ELVIS: Das neue Biopic von Baz Luhrmann

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Vor wenigen Tagen feierte »Elvis«, das langerwartete neue Biopic des australischen Regisseurs Baz Luhrmann über den King of Rock ’n‘ Roll, Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2022. Im Kino läuft »Elvis« zwar erst ab dem 23. Juni, aber da die internationale Presse den Film schon sehen durfte, gibt es bereits erste Reaktionen und teils sehr ausführliche Kritiken. Was uns da wohl im Kinosessel erwartet? Schau’n wir uns die Kritiken doch mal an.

Demnächst im Kino: Der 30-jährige Austin Butler spielt Elvis in Baz Luhrmanns gleichnamigen Biopic

Publikumsliebling »Elvis« in Cannes

Eins schon mal vorweg: Baz Luhrmanns »Elvis« lief beim 75. Filmfestspielen in Cannes außer Konkurrenz, das heißt er ging nicht ins Rennen um die Gunst der Jury und die berühmte Goldene Palme. Den Titel als Publikumsliebling hat sich »Elvis« aber offenbar gesichtert, denn Medienberichten zufolge gab es im Anschluss an die Premiere, die unter großem Staraufgebot und in Anwesenheit von Priscilla Presley stattfand, den längsten Applaus, der jemals an der Croisette bei einer Premiere gemessen wurde. Bis zu 12 Minuten Standing Ovations sollen es gewesen sein. Das klingt nach ganz großem Kino.

Bei der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2022: Baz Luhrmann (Mitte) im Elvis-Outfit mit Priscilla Presley im Arm und Elvis-Darsteller Austin Butler sowie Tom Hans links im Bild

Restlos überzeugen konnte das neueste Biopic über Elvis Presley, das die komplexe Beziehung des Superstars zu seinem langjährigen Manager Colonel Tom Parker (alias Andreas van Kuijk) in den Fokus rückt, die Filmkritiker allerdings nicht. Und das liegt nicht an Hauptdarsteller Austin Butler, bekannt unter anderem aus Quentin Tarantinos Once Upon A Time In Hollywood, der Elvis Presley glaubwürdig verkörpert, wie es unisono hieß.

Das ist keine große Überraschung, da sich die ansonsten in ihren Äußerungen sehr zurückhaltenden Presley-Damen, also Ex-Frau Priscilla, Tochter Lisa Marie und Enkelin Riley Keough, die in Cannes ihr Regiedebut gab, schon im Vorfeld der Premiere übereinstimmend sehr anerkennend über Austin Butlers Darstellung geäußert hatten.

Gemeinsamer großer Auftritt: Austin Butler hat Priscilla Presley als Elvis überzeugt – Met-Gala 2022

 

Es war einmal: Der echte Elvis Presley mit Ehefrau Priscilla Ende der 1960er

 

Im Film: Austin Butler als Elvis mit Film-Priscilla Olivia DeJonge

Dass Publikumsliebling »Elvis« die Fachpresse dennoch nicht restlos überzeugte, liegt auch nicht an Tom Hanks, der im Biopic zwar nicht brilliert, als Elvis‘ zwielichtiger Manager Tom Parker aber eine für ihn eher ungewöhnliche Rolle übernimmt und praktisch nicht wiederzuerkennen ist.

Kaum wiederzuerkennen: Tom Hanks als Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker

Nein, der zweieinhalb Stunden lange Film sorgt vor allem wegen des bekanntermaßen sehr besonderen Stils von Regisseur Luhrmann (*1962) – berühmt für opulente, bildgewaltige Filme wie Romeo + Julia (1996), das Musical Moulin Rouge (2001) oder The Great Gatsby/Der Große Gatsby (2013) – und das Drehbuch für Gesprächsstoff.

Einen ersten Eindruck vom Film vermittelt dieser Trailer von Studio Warner Bros.

Baz Luhrmanns »Elvis« – Reaktionen aus der amerikanischen Presse

Jetzt aber ein paar repräsentative Beispiele dafür, wie die amerikanische Presse Luhrmanns Biopic »Elvis« bewertet – jeweils übersetzt ins Deutsche. Die Übersetzung klingt nicht immer hundertprozentig rund, aber transportiert das Gesagte dennoch recht gut.

Austin Butler gibt eine Darstellung, die des Königs würdig ist, aber er wird lebendig begraben unter einer Strass-Achterbahn voll schwacher Biopic-Klischees

Luhrmann mag einer der unbändigsten Maximalisten sein, die das Kino je hervorgebracht hat, und sein neues Werk ist vielleicht der visuell anarchischste Hollywood-Film seit „Speed Racer“ der Geschwister Wachowski von 2008. Aber es ist schwer, auch nur ironisches Vergnügen an etwas zu finden, das sich so sehr an seinen eigenen Vorräten bedient; etwas, das viel weniger daran interessiert ist, wie Elvis die Regeln bricht, als daran, wie sein Regisseur es tut, und etwas, das unermüdlich unfähig ist, irgendeine sinnvolle Überschneidung zwischen den beiden zu finden.

In der Tat ist „Elvis“ so anhimmelnd in seinem Stil und so desinteressiert an seinem Thema, dass „Baz“ ein passenderer Titel für den Film gewesen wäre. Warum braucht ein wahnsinnig einfaches Musical-Biopic, das sich mit 60 Millionen Umdrehungen pro Minute durch die Zeit dreht, länger, um Elvis Presley die „Bohemian Rhapsody“-Behandlung zukommen zu lassen, als Luhrmann brauchte, um „Romeo und Julia“, „Der große Gatsby“ oder den gesamten Kontinent „Australien“ zu adaptieren? Denn der „Moulin Rouge!“-Regisseur kann – trotz seiner offensichtlichen Zuneigung zu Elvis und seinem gutgläubigen Bemühen, den Rockgott so zu ehren, wie er es für richtig hielt – nicht anders, als Presleys Ikonographie auf ähnlich eigennützige Weise zu nutzen, wie Parker sein Talent ausbeutete. […]

Butlers makellose Presley-Imitation wäre das Beste an diesem Film, selbst wenn es bei der Nachahmung bliebe, aber der Schauspieler schafft es nicht nur, Presleys Gesangsstimme und Bühnenpräsenz zu treffen; er schafft es auch, sich darüber hinwegzusetzen, sich von der Ikonografie zu lösen und dem Film die Gelegenheit zu geben, einen neuen emotionalen Kontext für einen Mann zu schaffen, der eingefroren in der Zeit war, bevor Luhrmanns Zielpublikum geboren wurde.

Eine Chance, die der Regisseur auf Schritt und Tritt ausschlägt: Sein Elvis wird nie sein eigener Mann. Stattdessen entwickelt er sich von einem Avatar für das Nachkriegsamerika zu einem hilflosen Süchtigen, der in einem goldenen Käfig gefangen ist. In beiden Modi hat er nicht den Hauch einer Handlungsmöglichkeit; durch die Jahre taumelnd und von einer eingeblendeten Zeitungsschlagzeile zur nächsten hüpfend, wirkt Elvis weniger wie jemand, der das 20. Jahrhundert umgestaltet hat, sondern eher wie jemand, der zusah, wie es um ihn herum ohnmächtig wurde und ihn dann hinausdrängte. Kein Wunder, dass sich die Wege von Elvis und Forrest Gump ständig zu kreuzen scheinen.

Anstatt einen sinnvollen Weg zu finden, der Elvis durch die Geschichte führt, lässt Luhrmann ihn einfach auf einem Floß aus Non-Stop-Musik durch die Jahre treiben, das mit Lichtgeschwindigkeit auf eine endlose Reihe von Biopic-Klischees stößt, bis es schließlich ein paar Jahrzehnte später kentert. Die Handlung bewegt sich so schnell und mit so wenig Gewicht, dass ich buchstäblich verpasst habe, wie Elvis‘ Mutter stirbt.

Filmkritiker David Ehrlich, Indiewire, 25. Mai 2022

Filmkritiker Ehrlich ist ganz offensichtlich kein Fan von Luhrmanns Erzähltechnik und hätte sich weitaus mehr Substanz für ein Biopic über den King gewünscht. Starker Tobak ist seine Aussage, dass der Film Elvis Presley ebenso ausbeutet wie einst Colonel Tom Parker seinen Star.

Pakt mit dem Teufel: Tom Hanks als Manager Parker mit Austin Butler als Elvis

Weitaus besser weg kommt Luhrmanns Biopic in der nächsten Besprechung, obwohl auch hier die Vorliebe des Regisseurs für Bombast und Exzess, ein extrem hohes Tempo und schnell aufeinander folgende Schnitte zum Thema gemacht werden.

Das Thema Elvis an sich wird hier, wie in fast allen anderen Kritiken auch, sehr positiv aufgenommen. Offenbar ist man der Meinung, dass Elvis Presley (endlich) ein richtig gutes Biopic verdient hat. Die Kritik macht sich in erster Linie daran fest, wie das Thema präsentiert wird.

Baz Luhrmanns Elvis ist ein berauschendes, verrücktes Spektakel – aber eins, das mit Liebe gemacht ist

Baz Luhrmanns Filme – selbst die großartigen, wie seine Shakespeare-via-Tiger-Beat-Romanze Romeo + Julia von 1996 oder The Great Gatsby von 2013, ein fransiger Schimmer in Sachen Dekadenz und Einsamkeit – werden von vielen verabscheut für das, was sie als die Grellheit des Regisseurs sehen, seine Anbetung des Spektakels, seine Vorliebe für kopfschmerzverursachende Schnitte. Aber im Jahr 2022, in einer Kultur, in der lange Seriengeschichten die Oberhand haben, ist Luhrmanns Hingabe an zweieinhalbstündige Exzesse angenehm altmodisch, wie ein Konfettiregen aus einer Kanone auf einem Jahrmarkt. Es stimmt, dass seine Filme nicht immer oder nur selten auf ganzer Linie funktionieren, und das ist sicherlich der Fall bei Elvis, seinem mit Pailletten besetzten Jumpsuit-Biopic, das bei den 75. Cannes Filmfestspielen läuft. Manchmal ist es kaum ein Film – die erste Stunde oder so ist außergewöhnlich fragmentiert und frenetisch, als ob Luhrmann eine Zeitreise durch eine holografische Darstellung von Elvis Presleys Leben machen würde, wobei er durch die wichtigsten Ereignisse springt und nur wenig Zeit hat, um zu landen. Aber durch all die künstlerischen Ausschweifungen hindurch scheint eine Wahrheit durch: Luhrmann liebt Elvis so sehr, dass es wehtut. Und in einer Welt, in der es angeblich immer neue Dinge gibt, die man lieben oder zumindest am Stück sehen kann, fühlt sich die Liebe zu Elvis – unserem amerikanischen Bettelkönig mit der Stimme aus Gold – wie etwas wahrhaft Reines an.

Stephanie Zacharek, TIME, 26. Mai 2022

Der folgende Kritiker lobt die tollen Kostüme, die Choreografie der Perfomances und vor allem Austin Butler, der seiner Ansicht nach absolut überzeugend ist.

Gute Kritiken: Austin Butler als junger Elvis Pesley

Reichlich Kritik gibt es allerdings wieder für das Drehbuch und einfach viel zu viel Baz Luhrmann. Dieser Regisseur polarisiert wirklich.

Der King of Rock and Roll wird in dieser angemessen elektrisierenden Kinoversion seines Lebens und seiner Karriere durch die Augen seines ihn kontrollierenden und misbrauchenden Managers gesehen.

Was Sie von Baz Luhrmanns Elvis halten, hängt größtenteils davon ab, was Sie von Baz Luhrmanns charakteristischem, schrillem Glitzerbomben-Maximalismus halten. Allein die hyperkoffeinierte Einführungssequenz – noch bevor Austin Butlers Lokomotivhüften ihr Herky-Jerky-Ding machen, wenn Elvis Presley die Bühne betritt, um „Heartbreak Hotel“ in einem rosa Rockabilly-Anzug zu performen – lässt einen schwindelig werden mit seiner frenetischen Explosion aus glühenden Farben, Split-Screen, Retro-Grafiken und mehr Schnitten pro Szene als ein menschliches Auge zählen kann. Wenn man dann noch das geschichtete, ohrenbetäubende Sounddesign hinzunimmt, ist das Baz mal eine Bazillion.

Auch wenn das Drehbuch nur selten mit der erstaunlichen visuellen Wirkung mithalten kann, ist die Affinität des Regisseurs zu seinem Showman-Thema sowohl ansteckend als auch anstrengend. Luhrmanns Vorliebe für das pompöse Spektakel ist auf der ganzen Linie spürbar, was zu einem Film führt, der in Momenten des großen Melodrams ebenso schwelgt wie in theatralischen Kunstgriffen und kraftvollen, unterhaltsamen Leistungen.

Die große Frage, ob Butler es schafft, eine der unauslöschlichsten Ikonen der amerikanischen Popkultur zu verkörpern, kann mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet werden. Seine Bewegungen auf der Bühne sind sexy und hypnotisierend, seine melancholische Verliebtheit ist zum Niederknien und er fängt das tragische Paradoxon einer phänomenalen Erfolgsgeschichte ein, die sich hartnäckig an den amerikanischen Traum klammert, selbst wenn dieser in seinen Händen zerbröckelt.

Aber das Herz dieses Biopics ist verdorben, dank eines Drehbuchs, dessen abgehacktes Patchwork-Gefühl vielleicht direkt mit seiner komplizierten Darstellung der Credits im Abspann korreliert – von Baz Luhrmann & Sam Bromell und Baz Luhrmann & Craig Pearce und Jeremy Doner; Geschichte von Baz Luhrmann und Jeremy Doner. Das klingt nach einem Amalgam aus verschiedenen [Drehbuch-]Versionen, doch die große Hürde ist die unangenehme Figur, die die Erzählung steuert [Colonel Tom Parker] und ein Loch in ihrem Zentrum verursacht. […]

Man könnte sich ein Biopic wünschen, das mehr Zugang zum gequälten, blutenden Herzen des Protagonisten hätte, aber wenn es darum geht, die Essenz dessen einzufangen, was Presley zu einem solchen Super-Nova machte, macht Elvis vieles richtig.

Die Sequenzen der Live-Auftritte sind elektrisierend und wurden von Kameramann Mandy Walker mit schwungvollen Bewegungen aufgenommen, um Presleys dynamischer Körperlichkeit gerecht zu werden, und mit einer Intimität, die das flüssige Gefühl einfängt, das er in seine Songs goss. Der kühne Einsatz von Farbe und Beleuchtung ist atemberaubend. Das Gleiche gilt für das Produktionsdesign von Luhrmanns Ehefrau und langjähriger Mitarbeiterin Catherine Martin und Karen Murphy; ebenso für Martins fabelhafte Kostüme.

Luhrmann wird oft dafür kritisiert, dass er das Material an seinen Stil anpasst, anstatt seinen Stil zu verfeinern, damit er zum Material passt. Viele werden die unerbittliche Extravaganz dieses Films als bombastischen Baz im ADHS-Overdrive abtun, als ein Werk mit schillernden Oberflächen, das sich weigert, lange genug innezuhalten, um seinem Subjekt unter die Haut zu gehen. Aber als Hommage von einem Meister der unverschämten Effekthascherei an einen anderen ist er umwerfend.

David Rooney, The Hollywood Reporter, 25. Mai 2022

Luke Hicks geht als einziger in seiner langen Filmbesprechung ausführlicher auf die seiner Ansicht nach sehr innovative Art und Weise ein, in der Elvis Presleys Musik im Biopic präsentiert wird, lobt ebenfalls die Kostüme von Luhrmanns Ehefrau Catherine Martin, preist Butlers Darstellung…

 

… und verreißt das Drehbuch.

Baz Luhrmanns Elvis ist eine halsbrecherische, ruckartige Achterbahnfahrt
Nur wenige Filmemacher beherrschen den künstlerischen Zwiespalt wie Baz Luhrmann. Der australische Autor und Regisseur, der für seine epischen, aufwendigen und langwierigen Projekte bekannt ist, wurde zum Synonym für extravagante Innovation und chaotische Fluffigkeit. Er ist ein wandelnder, sprechender, regieführender Zustand des kreativen Kontrasts. „Sechs Filme in seiner Karriere“ mögen den Anschein erwecken, dass er ein relativer Neuling ist, aber Luhrmann hat seit seiner tropischen Ed-Hardy-Verfilmung von Romeo und Julia aus dem Jahr 1996, die im Vergleich zu Elvis verblasst, riesige Filme inszeniert.

Das erste Biopic über den King auf der großen Leinwand (ohne den Fernsehfilm von John Carpenter und Kurt Russell aus dem Jahr 1979 schmälern zu wollen) beginnt damit, dass ein dekadentes Logo von Warner Bros. in Gold, Silber, Kristall und rubinroten Strasssteinen ins Bild platzt. Bei meiner Vorführung löste es so viel obligatorisches Gejohle aus, dass jeder Elvis-Skeptiker Angst vor der Zukunft bekommt. Einerseits ist das Logo so eine winzige Sache, andererseits bringt es Luhrmanns Ansatz perfekt auf den Punkt.

Elvis ist in etwa so, als würde man tausend Leuten verschiedene kreative Projekte mit einem vage ähnlichen Thema und einem thematischen roten Faden geben – sagen wir Elvis und Exzess – und anstatt zu versuchen, sie zu einem lesbaren Ganzen zusammenzufügen, hat man sie am Ende wahllos und unbearbeitet zusammengefügt mit dem Ziel, nur drei Dinge zu erreichen: ein halsbrecherisches Tempo, das Übelkeit hervorrufen kann, ein spektakuläres Design und ein unendliches, undurchdringliches Gefühl von Starallüren. Ob man ihn nun liebt oder hasst (beide Fraktionen werden laut sein), die Originalität ist nicht zu leugnen.

Luhrmann ist einer der wenigen Hollywood-Regisseure, denen im 21. Jahrhundert nahezu totale kreative Freiheit in einem Blockbuster erlaubt ist, und er hat diese Macht zu immer größerem Erfolg genutzt. (Gerüchten zufolge soll Elvis rund 200 Millionen Dollar einspielen, was sein nächstgrößeres Budget um 70 Millionen Dollar übertreffen würde.) Und selbst unter den Platzhirschen wird niemandem die fieberhafte Verfilmung internationaler Popkulturschätze so sehr anvertraut wie Luhrmann: Romeo + Julia, Moulin Rouge!, Der große Gatsby, Das Land Australien. In der Regel ist es umgekehrt: Je wilder die Adaption erscheint, desto riskanter wird die Produktion und desto weniger kreative Autonomie sind die Studios bereit zu gewähren. Aber die Studios investieren nicht nur in Luhrmann.

Die Kostümbildnerin, Produktionsdesignerin und Produzentin Catherine Martin hat sich in den letzten 26 Jahren um die Filme ihres Mannes verdient gemacht, die sich durch ihre einfallsreiche barocke Gestaltung auszeichnen – und Elvis ist ihr bisher größtes Werk. Martin ist die einzige Person, die für denselben Film im selben Jahr einen Oscar für das Produktionsdesign und das Kostümdesign erhalten hat, und sie ist absolut unverzichtbar. Im Ernst, Luhrmanns Drehbuch ist das Hauptproblem, und das wird hier noch verschärft.

Elvis ist alles andere als erzählerisch komplex und schon gar nicht fesselnd. So umwerfend das Design auch ist, so wenig beeindruckend sind die Dialoge und die Geschichte. Der Film beginnt unzusammenhängend mit sich ständig verändernden Bildern von Schneekugeln, Vegas und dem Tod des langjährigen korrupten Elvis-Managers Colonel Tom Parker alias The Colonel (Tom Hanks), um sich selbst als albernen Rahmen für die Erzählung zu etablieren. Dann, thematisch verwirrt – und Hanks‘ furchtbarer Akzent voran – sprinten wir über weite Strecken durch Elvis‘ Leben, während Luhrmann die offensichtlichsten Momente hervorhebt, dem King of Rock ’n‘ Roll fast keine neue Farbe gibt und uns alle ein bisschen dümmer über die Musikgeschichte zurücklässt.

Es wirkt wie ein Witz – ein Film namens Elvis über Elvis folgt… dem Manager von Elvis? Besonders albern wirkt das, wenn Austin Butler den Elvis spielt. Butler – der die Rolle bekam, nachdem Denzel Washington Luhrmann angerufen hatte und darauf bestand, dass Butler (mit dem er gerade an einem Theaterstück gearbeitet hatte) der beste Mann für die Rolle sei – ist ein absoluter Knaller, ein Elvis, der alle Elvis-Filme beendet, und neben Martins Design der wichtigste Grund, den Film anzusehen. Ansonsten gibt es ein schwarzes Loch aus Flusen, wo eine tiefgründige Geschichte sein könnte, einen riesigen, blinkenden Pfeil, der auf Butlers und Martins Arbeit zeigt. […]

Und nicht zuletzt: die Musik. Es gibt viel Elvis und viel Nicht-Elvis, aber wenig oder gar keinen traditionellen Elvis. Das einzige, was dem am nächsten kommt, ist ein relativ echtes (und kurzes) Kacey Musgraves-Cover von „Can’t Help Falling in Love“, das nicht länger als eine Minute läuft. Ansonsten ist Elliott Wheelers Musik knallig und zeitgemäß – sie vereint Rap, Hip-Hop, House-Beats und Pop-Sounds, wie in The Great Gatsby. Aber sie ist so verdammt einfallsreich und weit verbreitet in Elvis‘ Katalog, dass man gar nicht anders kann, als sie zu bewundern.

Ein Mann spielt den Blues auf einer Akustikgitarre und wir hören eine Kick-Drum, eine clubbige Basslinie und einen Gitarrensound, der definitiv nicht von dieser Gitarre aus den 1940er Jahren stammt. Wheeler schafft es, Pop-Hits wie „Bye Bye Bye“ von NSYNC und „Toxic“ von Brittany so subtil in Elvis-Songs zu verweben, dass man akustisch zweimal hinschauen muss (und danach immer noch nachschlagen). Aber es ruiniert sie nie. Und das sind Elvis-Songs. Diese Tatsache allein macht schon den Großteil der Arbeit aus. Normalerweise hören wir nicht, wie es auf dem Bildschirm aussieht.

Wenn es bei Elvis letztlich weder um die Musik noch um die Geschichte geht, überstrahlt die Musik die Geschichte. Bei Luhrmann-Filmen (oder sollten wir sie Luhrmann-Martin-Filme nennen?) geht es um Ästhetik. Elvis ist eine ruckeligeAchterbahnfahrt, die uns offenbar zeigen will, wie schlimm es sich anfühlte, auf einer seiner legendären Sauftouren zu sein. Aber stilistisch ist er tadellos – die filmische Elvisifizierung von allem, vom Memphis der 1950er Jahre über die trippige Kinematographie bis hin zu B.B. King und Kodi Smit-McPhees Figur aus The Power of the Dog.

Es ist schwer, einen solchen Film wie Elvis zu sehen und ihn völlig abzutun, ganz gleich, wie sehr er auch als Katastrophe erscheinen mag.

Luke Hicks, The Film Stage, 28. Mai 2022

Steve Pond schlägt seinen Lesern in seiner Kritik in The Wrap vom 25. Mai 2022 augenzwinkernd vor, sich Baz Luhrmann als Elvis der frühen Vegas-Jahre vorzustellen, ansonsten den extravaganten Spaß seines Elvis-Biopics einfach mitzumachen und dabei immer an das Zitat von Elvis Manager denken: »All Showmen are Snowmen». Ein Spruch, so kultig, dass man ihn einfach nicht übersetzen kann.

Der „echte“ falsche Colonel: Tom Parker alias Andreas Cornelius van Kuijk.

Justin Chang von der Los Angeles Times geht bei diesem Ansatz auf keinen Fall mit – er hat ein dickes Problem mit der Figur des Colonel Parker und Tom Hanks, der den Bösewicht im Biopic darstellt. Aua.

Baz Luhrmanns widerspenstiger Elvis erschüttert das Filmfestival von Cannes

Das Problem ist, dass Parker zwar der Bösewicht in Elvis ist, Luhrmann aber auch alles daran gesetzt hat, ihn zu einer Art Co-Protagonisten zu machen. Normalerweise mag ich es, wenn Hanks gegen den Strich geht, aber hier ist seine Arbeit hässlich und völlig unmoduliert, mit einer Kombination aus Fettanzug, Kinnprothese und übertriebenem Akzent, die Colin Farrells Pinguin und Stellan Skarsgards Baron von Harkonnen positiv zurückhaltend aussehen lässt. Es fügt auch unnötige erzählerische Polster zu einem Film hinzu, der mehr als 2 1/2 Stunden dauert, und der mehr von dieser Laufzeit verdienen würde, wenn er nicht immer wieder sein angebliches Sujet [Elvis] zwingen würde, das Rampenlicht [mit Parker] zu teilen.

Justin Chang, Los Angeles Times, 25. Mai 2022

Baz Luhrmanns »Elvis« in der deutschen Presse

Im Vergleich zu den amerikanischen Filmbesprechungen von Luhrmanns »Elvis« sind die in der deutschen Presse meist weitaus weniger ausagekräftig. Das ist wenig überraschend, da sich die Presse hierzlande traditionell mit Elvis Presley eher schwertut. Es gibt auch wenig Eigenständiges aus deutscher Sicht. Allzu oft wird lieber bei den Kollegen in den USA „gespickt“, was die so schreiben.

In Deutschland noch nicht richtig angekommten: Austin Butler als Elvis

Das kann man unter anderem an der Besprechung in der Süddeutschen ablesen, die bis auf den fast schon originellen Vergleich mit dem Wikipedia-Beitrag auf Koks im Einstieg (offenbar musste sich der Autor dort erstmal in Stimmung bringen…), wenig Neues bietet. Und die Sache mit den auffällig wechselnden Drehbuchautoren kommt einem auch irgendwie bekannt vor (siehe weiter oben)…

Return to Sender

Nehmen wir einmal an, der Wikipedia-Eintrag von Elvis Presley hätte eine Nase. Und könnte koksen. Ganz viel. Dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Film Elvis aussieht.

Das aufwendige Hollywood-Biopic feierte kurz vor dem Finale der Filmfestspiele von Cannes seine Weltpremiere außerhalb des Wettbewerbs. Es konkurriert nicht um die Goldene Palme, die am Samstagabend vergeben wird. Die Kollegen vom US-Magazin Variety hatten anscheinend die Stoppuhr im Kino dabei und maßen, nachdem der Abspann lief, stolze zwölf Minuten Applaus im Grand Théâtre Lumière. Wobei man sich ernsthaft die Frage stellen muss, ob die Leute klatschten, weil ihnen der Film so gut gefiel – oder aus Erleichterung, dass er endlich vorbei war.

„Elvis“ ist ein Herzensprojekt des australischen Regisseurs Baz Luhrmann. Er hat einst „Romeo & Julia“ gemacht, einen der bekanntesten Filme der Neunzigerjahre (und einen jungen Mann namens Leonardo Di Caprio zum Superstar). Es folgten unter anderem „Moulin Rouge“ und „Der große Gatsby“. Alles Werke, mit denen Luhrmann seinen Status als Hollywoods Knallbonbon zementierte. Ein Bling-Bling-Regisseur, der Filme macht, die bunt und laut wie ein Feuerwerk sind. Luhrmann ist ein Künstler, der nicht seinen Stil der Geschichte anpasst, sondern die Geschichte seinem Stil. Das ist ein Ansatz, der auch mal ziemlich in die Hose gehen kann.

Dass es bei „Elvis“ vorsichtig gesagt verschiedene erzählerische Ansätze gegeben haben muss, verraten die Filmcredits. In Hollywood schreibt mittlerweile fast immer eine Armada an Autoren an großen und teuren Filmen, weil die Produzenten Angst haben, dass der Film ein Flop werden könnte. Und es gibt ein kleines orthografisches Detail, das immer Auskunft darüber gibt, ob es sich um Teams handelt, oder um Ersatzleute, die Drehbücher, mit denen noch keiner recht zufrieden war, umschreiben sollten.

Steht zwischen den Namen ein „&“, haben die Autoren gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Steht zwischen den Namen ein „and“, haben sie getrennt und vermutlich nacheinander geschrieben. Im Abspann von „Elvis“ steht unter dem Reiter Drehbuch „Baz Luhrmann & Sam Bromell and Baz Luhrmann & Craig Pearce and Jeremy Doner; story by Baz Luhrmann and Jeremy Doner“. Ein wirklich herrliches „&“-und-„and“-Geflecht, mit dem viele Anwälte und Agenten bestimmt ein Weilchen beschäftigt waren und das für viele Drehbuchfassungen spricht. […]

Weil Luhrmann das alles im selben MTV-Tempo erzählt, als hätten die seligen Neunzigerjahre nie geendet, schnell und laut und mit mehr Schnitten, als das menschliche Gehirn verarbeiten kann, wird alles zu einer einzigen penetranten Elvissoße. Luhrmanns typischer Soundtrack-Ansatz, die Musik der Handlungszeit mit Musik von heute zu vermischen, lässt den Film endgültig hyperventilieren vor lauter Überdosierung. Und weil der Film zwei Stunden und 39 Minuten dauert, fühlt man sich am Ende ähnlich durchgenudelt wie der erschöpfte, ausgebrannte Elvis auf der Leinwand. Der King lebt? Leider nicht. Um es mit einem seiner großen Songs zu sagen: Return to Sender.

David Steinitz, Süddeutsche Zeitung, 27. Mai 2022

Dass es auch anders geht, zeigt Filmredakteur Hanns-Georg Rodek in Welt. Hier ein Auszug aus seiner detaillierten Besprechung, die bis auf die wenig einfallsreiche Überschrift wirklich gut geschrieben ist und vor allem einen (deutschen) Eindruck davon vermittelt, was den Zuschauer oder die Zuschauerin im Kino erwartet:

Bling-Bling bis zum Abwinken

Wer das Suchwort „Elvis“ googelt, erhält 1,97 Milliarden Treffer. Davon gehören einige Milliönchen dem Sänger Elvis Costello, aber da auch er seinen Künstlernamen letztlich dem Original-Elvis verdankt, können wir die gesamten zwei Milliarden getrost Elvis Presley zuordnen. Kein anderer Künstler erreicht auch nur ein Zehntel dieser Trefferzahl. Und doch scheint uns dieser Elvis sehr, sehr weit entrückt, wie eine Art Alter Fritz des Musikgeschäfts.

Das ist das Paradox des „Elvis“-Filmprojekts von Baz Luhrmann, dem Spezialisten im Updaten verflossener Epochen, wie dem elisabethanischen England in „Romeo und Julia“, der Pariser Belle Epoque in „Moulin Rouge“ und Amerikas Goldenen Zwanzigern in „Der große Gatsby“. Und nun also die Geburt des Rock’n’Roll aus dem Körper eines weißen Jungen.

Luhrmann kennt die Musikgeschichte gut genug, um zu wissen, dass es den Rock ohne die Einflüsse der schwarzen Musik nicht gegeben hätte, ohne die Blueskneipen, in denen der junge Elvis sich herumtrieb. Luhrmann verwendet viel Zeit auf Presleys prägende Jahre in Memphis, auf die Sensation, dass ein Weißer sich schwarze Musik aneignete (würde heute als „cultural appropriation“ geächtet) und auf den Skandal, dass junge Frauen bei seinen Hüftschwingungen in Ekstase gerieten. […]

Wie viele gute Filmbiografien erzählt „Elvis“ von ihrer Lichtfigur durch eine Schattenfigur. Austin Butler als Elvis ist adäquat, er rotiert die Hüften und singt auch einige Titel; die meiste Zeit hören wir allerdings Elvis original. Die eigentliche Schlüsselfigur ist jedoch Tom Hanks als Colonel Tom Parker, der weder Colonel war noch Tom hieß noch Parker. Er ist der Mephisto des Stücks, der Svengali, der die Hälfte von Elvis’ Einnahmen in die eigene Tasche steckt, ihm zur zweiten Mutter wird, als die leibliche stirbt und ihn immer wieder neu erfindet, wenn er es für die Karriere als förderlich ansieht.

Hanks spielt ihn als knallhart-joviale-tröstende Präsenz; in einer wunderbaren Sequenz steht Elvis zum ersten Mal in Las Vegas auf der Bühne, während Parker im Hintergrund mit dem Casinobesitzer einen Mehrjahresvertrag aushandelt, eine Million pro Jahr für seinen Klienten und unbegrenzten Kredit für sich selbst, den dem Glücksspiel Verfallenen. So geht Showbusiness. Hanks ist bereits der dritte Film-Colonel nach Pat Hingle und Randy Quaid, aber er wird der definitive bleiben.

Es geht, wie stets bei Luhrmann, um die Art und Weise des Erzählens. Presleys Tod mag sich bald zum 45. Mal jähren, doch Luhrmanns Erzählung ist neuster Stand der Filmsprache, nur der Koreaner Park Chan-wook mit seinem Palmen-Favoriten „Decision to Leave“ ist ihm darin beim Festival in Cannes ebenbürtig. Luhrmann erzählt im wesentlichen linear, verdichtet Bild und Ton aber zu einer fast permanenten Achterbahnfahrt. In den entscheidenden Momenten gönnt er sich Ruhe.

Luhrmann teilt die Leinwand, drittelt sie, findet Analogien; einmal blendet er nahtlos von einer sich drehenden Platte auf ein sich drehendes Roulette und weiter auf einen sich drehenden Autoreifen: drei der wichtigsten Elemente der Geschichte kondensiert in einer kurzen Einstellung. Und wenn ihm danach ist, montiert er auch drei Elvisse – jung, mittelalt, aufgedunsen – nebeneinander, wie sie den gleichen Song singen.

Dem optischen Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt, und dazu gehört auch Luhrmanns Ästhetik der Fünfzigerjahre-Bonbonfarben […] Gleich zu Beginn schmückt Luhrmann das berühmte Warner Bros.-Logo mit all dem Bling-Bling, den er liebt und den auch Elvis liebte, Edelsteinen und anderem Geglitzer. Es kündigt einen glänzenden Film an.

Hanns-Georg Rodek, Welt, 26. Mai 2022

Anne-Marie Havran hat Luhrmanns Biopic »Elvis« für Filmstarts ebnefalls besprochen und bringt die Stärken und Schwächen des Films wie folgt auf den Punkt:

Baz Luhrmann inszeniert Elvis Presley als Musik-Superhelden mit einer elektrisierenden Bühnen-Präsenz und geradezu magischen Hüften. Austin Butler liefert als König des Rock’n‘Roll eine überzeugende Performance und haucht dem Mythos Elvis in überbordend inszenierten Konzert-Szenen neues Leben ein. Leider entwickelt sich „Elvis“ nach der starken ersten Hälfte zunehmend zu einem eher konventionellen Biopic, das die Lebensstationen seiner Titelfigur abhakt, ohne der Komplexität des Jahrhundertkünstlers wirklich gerecht zu werden.

Anne-Marie Havran, Filmstarts, Mai 2022

Eine hörenswerte, sehr ausgewogene Besprechung des Films liefert Filmredakteurin Susanne Burg im Gespräch mit Matthias Mauersberger für Deutschlandfunk Kultur, die man sich hier → anhören kann.

„I loved music – all type of music“: Elvis Presley gespielt von Austin Butler

Burg verweist u. a. darauf, dass der Film das afroamerikanische Musikerbe, das Elvis Presley stark geprägt hat, thematisiert und musikalisch und optisch innovativ präsentiert. Ein Aspekt, der in anderen Besprechungen vor lauter Aufregung über das viele Bling-Bling fast untergeht.

Und nu?

Eins steht fest: Noch bevor Baz Luhrmanns »Elvis« am 23. Juni 2022 in den deutschen Kinos anläuft, ist ihm die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Alles Weitere wird man dann sehn.

Ich werde mir das Biopic auf jeden Fall nicht entgehen lassen – Achterbahnfahrt inklusive. Denn nach den aufgeregten Kritiken bin ich jetzt endgültig richtig neugierig geworden auf den Elvis-Exzess à la Luhrmann. Für mich klingt das nach ganz großem KINO.

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