Navigation » Startseite » 2022

Das European Elvis Festival in Bad Nauheim ist längst eine feste Größe unter den vielen Events weltweit, die jedes Jahr den King of Rock ’n‘ Roll Elvis Presley feiern. Vom 12. bis 14. August 2022 findet es zum 20. Mal statt.

Jubiläum voraus: 20 Jahre European Elvis Festival in Bad Nauheim – Foto: Bad Nauheim Stadtmarketing und Tourismus GmbH

The Memphis Flash hat Maria Hesterberg, 1. Vorsitzende der Elvis Presley Gesellschaft, die neben der Stadt Bad Nauheim Veranstalterin des Festivals ist, zu Jubiläum und Festival-Programm 2022, ihren Lieblingsmusiker Elvis und Baz Luhrmanns neues, sehr erfolgreiches Biopic ELVIS interviewt.

INTERVIEW

The Memphis Flash: Maria, zwei Jahrzehnte European Elvis Festival in Bad Nauheim. Wie groß ist die Freude, dass Ihr jetzt nach mehr als zwei Jahren Corona-Pandemie endlich wieder richtig loslegen könnt – und dann noch mit einem Jubiläum?

„Weil Elvis Elvis ist“: Maria Hesterberg, 1. Vorsitzende der Elvis Presley Gesellschaft e. V. (EPG) – Foto: www.memphisflash.de

Maria Hesterberg: Wir freuen uns natürlich riesig. Allerdings haben wir trotz Pandemie auch in 2020 und 2021 Veranstaltungen gehabt, auch wenn die aus pandemischen Gründen natürlich kleiner ausgefallen sind und nicht unter dem Begriff „Festival“ liefen. Wir waren einfach der Meinung, dass es nicht sein kann, im August gar nichts zu machen. Letztes Jahr waren wir in Sachen Programm auch schon wieder ganz gut aufgestellt. Aber es ist natürlich nochmal was ganz Anderes, wenn es dann wirklich ein richtiges European Elvis Festival mit umfangreichem Programm ist, zu dem die Leute ja auch aus dem Ausland anreisen.

The Memphis Flash: Auf welche Programm-Highlights dürfen wir uns beim European Elvis Festival 2022 freuen?

Maria Hesterberg: Ich denke, ganz toll ist, dass wir Peter Kraus gewinnen konnten für das Konzert am Samstagabend (13. August) um 20 Uhr in der Trinkkuranlage. Wir hatten das in der Vergangenheit schon mal versucht, aber da hat’s aus verschiedenen Gründen nicht gepasst. Dieses Jahr hat er die Einladung akzeptiert, freut sich drauf und wird auch tatsächlich ein Elvis-Programm spielen. Am Sonntag wird er sich außerdem ins Goldene Buch der Stadt Bad Nauheim eintragen, bei unserer Talkrunde dabei sein und anschließend Autogramme geben.

Peter Kraus: Galt in den 1950ern als der deutsche Elvis und ist Stargast auf dem European Elvis Festival 2022 – Foto: Rene van der Voorden

The Memphis Flash: Sind dieses Mal auch wieder ehemalige Weggefährt:innen von Elvis aus den USA in der Talkrunde? In der Vergangenheit hattet Ihr ja unter anderem Alfred Wertheimer, George Klein, Joe Esposito, Jerry Schilling, Linda und Sam Thompson im Programm?

European Elvis Festival 2014: Maria Hesterberg im Talk mit Elvis‘ Fotograf Alfred Wertheimer – Foto: www.memphisflash.de

 

Noch mehr Talk: Maria Hesterberg mit Elvis-Weggefährte George Klein beim European Elvis Festival in Bad Nauheim 2016 – Foto: www.memphisflash.de

Maria Hesterberg: Leider nicht. Und zwar hat das einfach den Grund, dass die Impfung doch für manche ein großes Problem darstellt. Wir wiederum sind der Sicherheit aller verpflichtet. Und ich möchte nicht, dass das European Elvis Festival hinterher als neuer Corona-Hotspot in den Schlagzeilen steht. Es war also die richtige Entscheidung, diesmal darauf zu verzichten. Außerdem sind wir auch so gut aufgestellt.

The Memphis Flash: Wer kommt neben Peter Kraus noch?

Maria Hesterberg: Für den letzten Festivaltag, also den Sonntag, haben wir uns diesmal was ganz Besonderes einfallen lassen. Einen richtigen Schlussknaller zum 20-Jährigen. Und zwar um 11 Uhr die Gospel-Show „Let us Pray“ mit Jim Brown und dem Lüneburger Gospelchor in der Trinkkuranlage. Dann ab 19 Uhr zusätzlich Jim Brown mit großer Band im Konzert „Walking in Memphis“. Und wer Jim schon mal gehört hat, der weiß, worauf er sich da freuen kann. Wir sind total froh, dass das geklappt hat.

Steht für Qualität beim Festival: Elvis-Interpret Jim Brown – Foto: Peter Mayer

The Memphis Flash: Für die musikalische Unterhaltung ist also gesorgt. Hier schon mal der Link zu Gesamt-Programm und Ticket-Shop. Macht die Stadt Bad Nauheim denn auch wieder ihren verkaufsoffenen Sonntag?

Maria Hesterberg: Auf jeden Fall. Da wird auch in der Stadt wieder einiges los sein. Aber wir haben auch noch was ganz Besonderes im Festival-Programm – und zwar eine phänomenale Ausstellung mit Schwerpunkt Elvis: „Rock ’n‘ Roll Heaven. Das knallt nur so von Originalen, die mal Elvis gehört haben.

The Memphis Flash: Zum Beispiel?

Maria Hesterberg: Wir werden ein Original-Auto aus Elvis‘ Besitz in der Ausstellung haben. Wir werden viele Dokumente, Schmuck und Kleidungsstücke von Elvis präsentieren – aus den Anfängen seiner Karriere, seiner Filmzeit, natürlich sehr viel aus seiner Zeit bei der Armee hier in Deutschland. Initiiert ist das Ganze von unserem Mitglied und Freund Andreas Schröer vom Initiativkreis Gelsenkirchen, der zusammen mit einem Kollegen aus Schweden auch Führungen durch die Ausstellung anbieten wird. Dazu kann man sich beim Festival bei uns am Infostand der Elvis Presley Gesellschaft (EPG) anmelden.

The Memphis Flash: Apropos Führung: Wie sieht das mit den Corona-Schutzbestimmungen aus? Gibt es eine Maskenpflicht?

Maria Hesterberg: Also, wir sind immer den aktuell geltenden Schutzbestimmungen verpflichtet. Aber auch wenn keine Maskenpflicht besteht, kann das jeder so halten, wie er sich am wohlsten fühlt. Es wird voll sein – Leute eng an eng. Da sollte jeder die eigene Gesundheit gut schützen.

The Memphis Flash: Wohl war. Wenn Du jetzt auf 20 Jahre European Elvis Festival zurückschaust, wie hat sich das Festival in den zwei Jahrzehnten entwickelt und vielleicht auch verändert?

Maria Hesterberg: Also, die Elvis Presley Gesellschaft ist ja erst seit 2010 dabei. Wir sind  dazugestoßen, weil die Stadt Bad Nauheim uns gefragt hat, ob wir Interesse hätten, am Festival mitzuwirken. Und ich weiß noch, wir haben uns damals das Programm angeschaut und gedacht: Hm, das kann mehr Elvis gebrauchen.

The Memphis Flash: Okay. Woran lag das?

Weiterlesen

Navigation » Startseite » 2022

Eindrucksvolle zwölf Minuten dauerte die Standing Ovation für ELVIS – das neue Biopic des australischen Produzenten und Regisseurs Baz Luhrmann über den King of Rock ’n‘ Roll mit Austin Butler und Tom Hanks in den Hauptrollen – bei der Premiere im Rahmen der 75. Internationalen Filmfestspiele in Cannes. Das allein, gefolgt von der sofort einsetzenden Flut an Filmkritiken in Print- und Onlinemedien, ließ großes Kino erahnen, noch bevor der Film überhaupt in den Kinos angelaufen war.

Jetzt läuft ELVIS in den Kinos, ist in aller Munde und toppte am Startwochenende in den USA sogar die Kinobesucherzahlen von Tom Cruises Blockbuster Maverick. Doch wie gut ist Luhrmanns ELVIS?

Baz Luhrmanns ELVIS ist in einem Wort: GROSSARTIG. Und das in mehrfacher Hinsicht. Wer bislang geglaubt hat, die allseits bekannte Geschichte von Elvis, dem armen Jungen aus Tupelo/Mississippi, der zum Megastar seiner Zeit aufstieg, an seinem Ruhm zerbrach, mit nur 42 Jahren früh verstarb und posthum endgültig zum Mythos wurde, sei schon seit langem auserzählt, wird von Baz Luhrmanns Biopic widerlegt.

Denn es gelingt dem australischen Produzenten und Regisseur, den allseits bekannten Mythos als Leinwand zu nutzen, auf der er zwei zentrale Themen neu in den Fokus rückt. Die wiederum sagen zum einen viel über den Künstler und Menschen Elvis Presley aus, zum anderen verweisen sie über das persönliche Schicksal hinaus auf größere Themen im Zentrum der amerikanischen Gesellschaft der 1950er bis 1970er, die bis in unsere Gegenwart hinein wirken.

Dabei wird das Ganze in einem Stil erzählt, der very Elvis und gleichzeitig very Luhrmann ist: energiegeladen, temporreich und hochemotional wie die beste Musik des King – in opulenten Bildern mit viel Liebe zum Detail und reichlich Glitz und Glam (hier wird nicht gekleckert, sondern ordentlich gerockt).

Außerdem punktet ELVIS mit einem tollen Soundtrack, bei dem bekannte Elvis-Songs mit denen zeitgenössischer Künster:innen, darunter Doja Cat,  Kacey Musgraves, Steve Nicks, Chris Isaak, Jack White, Stuart Price, Yola und Eminem, präsentiert werden.

ELVIS 2022: Austin Butler, Baz Luhrmann und Tom Hanks

Absolutes Highlight sind jedoch die beiden Hauptdarsteller: Austin Butler, der Elvis oscarreif und dabei zum Verlieben sympathisch spielt, außerdem den jungen Elvis selbst singt (siehe Soundtrack), und Tom Hanks in der Rolle seines gewieften Managers Colonel Tom Parker. Um es mit Elvis zu sagen: Mah, boy, mah boy!

Elvis und Colonel Tom Parker: »The Soul and the Sell«

Und damit ist auch schon das erste der beiden zentralen Themen, die Luhrmanns im Biopic setzt, angesprochen: Nämlich die schwierige Beziehung des Künstlers zu seinem Manager Colonel Tom Parker – von Luhrmann verdichtet zum Konflikt zwischen The Soul (Elvis) und The Sell (Parker) – zwischen Seele alias Kunst und Kommerz, wie es der Regisseur formuliert. Sie bildet den Erzählfaden des Biopics, in dem die Ereignisse aus der Retrospektive Tom Parkers dargestellt werden.

Was bislang gar nicht so viele Leute jenseits der Fanszene wissen: Parker wurde als Andreas Cornelius van Kuijk (26. Juni 1909 bis 21. Januar 1997) im niederländischen Breda geboren, reiste als junger Mann illegal in die USA ein, wo er sich flugs umbenannte in Tom Parker aus Huntington/Virginia – seine tatsächliche Herkunft verleugnend. Parker arbeitete zunächst beim Zirkus, bevor er sich als Manager von Countrymusikern wie Eddy Arnold und Hank Snow einen Namen machte. Den Titel eines Colonels erhielt van Kuijk alias Tom Parker 1948 ehrenhalber vom Gouverneur des Bundesstaates Louisiana als Dank für die Mitarbeit bei seiner Wahlkampagne.

Der Snowman: Tom Hanks als Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker

Schon an diesem Punkt wird klar: Der falsche Colonel, der sein Handwerk beim Zirkus lernte, versteht sich auf den schönen Schein. Die Illusion ist seine Welt. Man ist, wer man vorgibt zu sein. Doch er ist viel eher ein Spieler im ganz ursprünglichen Sinne als ein reiner Hochstapler. Es geht ihm nicht nur einfach ums Geld an sich, sondern um das Spiel um Geld – und um Macht. Andere zu »snowen«, sie einzuwickeln bzw. einzulullen, ihnen mit der Aussicht auf ein besonderes Erlebnis mehr Geld aus der Tasche zu ziehen, als sie ursprünglich ausgeben wollten, das ist seine große Leidenschaft.

Weiterlesen

Navigation » Startseite » 2022

Vor wenigen Tagen feierte »Elvis«, das langerwartete neue Biopic des australischen Regisseurs Baz Luhrmann über den King of Rock ’n‘ Roll, Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2022. Im Kino läuft »Elvis« zwar erst ab dem 23. Juni, aber da die internationale Presse den Film schon sehen durfte, gibt es bereits erste Reaktionen und teils sehr ausführliche Kritiken. Was uns da wohl im Kinosessel erwartet? Schau’n wir uns die Kritiken doch mal an.

Demnächst im Kino: Der 30-jährige Austin Butler spielt Elvis in Baz Luhrmanns gleichnamigen Biopic

Publikumsliebling »Elvis« in Cannes

Eins schon mal vorweg: Baz Luhrmanns »Elvis« lief beim 75. Filmfestspielen in Cannes außer Konkurrenz, das heißt er ging nicht ins Rennen um die Gunst der Jury und die berühmte Goldene Palme. Den Titel als Publikumsliebling hat sich »Elvis« aber offenbar gesichtert, denn Medienberichten zufolge gab es im Anschluss an die Premiere, die unter großem Staraufgebot und in Anwesenheit von Priscilla Presley stattfand, den längsten Applaus, der jemals an der Croisette bei einer Premiere gemessen wurde. Bis zu 12 Minuten Standing Ovations sollen es gewesen sein. Das klingt nach ganz großem Kino.

Bei der Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2022: Baz Luhrmann (Mitte) im Elvis-Outfit mit Priscilla Presley im Arm und Elvis-Darsteller Austin Butler sowie Tom Hans links im Bild

Restlos überzeugen konnte das neueste Biopic über Elvis Presley, das die komplexe Beziehung des Superstars zu seinem langjährigen Manager Colonel Tom Parker (alias Andreas van Kuijk) in den Fokus rückt, die Filmkritiker allerdings nicht. Und das liegt nicht an Hauptdarsteller Austin Butler, bekannt unter anderem aus Quentin Tarantinos Once Upon A Time In Hollywood, der Elvis Presley glaubwürdig verkörpert, wie es unisono hieß.

Das ist keine große Überraschung, da sich die ansonsten in ihren Äußerungen sehr zurückhaltenden Presley-Damen, also Ex-Frau Priscilla, Tochter Lisa Marie und Enkelin Riley Keough, die in Cannes ihr Regiedebut gab, schon im Vorfeld der Premiere übereinstimmend sehr anerkennend über Austin Butlers Darstellung geäußert hatten.

Gemeinsamer großer Auftritt: Austin Butler hat Priscilla Presley als Elvis überzeugt – Met-Gala 2022

 

Es war einmal: Der echte Elvis Presley mit Ehefrau Priscilla Ende der 1960er

 

Im Film: Austin Butler als Elvis mit Film-Priscilla Olivia DeJonge

Dass Publikumsliebling »Elvis« die Fachpresse dennoch nicht restlos überzeugte, liegt auch nicht an Tom Hanks, der im Biopic zwar nicht brilliert, als Elvis‘ zwielichtiger Manager Tom Parker aber eine für ihn eher ungewöhnliche Rolle übernimmt und praktisch nicht wiederzuerkennen ist.

Kaum wiederzuerkennen: Tom Hanks als Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker

Nein, der zweieinhalb Stunden lange Film sorgt vor allem wegen des bekanntermaßen sehr besonderen Stils von Regisseur Luhrmann (*1962) – berühmt für opulente, bildgewaltige Filme wie Romeo + Julia (1996), das Musical Moulin Rouge (2001) oder The Great Gatsby/Der Große Gatsby (2013) – und das Drehbuch für Gesprächsstoff.

Einen ersten Eindruck vom Film vermittelt dieser Trailer von Studio Warner Bros.

Baz Luhrmanns »Elvis« – Reaktionen aus der amerikanischen Presse

Jetzt aber ein paar repräsentative Beispiele dafür, wie die amerikanische Presse Luhrmanns Biopic »Elvis« bewertet – jeweils übersetzt ins Deutsche. Die Übersetzung klingt nicht immer hundertprozentig rund, aber transportiert das Gesagte dennoch recht gut.

Austin Butler gibt eine Darstellung, die des Königs würdig ist, aber er wird lebendig begraben unter einer Strass-Achterbahn voll schwacher Biopic-Klischees

Luhrmann mag einer der unbändigsten Maximalisten sein, die das Kino je hervorgebracht hat, und sein neues Werk ist vielleicht der visuell anarchischste Hollywood-Film seit „Speed Racer“ der Geschwister Wachowski von 2008. Aber es ist schwer, auch nur ironisches Vergnügen an etwas zu finden, das sich so sehr an seinen eigenen Vorräten bedient; etwas, das viel weniger daran interessiert ist, wie Elvis die Regeln bricht, als daran, wie sein Regisseur es tut, und etwas, das unermüdlich unfähig ist, irgendeine sinnvolle Überschneidung zwischen den beiden zu finden.

In der Tat ist „Elvis“ so anhimmelnd in seinem Stil und so desinteressiert an seinem Thema, dass „Baz“ ein passenderer Titel für den Film gewesen wäre. Warum braucht ein wahnsinnig einfaches Musical-Biopic, das sich mit 60 Millionen Umdrehungen pro Minute durch die Zeit dreht, länger, um Elvis Presley die „Bohemian Rhapsody“-Behandlung zukommen zu lassen, als Luhrmann brauchte, um „Romeo und Julia“, „Der große Gatsby“ oder den gesamten Kontinent „Australien“ zu adaptieren? Denn der „Moulin Rouge!“-Regisseur kann – trotz seiner offensichtlichen Zuneigung zu Elvis und seinem gutgläubigen Bemühen, den Rockgott so zu ehren, wie er es für richtig hielt – nicht anders, als Presleys Ikonographie auf ähnlich eigennützige Weise zu nutzen, wie Parker sein Talent ausbeutete. […]

Butlers makellose Presley-Imitation wäre das Beste an diesem Film, selbst wenn es bei der Nachahmung bliebe, aber der Schauspieler schafft es nicht nur, Presleys Gesangsstimme und Bühnenpräsenz zu treffen; er schafft es auch, sich darüber hinwegzusetzen, sich von der Ikonografie zu lösen und dem Film die Gelegenheit zu geben, einen neuen emotionalen Kontext für einen Mann zu schaffen, der eingefroren in der Zeit war, bevor Luhrmanns Zielpublikum geboren wurde.

Eine Chance, die der Regisseur auf Schritt und Tritt ausschlägt: Sein Elvis wird nie sein eigener Mann. Stattdessen entwickelt er sich von einem Avatar für das Nachkriegsamerika zu einem hilflosen Süchtigen, der in einem goldenen Käfig gefangen ist. In beiden Modi hat er nicht den Hauch einer Handlungsmöglichkeit; durch die Jahre taumelnd und von einer eingeblendeten Zeitungsschlagzeile zur nächsten hüpfend, wirkt Elvis weniger wie jemand, der das 20. Jahrhundert umgestaltet hat, sondern eher wie jemand, der zusah, wie es um ihn herum ohnmächtig wurde und ihn dann hinausdrängte. Kein Wunder, dass sich die Wege von Elvis und Forrest Gump ständig zu kreuzen scheinen.

Anstatt einen sinnvollen Weg zu finden, der Elvis durch die Geschichte führt, lässt Luhrmann ihn einfach auf einem Floß aus Non-Stop-Musik durch die Jahre treiben, das mit Lichtgeschwindigkeit auf eine endlose Reihe von Biopic-Klischees stößt, bis es schließlich ein paar Jahrzehnte später kentert. Die Handlung bewegt sich so schnell und mit so wenig Gewicht, dass ich buchstäblich verpasst habe, wie Elvis‘ Mutter stirbt.

Filmkritiker David Ehrlich, Indiewire, 25. Mai 2022

Weiterlesen

Navigation » Startseite » 2022

Wer hätte das gedacht? Elvis Presley, von seinen Kritikern, Biografen und Fans oft gleichermaßen geschmäht für seine 31 Hollywoodfilme, hat mindestens einen echten Klassiker im Portfolio: Jailhouse Rock (dt. Rhythmus hinter Gittern) von 1957. Denn wie kaum ein anderer Film seiner Ära transportierte Jailhouse Rock das rebellische Lebensgefühl der Rock ’n’ Roll-Generation der 1950er.

Lebensgefühl Rock ’n‘ Roll: Elvis Presley in ‚Jailhouse Rock‘ 1957

In Jailhouse Rock kulminierte das Rock ’n’ Roll-Lebensgefühl erstmals musikalisch und filmisch in einer Person: Elvis Presley, King of Rock ’n’ Roll. Kein Wunder also, dass der Film seit 2004 im Nationalen Filmregister der USA für kulturell, historisch und ästhetisch besonders relevante Filme gelistet wird und laut einer Umfrage des Empire Magazins (2008) als einer der 500 besten Filme aller Zeiten gilt. Bis es zu dieser Anerkennung kam, mussten Film und Hauptdarsteller allerdings eine langen Weg zurücklegen.

Jailhouse Rock: Drehbuch – Regie – Crew

Die Dreharbeiten für den MGM-Filmklassiker mit Elvis Presley in der Hauptrolle starteten im Mai 1957 direkt im Anschluss an die Aufnahmesession für den Soundtrack. Beim Dreh mit von der Partie waren auch die Musiker Scotty Moore, Bill Black, D.J. Fontana, Komponist Mike Stoller und einige von Elvis‘ Freunden, die in kleinen Rollen in verschiedenen Szenen des Films zu sehen sind.

Das Drehbuch zu Jailhouse Rock beruht auf einer Erzählung des Schauspielers und Drehbuchautors Nedrick „Ned“ Young, der unter dem Pseudonym Nathan E. Douglas 1959 einen Oscar für sein Drehbuch The Defiant Ones (Flucht in Ketten) gewann. Als Produzent des Schwarzweiß-Films fungierte der mehrfach Oscar-nominierte Sandro S. Berman, der zuvor schon Blackboard Jungle (1955) mit dem bekannten Titelsong Rock Around The Clock von Bill Haley produziert hatte, assistiert von Kathryn Hereford (u.a. Die Brüder Karamasov).

Und auch der Regisseur von Jailhouse Rock war eine bekannte Größe in Hollywood. Allerdings hatte sich Richard Thorpe die Sporen eher in Low-Budget-Komödien und Westernfilmen verdient. Im Studiosystem Hollywoods war Thorpe – Spitzname: Mr. One Take – ein beliebter Regisseur der MGM, einfach weil er besonders „budgetsensibel“ und effizient Regie führte. Als ansprucksvoller oder gar besonders kreativer Regisseur galt er nicht. Allerdings profitierte Jailhouse Rock durchaus von Thorpes Vorliebe, in besonders langen Einstellungen zu filmen, was Kameramann Robert J. Bronner stimmungsvoll umzusetzen wusste.

Klassisch: „That ain’t tactics, honey. That’s just the beast in me!“ Elvis Presley mit Judy Tyler

Elvis selbst spielte in seinem 3. Film nicht nur die Hauptrolle, in Jailhouse Rock trägt der von ihm dargestellte Charakter (Vince Everett) erstmals überzeugend die Handlung  – und ist dabei im Gegensatz zu den meisten Protagonisten der 31 Elvis-Spielfilme ( → Elvis im Kino: Interview mit Filmwissenschaftler Björn Eckerl) kein gradlinig sympathischer Kerl,  was erheblich zum Reiz des Films beiträgt. Weiterlesen

Navigation » Startseite » 2022

Dixie bemerkt ihn zum ersten Mal vor der sonntäglichen Bibelstunde. Wie unglaublich gut er aussieht, denkt sie. Erst vor kurzem ist seine Familie zu ihrer Kirchengemeinde gestoßen, der First Assembly of God Church in der 1084 McLemore Street in Memphis. Verstohlen schaut sie noch einmal zu ihm hinüber in die letzte Reihe. Jetzt lächelt er sie an – mit diesem schüchternen, leicht schiefen Lächeln, bei dessen Anblick Dixie schwindlig wird vor Glück. Was für ein Prince Charming! Er heißt Elvis Presley und ist gerade erst 19 Jahre alt geworden – so viel hat sie schon herausgefunden.

Begegnung in der Kirchengemeinde: Die Jungs der Sonntagsklasse der „First Assembly of God Church“ in Memphis Anfang 1954…

… mit dem „gutaussehenden schüchternen Neuen“ in der letzten Reihe – Foto: Unlocked – Memoirs Of Elvis‘ First Girlfriend by Dixie Locke Emmons, 2021

Als Dixie »den Neuen« das erste Mal in der Sonntagsschule bemerkt, ist sie 15 und besucht die South Side High School in Memphis. Willa Dean (*1938), wie Dixie eigentlich heißt, wächst mit ihren vier Geschwistern – drei Schwestern und einem Bruder – in sehr bescheidenen Verhältnissen auf.

Bescheidene Verhältnisse in Memphis

Die Lockies stammen eigentlich aus Georgia und ziehen 1940 nach Memphis, wo Dixies Vater Thad schließlich einen Job bei der American Railway Express Agency findet, einem nationalen Paketzustelldienst, für den er Züge be- und entlädt.

Die Großfamilie wohnt in einem kleinen Haus mit nur drei Zimmern in der Lucy Street nahe der Innenstadt von Memphis. Die Locke-Kinder müssen sich eins der Zimmer teilen – ganz schön eng. Wenn Vater Thad, der morgens früh raus muss, um 8 Uhr abends ins Bett geht, ist auch für den Rest der Familie Schicht im Schacht.

Das einzige Bad befindet sich auf der hinteren Veranda – die stählerne Badewanne dient nicht nur der Körperhygiene, sondern wird auch fürs Wäschewaschen genutzt. Eine Waschmaschine ist unvollstellbarer Luxus für die Lockes. Nein, bei den Lockes wird per Hand gewaschen, von Mutter Lillian und den Töchtern. Auch ein Auto hat die Familie nicht – der Vater fährt jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit.

Trotz der bescheidenen Verhältnisse hat Willa Dean, die ihren Geburtsnamen nicht besonders mag und sich deshalb schon früh in »Dixie« (Abkürzung für Dixieland = amerikanische Südstaaten) umbenennt, eine glückliche Kindheit. Zwar sind die Folgen der Weltwirtschaftskrise noch immer überall spürbar, doch die Lockes sind froh, dass der Vater einen einigermaßen sicheren Job hat, der ihnen in diesen schwierigen Zeiten ein Dach über dem Kopf, genügend zu essen und etwas zum Anziehen sichert.

Der Höhepunkt des Jahres ist der Familienurlaub bei der Familie des Vaters auf dem Land in Georgia, der nur deshalb möglich ist, weil die Zugtickets von Thads Arbeitgeber bezahlt werden.

Die Schwestern Locke (v. l. n. r.): Betty Jean (1934-2010), Juanity Fay (*1936), Willa Dean „Dixie“ (*1938) und Shirley Lois (1946-2016) – Foto: Unlocked, 2021

Ein weiteres Highlight für die Locke-Mädchen ist, wenn Mutter Lillian vor Beginn des neuen Schuljahres den dicken Katalog von Sears Roebuck raussucht, aus dem sich jede ein paar Stoffe zum Bestellen aussuchen darf. Aus den Stoffen näht Mutter Locke auf ihrer alten Nähmaschine die neuen Röcke und Blusen für ihre Töchter (Hosen sind tabu). Ansonsten sind die jüngeren Schwestern darauf angewiesen, die Kleidung der älteren aufzutragen. Dixie ist die Zweitjüngste – aua!

Dass die Familie darüber hinaus sehr wenig Geld zur Verfügung hat, empfindet Dixie jedoch nicht als großen Nachteil – schließlich haben alle anderen in ihrem Umfeld auch nicht mehr. Ihre Freizeitaktivitäten kreisen ganz um die Familie, die Nachbarschaft und die Kirche, die First Assembly of God Church, in der die Lockes seit 1944 Mitglied sind. Die Lockes sind sehr religiös. Vor allem Mutter Lillian achtet streng darauf, dass ihre Kinder die zehn Gebote und Kapitel 3, Vers 16 des Johannes-Evangeliums in- und auswendig können, noch bevor sie eingeschult werden.

Die First Assembly of God Church in der McLemore Street in Memphis – Foto: Unlocked, 2021

Davon abgesehen ist Dixie ein typischer Teenager, wird sie später sagen. Sie hat ein besonders enges Verhältnis zu ihrer zwei Jahre älteren Schwester Juanita und verbringt die Zeit, wenn sie nicht in der Schule ist oder im Haushalt helfen muss, am liebsten mit ihren Freunden. Obwohl bodenständig und praktisch veranlagt, ist die sportliche 15-Jährige auch eine Romantikerin. Sie träumt von der großen Liebe, von dem Märchenprinzen, von Prince Charming, der ihr Herz im Sturm erobert. Ihr Vorbild ist die Ehe ihrer Eltern, die 70 Jahre bis zum Tod des Vaters halten wird.

Wartet auf ihren Märchenprinzen: Dixie als Teenager im Haus ihrer Eltern – Foto: Unlocked, 2021

Doch als der Märchenprinz in ihr Leben tritt, hat er so gar nichts von dem eigenen Vater. Genau genommen fällt der Junge aus der sonntäglichen Bibelstunde ihr vor allem deshalb auf, weil er »so anders« ist. Da ist einmal die Art, wie er sich kleidet: so auffällig in Pink und Schwarz. Dann seine für damalige Verhältnisse ziemlich langen, mit Pomade zum Entenschwanz zurückgekämmten Haare. Unerhört!

Elvis in Pink und Schwarz: Hier fotografiert 1956 in der Innenstadt von Memphis, als der er sich einen Strafzettel einfängt

»Alle anderen Jungs waren wie die Ebenbilder ihrer Väter«, wird sie später sagen. Der Neue jedoch fällt unübersehbar aus dem Rahmen, weswegen die anderen Mädchen in der Gruppe ihn »seltsam« finden. Und noch etwas bemerkt Dixie: Seine Schüchternheit steht in einem eigenartigen Kontrast zu seinem offensichtlichen Bemühen, unbedingt aus der Menge herauszustechen. Sie verknallt sich Hals über Kopf in den Neuen.

Weiterlesen

Navigation » Startseite » 2022

»Elvis hated to overdub«, das wusste nicht nur Elvis Presleys langjähriger Schlagzeuger D. J. Fontana, von dem dieses Zitat stammt. Beinahe alle Musiker, Produzenten und Tontechniker, mit denen Elvis Presley im Verlauf seiner Karriere zusammenarbeitete, können bestätigen, dass der King kein großer Freund der Overdub-Technik war. Genau das macht Veröffentlichungen wie das kürzlich erschienene Boxset Elvis Back In Nashville (Sony 2021) so interessant.

Featuring Elvis 1971: Cover des Boxsets Elvis Back In Nashville 2021

Denn darauf gibt es legendäre Aufnahmen aus dem Jahr 1971 – darunter die des mit einem Grammy ausgezeichneten Gospel-Albums He Touched Me – ohne die ungeliebten Overdubs zu hören. Also genauso, wie Elvis Presley sie mit seinen handverlesenen Musikern in RCAs Studio B in Nashville im März, Mai und Juni 1971 aufnahm, bevor sie für die Veröffentlichung unter anderem mit Orchester-Arrangements »aufgemotzt« wurden.

Aber was hatte Elvis eigentlich genau gegen das branchenübliche Overdubbing einzuwenden? Ganz einfach: Es widersprach seiner Auffassung davon, was gute Aufnahmen ausmacht und wie sie entstehen.

Perfect imperfection: Studioaufnahmen als Live-Performance

Von seinen ersten Aufnahmesessions in Sam Phillips Memphis Recording Studio an, bei denen er seine Aufnahmen mit Gitarrist Scotty Moore, Bassist Bill Black und später D. J. Fontana – weitere Musiker gab es anfangs nicht – gemeinsam entwickelte und dabei so lange von vorn bis hinten wiederholte bis eine Aufnahme dabei herauskam, mit der man zufrieden war, blieb genau das Elvis Presleys bevorzugte Arbeitsweise im Studio. Overdubbing gab’s nicht. Entsprechend war Sam Phillips berühmtes »Slapback Echo Delay« so ziemlich der einzige Effekt, der bei Elvis Presleys frühen Aufnahmen zur Anwendung kam.

Die damalige Studiotechnik ließ insgesamt wenig Raum für die Bearbeitung einmal eingespielter Versionen – aufwendige Postproduktion, wie sie heute längst Standard ist, fand nicht statt. Auch war Software wie das seit 1997 weitverbreitete Autotune, mit der gesangliche Mängel problemlos automatisch korrigiert werden können, noch nicht erfunden.

Einfache Ausstattung: Sam Phillips bei Aufnahmen in seinem Studio Memphis Recording Service (SUN Studio) in den 1950ern – Foto: Memphis Recording Service

Allerdings legte Sam Phillips, Inhaber des Memphis Recording Services und des Musiklabels SUN, bei dem der junge Elvis Mitte der 1950er seine ersten Erfahrungenn sammelte, ohnehin keinen großen Wert auf technische Perfektion im herkömmlichen Sinne. Stattdessen ging es bei der Arbeit im Studio darum, eine Atmosphäre herzustellen, die die individuelle Kreativität aller Beteiligten förderte und so Musikaufnahmen hervorbrachte, die einzigartig, authentisch, frisch und spontan klangen (→Musikkritiker Dave Marsh in seinem Essay in Walk A Mile In My Shoes ). »Perfect imperfection« lautete das Motto.

Bloß nichts technisch zu Tode optimieren, sondern stattdessen auf das besondere »Feeling« der Aufnahmen setzen, die live entstanden, indem alle beiligten Musiker:innen in ein und demselben Studioraum ihre Gesangs- und Instrumentalparts zusammen einspielten. Studiotechnik hatte dabei die Aufgabe, das Live-Gespielte bestmöglich für die Veröffentlichung zu konservieren. Mehr nicht. Alles, was im Nachgang hinzugefügt wurde und damit nicht mehr live war, trug nach dieser Auffassung das Potenzial fehlender Authentizität in sich – also auch das Overdubbing.

Entsprechend sei Elvis, so erzählte Ron Tutt, der nach dem eingangs zitierten D. J. Fontana von 1969 bis 1977 Presleys erster Mann am Schlagzeug war, auch in späteren Jahren ein absoluter Purist gewesen. Für ihn war eine Studioaufnahme eine Live-Performance im Studio – und damit keine eigenständige Kunstform:

[Elvis] believed that recording is an art of recording a live performance, not an art of a recording studio. You see what I mean? There’s a real differentation between the two. He was very puristic when it came to that.“

Ron Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009

Weiterlesen