Elvis Is Back!

Endlich! Er ist wieder da! Fast zwei Jahre sind vergangen seit er hier in Nashville in RCAs Studio B zuletzt vor dem Mikro stand und Hits wie A Big Hunk Of Love aufnahm. Es kommt ihm vor, als sei das in einem anderen Leben gewesen.

Viel ist seit Juni 1958 passiert. Mutter Gladys starb völlig überraschend im Alter von nur 46 Jahren, kurz bevor Uncle Sam ihn ins ferne Deutschland verschiffte, wo er anderhalb Jahre lang im hessischen Friedberg seinen Dienst am Vaterland leistete. Als (fast) stinknormaler G.I. in einer Panzerdivision. Der King of Rock ’n‘ Roll im Exil.

März 1960: Elvis Presley bei einem Pressetermin in Graceland kurz nach seiner Rückkehr aus Deutschland und unmittelbar vor der Aufnahmesession für das Comeback-Album Elvis Is Back!

21 Monate spielte er keine einzige neue Studioaufnahme ein, nahm er keinen einzigen neuen Hit auf, gab er kein einziges Konzert vor zahlendem Publikum. Nulla, nada, niente! Eine Ewigkeit, vor allem im schnelllebigen Musikgeschäft. Ob er jetzt einfach dort anknüpfen kann, wo er aufgehört hat? Wird er sich neu erfinden – kann er so erfolgreich sein wie zuvor?

Keine Selbstverständlichkeit. Viel hat sich getan in der Musikszene seit er seine Blue Suede Shoes gegen die Uniform eintauschte: Der Sound der 50er, den er wie kaum ein anderer prägte, ist 1960 längst einem weicheren, poppigeren Sound gewichen. Viele seiner ehemaligen Chart-Mitstreiter aus der Rock-’n’-Roll-Ära konnten ihre Erfolgsserie nicht aufrechterhalten. Statt Little Richard und Chuck Berry sind jetzt etwa Bobby Darin und Frankie Avalon angesagt.

21 Monate bis zun nächsten Mal: Elvis vor dem Mikro im Juni 1958.

Entsprechend ist die Spannung im Studio zum Greifen – er kann sie deutlich spüren, als er jetzt vor dem Mikro steht. Alle, die in seiner Karriere etwas zu sagen haben (oder haben wollen), sind da. Steve Sholes, zuständig für Artist & Repertoire bei Plattenfirma RCA, ist in Begleitung von RCA-Kollege Bill Bullock gekommen… und wirkt sichtlich nervös. Schließlich ist heute „E-Day“, wie er den großen Tag in Anlehnung an den „D-Day“ der Operation Overlord, also die Invasion der Alliierten in der Normandie 1944, nennt.

Äußerlich völlig gelassen, dabei geschäftig und immer eine Spur zu laut gibt sich Manager Colonel Tom Parker, der mit seinem Assistenten Tom Diskin angereist ist. Selbstsicher kaut der (falsche) Colonel auf seiner dicken Zigarre und versichert Sholes und Bullock, der Junge habe nie besser geklungen – ganz sicher. Aber kann „der Goldjunge“ auch tatsächlich „liefern“?

Weiterlesen

Alwin Bressler oder Elvis Presleys deutsche Vorfahren

Alwin Bressler! Hätte Elvis Presley mit diesem sehr deutsch klingenden Namen auch der King of Rock ’n‘ Roll werden können? Oder hätte er sich für eine Megakarriere im Showbiz doch besser rechtzeitig umbenannt?

Alwin Bressler alias Elvis Presley hat deutsche Vorfahren

Alwin Bressler alias Elvis Presley – allwissender, edler Freund mit deutschen Vorfahren

Wie auch immer, diese Entscheidung wurde Alwin, was – zusammengesetzt aus den althochdeutschen Wörtern „adal“ (edel, vornehm) und „wini“ (Freund) – so viel heißt wie „edler Freund“ schon gut 200 Jahre vor seiner Geburt abgenommen. Denn die deutschen Vorfahren des King sind zwar 1710 als Bresslers in die USA emigriert, haben sich dann aber bald umbenannt in die im englischen Sprachraum leichter von der Zunge laufenden Namensvarianten Preslar, Presler, Presley.

Logischerweise zogen die Vornamen von Alwins Vorfahren ebenfalls um: Aus Andreas und Peter wurden Andrew und Pieter. Man darf annehmen, dass auch ein Alwin sich beizeiten in die englische Richtung Elwin oder Elvis entwickelt hätte, schließlich war der Name im Altenglischen schon geläufig als Alviss (all-viss = allwissend, weise).

Der edle Freund hätte sich also in den allwissenden Weisen verwandelt. Mit beiden Namensbedeutungen braucht man sich nicht zu verstecken, man kann sie sogar sehr schön kombinieren, was aus Elvis so etwas wie den „allwissenden, edlen Freund“ macht. Also, wenn man mit diesem Namen nicht zu Höherem berufen ist, dann weiß ich es auch nicht… 😉

Alle Mann an Bord: die Bresslers aus Deutschland wandern aus

Für all dies hat ein gewisser Johannes Valentine Bressler den Grundstock gelegt. Johannes, dem gerne nachgesagt wird, dass er aus Hochstadt stammt, erblickte laut Lorina Boligs geradezu erschlagendem Ahnenforschungswerk Ancestors of Elvis Presley 50 Generations 1669 in Walburg, Kreis Witzenhausen, also im heutigen Hessen, das Licht der Welt.

Weiterlesen

Gladys Love Presley

Am 25. April 1912 erblickte Gladys Love Presley (25.4.1912 – 14.8.1958) in Pontotoc County, Mississippi das Licht der Welt. Kaum jemand bezweifelt heute, dass Elvis Presleys Mutter eine der wichtigsten Personen, wenn nicht die wichtigste Person überhaupt, in seinem Leben war.

Gerade deshalb wird sie von den meisten seiner Biografen als eine Person geschildert, deren Bedeutung vor allem im großen Verlust durch ihren frühen Tod 1958 und ihrer zwangsläufigen Abwesenheit im Leben des erwachsenen Sohnes liegt. Kurz: Gladys als tragischer Verlust mit fatalen Folgen.

Gladys und Vernon Presley mit Ihrem 2 Jahre alten Sohn Elvis 1937

Gladys und Vernon Presley mit Ihrem 2 Jahre alten Sohn Elvis 1937

Diese Perspektive ist nachvollziehbar, doch sie greift  zu kurz. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf Elvis‘ Mutter Gladys – wie überhaupt auf seine Vorfahren mütterlicherseits – zu werfen. Vorhang auf für eine wahrlich illustre Familiengeschichte mit Charakteren, die auf ihre Art einen ähnlich guten Stoff für ein Südstaatenepos abgeben wie die Figuren in Margret Mitchells berühmten Roman Vom Winde verweht. Und so ganz nebenbei gewährt die Familiengeschichte der Mansell-Smith tiefe Einblicke in die Historie der amerikanischen Südstaaten des 18., 19. und 20. Jahrhunderts.

Some of you never been down South too much…

Tony Joe Whites Südstaaten-Song Polk Salad Annie, aus dem diese Textzeile stammt, ab 1970  fester Bestandteil in Elvis Presleys Live-Repertoire, könnte auch gut ein Song über Gladys Smith und ihre Familie sein. Kein Wunder also, dass der King einmal selbst zu Tony Joe White sagte: „Man, I feel like I wrote this song myself“.

Gladys Vorfahren jedenfalls lassen sich auf die Familie der Mansells zurückverfolgen, die sich schon im 18. Jahrhundert in den amerikanischen Südstaaten ansiedelten. Der Name Mansell ist eigentlich französicher Herkunft und heißt so viel wie „Mann aus Le Mans“. Im Zuge der normannischen Eroberung kamen die „Männer aus Le Mans“ zunächst nach England, wo sie sich mit der dortigen Bevölkerung mischten – im Falle von Elvis Presleys Vorfahren mütterlicherseits vor allem mit Schotten und Iren.

Der Familienstammbaum mütterlicherseits

Der Familienstammbaum mütterlicherseits

Irgendwann im 18. Jahrhundert wanderte Gladys‘ schottisch-irischer Familienzweig dann nach Amerika aus, wo Richard Mansell aus South Carolina als Soldat im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg diente. Kriegerisch ging es zunächst auch für seinen Sein Sohn William (1795 – 1842) weiter, der unter dem Oberbefehl Andrew Jacksons, General der Tennessee-Miliz und späterer 7. Präsident der Vereinigten Staaten, an der Vertreibung der Muskogee (Creek)-Indianer und der berühmt-berüchtigten Schlacht am Horseshoe Bend 1814 beteiligt war. Man sieht schon, die Presleyschen Vorfahren haben von Anfang an  Spuren in den amerikanischen Geschichtsbüchern hinterlassen ;-).

Andrew Jackson, der auch als Begründer der Demokratischen Partei gilt, setzte sich vehement für die Vertreibung der amerikanischen Urbevölkerung ein, nachdem Indianer im 2. Unabhängigkeitskrieg zwischen dem Vereinten Königreich und den Vereinten Staaten von Amerika auf der Seite der Briten gekämpft hatten. In William Mansell hatte er offensichtlich einen treuen Gefolgsmann, denn dieser zog auch noch mit in den Krieg gegen den Stamm der Seminolen, bevor er die Waffe endgültig gegen den Pflug eintauschte und sich 1820 auf einer Farm in Marian County/Alabama niederließ.

Nun könnte man meine, dass William Mansell ein ausgesprochener Indianerhasser war, was aber ganz offensichtlich nicht der Fall war, denn der Gute suchte sich flugs eine Frau und heiratete eine waschechte Cherokee-Indianerin mit dem schönen Namen Morning White Dove (ca. 1800 – 1835). Das war gar nicht so ungewöhnlich in den Südstaaten, denn längst nicht alle indianischen Ureinwohner befanden sich im Krieg mit den weißen Siedlern – die Cherokees waren teilweise schon früh zum Christentum übergetreten und hatten sich assimiliert. Für einen jungen Farmer war eine Cherokee-Frau, die jahrhundertealtes Wissen um die Geheimnisse der Natur dieses wilden Landes mit in die Ehe brachte, pures Gold wert.

Clan-Chef Elvis 1976 im Jumpsuit 'Indian Chief'

Clan-Chef Elvis 1976 im Jumpsuit ‚Indian Chief‘

Und es lief gut für William und Morning White Dove – sie bewirtschafteten erfolgreich ihre Farm und brachten trotz hoher Kindersterblichkeit drei Kinder durch: John, Morning Dizenie und James J. Mansell. Tochter Morning Dizenie konnte ihren sozialen Status verbessern, indem sie den angesehenen Arzt und Großgrundbesitzer Dr. Russell Palmer heiratete.

Im Gegensatz zu ihr war der älteste Sohn John Mansell, der die Farm erbte, ein ganz wilder Zeitgenosse, den die Familie euphemistisch als „wholly wild Injun“ (total wilden Indianer) beschrieb. Er war wohl kein besonders guter Farmer, dafür aber ein Womanizer erster Güte, der neben den Kindern, die er mit seiner Frau Betsy und wahrscheinlich auch deren Schwester Rebecca hatte, zudem eine große Menge illegitimer Nachfahren in die Welt setzte, bevor er 1880 die Farm ganz verlor, mit einer weiteren Dame durchbrannte und sich fortan Colonel Lee Mansell nannte. Die Versorgung von Ehefrau, Schwägerin und erklecklicher Nachkommenschaft überließ John einfach seinem ältesten Sohn: White Mansell.

White Mansell heiratete 1870 Martha Tackett aus Tennessee und mauserte sich zum veritablen Clan-Chef, der das Konzept der Großfamilie wirklich lebte. Zu einem Viertel indianischer Abstammung sorgte der Great White Father of the Mansells schon 1880 nicht nur für Frau und vier Kinder (es sollten noch mehr werden), sondern auch für die Großmutter mütterlicherseits, die eigene Mutter, zwei Schwestern und eine Tante sowie die zwei Kinder der Tante. Gleich nebenan lebten außerdem seine beiden Brüder William und George mit ihren Familien. Nachtigall ick hör dir trapsen: Elvis Presley war wohl nicht der Erste in seiner Familie, der die Hütte gerne so richtig voll hatte!

Der Mansell-Clan zog unter dem Kommando des White Chief um 1900 auf die Hussey Farm in Richmond, wo die Familienmitglieder als Baumwollpflücker arbeiteten. Eine der Töchter Whites und Marthas war die schöne, lebenslustige Octavia Luvenia Mansell (1876 – 1935), die von allen nur „Doll“ (Puppe) genannt wurde. Die schöne Octavia war fast schon so etwas wie ein „spätes Mädchen“ als sie mit 27 Jahren 1903 ihren Cousin Robert (Bob) Smith, Sohn von Whites Schwester Anna Mansell und Milege Obediah Smith, heiratete.

Gladys Eltern Bob und Doll Smith

Gladys Eltern Bob und Doll Smith

Und dieses schöne Paar waren Gladys Eltern bzw. Elvis Presleys Großeltern mütterlicherseits. Leider meinte es das Schicksal mit den Smith‘ nicht ganz so gut wie noch fast 100 Jahre zuvor mit William Mansell und Morning White Dove. Viel war passiert seitdem. Gelbfieberepedemien hatten die Bevölkerung dahingerafft und was das Gelbfieber nicht vermochte, hatten der Mexikanische Krieg und der Amerikanische Bürgerkrieg besorgt.

Die Smith lebten von der Hand in den Mund, Doll litt unter Tuberkulose – damals in der armen Bevölkerung praktisch unheilbar –  und war die meiste Zeit bettlägrig. Trotzdem bekam sie in knapp 20 Jahren neun Kinder, von denen acht überlebten – ihre Tochter Gladys Love kam als viertes Kind am 25. April 1912 in Pontotoc County, Mississippi zur Welt, wo sich die Smith-Familie unter der Führung von Clan-Chef White Mansells inzwischen niedergelassen hatte.

Die junge Gladys Smith

Die junge Gladys wuchs mit ihren Geschwistern Lillian, Levalle, Retha, Travis, Clettes, John und Tracy in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Alle Kinder schliefen mit den Eltern in einem Raum – die Kinder, bis auf das jeweils jüngste, das im Bett mit den Eltern schlafen durfte, auf dem Boden.

Weiterlesen

Elvis Presleys ‚How Great Thou Art‘

Mit How Great Thou Art hat Elvis Presley gleich zwei seiner insgesamt drei Grammys eingefahren. Den ersten für sein zweites Gospel-Album How Great Thou Art, das der King im Mai 1966 in RCAs Studio B in Nashville aufnahm, und einen weiteren für eine Liveversion des Titelsongs, die er am 20. März 1974 bei einem Konzert in Memphis sang. Sie ist verewigt auf dem Album Elvis Recorded Live On Stage in Memphis (1974).

How Great Thou Art ist damit also ein doppelter Gewinner – besonders die Studioversion vom 25. Mai 1966 wird heute zu den besten Gesangsdarbietungen des Memphis Flash gezählt.

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presleys Gospel-Interpretationen gehen unter die Haut

Elvis Presley verband von Kindes Beinen an eine große Liebe zur Gospelmusik der amerikanischen Südstaaten. Sang er Gospels, dann legte sich der King jedes Mal mächtig ins Zeug mit einer Intensität und einer inneren Überzeugung, die sich in seinem Repertoire in dieser gleichbleibend hohen Qualität sonst kaum findet, findet etwa Musikhistoriker Will Friedwald.

Zu Elvis‘ frühen Heroen zählten die Sänger der bekannten Gospelquartette Blackwood Brothers und Statesmen Quartet. Besonders der charismatische Leadsänger der Statesmen, Jake Hess (1927–2004), hatte es dem jungen Elvis angetan. Hess gründete Anfang der 1960er mit den Imperials eine eigene Gospelformation, die später sowohl im Studio als auch live mit Elvis erfolgreich war und die es bis heute gibt.

Bevor Elvis sein Glück als Solist in Sam Phillips Sun Studio suchte, hoffte er Anfang der 1950er vergeblich auf einen Einstieg als Gospelsänger bei den Nachwuchstruppe der Blackwood Brothers, den Songfellows. Das klappte nicht, da er sich gesanglich nicht in die Gruppe einfügen konnte. Die Songfellows erkannten vor Elvis, dass ihm eine Karriere als Solosänger besser passte, und „stupsten“ in mit ihrer Ablehnung in die entscheidende Richtung:

„As long as [Elvis] was singing lead, he was fine. But when the baritone or the tenor took over, someone had to sing harmony, and he could not harmonize. He’d sing baritone a line or two, then switch off to tenor a couple of lines, and wind up singing the lead part. That was the reason we didn’t take him into the quartet with us.“

Songfellow-Mitglied Jim Hamill zitiert nach The Sound of Light: A History of Gospel Music

Elvis Presley soll zunächst ganz schön gefrustet gewesen sein, dass die Songfellows ihn nicht haben wollten, löste das „Problemchen“ dann aber auf seine Weise: Er machte Weltkarriere als Solosänger und engagierte seine geliebten Gospelquartette einfach als Backgroundsänger – angefangen von den Jordanaires über die schon erwähnten Imperials bis zu den Stamps. Eine bis heute sehr hörenswerte Lösung eines Problems.

Wenn der King es ganz perfekt haben wollte, dann kamen gleich mehrere Gospelformationen zum Einsatz, wie etwa bei der Aufnahmesession für das Album How Great Thou Art im Mai 1966. Am Grammy-Gewinner waren nämlich sowohl die Jordanaires – seit 1956 fester Bestandteil seiner Studioalben, Live-Auftritte und auch frühen Filme – mit Gordon Stoker, Neal Matthews, Hoyt Hawkins und Ray Walker als auch die noch jungen Imperials mit Elvis‘ Jugendidol Ex-Statesmen Jake Hess beteiligt.

Weiterlesen

Immer noch hörenswert: Elvis live in Richmond März 1974

In Zeiten von Corona und dem ziemlich eingeschränktem Aktionsradius, den die Pandemie für uns alle mit sich bringt, tut es gut, sich mit Elvis ein bisschen abzulenken. Ich mache das neben der Vorbereitung neuer Blog-Beiträge  (z.B. zu „Elvis Is Back!“), indem ich mal wieder in Elvis-Veröffentlichungen reinhöre, die ich länger nicht auf dem Schirm hatte. Eine davon ist die FTD 48 Hours To Memphis aus dem Jahr 2011.

Als Elvis Presley am 18. März 1974 unter Blitzlichtgewitter und donnerndem Applaus zu den Klängen von Also Sprach Zarathustra die Bühne des Coliseum in Richmond/Virginia betrat, waren es noch genau 48 Stunden bis zu dem legendären Konzert in seiner Wahlheimatstadt, erstmals 1974 verewigt auf der LP Elvis Recorded Live On Stage In Memphis.

Lange ahnte kaum jemand, dass auch von dem kompletten Konzert in Richmond eine professionelle Multitrack-Aufnahme realisiert wurde, von der wiederum eine Kopie – versehen mit nicht mehr als dem unspektakulären Aufdruck „All Star Shows, Madison Tennessee“ – 1990 über Umwege in die Hände des Fans und Sammlers Robert Frieser kam.

Erst mehr als 20 Jahre später hat Frieser diese Kopie des Mitschnitts (das Original gilt weiterhin als verschollen) für die Veröffentlichung durch das Elvis Presley-Sammlerlabel Follow That Dream Records zur Verfügung gestellt, für das Ernst Jorgensen und Roger Semon seit 1999 mit vielen erstklassigen Elvis-Publikationen verantwortlich zeichnen. Zuvor kursierte das Konzert nur als Import unter dem Titel „Guaranteed To Blow Your Mind“.

2011 erschien das Richmond-Konzert dann endlich unter dem Titel 48 Hours To Memphis im Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream. Veröffentlicht wurde es in demselben 3-teiligen, ausklappbaren Deluxe-Format wie sein FTD-Pendant Elvis Recorded Live On Stage In Memphis. Versehen ist das Set mit Farbfotos, die den King im Aqua Blue Vine-Jumpsuit in Action zeigen, verschiedenen Schnappschüssen am Flughafen und einem 16-seitigen Booklet mit Informationen rund um das Konzert in Richmond.

Aber das Wichtigste ist das Konzert selbst, ein echter Hammer, in wirklich guter Soundqualität! Hier hat Toningenieur Vic Anesini ganze Arbeit geleistet. Denn er schafft es, sowohl das Geschehen auf der Bühne als auch die Aufregung im Publikum zu transportieren, also das, worauf es bei einem Live-Konzert wirklich ankommt. Und das lohnt sich.

Der King selbst ist hörbar exzellenter Laune, verdammt gut bei Stimme und ausgelassener als bei dem Konzert zwei Tage später in Memphis. Begleitet wird er von seiner allseits bewährten TCB-Band mit James Burton an der Leadgitarre, Glen D. Hardin am Piano, Ronnie Tutt am Schlagzeug, John Wilkinson an der Rhythmusgitarre und Duke Bardwell am Bass.

Dazu kommen die Backgroundsänger mit den Soulladies The Sweet Inspirations, die Gospeltruppe J.D. Sumner & The Stamps, eine neue durchweg männliche Gesangsformation namens Voice und die zierliche Sopranistin Kathy Westmoreland, das „kleine Mädchen mit der schönen hohen Stimme“, wie Elvis Presley sie dem Publikum gerne vorstellte.

Die Songauswahl des Konzerts in Richmond unterscheidet sich nicht wesentlich von der des bekannteren in Memphis. Elvis präsentiert bei beiden seine inzwischen zum Markenzeichen gewordene Kombination von Rock ’n’ Roll, Blues, Gospel und Balladen. Beim Richmond-Konzert fehlen allerdings der Klassiker My Baby Left Me und How Great Thou Art, die beeindruckende Live-Interpretation vom 20. März 1974, die Elvis Presley einen weiteren Grammy (→Elvis und die Grammys) einbrachte:

  1. Also Sprach Zarathustra
  2. See See Rider
  3. I Got A Woman / Amen
  4. Love Me
  5. Trying To Get To You
  6. All Shook Up
  7. Steamroller Blues
  8. Teddy Bear / Don’t Be Cruel
  9. Love Me Tender
  10. Medley Long Tall Sally / Whole Lotta Shaking’ Goin’ On / Your Mama Don’t Dance / Flip Flop And Fly / Jailhouse Rock / Hound Dog
  11. Fever
  12. Polk Salad Annie
  13. Why Me Lord
  14. Suspicious Minds
  15. Vorstellung der Band
  16. I Can’t Stop Loving You
  17. Help Me
  18. American Trilogoy
  19. Let Me Be There
  20. Funny How Time Slips Away
  21. Can’t Help Falling In Love
  22. Closing Vamp

Bonus-Tracks:

  1. Sweet Caroline
  2. Johnny B. Goode
  3. That’s All Right

Die drei Bonus-Tracks der CD stammen vom 1. Konzert dieser März-Tournee in Tulsa/Oklahoma am 1. März (Sweet Caroline) und von dem des 17. März in Memphis/Tennessee. Die gesamte Tournee vom Frühjahr 1974 mit insgesamt 25 Konzerten an nur 20 Tagen – das Richmond-Konzert vom 18. März ist das drittletzte dieser Tour de Force – war ein uneingeschränkter Erfolg und gilt bis heute als eine von Elvis Presleys besten. Die Nachfrage nach Tickets war so groß, dass Zusatzkonzerte angesetzt wurden.

48 Hours To Memphis: Highlights

Von den ersten Klängen an ist bei diesem Konzert klar, das wird eine gute Show. Ein kraftvolles Trying To Get To You ist ein erster Höhepunkt…

Audio: Trying To Get To You, 1974

Weiterlesen

Priscilla Presley: Für immer 14

Im Januar wäre Elvis Presley 85 Jahre alt geworden. Und wie bei allen Jubiläen, die der King nicht mehr erlebt, ist er auch diesmal wieder ordentlich gefeiert worden – unter tatkräftiger Mithilfe von Exfrau Priscilla. Schließlich ist sie eine der Schlüsselpersonen in der posthumen Vermarktung ihres Göttergatten.

Was beim Jubiläums-Hype auch in diesem Jahr wieder völlig untergeht, ist die Tatsache, dass auch Priscilla Beaulieu Presley – von 1967 bis 1973 mit dem King verheiratet – einen feiernswerten Geburtstag begeht. Die Queen wird am 24. Mai 2020 stolze 75 Lenze alt. Da kann man doch wirklich gratulieren, oder?

Priscilla Presley am 2. März 1960 in Frankfurt

Für immer 14: Priscilla Presley heute vor 60 Jahren am 2. März 1960 in Frankfurt

Was, so alt ist die schon, denkt sich so mancher jetzt… und beginnt zu rechnen… zurück… weit zurück. War die nicht erst 14, als sie den G.I. Elvis in Deutschland kennenlernte? Genau!

Dieses Alter hat sich dergestalt ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass es für immer mit ihr verbunden wird. Irgendwie ist Priscilla für immer 14 – sehr unschuldig und sehr schön. Und die Ex des King tut so einiges, um ihr wahres Alter zu verschleiern. Dank zahlreicher kosmetischer Eingriffe wirkt die einstmals so schöne Mrs. Presley heute ähnlich zeitlos wie ihr früh verstorbener Ex-Ehemann.

Wenn man in das alterslose Gesicht Priscilla Presleys schaut, das nicht einmal den Ansatz einer Sorgenfalte erkennen lässt, dann könnte man fast vergessen, dass sie eine sehr mächtige Frau ist. Seit sie Ende der 1970er – und hier spielt der Zufall durchaus eine Rolle – nach dem Tod ihres geschiedenen Mannes († 1977) und dem ihres Ex-Schwiegervaters Vernon Presley († 1979) in die Rolle der Vermögensverwalterin für die damals noch minderjährige Alleinerbin Lisa Marie nachrückte, bestimmt die zierliche Frau wie kaum jemand sonst die öffentliche Wahrnehmung des King.

Alterslos: Priscilla Presley 2019 – Foto: Demotix

Obwohl Tochter Lisa Marie (*1968) – dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten – heute mittlerweile deutlich über 50 ihr Erbe schon vor Jahrzehnten angetreten hat, ist Priscilla immer noch die erste Adresse, wenn für Dokumentationen, Filme und Publikationen aller Art Aussagen über Elvis Presley benötigt werden. Dem kommt Priscilla, die eine zentrale Rolle im Ausbau Gracelands – Elvis Presleys Hauptwohnsitz von 1957 bis 1977 – zu einer der größten Touristenattraktionen in den USA spielte, gerne nach.

Das hat seit den 1980ern fast zwangsläufig dazu geführt, dass Priscillas Liebes- und Ehegeschichte mit dem King in der öffentlichen Wahrnehmung im Vordergrund steht. Mit der Zeit ist der Eindruck entstanden, die Beziehung zu ihr sei überhaupt die einzige längere, ernstzunehmende Elvis Presleys zu einer Frau gewesen, das Scheitern dieser Beziehung die Hauptursache für seinen frühen Tod und Priscilla habe insgesamt eine wichtige Rolle in der Karriere des King gespielt. Sicher: Elvis Presley hat nur ein einziges Mal geheiratet… Trotzdem sind diese Annahmen viel zu vereinfachend, treffen nicht den Kern.

Denn Priscillas Macht heute kontrastiert verblüffend mit ihrer Machtlosigkeit während der Dauer ihrer Beziehung zu Elvis Presley – einer Beziehung, in der er zu ihrem Leidwesen völlig dominierte und sie schlicht wenig zu melden hatte. Nachzulesen ist das in Priscilla Presleys 1985 erschienenen Buch Elvis and Me.

Weiterlesen

Elvis live im Februar 1970

Immer wenn ich gefragt werde, welches Live-Album von Elvis ich denn besonders empfehlen könnte, dann gibt es eins, das mir in diesem Zusammenhang NIE spontan einfällt. Und das kurioserweise, obwohl ich alle Songs des Albums sehr gerne höre, sogar einer meiner absoluten Lieblingssongs (Ahhhhh, die Annie) hier erstmals drauf zu finden war. Es handelt sich um das Album On Stage von 1970.

Elvis On Stage 1970

Eigentlich kann man ein Album mit einem so coolen Cover doch gar nicht vergessen, oder? Auch dann nicht, wenn der Name des Interpreten auf dem Cover, ziemlich selten bei Elvis, nirgendwo zu finden ist. Wieso passiert’s mir dann dauernd – früher Fall von Alzheimer?

Nein, soweit ist es dann doch noch nicht ganz. Es liegt wohl in erster Linie daran, dass es mir schwerfällt, On Stage als ein in sich geschlossenes Album unter der Überschrift Elvis live 1970 wahrzunehmen. Irgendwie scheint da etwas zu fehlen. Und ich glaube, das hat viel mehr etwas mit der Entstehungsgeschichte, mit dem Konzept von On Stage zu tun als mit den enthaltenen Songs oder meinem Gedächtnis. Weiterlesen

Lesenswert: Dave Marsh in Elvis Walk A Mile In My Shoes

Die nächste Runde ist eröffnet für meine Serie über die überraschend kleine und zum Teil wenig bekannte Gruppe von lesenswerten Veröffentlichungen, die sich kenntnisreich ausschließlich mit dem Musiker und Sänger Elvis Presley beschäftigen.

Elvis Presley legt alles in einen Song (1972) – Foto: Boxset Walk A Mile in my Shoes

Vorgestellt habe ich in der Vergangenheit schon Will Friedwalds erstaunliches Elvis-Essay in A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers (2010), Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide (2014 – hiervon gibt es eine bearbeitete und ergänzte 2. Auflage unter dem Titel Reconsider Baby, 2017), Robert Matthew-Walkers Elvis Presley A Study in Music (1979) und Helmut Radermachers Elvis A Life in Music (2017), die Neubearbeitung von Ernst Jorgensens Elvis Presley: A Life in Music.

Heute ist einer der bekannteren Elvis-Autoren an der Reihe: der amerikanische Rockmusk-Aficionado und Autor Dave Marsh (*1950), berühmt-berüchtigt für seine exzellent geschriebenen, aber oftmals auch provokanten Aussagen über die Musiker seines bevorzugten Genres.

Marsh, der ab den 1970ern für verschiedene Musikmagazine wie Creem und Rolling Stone schrieb, hat eine ganze Reihe von Büchern über Musiker – allein vier über Bruce Springsteen – sowie Rockmusik im Allgemeinen veröffentlicht (The Heart of Rock and Soul – The 1001 Best Singles Ever Made, 1999) und engagierte sich zudem in der Rock ’n‘ Roll Hall of Fame. 

Dave Marsh in seinem Büro – Foto: www.davemarsh.us

Marsh zählt neben Greil Marcus und Peter Guralnick zu den Top-Elvis-Autoren aus der Fraktion der amerikanischen Musikjournalisten, die sich vor allem mit Rockmusik beschäftigen bzw. in der Vergangenheit beschäftigt haben.

Zu seinen bekannteren Elvis-Veröffentlichungen gehören der Nachruf Elvis Presley: Spiritual Leader of a Generation im Magazin Rolling Stone vom 22.9.1977, vor allem aber die vielbeachtete Buchveröffentlichung Elvis aus dem Jahr 1982.

Elvis: The Seventies

Weit weniger bekannt als seine Buchveröffentlichung Elvis von 1982 ist Marshs Essay „Elvis: The Seventies“ im Begleitheft zu dem 1995 erschienenen und von Ernst Jorgensen zusammengestellten Boxset Elvis Walk A Mile in my Shoes: The Essential 70’s Masters.

Boxset Elvis Walk A Mile In My Shoes – The Essential 70’s Masters

Das dritte Boxset der Essential-Reihe aus den 1990ern konzentriert sich mit seinen fünf CDs ausschließlich auf Elvis Presleys musikalisches Schaffen zwischen 1970-1977 – hier vor allem die Studioaufnahmen – und gilt bis heute als guter Einstieg in den Elvis der 70er für alle, die hier bislang Berührungsängste hatten.

Das Bemerkenswerte an Marshs Essay Elvis: The Seventies ist, dass es dem Autor nicht nur gelingt, Elvis‘ Musik der 1970er stimmig in den Kontext seiner Gesamtkarriere einzuordnen – und dabei mit ein paar grundlegenden Missverständnissen aufzuräumen -, sondern zentrale Erkenntnisse über den Künstler Elvis Presley zu präsentieren, wie sie andernorts kaum je zu finden sind.

Dabei schlägt der Musikjournalist eine Brücke vom Elvis der 1950er zu dem der 1970er Jahre und zeigt erstmals die Kontinuität im Schaffen des King auf – vom Anfang bis zum (bitteren) Ende. Damit schafft Marsh auf knapp 40 Seiten, was Peter Guralnicks zweibändiger Biographie aus den 1990ern auf mehr als tausend – zweifelsohne hervorragend geschriebenen – Seiten nicht abschließend gelingt: Er bringt den Künstler Elvis Presley auf den Punkt!

Weiterlesen

Aloha American Trilogy

Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Elvis: Aloha American Trilogy 1973

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die dem King am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches politisches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche kritische Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das „Wie“ genauer zu erläutern:

„I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.“

„Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.“

Zitat aus: Egil „Bud“ Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der „American Bald Headed Eagle-Jumpsuit“, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert – und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award ausgezeichnet.

Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede bei der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis‘ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

„Promised Land“ war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt „da draußen“ daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und „antiamerikanische Tendenzen“ zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

American Trilogy: Elvis‘ Plädoyer für Integration

Als Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

Weiterlesen

Elvis In Concert 1977: Alex Darcy im Interview

Wenn heute von Elvis In Concert gesprochen wird, dann ist damit meistens ein seit Ende der 1990er Jahre ziemlich erfolgreiches Konzertformat gemeint, das den toten Elvis auf der Bühne sozusagen wiederauferstehen lässt, indem man ihn als überdimensionale Videoprojektion zeigt, während seine ehemaligen Musiker live dazu spielen. Mehr posthume Ersatzhandlung für zu spät geborene Elvis-Fans, die ihn nie live haben erleben können, dürfte es kaum geben.

Bei so viel Enthusiasmus für „Elvis live“ im Hier und Heute verwundert es allerdings, dass ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des TV-Senders CBS, nämlich das eigentliche Elvis In Concert aus dem Jahr 1977, praktisch völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein und auch dem vieler Fans verschwunden ist.

Elvis Presley im Juni 1977 – zu sehen in Elvis In Concert – Foto: Alex Darcy

Wenn Elvis live immer noch eine solche Bombe ist, die sich gut vermarkten lässt – es hagelt regelmäßig teure Boxsets wie etwa Elvis Live 69, das legendäre ’68 Comeback Special und die Fortsetzung Elvis Unleashed wurden 2018/2019 in vielen Ländern (auch in Deutschland) sogar im Kino gezeigt – warum wird dann ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des King totgeschwiegen?

Einer der dazu etwas sagen kann, ist der im Elsass geborene Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchautor Alex Darcy, der heute in Paris lebt, seit langem ein großer Elvis-Fan ist und Elvis in Concert von 1977 auf seine ganz eigene Weise zu neuem Glanz verhelfen möchte. Im Interview (übersetzt aus dem Französischen) verrät er, was ihn dabei antreibt.

INTERVIEW

The Memphis Flash: Alex, verrate uns, wie lange bist Du schon Elvis-Fan und was fasziniert Dich bis heute besonders am King?

Alex Darcy: Ich war 16, als ich Elvis zum ersten Mal im Fernsehen sah. Es war sein Todestag – das französische Fernsehen zeichnete sein Leben nach. Diese wenigen Minuten der Berichterstattung hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte Elvis noch nie zuvor gesehen oder gehört. Zuerst war ich von seinem guten Aussehen und der Art, wie er sich auf der Bühne bewegte, berührt. Sein Stil war so einzigartig: ernst und frech! Es war eine Offenbarung.

Ich hatte noch nie jemanden mit seinem Körper tun sehen, was Elvis auf der Bühne tat. Totale Freiheit, total ungehemmt, aber sehr beherrscht. Von einem Tag auf den anderen trat Elvis in mein Leben, um niemals wieder zu gehen. Ich interessierte mich für ihn als Ganzes, ich wollte alles über ihn wissen. Und je mehr ich wusste, desto mehr faszinierte er mich.

Ein großer Elvis-Fan: Alex Darcy – Foto: Alex Darcy

Sein Leben, seine Karriere, sein Erfolg, seine große Großzügigkeit, seine Sorgen, dann sein Tod unter ziemlich schmerzhaften Bedingungen. Er hatte alles, um mir zu gefallen. Diese schöne Baritonstimme, eine Stimme wie Honig und doch mit Kraft, mit Wut darin. Es ist eine sinnliche Stimme – männlich und weiblich zugleich. Auch seine Art sich anzuziehen, sich in Szene zu setzen, fasziniert mich. Wenn er einen Raum betrat, lag etwas in der Luft, etwas, das man nicht beschreiben, aber fühlen kann. Seit 42 Jahren begleitet er mich und ich habe noch nie dasselbe für einen anderen Sänger empfunden. Elvis ist einzigartig!

The Memphis Flash: Ja, Elvis hatte zweifellos das, was man Charisma nennt. Jetzt interessierst Du Dich ja vor allem für den „späten“ Elvis, also den Elvis der 1970er Jahre. Woher kommt das?

Alex Darcy: „Spät“! Nein, ich interessiere mich für alles, was Elvis gemacht hat. Absolut alles. Rock’n’Roll, Liebeslieder, Filme, die Shows in Las Vegas, seine Konzerte. Die „späte“ Zeit, wie Du sagst, ist mir aber näher, weil ich die 1950er nicht erlebt habe. Die 1970er Jahre waren für Elvis fabelhaft. Er war bereits zum Mythos, zur Legende geworden. Seine Bühnenkostüme, seine humorvollen Bühnenauftritte, diese besondere Art, mit seinem Publikum umzugehen, faszinieren mich. Ich habe das riesige Konzert „Aloha From Hawaii“ leider nicht live gesehen, aber als ich es ein paar Jahre später sah, war für mich endgültig klar, dass Elvis der größte Showman aller Zeiten war.

Der größte Showman – Elvis in Aloha From Hawaii 1973.

The Memphis Flash: Jetzt wird der Elvis der 1970er aber sowohl von Musikkritikern als auch von vielen Fans durchaus kritisch gesehen. Die gängige Haltung ist, dass Elvis nach seinem berühmten Comeback 1968 nur noch eine kurze Phase der musikalischen Kreativität hatte und dann weder im Aufnahmestudio noch auf der Bühne etwas wirklich Hörens- und Sehenswertes zu bieten hatte. Warum wird das so gesehen – und wie stehst Du dazu?

Weiterlesen

Spotlight 4. Dezember 1956: Elvis trifft Carl Perkins, Jerry Lee Lewis und Johnny Cash

Am 4. Dezember 1956 hat Elvis Presley einen seiner berühmten spontanen Einfälle. Mit seiner neuesten Flamme Marilyn Evans aus Las Vegas und Musikerfreund Cliff Gleaves im Schlepptau ist er in einem seiner Straßenkreuzer unterwegs durch Memphis, als er sich spontan entschließt, bei seiner alten Wirkungsstätte – Sam Phillips SUN-Studio, 706 Union Avenue – vorbeizuschauen.

Genau hier im SUN-Studio hat er fast auf den Tag genau zweieinhalb Jahre zuvor seine erste kommerzielle Single That’s All Right (Mama)/Blue Moon Of Kentucky aufgenommen und damit praktisch aus dem Stand heraus seine Megakarriere gestartet. Inzwischen ein  Superstar mit lukrativem Plattenvertrag beim bekannten New Yorker Label RCA und einer beeindruckenden Folge an Nummer-1-Hits sowie gleich 2 Nummer-1-Alben in den amerikanischen Charts innerhalb weniger Monate, kehrt der King of Rock ’n‘ Roll an diesem milden Dezembernachmittag 1956 dorthin zurück, wo alles anfing für ihn.

  • The Kings of Rock 'n' Roll haben richtig Spaß (v.l.n.r.): Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Elvis (am Klavier) und Johnny Cash am 4. Dezember 1956 im Sun Studio in Memphis

Als Elvis gut gelaunt zusammen mit Marilyn Evans und Cliff Gleaves bei Sam Phillips reinschneit, ist einer seiner erfolgreichen Nachfolger bei SUN – Carl Perkins – gerade mit einer eigenen Aufnahmesession zugange. Perkins nimmt an diesem Tag einen seiner bekanntesten Songs – Matchbox – auf und wird dabei unterstützt von seinen Brüdern Clayton und Jay, Schlagzeuger W.S. Holland und einem noch wenig bekannten Mann am Klavier: Jerry Lee Lewis. Lewis arbeitet für Studioinhaber Phillips als Session-Pianist.

Nach ein bisschen Smalltalk mit Entdecker Phillips und Anhören der Perkins-Aufnahme, die ihm gut gefällt, gesellt sich Elvis zu den anderen Musikern im Aufnahmeraum, setzt sich ans Klavier und startet damit eine Jam-Session unter seiner Führung, an der alles spontan, nichts vorbereitet und erst recht nichts geprobt ist. Mit anderen Worten die Session ist vor allem eins: very Elvis, d.h. Spaß unter Kumpels, die einen sehr ähnlichen musikalischen Hintergrund haben.

Elvis übernimmt bei den meisten Songs den Leadgesang, ist an der Gitarre zu hören und gibt bald den Platz am Klavier frei für Jerry Lee Lewis, der ordentlich in die Tasten haut und auch gesanglich ganz vorne mit dabei ist. Zurückhaltender als Lewis gibt sich Carl Perkins, der Gitarre und Gesang beisteuert. Auf den erhaltenen Aufnahmen dieser Jam-Session praktisch gar nicht zu hören ist der 4. berühmte SUN-Künstler, der an diesem Tag ebenfalls bei Sam Phillips vorbeischaut: Johnny Cash.

Weiterlesen