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Geht es um Elvis Presleys Verhältnis zur Black Community, dann ist beinahe sofort auch von »cultural appropriation«, von kultureller Aneignung und Rassismus, die Rede. Das hat eine lange Tradition. Sie geht weit über den Hip-Hopper und politischen Aktivisten Chuck D von Public Enemy hinaus, der Elvis 1989 im Song Fight The Power rundheraus als Rassisten bezeichnete: »Elvis was a hero to most / But he never meant shit to me you see / Straight up racist that sucker was«. Chuck Ds Sicht war damals keineswegs neu, aber sie saß – und sie wirkt bis in die Gegenwart fort. Zu Unrecht.

Frühe Nachfragen zur „cultural appropriation“: Elvis steht Rede und Antwort in Detroit – 25. Mai 1956

Nicht nur unter Afroamerikanern gilt Elvis vielen bis heute als eine der Symbolfiguren für kulturelle Aneignung. Als ein Weißer, der – ohne einen legitimen Bezug zur afroamerikanischen Kultur zu haben – seinen musikalischen Stil bei schwarzen Vorbildern »stahl« und dafür von der weißen Mehrheitsgesellschaft als »King of Rock ’n’ Roll« gefeiert wurde, während die »wahren Rock ’n’ Roller« aufgrund ihrer Hautfarbe wenig Beachtung fanden.

Diese Sichtweise ist gerade in unserer Zeit, in der die Diskussion um kulturelle Aneignung einen neuen Höhepunkt erreicht hat (man denke nur an die Winnetou-Debatte), populärer denn je. Dabei lässt sie entscheidende Fakten aus Elvis Presleys Biografie und musikalischem Schaffen – sei es aus Unkenntnis oder Ignoranz – außer Acht.

Einen dieser Aspekte greift der australische Filmproduzent und Regisseur Baz Luhrmann in seinem neuen, vieldiskutierten Biopic Elvis (2022) auf. Es ist die Freundschaft zwischen Elvis Presley und Sam Bell – eine Freundschaft, die es gar nicht hätte geben dürfen, wäre an den genannten Vorwürfen etwas dran.

Auf dem Hügel und über den Zaun in Tupelo

»Eines Tages stand er einfach am Gartenzaun«, erinnert sich Sam Bell im Gespräch mit Filmregisseur Baz Luhrmann, als dieser ihn in Tupelo zu Recherchen für sein Biopic Elvis besuchte.

„Eines Tages stand er einfach am Zaun“: Sam Bell (re.) im Gespräch mit Filmproduzent Baz Luhrmann in Tupelo

Der blonde Junge stand dort ganz allein und schaute sehnsüchtig zu ihnen rüber – hinüber auf das große Nachbargrundstück, wo Sam mit seinen vier gleichaltrigen Kumpels spielte. Er war im selben Alter wie sie, vielleicht elf oder zwölf Jahre, schätzte Sam. Die abgewetzte Latzhose schlotterte um seine dünne Gestalt und er war barfuß. Es war heiß – wie immer um diese Zeit in Tupelo/Mississippi im Sommer 1947.

Sam wusste, der neue Nachbarsjunge war gerade erst mit seinen Eltern eingezogen in das Haus in der North Green Street, dessen Grundstück an das seiner Großeltern grenzte. Er mochte ihn auf Anhieb. Und an diesem Nachmittag rief Sam spontan: »Komm‘ doch rüber zu uns«. Der Junge zögerte einen Moment, schaute fragend über die Schulter Richtung Veranda, auf der seine Mutter saß und die kleine Szene beobachtete. Auch sie zögerte. Doch als sie  zustimmend nickte, machte der Junge sofort einen Satz über den Zaun auf die andere Seite – »er sprang schneller als jedes Kanickel«, erinnert sich Sam lachend.

Von diesem Sprung an war der Junge Teil von Sams »Gang«, die sich jeden Nachmittag nach der Schule bei den Bells traf. Deren großes Grundstück hatte einen Nutzgarten mit vielen Obstbäumen, außerdem einen Teich, in dem die Jungs fischen durften, und ein Wasserloch, das sie als Pool nutzten. Es war wie ein einziger riesiger Abenteuerspielplatz.

Bemerkenswert daran war, dass der Zaun, der die Jungs trennte, nicht einfach irgendein beliebiger Grundstückszaun war. Vielmehr markierte er die sogenannte »Color Line« – die Farblinie, die in den amerikanischen Südstaaten die strikte Trennung der afroamerikanischen und der weißen Bevölkerung vorsah. Denn Sam Bell und seine Freunde waren Schwarz – der Nachbarsjunge hingegen war Weiß. Er hieß Elvis Presley.

Grenzenlose Freundschaft trotz vorgeschriebener Rassentrennung: Elvis und sein Kumpel Sam Bell 1947 – nachgestellt im Biopic Elvis (2022)

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