 1958 noch etwas verlorenen wirkenden King of Rock ’n‘ Roll unter seine Fittiche genommen, um den Superstar möglichst gut in die Truppe zu integrieren und – falls nötig – vor Fans und Presse abzuschirmen.

Private Elvis und sein Vorgesetzter Sergeant Ira Jones in Deutschland

Einsatzbereit: Private Elvis und sein Vorgesetzter Sergeant Ira Jones in Deutschland

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Spotlight 1. Oktober 1958: E-Day – G.I. Elvis erobert Friedberg

Claus-Kurt Ilge steht mitten auf den Eisenbahnschienen, sein stahlblauer Blick ist nachdenklich in die Ferne gerichtet. Die Schienen gehören zu der alten, längst verlassenen und mittlerweile dicht zugewachsenen Truppenverladerampe der ehemaligen US-Kaserne Ray Barracks in Friedberg.

Genau hier betrat am Abend des 1. Oktober 1958 der berühmteste G.I., den es je in die Wetterau verschlagen hat, erstmals Friedberger Boden: Elvis Presley. Zum „Begrüßungskomitee“ auf dem schwer zugänglichen Gelände der Amerikaner gehörte 1958 neben einigen Journalisten auch eine Gruppe bestens informierter Teenager. Der damals 16-Jährige Claus-Kurt Ilge war einer von ihnen.

  • Claus-Kurt Ilge auf den Schienen an der Truppenverladerampe der Friedberger Kaserne Ray Barracks im August 2015 - Foto: memphisflash.de

Das war kein Zufall. Während eine große Menge Schaulustiger ebenso geduldig wie vergeblich am Friedberger Hauptbahnhof auf die Ankunft des King of Rock ’n‘ Roll wartete, der zusammen mit vielen andern G.I.s per Militärzug direkt aus Bremerhaven kam, wusste der Friedberger Elvisfan Claus-Kurt sehr genau, wo die US-Armee ihre neuen Soldaten für die Ray Barracks ablieferte: nämlich genau hier an der Rampe. Als wir uns Jahrzehnte später im August 2015 an der ehemaligen Truppenverladerampe treffen, erzählt der junggebliebene ehemalige Fernmeldetechniker mit dem unverkennbaren schneeweißen Haarschopf, wie es dazu kam.

Amerikanisches Lebensgefühl in der Wetterau: AFN, Elvis und die Ray Barracks

1958 wohnt der 16-jährige Claus-Kurt noch bei seinen Eltern in Friedberg und besucht die Realschule. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Hausfrau – Claus-Kurt wächst in einer gutbürgerlichen Familie auf. Als der wildeste der drei Ilge-Jungs hat er für Lernerei und Schule nicht viel übrig. Das Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre ist vor allem eins: ziemlich grau und spießig. Das fängt bei der Musik an, die die Elterngeneration bevorzugt, etwa Rudi Schuricke, Fred Bertelmann und Paul Kuhn, und hört bei den Klamotten auf, die für Teenager damals als angemessen galten. Alles nichts für Claus-Kurt.

Aber da gibt es – in der direkten Nachbarschaft in Friedberg – noch eine andere Welt, so viel moderner und lässiger. Die Welt der US-Amerikaner in den Ray Barracks. Die neuen Nachbarn bringen ihre eigene Musik mit, verbreitet vom AFN, American Forces Network, der die amerikanischen Soldaten im besetzten Nachkriegsdeutschland mit Heimatklängen versorgt. Dabei hat der AFN schnell eine große Hörergemeinde unter den deutschen Jugendlichen, darunter auch Claus-Kurt. Hören kann er AFN allerdings nur heimlich, wenn die Eltern nicht zuhause sind. Schnell wird dann das Familienradio vom Hessischen Rundfunk auf den „Ami-Sender“ eingestellt.

Da war die Stimme von diesem Elvis Presley – die faszinierte mich sofort, als ich sie 1956 zum ersten Mal hörte“ , erzählt Claus-Kurt Jahrzehnte später. Nur erwischen lassen darf sich der 16-Jährige dabei von den Eltern nicht, sonst heißt es: „Der Saubub hört schon wieder Elvis“ . Und ein paar hinter die Löffel gibt es wahrscheinlich auch. Dabei wachsen die deutschen Jugendlichen mit den Amerikanern in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft auf, nehmen sie längst als Freunde, nicht als Besatzer oder ehemalige Feinde wahr. Für die Eltern- und Großelterngeneration sieht das hingegen ganz anders aus: Vater Ilge war als Soldat im Zweiten Weltkrieg, er fühlt sich als Besiegter… besiegt von den Amerikanern.

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Revisited: Alfred Wertheimers letzte Reise

Ziemlich genau 1 Jahr ist das jetzt her: Meine Reise mit Elvis‘ Fotograf Alfred Wertheimer in seine jüdische Vergangenheit nach Coburg. Als kleiner Junge ist Alfred Wertheimer mit Eltern und Bruder nur knapp der Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen. Die Familie konnte 1936 noch rechtzeitig in die USA emigrieren.

Alfred Wertheimer vor dem Familengrab auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Alfred Wertheimer im August 2014 vor dem Grab seiner Familie auf dem jüdischen Friedhof in Coburg; Foto: www.memphisflash.de

Zwei Monate nach seinem letzten Deutschlandbesuch ist Alfred Wertheimer (1929-2014) in seiner Wahlheimat New York verstorben. Dass eines seiner berühmten Fotos von Elvis Presley aus dem Jahr 1956 aktuell in der Coca Cola-Werbung weltweit für Furore sorgt, hat er also nicht mehr erlebt. Es hätte ihn sicher sehr gefreut.

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Mein Nachbar Elvis

Es ist ein sonniger, warmer Wochentag im Juli 2015. Die Einfahrt zu dem großzügigen Grundstück am ruhigen Stadtrand von Bad Nauheim macht unvermittelt eine Biegung nach rechts. Plötzlich steht sie vor mir und streckt mir freundlich die Hand zur Begrüßung entgegen: Angelika Springauf. Die Jahre haben der zierlichen, gepflegten Frau, mit der ich zum Interview verabredet bin, kaum etwas anhaben können. Angelika Springauf hat sich ihre Jugendlichkeit bis ins Alter bewahrt – beneidenswert!

Sofort habe ich das berühmte Foto vor Augen, das die lächelnde 14-jährige Angelika mit ihrem hübschen dunklen Pagenkopf zeigt, rechts neben ihr gut gelaunt der wohl berühmteste G.I., den es je in die Wetterau verschlagen hat: Elvis Presley. Die beiden stehen vor dem Gartentor des Hauses Goethestraße 14, wo Elvis Presley vom Februar 1959 bis Anfang März 1960 zusammen mit seinem Vater Vernon, Großmutter Minnie Mae, Sekretärin Elisabeth Stefaniak und zwei Freunden – Red West und Lamar Fike – wohnte.

Angelika Springauf am Gartentor von Elvis Presleys Wohnsitz in der Goethestraße 14 in Bad Nauheim 1959

Am Gartentor mit Nachbar Elvis: Angelika Springauf und Elvis Presley vor dem Haus in der Goethestraße 14 in Bad Nauheim, ca. 1959 – Foto: Angelika Springauf

Das Foto lässt viel Vertrautheit erahnen: Lässig hat der King die Arme ausgebreitet auf die Pfosten neben dem Gartentor gelegt und Angelika steht wie selbstverständlich dicht neben ihm. Der Schnappschuss einer Freundin ist eine Momentaufnahme, die Vertrautheit hingegen ist über Monate gewachsen: Angelika Springauf wohnt Ende der 1950er Jahre nur wenige Fußminuten entfernt von der Goethestraße 14 in Bad Nauheim. Die 14-jährige Realschülerin und der berühmte G.I. auf dem Foto sind also gewissermaßen Nachbarn – Nachbarn, die sich fast täglich begegnen, denn Angelika ist damals schon ein Fan des King.

Im Laufschritt drei Minuten: Rock ’n‘ Roll, Elvis und das Kino

Lachend erzählt die heute 70-Jährige von ihrem Glück, zufällig einen Logenplatz im Deutschlandabenteuer Elvis Presleys ergattert zu haben: Im Laufschritt drei Minuten braucht sie damals von ihrem Lieblingsplatz vorm Gartentor in der Goethestraße bis nach Hause. Um 22.00 Uhr muss der Teenager spätestens daheim bei den Eltern sein, ansonsten hat die gebürtige Bad Nauheimerin durchaus ihre Freiheiten im nicht gerade liberalen Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre. Vor allem die Mutter zeigt Verständnis für Angelika.

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Helmut Radermacher präsentiert: Elvis The King – Die Hits der deutschen Charts

Helmut Radermacher (* 1943) ist seit über fünf Jahrzehnten einer der bekanntesten deutschen Elvis-Kenner und -Aficionados. Der Düsseldorfer, der heute in Coburg lebt, gründete 1958 den ersten Elvis-Fanclub in Deutschland, war 1978 Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Elvis Presley Gesellschaft, ist leidenschaftlicher Elvis-Sammler und zeichnete jahrelang als freier Berater von Elvis Presleys Plattenfirma für erfolgreiche LP-Veröffentlichungen in Deutschland verantwortlich.

Viele deutsche Fans haben Elvis überhaupt erst über die Vermittlung von Helmut Radermacher, d.h. über die von ihm als Berater von RCA Deutschland zusammengestellten Hit-LPs, kennengelernt – ohne es zu wissen. Ich freue mich, dass Helmut heute in seinem 1. Gastbeitrag für The Memphis Flash einen Blick hinter die Kulissen einer seiner erfolgreichsten Ideen gewährt.


Wie „Elvis The King – Die Hits der deutschen Charts“ entstand

von Helmut Radermacher

1991 lief im deutschen Fernsehen, genauer im Vorabendprogramm der ARD, eine 13-teilige amerikanische TV-Serie über den jungen Elvis Presley. In den USA bekannt unter dem Titel Elvis (USA 1990), war die Serie in der ARD vom 28. September bis 21. Dezember 1991 unter dem Titel Elvis – King Of Rock’n’Roll zu sehen. 1995 wurde sie nochmals im WDR gezeigt.

Die Hauptrolle des jungen Elvis übernahm Michael St. Gerard, Mutter Gladys wurde von Millie Perkins verkörpert, die 1961 an der Seite von Elvis im Film Wild In The Country (dt. Lied des Rebellen) eine weibliche Hauptrolle gespielt hatte. Weitere wichtige Personen in der Handlung waren neben Vater Vernon Presley (Billy Green Bush) noch Elvis‘ frühe Bandmitglieder Scotty Moore (Jessie Dabson) und Bill Black (Blake Gibbons) sowie Studioinhaber Sam Phillips (Jordan Williams). Wer die Serie nicht kennt, ahnt es jetzt schon: Es ging in der Hauptsache um Elvis‘ berühmte SUN-Ära, also die frühen Jahre unter dem Dach von Sam Phillips Aufnahmestudio und Plattenlabel.

Leider waren die deutschen Angaben zur TV-Serie – wie so oft – ungenau bis falsch, denn es war mal wieder die Rede davon, dass die „Witwe“ von Elvis, Priscilla Beaulieu Presley, die TV-Story mit produziert hatte: Ex-Frau wäre natürlich richtig gewesen. Und natürlich wurde auch wieder die Geschichte aufgetischt, Elvis hätte seine erste, selbst finanzierte Platte My Happiness (1953) als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter Gladys  aufgenommen. Dieses Märchen ist einfach nicht totzukriegen! Dabei existiert eine Quittung darüber, dass Elvis den Song am 18. Juli 1953 aufnahm, fast drei Monate nach dem Geburtstag seiner Mutter am 25. April. Das wäre also ein reichlich verspätetes Geburtstagsgeschenk gewesen.

Sei’s drum. Begleitend zur TV-Serie wollte die deutsche Niederlassung von Elvis‘ Plattenfirma RCA jedenfalls eine Platte herausbringen. Da ich RCA zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach bei ähnlichen Projekten erfolgreich beraten hatte, bat mich 1991 die A&R-Abteilung (Artist und Repertoire) nach Hamburg zu kommen, um vor dem Start der Serie im TV ein paar Folgen anzusehen. Die Verantwortlichen bei RCA glaubten nämlich, dass in der Serie auch Elvis im Original zu hören und deswegen eine Kopplung mit einer Platte geradezu optimal wäre. In Hamburg saß seit 1956 die Teldec, ab 1975 RCA, ab 1986 hieß es Ariola, bevor das Ganze wiederum zu BMG (Bertelsmann Music Group) wurde. RCA als Label blieb aber stets bestehen – heute unter dem Dach von SONY.

Ich sah mir die Serie also an und musste die Herren enttäuschen – in der Serie hört man nämlich nicht Elvis im Original, sondern Ronnie Mc Dowell, genau den Mann, den man in den USA schon 1979 als Sänger für den Film ELVIS The Movie mit Kurt Russel in der Hauptrolle verpflichtet hatte, weil Elvis Presley Enterprises die Rechte an Elvis Originalstimme nicht erteilt hatte. Hier ein Ausschnitt aus der TV-Serie ELVIS mit Michael St. Gerard als Elvis auf der Bühne und Ronnie McDowell, der dem King die Stimme zu Baby Let’s Play House leiht – sozusagen eine St. Gerard/Mc Dowell-Koproduktion:

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