Elvis Presleys ‚How Great Thou Art‘

Mit How Great Thou Art hat Elvis Presley gleich zwei seiner insgesamt drei Grammys eingefahren. Den ersten für sein zweites Gospel-Album How Great Thou Art, das der King im Mai 1966 in RCAs Studio B in Nashville aufnahm, und einen weiteren für eine Liveversion des Titelsongs, die er am 20. März 1974 bei einem Konzert in Memphis sang. Sie ist verewigt auf dem Album Elvis Recorded Live On Stage in Memphis (1974).

How Great Thou Art ist damit also ein doppelter Gewinner – besonders die Studioversion vom 25. Mai 1966 wird heute zu den besten Gesangsdarbietungen des Memphis Flash gezählt.

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presley verband von Kindes Beinen an eine große Liebe zur Gospelmusik der amerikanischen Südstaaten. Sang er Gospels, dann legte sich der King jedes Mal mächtig ins Zeug mit einer Intensität und einer inneren Überzeugung, die sich in seinem Repertoire in dieser gleichbleibend hohen Qualität sonst kaum findet, findet etwa Musikhistoriker Will Friedwald.

Zu Elvis‘ frühen Heroen zählten die Sänger der bekannten Gospelquartette Blackwood Brothers und Statesmen Quartet. Besonders der charismatische Leadsänger der Statesmen, Jake Hess (1927–2004), hatte es dem jungen Elvis angetan. Hess gründete Anfang der 1960er mit den Imperials eine eigene Gospelformation, die später sowohl im Studio als auch live mit Elvis erfolgreich war und die es bis heute gibt.

Bevor Elvis sein Glück als Solist in Sam Phillips Sun Studio suchte, hoffte er Anfang der 1950er vergeblich auf einen Einstieg als Gospelsänger bei den Nachwuchstruppe der Blackwood Brothers, den Songfellows. Das klappte nicht, da er sich gesanglich nicht in die Gruppe einfügen konnte. Die Songfellows erkannten vor Elvis, dass ihm eine Karriere als Solosänger besser passte, und „stupsten“ in mit ihrer Ablehnung in die entscheidende Richtung:

„As long as [Elvis] was singing lead, he was fine. But when the baritone or the tenor took over, someone had to sing harmony, and he could not harmonize. He’d sing baritone a line or two, then switch off to tenor a couple of lines, and wind up singing the lead part. That was the reason we didn’t take him into the quartet with us.“

Songfellow-Mitglied Jim Hamill zitiert nach The Sound of Light: A History of Gospel Music

Elvis Presley soll zunächst ganz schön gefrustet gewesen sein, dass die Songfellows ihn nicht haben wollten, löste das „Problemchen“ dann aber auf seine Weise: Er machte Weltkarriere als Solosänger und engagierte seine geliebten Gospelquartette einfach als Backgroundsänger – angefangen von den Jordanaires über die schon erwähnten Imperials bis zu den Stamps. Eine bis heute sehr hörenswerte Lösung eines Problems.

Wenn der King es ganz perfekt haben wollte, dann kamen gleich mehrere Gospelformationen zum Einsatz, wie etwa bei der Aufnahmesession für das Album How Great Thou Art im Mai 1966. Am Grammy-Gewinner waren nämlich sowohl die Jordanaires – seit 1956 fester Bestandteil seiner Studioalben, Live-Auftritte und auch frühen Filme – mit Gordon Stoker, Neal Matthews, Hoyt Hawkins und Ray Walker als auch die noch jungen Imperials mit Elvis‘ Jugendidol Ex-Statesmen Jake Hess beteiligt.

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Immer noch hörenswert: Elvis live in Richmond März 1974

In Zeiten von Corona und dem ziemlich eingeschränktem Aktionsradius, den die Pandemie für uns alle mit sich bringt, tut es gut, sich mit Elvis ein bisschen abzulenken. Ich mache das neben der Vorbereitung neuer Blog-Beiträge  (z.B. zu „Elvis Is Back!“), indem ich mal wieder in Elvis-Veröffentlichungen reinhöre, die ich länger nicht auf dem Schirm hatte. Eine davon ist die FTD 48 Hours To Memphis aus dem Jahr 2011.

Als Elvis Presley am 18. März 1974 unter Blitzlichtgewitter und donnerndem Applaus zu den Klängen von Also Sprach Zarathustra die Bühne des Coliseum in Richmond/Virginia betrat, waren es noch genau 48 Stunden bis zu dem legendären Konzert in seiner Wahlheimatstadt, erstmals 1974 verewigt auf der LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Lange ahnte kaum jemand, dass auch von dem kompletten Konzert in Richmond eine professionelle Multitrack-Aufnahme realisiert wurde, von der wiederum eine Kopie – versehen mit nicht mehr als dem unspektakulären Aufdruck „All Star Shows, Madison Tennessee“ – 1990 über Umwege in die Hände des Fans und Sammlers Robert Frieser kam.

Erst mehr als 20 Jahre später hat Frieser diese Kopie des Mitschnitts (das Original gilt weiterhin als verschollen) für die Veröffentlichung durch das Elvis Presley-Sammlerlabel Follow That Dream Records zur Verfügung gestellt, für das Ernst Jorgensen und Roger Semon seit 1999 mit vielen erstklassigen Elvis-Publikationen verantwortlich zeichnen. Zuvor kursierte das Konzert nur als Import unter dem Titel „Guaranteed To Blow Your Mind“.

2011 erschien das Richmond-Konzert dann endlich unter dem Titel 48 Hours To Memphis im Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream. Veröffentlicht wurde es in demselben 3-teiligen, ausklappbaren Deluxe-Format wie sein FTD-Pendant Elvis Recorded Live On Stage In Memphis. Versehen ist das Set mit Farbfotos, die den King im Aqua Blue Vine-Jumpsuit in Action zeigen, verschiedenen Schnappschüssen am Flughafen und einem 16-seitigen Booklet mit Informationen rund um das Konzert in Richmond.

Aber das Wichtigste ist das Konzert selbst, ein echter Hammer, in wirklich guter Soundqualität! Hier hat Toningenieur Vic Anesini ganze Arbeit geleistet. Denn er schafft es, sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch die Aufregung im Publikum zu transportieren, also das, worauf es bei einem Live-Konzert wirklich ankommt. Und das lohnt sich.

Der King selbst ist hörbar exzellenter Laune, verdammt gut bei Stimme und ausgelassener als bei dem Konzert zwei Tage später in Memphis. Begleitet wird er von seiner allseits bewährten TCB-Band mit James Burton an der Leadgitarre, Glen D. Hardin am Piano, Ronnie Tutt am Schlagzeug, John Wilkinson an der Rhythmusgitarre und Duke Bardwell am Bass.

Dazu kommen die Backgroundsänger mit den Soulladies The Sweet Inspirations, die Gospeltruppe J.D. Sumner & The Stamps, eine neue durchweg männliche Gesangsformation namens Voice und die zierliche Sopranistin Kathy Westmoreland, das „kleine Mädchen mit der schönen hohen Stimme“, wie Elvis Presley sie dem Publikum gerne vorstellte.

Die Songauswahl des Konzerts in Richmond unterscheidet sich nicht wesentlich von der des bekannteren in Memphis. Elvis präsentiert bei beiden seine inzwischen zum Markenzeichen gewordene Kombination von Rock ’n’ Roll, Blues, Gospel und Balladen. Beim Richmond-Konzert fehlen allerdings der Klassiker My Baby Left Me und How Great Thou Art, die beeindruckende Live-Interpretation vom 20. März 1974, die Elvis Presley einen weiteren Grammy (→Elvis und die Grammys) einbrachte:

  1. Also Sprach Zarathustra
  2. See See Rider
  3. I Got A Woman / Amen
  4. Love Me
  5. Trying To Get To You
  6. All Shook Up
  7. Steamroller Blues
  8. Teddy Bear / Don’t Be Cruel
  9. Love Me Tender
  10. Medley Long Tall Sally / Whole Lotta Shaking’ Goin’ On / Your Mama Don’t Dance / Flip Flop And Fly / Jailhouse Rock / Hound Dog
  11. Fever
  12. Polk Salad Annie
  13. Why Me Lord
  14. Suspicious Minds
  15. Vorstellung der Band
  16. I Can’t Stop Loving You
  17. Help Me
  18. American Trilogoy
  19. Let Me Be There
  20. Funny How Time Slips Away
  21. Can’t Help Falling In Love
  22. Closing Vamp

Bonus-Tracks:

  1. Sweet Caroline
  2. Johnny B. Goode
  3. That’s All Right

Die drei Bonus-Tracks der CD stammen vom 1. Konzert dieser März-Tournee in Tulsa/Oklahoma am 1. März (Sweet Caroline) und von dem des 17. März in Memphis/Tennessee. Die gesamte Tournee vom Frühjahr 1974 mit insgesamt 25 Konzerten an nur 20 Tagen – das Richmond-Konzert vom 18. März ist das drittletzte dieser Tour de Force – war ein uneingeschränkter Erfolg und gilt bis heute als eine von Elvis Presleys besten. Die Nachfrage nach Tickets war so groß, dass Zusatzkonzerte angesetzt wurden.

48 Hours To Memphis: Highlights

Von den ersten Klängen an ist bei diesem Konzert klar, das wird eine gute Show. Ein kraftvolles Trying To Get To You ist ein erster Höhepunkt…

Audio: Trying To Get To You, 1974

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Priscilla Presley: Für immer 14

Im Januar wäre Elvis Presley 85 Jahre alt geworden. Und wie bei allen Jubiläen, die der King nicht mehr erlebt, ist er auch diesmal wieder ordentlich gefeiert worden – unter tatkräftiger Mithilfe von Exfrau Priscilla. Schließlich ist sie eine der Schlüsselpersonen in der posthumen Vermarktung ihres Göttergatten.

Was beim Jubiläums-Hype auch in diesem Jahr wieder völlig untergeht, ist die Tatsache, dass auch Priscilla Beaulieu Presley – von 1967 bis 1973 mit dem King verheiratet – einen feiernswerten Geburtstag begeht. Die Queen wird am 24. Mai 2020 stolze 75 Lenze alt. Da kann man doch wirklich gratulieren, oder?

Priscilla Presley am 2. März 1960 in Frankfurt

Für immer 14: Priscilla Presley heute vor 60 Jahren am 2. März 1960 in Frankfurt

Was, so alt ist die schon, denkt sich so mancher jetzt… und beginnt zu rechnen… zurück… weit zurück. War die nicht erst 14, als sie den G.I. Elvis in Deutschland kennenlernte? Genau!

Dieses Alter hat sich dergestalt ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass es für immer mit ihr verbunden wird. Irgendwie ist Priscilla für immer 14 – sehr unschuldig und sehr schön. Und die Ex des King tut so einiges, um ihr wahres Alter zu verschleiern. Dank zahlreicher kosmetischer Eingriffe wirkt die einstmals so schöne Mrs. Presley heute ähnlich zeitlos wie ihr früh verstorbener Ex-Ehemann.

Wenn man in das alterslose Gesicht Priscilla Presleys schaut, das nicht einmal den Ansatz einer Sorgenfalte erkennen lässt, dann könnte man fast vergessen, dass sie eine sehr mächtige Frau ist. Seit sie Ende der 1970er – und hier spielt der Zufall durchaus eine Rolle – nach dem Tod ihres geschiedenen Mannes († 1977) und dem ihres Ex-Schwiegervaters Vernon Presley († 1979) in die Rolle der Vermögensverwalterin für die damals noch minderjährige Alleinerbin Lisa Marie nachrückte, bestimmt die zierliche Frau wie kaum jemand sonst die öffentliche Wahrnehmung des King.

Alterslos: Priscilla Presley 2019 – Foto: Demotix

Obwohl Tochter Lisa Marie (*1968) – dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten – heute mittlerweile deutlich über 50 ihr Erbe schon vor Jahrzehnten angetreten hat, ist Priscilla immer noch die erste Adresse, wenn für Dokumentationen, Filme und Publikationen aller Art Aussagen über Elvis Presley benötigt werden. Dem kommt Priscilla, die eine zentrale Rolle im Ausbau Gracelands – Elvis Presleys Hauptwohnsitz von 1957 bis 1977 – zu einer der größten Touristenattraktionen in den USA spielte, gerne nach.

Das hat seit den 1980ern fast zwangsläufig dazu geführt, dass Priscillas Liebes- und Ehegeschichte mit dem King in der öffentlichen Wahrnehmung im Vordergrund steht. Mit der Zeit ist der Eindruck entstanden, die Beziehung zu ihr sei überhaupt die einzige längere, ernstzunehmende Elvis Presleys zu einer Frau gewesen, das Scheitern dieser Beziehung die Hauptursache für seinen frühen Tod und Priscilla habe insgesamt eine wichtige Rolle in der Karriere des King gespielt. Sicher: Elvis Presley hat nur ein einziges Mal geheiratet… Trotzdem sind diese Annahmen viel zu vereinfachend, treffen nicht den Kern.

Denn Priscillas Macht heute kontrastiert verblüffend mit ihrer Machtlosigkeit während der Dauer ihrer Beziehung zu Elvis Presley – einer Beziehung, in der er zu ihrem Leidwesen völlig dominierte und sie schlicht wenig zu melden hatte. Nachzulesen ist das in Priscilla Presleys 1985 erschienenen Buch Elvis and Me.

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Elvis live im Februar 1970

Immer wenn ich gefragt werde, welches Live-Album von Elvis ich denn besonders empfehlen könnte, dann gibt es eins, das mir in diesem Zusammenhang NIE spontan einfällt. Und das kurioserweise, obwohl ich alle Songs des Albums sehr gerne höre, sogar einer meiner absoluten Lieblingssongs (Ahhhhh, die Annie) hier erstmals drauf zu finden war. Es handelt sich um das Album On Stage von 1970.

Elvis On Stage 1970

Eigentlich kann man ein Album mit einem so coolen Cover doch gar nicht vergessen, oder? Auch dann nicht, wenn der Name des Interpreten auf dem Cover, ziemlich selten bei Elvis, nirgendwo zu finden ist. Wieso passiert’s mir dann dauernd – früher Fall von Alzheimer?

Nein, soweit ist es dann doch noch nicht ganz. Es liegt wohl in erster Linie daran, dass es mir schwerfällt, On Stage als ein in sich geschlossenes Album unter der Überschrift Elvis live 1970 wahrzunehmen. Irgendwie scheint da etwas zu fehlen. Und ich glaube, das hat viel mehr etwas mit der Entstehungsgeschichte, mit dem Konzept von On Stage zu tun als mit den enthaltenen Songs oder meinem Gedächtnis. Weiterlesen

Lesenswert: Dave Marsh in Elvis Walk A Mile In My Shoes

Die nächste Runde ist eröffnet für meine Serie über die überraschend kleine und zum Teil wenig bekannte Gruppe von lesenswerten Veröffentlichungen, die sich kenntnisreich ausschließlich mit dem Musiker und Sänger Elvis Presley beschäftigen.

Elvis Presley legt alles in einen Song (1972) – Foto: Boxset Walk A Mile in my Shoes

Vorgestellt habe ich in der Vergangenheit schon Will Friedwalds erstaunliches Elvis-Essay in A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers (2010), Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide (2014 – hiervon gibt es eine bearbeitete und ergänzte 2. Auflage unter dem Titel Reconsider Baby, 2017), Robert Matthew-Walkers Elvis Presley A Study in Music (1979) und Helmut Radermachers Elvis A Life in Music (2017), die Neubearbeitung von Ernst Jorgensens Elvis Presley: A Life in Music.

Heute ist einer der bekannteren Elvis-Autoren an der Reihe: der amerikanische Rockmusk-Aficionado und Autor Dave Marsh (*1950), berühmt-berüchtigt für seine exzellent geschriebenen, aber oftmals auch provokanten Aussagen über die Musiker seines bevorzugten Genres.

Marsh, der ab den 1970ern für verschiedene Musikmagazine wie Creem und Rolling Stone schrieb, hat eine ganze Reihe von Büchern über Musiker – allein vier über Bruce Springsteen – sowie Rockmusik im Allgemeinen veröffentlicht (The Heart of Rock and Soul – The 1001 Best Singles Ever Made, 1999) und engagierte sich zudem in der Rock ’n‘ Roll Hall of Fame. 

Dave Marsh in seinem Büro – Foto: www.davemarsh.us

Marsh zählt neben Greil Marcus und Peter Guralnick zu den Top-Elvis-Autoren aus der Fraktion der amerikanischen Musikjournalisten, die sich vor allem mit Rockmusik beschäftigen bzw. in der Vergangenheit beschäftigt haben.

Zu seinen bekannteren Elvis-Veröffentlichungen gehören der Nachruf Elvis Presley: Spiritual Leader of a Generation im Magazin Rolling Stone vom 22.9.1977, vor allem aber die vielbeachtete Buchveröffentlichung Elvis aus dem Jahr 1982.

Elvis: The Seventies

Weit weniger bekannt als seine Buchveröffentlichung Elvis von 1982 ist Marshs Essay „Elvis: The Seventies“ im Begleitheft zu dem 1995 erschienenen und von Ernst Jorgensen zusammengestellten Boxset Elvis Walk A Mile in my Shoes: The Essential 70’s Masters.

Boxset Elvis Walk A Mile In My Shoes – The Essential 70’s Masters

Das dritte Boxset der Essential-Reihe aus den 1990ern konzentriert sich mit seinen fünf CDs ausschließlich auf Elvis Presleys musikalisches Schaffen zwischen 1970-1977 – hier vor allem die Studioaufnahmen – und gilt bis heute als guter Einstieg in den Elvis der 70er für alle, die hier bislang Berührungsängste hatten.

Das Bemerkenswerte an Marshs Essay Elvis: The Seventies ist, dass es dem Autor nicht nur gelingt, Elvis‘ Musik der 1970er stimmig in den Kontext seiner Gesamtkarriere einzuordnen – und dabei mit ein paar grundlegenden Missverständnissen aufzuräumen -, sondern zentrale Erkenntnisse über den Künstler Elvis Presley zu präsentieren, wie sie andernorts kaum je zu finden sind.

Dabei schlägt der Musikjournalist eine Brücke vom Elvis der 1950er zu dem der 1970er Jahre und zeigt erstmals die Kontinuität im Schaffen des King auf – vom Anfang bis zum (bitteren) Ende. Damit schafft Marsh auf knapp 40 Seiten, was Peter Guralnicks zweibändiger Biographie aus den 1990ern auf mehr als tausend – zweifelsohne hervorragend geschriebenen – Seiten nicht abschließend gelingt: Er bringt den Künstler Elvis Presley auf den Punkt!

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Aloha American Trilogy

Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Elvis: Aloha American Trilogy 1973

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die dem King am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches politisches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche kritische Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das „Wie“ genauer zu erläutern:

„I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.“

„Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.“

Zitat aus: Egil „Bud“ Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der „American Bald Headed Eagle-Jumpsuit“, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert – und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award ausgezeichnet.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede bei der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis‘ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

„Promised Land“ war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt „da draußen“ daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und „antiamerikanische Tendenzen“ zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

American Trilogy: Elvis‘ Plädoyer für Integration

Als Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

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Elvis In Concert 1977: Alex Darcy im Interview

Wenn heute von Elvis In Concert gesprochen wird, dann ist damit meistens ein seit Ende der 1990er Jahre ziemlich erfolgreiches Konzertformat gemeint, das den toten Elvis auf der Bühne sozusagen wiederauferstehen lässt, indem man ihn als überdimensionale Videoprojektion zeigt, während seine ehemaligen Musiker live dazu spielen. Mehr posthume Ersatzhandlung für zu spät geborene Elvis-Fans, die ihn nie live haben erleben können, dürfte es kaum geben.

Bei so viel Enthusiasmus für „Elvis live“ im Hier und Heute verwundert es allerdings, dass ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des TV-Senders CBS, nämlich das eigentliche Elvis In Concert aus dem Jahr 1977, praktisch völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein und auch dem vieler Fans verschwunden ist.

Elvis Presley im Juni 1977 – zu sehen in Elvis In Concert – Foto: Alex Darcy

Wenn Elvis live immer noch eine solche Bombe ist, die sich gut vermarkten lässt – es hagelt regelmäßig teure Boxsets wie etwa Elvis Live 69, das legendäre ’68 Comeback Special und die Fortsetzung Elvis Unleashed wurden 2018/2019 in vielen Ländern (auch in Deutschland) sogar im Kino gezeigt – warum wird dann ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des King totgeschwiegen?

Einer der dazu etwas sagen kann, ist der im Elsass geborene Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchautor Alex Darcy, der heute in Paris lebt, seit langem ein großer Elvis-Fan ist und Elvis in Concert von 1977 auf seine ganz eigene Weise zu neuem Glanz verhelfen möchte. Im Interview (übersetzt aus dem Französischen) verrät er, was ihn dabei antreibt.

INTERVIEW

The Memphis Flash: Alex, verrate uns, wie lange bist Du schon Elvis-Fan und was fasziniert Dich bis heute besonders am King?

Alex Darcy: Ich war 16, als ich Elvis zum ersten Mal im Fernsehen sah. Es war sein Todestag – das französische Fernsehen zeichnete sein Leben nach. Diese wenigen Minuten der Berichterstattung hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte Elvis noch nie zuvor gesehen oder gehört. Zuerst war ich von seinem guten Aussehen und der Art, wie er sich auf der Bühne bewegte, berührt. Sein Stil war so einzigartig: ernst und frech! Es war eine Offenbarung.

Ich hatte noch nie jemanden mit seinem Körper tun sehen, was Elvis auf der Bühne tat. Totale Freiheit, total ungehemmt, aber sehr beherrscht. Von einem Tag auf den anderen trat Elvis in mein Leben, um niemals wieder zu gehen. Ich interessierte mich für ihn als Ganzes, ich wollte alles über ihn wissen. Und je mehr ich wusste, desto mehr faszinierte er mich.

Ein großer Elvis-Fan: Alex Darcy – Foto: Alex Darcy

Sein Leben, seine Karriere, sein Erfolg, seine große Großzügigkeit, seine Sorgen, dann sein Tod unter ziemlich schmerzhaften Bedingungen. Er hatte alles, um mir zu gefallen. Diese schöne Baritonstimme, eine Stimme wie Honig und doch mit Kraft, mit Wut darin. Es ist eine sinnliche Stimme – männlich und weiblich zugleich. Auch seine Art sich anzuziehen, sich in Szene zu setzen, fasziniert mich. Wenn er einen Raum betrat, lag etwas in der Luft, etwas, das man nicht beschreiben, aber fühlen kann. Seit 42 Jahren begleitet er mich und ich habe noch nie dasselbe für einen anderen Sänger empfunden. Elvis ist einzigartig!

The Memphis Flash: Ja, Elvis hatte zweifellos das, was man Charisma nennt. Jetzt interessierst Du Dich ja vor allem für den „späten“ Elvis, also den Elvis der 1970er Jahre. Woher kommt das?

Alex Darcy: „Spät“! Nein, ich interessiere mich für alles, was Elvis gemacht hat. Absolut alles. Rock’n’Roll, Liebeslieder, Filme, die Shows in Las Vegas, seine Konzerte. Die „späte“ Zeit, wie Du sagst, ist mir aber näher, weil ich die 1950er nicht erlebt habe. Die 1970er Jahre waren für Elvis fabelhaft. Er war bereits zum Mythos, zur Legende geworden. Seine Bühnenkostüme, seine humorvollen Bühnenauftritte, diese besondere Art, mit seinem Publikum umzugehen, faszinieren mich. Ich habe das riesige Konzert „Aloha From Hawaii“ leider nicht live gesehen, aber als ich es ein paar Jahre später sah, war für mich endgültig klar, dass Elvis der größte Showman aller Zeiten war.

Der größte Showman – Elvis in Aloha From Hawaii 1973.

The Memphis Flash: Jetzt wird der Elvis der 1970er aber sowohl von Musikkritikern als auch von vielen Fans durchaus kritisch gesehen. Die gängige Haltung ist, dass Elvis nach seinem berühmten Comeback 1968 nur noch eine kurze Phase der musikalischen Kreativität hatte und dann weder im Aufnahmestudio noch auf der Bühne etwas wirklich Hörens- und Sehenswertes zu bieten hatte. Warum wird das so gesehen – und wie stehst Du dazu?

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RE: Good Times mit Elvis im Stax Studio 1973

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass Elvis Presley in den 1970ern schlicht nicht mehr viel zu lachen hatte. Meistens depressiv und einsam soll er nach der Scheidung von seiner Ehefrau Priscilla im Oktober 1973  bis zu seinem frühen Tod 1977 gewesen sein. Dass es ganz so schlimm wohl nicht gewesen ist, davon kann sich mittlerweile jeder selbst ein Bild machen, etwa beim Reinhören in Studioaufnahmen vom Dezember 1973.

Wer Spaß an Elvis‘ Lachversion von Are You Lonesome Tonight hat, der kommt hier auf seine Kosten: Good Times mit Elvis.

Elvis‘ Lebensgefährtin Linda Thompson kommt nach Deutschland

Linda Thompson – Elvis‘ Lebensgefährtin von 1972 bis 1976 – kommt zusammen mit ihrem Bruder Sam Thompson im August nach Deutschland. Sam Thompson arbeitete in den 1970ern als Bodyguard für den King.

Glückliche Zeiten: Elvis und Linda zu Beginn ihrer Beziehung Anfang der 1970er

Die Geschwister werden das European Elvis Festival, das vom 16. bis 18. August 2019 in Bad Nauheim stattfindet, als Special Guests beehren.

Das ist eine gute Gelegenheit vorab noch einmal auf Lindas Buch über die drei großen Lieben ihres Lebens hinzuweisen, das ich hier schon vorgestellt habe → A Little Thing Called Life.

Nachschlag zu Linda folgt garantiert.

Ah… die Annie!

Ah… die Annie. Wenn ich meine Lieblings-Elvis-Songs der 1970er benennen soll, dann steht Polk Salad Annie ganz hoch im Kurs. Rockt ordentlich – krieg‘ ich nie leid – geht einfach immer!

Ein schneller Blick auf YouTube verrät, dass ich damit ganz und gar nicht alleine bin. Tony Joe Whites (1943-2018) Swamp-Rock-Klassiker von 1969 hatte ab 1970 einen festen Platz in Elvis‘ Konzertrepertoire und ist vor allem durch diese legendäre Performance vom August 1970 – festgehalten im Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is – weltbekannt.

Eine Studioversion des King gibt es von Polk Salad Annie nicht. Wer sich das Video anschaut, ahnt wieso – die Annie ist ganz großes Elvis-Kino. Ohne die Optik ist sie immer noch beachtlich, aber trotzdem nur die halbe Miete. Subtil ist die Annie – grandios begleitet von der TCB-Band – kein Stück. Der Gegensatz zu einem anderen großen Elvis-Klassiker wie In The Ghetto (1969) könnte kaum größer sein.

Trotzdem ist Polk Salad Annie Elvis in Reinkultur, wie schon die Kommentare zum YouTube-Video verraten. Aber warum das so ist – von der leidenschaftlichen Performance mit vollem Körpereinsatz mal abgesehen – verraten sie nicht. Es lohnt sich, Komponist und Liedtext näher unter die Lupe zu nehmen.

Elvis, Tony und die Amerikanische Kermesbeere

Der kürzlich verstorbene Singer/Songwriter Tony Joe White stammte wie Elvis Presley aus den amerikanischen Südstaaten. Er wuchs auf einer Baumwollfarm in Louisiana auf, war in seiner Jugend stark vom Blues und der Musik Elvis Presleys beeinflusst, den er sehr verehrte, wie er u.a. dem Autor Ken Sharp („Writing for the King“, 2006) erzählte.

In den 1960ern zog es White nach Texas, wo er in verschiedenen Nachtclubs spielte und selbst zu komponieren begann. 1969 brachte er mit Black and White sein erstes Album heraus. Darauf befand sich auch Polk Salad Annie, neben Rainy Night in Georgia, bekannt geworden durch die Version Brook Bentons, sein bis heute vielleicht bekanntester Song.

Zum Liedtext inspiriert hatte White dabei ein „Arme-Leute-Essen“ aus seiner Kindheit in Louisiana – nämlich Polk Salad alias Poke Sallet, wie es richtig heißt. Und hier ist das, was White selbst dazu sagt:

I was brought up down in Goodwill, Louisiana on a cotton farm by the river. I ate a lot polk salad growing up. Polk salad is a big leafy plant that grows wild down by the river and in the woods. My mother was half-Cherokee and in the spring she’d always boil up polk salad. She made sure us kids ate a lot of it. It kind of tastes like spinach and has a lot of vitamins in it. You boil it in water like turnip greens, add a little bacon rind to give it some flavor and it has a good taste. You eat it with corn bread, green spring onions, and a little pepper sauce. I’ve got it growing in my backyard right now.

Tony Joe White, zitiert nach Ken Sharp: Writing for the King, 2006

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Gekippt: Der Mythos von Elvis Presleys Tonträgerverkäufen

Elvis Presley hat mehr als 1 Milliarde Tonträger weltweit verkauft, so heißt es. Diese monströse Zahl ist seit Jahrzehnten in Umlauf, sie gilt als gesetzt. Erst kürzlich spielte sie bei der posthumen Verleihung der Freiheitsmedaille des amerikanischen Präsisdenten Donald Trump an Elvis Presley eine Rolle in der Laudatio. Aber lässt sich die Milliarde auch faktisch belegen… oder widerlegen?

Elvis Presley hat gut lachen, denn er gilt als Megaseller der Musikgeschichte. Ob er tatsächlich 1 Milliarde Tonträger verkauft hat, darf allerdings bezweifelt werden.

Elvis‘ Plattenlabel RCA – heute unter dem Dach von Riese Sony zuhause – dürfte kaum ein Interesse an der Veröffentlichung ungeschminkter Verkaufszahlen haben, so viel ist sicher. Wer lässt sich schon gerne in die Karten schauen? Schließlich wurden und werden dort wie in der Branche üblich hohe Verkaufszahlen seit Jahrzehnten gerne für Marketingzwecke eingesetzt. Frei nach dem Grundsatz, dass ein bisschen Hype auch den Großen der Branche nicht schaden kann – zu viel Transparenz hingegen schon.

Fairerweise muss man sagen, dass Sony den Milliarden-Hype im Falle von Elvis wohl in erster Linie geerbt hat: Die Milliarde soll auf einen ehemaligen Produktmanager zurückgehen, der – bevor Elvis‘ langjähriges Plattenlabel RCA zu Sony gehörte – die Zahl offensichtlich in Umlauf gebracht hat, ohne sie je näher zu erläutern. Seitdem – und das ist schon ein gutes Weilchen her – steht die Milliarde sozusagen im Raum. Wie Elvis selbst ist sie einfach nicht tot zu kriegen.

Dabei spricht längst einiges dafür, dass die Angaben zu Elvis‘ Tonträgerverkäufen ähnlich wie die sagenumwobene Einschaltquote von angeblich mehr als 1 Milliarde Fernsehzuschauern für das 1973 via Satellit übertragene TV-Konzert Elvis Aloha From Hawaii vor allem auf Hochrechnungen und der Annahme beruht, dass der King schon aufgrund seines globalen Bekanntheitsgrades einfach ein Megaseller sein muss.

Der Unbedarfte sagt sich jetzt: Das zu recherchieren, kann nicht so schwierig sein: Ein Blick auf die Alben, die er veröffentlicht hat, dazu die Zertifizierungen der Recording Industry Association of America (R.I.A.A.) und die von Nielsen Soundscan erfassten Verkäufe, das müsste doch zumindest einen ersten Anhaltspunkt bringen. Guter Plan, aber leider ist es nicht ganz so einfach.

Die R.I.A.A. erfasst nämlich nur die Verkäufe in den USA (der Rest der Welt fehlt) – und das auch noch nach einem System, das Spielraum für Interpretationen lässt. Nielsen Soundscan startete 1991 mit seinen Erhebungen, da war Elvis Presley, der seine erste Single 1954 veröffentlichte, schon 14 Jahre tot. Und dazu kommt noch die Mutter aller Probleme, nämlich die unübersichtliche Diskografie Elvis Presleys mit einer Vielzahl von Kompilationen über Jahrzehnte hinweg.

In den letzten Jahren sind auch noch Downloads und Streamings dazu gekommen. Die meisten Leute verlieren schon nach einem kurzen Blick auf das Chaos spontan die Lust auf weitere Recherchen und legen stattdessen lieber gleich einen bekannten Elvis-Klassiker auf. Nicht die schlechteste Idee.

Die Chartmasters kommen

Wer sich davon nicht hat abschrecken lassen, ist eine kleine Gruppe von Musikstatistik-Enthusiasten um den französischen Informatiker Guillaume Vieira, die auf der englischsprachigen Website Chartmasters.org neben vielen anderen Informationen die Verkaufszahlen von Musikgrößen der Vergangenheit und Gegenwart über die vorhandenen physischen und digitalen Musikformate hinweg unter die Lupe nehmen.

Dafür nutzen sie ein eigens dafür entwickelten System, das sie Commensurate Sales to Popularity Concept (CSPC) nennen. CSPC dient dazu, die Verkäufe von verschiedenen analogen und digitalen Musikformaten vergleichbar zu machen, indem sie in „equivalent album sales“ (EAS), also äquivalente Albumverkäufe, umgerechnet werden. Zum „Umrechnungskurs“ siehe Legende zur Tabelle weiter unten.

In 2018 war die Evaluation von Elvis Presleys musikalischem Output zu Lebzeiten und posthum dran – ein monatelanges Unterfangen, dass das Chartmasters-Team laut Vieira an den Rand seiner Kapazitäten brachte. Herausgekommen ist dabei eine hochinteressante, wenn auch teilweise sehr komplexe und überraschende Analyse der Verkaufszahlen des King, die nicht fangetrieben ist und auch nicht in erster Linie darum kreist, ob der King nun die 1 Milliarde geknackt hat oder nicht.

Allerdings hat sich das Team unter Führung von Vieira schon mit den Hochrechnungen diverser Autoren der Elvis-Szene befasst und die Mechanismen, mit denen die Milliarde zu beweisen versucht wird, kritisch hinterfragt.

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