Elvis Presleys Schlagzeuger Ron Tutt

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Wie ein Fels in der Brandung wirkte Ron Tutt, langjähriger Schlagzeuger in Elvis Presleys TCB-Band, beim Treffen mit Fans, die 2013 aus ganz Europa zum European Elvis Festival nach Bad Nauheim angereist waren, um ihn und seine Bandkollegen James Burton und Glen D. Hardin endlich einmal fragen zu können: Hey, sag‘ mal, wie war es denn nun wirklich mit dem King auf der Bühne und im Aufnahmestudio?

Schlagzeuger Ron(nie) Tutt beim European Elvis Festival 2013

Schlagzeuger Ron(nie) Tutt beim European Elvis Festival 2013

Doch Ronald Ellis Tutt (1938-2021) wirkte nicht nur wie die Ruhe selbst, der Vater von 10 Kindern hatte die Ruhe auch tatsächlich weg in dem ganzen Trubel um die TCB-Band. Wer ihm persönlich begegenete, konnte sich fast nicht vorstellen, welche Dynamik dieser freundliche, weißhaarige Bär mit Vollbart – von Elvis bei Konzerten gerne mit „on drums hard working Ronnie Tutt“ vorgestellt – entfalten konnte, wenn er am Schlagzeug saß. Nicht ohne Grund gilt er vielen als Drummer von Weltklasse-Format. Hier kommt eine Zusammenstellung von Szenen aus den 1970ern, die Ron Tutt mit seinem legendären Frontmann in Action zeigen.

Während TCB-Gitarrist James Burton gerne im Mittelpunkt steht, Pianist Glen Hardin den charmanten Clown spielt, war Ron Tutt vor allem eins: zurückhaltend. Er schaute sich alles erst einmal genau an, peilte gewissermaßen aus der Distanz die Lage – auffällig dabei sein scharf beobachtender Blick. Ron Tutt entging so schnell nichts.

Fragen beantwortete der Mann am Schlagzeug überlegt, intelligent und auf den Punkt. Dabei bewies er viel Humor und ein gutes Gedächtnis. Daher hatte man bei ihm sehr gute Chancen, auch bei direkten Fragen zu einzelnen Aufnahmesessions, die rund ein halbes Jahrhundert her sind – etwa zu  Elvis At Stax – spontan präzise Antworten zu bekommen. Gar nicht so selbstverständlich für einen Berufsmusiker, der auf eine aktive Karriere von mehr als 60 Jahren zurückblicken konnte.

Fehlstart in den 1950ern: „Ich mochte Elvis zuerst überhaupt nicht!“

Dabei begann Ron Tutt, der in Dallas/Texas zur Welt kam, seine Showbusiness-Karriere nicht am Schlagzeug, sondern als Stepptänzer im zarten Alter von 3 Jahren. Stepptanz machte er über 8 Jahre und galt als Wunderkind. Er war schon fast ein Teenager, als er anfing, im Schulorchester Trompete zu spielen. Erst kurz vor dem High School-Abschluss entdeckte Ronnie seine große Leidenschaft für das Schlagzeug: Es sollte eine lebenslange Liebe werden.

Ronnie Tutt gibt mal wieder alles!

Die Ruhe vor dem Sturm – Ronnie Tutt, kurz bevor er so richtig loslegt

Schon kurz darauf wurde er Mitglied in einer Western Swing-Band, die Mitte der 1950er zur Hausband der Radio-Show The Northside Jamboree in Texas wurde. Und genau hier hatte Ron Tutt – ganz ähnlich wie sein Bandkollege James Burton beim Louisiana Hayride – seine erste Berührung mit Elvis Presley, der dort mit den Blue Moon Boys Scotty Moore und Bill Black zu einem Gig vorbeischaute. Und wie war der erste Eindruck? Total negativ!

Ron und Elvis hatten bei dieser Gelegenheit zwar keinen näheren Kontakt, aber der Memphis Flash hinterließ keinen guten Eindruck, weil er die Gitarre von Rons Bandkollegen ruinierte, sich nicht einmal dafür entschuldigte und – noch viel wichtiger – weil Rons damalige Freundin auch noch auf den Typen flog. Hier (ab 00:35) erzählt Ron selbst, wie es dazu kam:

Ron hatte erst einmal die Nase voll von Elvis, studierte einige Semester Musik an der University of North Texas, brach dann aber das Studium ab, um sich ganz einer Karriere als Profimusiker zu widmen. Er arbeitete erfolgreich als Studiomusiker in Dallas und Memphis, wohin er 1963 zog, um sich dann Ende der 1960er in Los Angeles niederzulassen.

Im 2. Anlauf große Liebe: Ron Tutt wird 1969 Mitglied der TCB-Band

Von Pianist Larry Muhoberac – kurze Zeit Mitglied der TCB-Band – bekam Ron 1969 den Tipp, dass Elvis einen Drummer für eine neu zu gründende Band, die spätere TCB-Band, suchte, um in Las Vegas aufzutreten. Ron wurde zum Vorspielen eingeladen und hatte erst einmal kein Glück, denn vor ihm war ein Drummer vom Motown-Label (→ zu TCB und Motown → Taking Care of Business in a Flash) dran, der ziemlich gut und sehr überzeugend war. Die Entscheidung war also eigentlich schon gefallen, als er dann doch noch seine Chance zum Vorspielen bekam, einfach weil man ihn nicht umsonst hatte anreisen lassen wollen.

Ron spielte vor, warf die Konkurrenz aus dem Rennen und bekam den Job. Wie? Ganz einfach. Er hatte die Szene genau beobachtet und sofort erkannt, worauf es bei Elvis Presley besonders ankam. Es ging nicht nur einfach darum, ein exzellenter Drummer mit viel Studioerfahrung zu sein, ausschlaggebend war die Fähigkeit, perfekt nonverbal mit dem Mann aus Memphis kommunizieren zu können:

„It wasn’t just a matter of expertise, but a matter of rapport. It was a matter of sensing, and watching his eyes, and watching everything he did. I emulated and accented everything that he did just instinctively. Every move, almost like a glorified stripper! And he loved that. And that’s why no matter who would play with him – a few other drummers had to play for other reasons through the years – he was never happy because of that reason, no matter how great they were. And they were some great players, Larry Londin included.“

Ronnie Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009, Quelle: Elvis Australia

Der Rest ist Geschichte. Elvis liebte seinen neuen Drummer und auch Ron war nun im 2. Anlauf sehr beeindruckt von dessen Musikalität, Rhythmusgefühl, der Power, seinen gesanglichen Fähigkeiten und außerordentlichem Charisma. Bei Live-Auftritten, Proben und auch bei den Studioaufnahmen stand der King gerne direkt vor Rons Drum-Set mit dem Lead-Gitarristen James Burton zu seiner Linken, damit die Jungs ihm – und er ihnen – ordentlich einheizen konnte. Zu sehen ist das unter anderem bei Proben für den Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is (1970).

Auch in der Dokumentation Elvis On Tour (1972), die 1973 mit einem Golden Globe als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, sind Elvis, Ronnie und die TCB-Band zu sehen – hier bei Probeaufnahmen für den Klassiker Burning Love:

Bei Elvis war alles wie ein Live-Auftritt, auch die Studioaufnahmen, wusste sein Drummer zu berichten. Eine Herangehensweise, die seine Toningenieure häufig an den Rand der Verzweiflung brachte. Der Memphis Flash wollte intensive Live-Atmosphäre im Studio, sonst war ihm das Ganze schnell zu steril – und daran war nicht zu rütteln. Wenn Ron in späteren Jahren auf seine Erfahrungen mit Elvis Presley im Aufnahmestudio zurückschaute, dann kam er zu dem Schluss, dass die Studioaufnahmen seinem Boss nie wirklich gerecht wurden:

„A studio environment is a much more sterile environment. There’s no acoustic resonance in any way at all, and everything you do, you look through the microscope at it. I don’t think any of his recordings ever did him justice. I don’t think he lent himself to recording very well. Felton Jarvis was constantly pulling his hair out. Because of the recording technique he’d have him in a booth off somewhere. Elvis would take about ten minutes of that, take off his headphones, grab the microphone, go over [to the band] and everything would be bleeding into his mike. […]

[Elvis] believed that recording is an art of recording a live performance, not an art of a recording studio. You see what I mean? There’s a real differentation between the two. He was very puristic when it came to that.“

Ronnie Tutt im Interview mit Arjan Deelen 2009, Quelle: Elvis Australia

Wie kaum jemand sonst hatte Ron Tutt damit den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf getroffen. Nicht umsonst war er Kernmitglied der berühmten TCB-Band bis zu Elvis‘ Tod 1977. Und irgendwie auch darüber hinaus. Denn zusammen mit Gitarrist James Burton und Pianist Glen D. Hardin ging er noch Jahrzehnte nach Presleys Tod mit der Show Elvis In Concert, in der Elvis über Videoleinwand „zugeschaltet“ wurde, erfolgreich auf Tournee. Auch beim European Elvis Festival 2013 in Bad Nauheim spielte er gemeinsam mit seinen alten Kollegen von der TCB-Band vor einem begeisterten Publikum.

Dabei hatte Rons Karriere noch einiges mehr zu bieten als „nur“ Elvis Presley. Am Schlagzeug saß er unter anderem für Jerry Garcia, Merle Haggard, Cat Stevens, Emmylou Harris, Billy Joel, Linda Ronstadt, Little Richard, Beach Boys, Barbara Streisand, Elvis Costello, Frank Sinatra, Johnny Cash, Kenny Rodgers, Neil Diamond, Johnny Rivers u.v.m.

Weniger bekannt ist, dass Ron selbst ein talentierter Sänger war, der vor allem Background sang, etwa bei Live-Auftritten Neil Diamonds und Aufnahmen Johnny Rivers‘. Mit Neil Diamond verband Ron ebenfalls eine ganz besondere Beziehung – von 1981 an war er immer wieder mit Diamond auf Tournee – auch in Deutschland.

Nach den Musikern gefragt, die ihn musikalisch am stärksten gepägt haben, nannte Ronnie Tutt Elvis Presley, Jerry Garcia und Neil Diamond – jeder von ihnen auf ganz unterschiedliche Weise:

„If I had to narrow it down, the greatest music influences on my life would be Elvis Presley, Jerry Garcia and Neil Diamond. Elvis for the flashy, explosive, slightly out of control style of playing that he brought out in me that mirrored his performance and personality, Jerry for his casual, laid-back, no hype, soulful style, but Neil has influenced me to be a disciplined team player.“

Abgesehen von der guten Zusammenarbeit schätzte Ron Elvis Presley auch als Privatperson sehr. Besonders sein Humor, die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, seien neben dem Aspekt, dass Elvis nie seine Herkunft vergessen habe, sehr sympathisch gewesen, wie Ronnie beim European Elvis Festival erzählte.

Elvis‘ Drummer Ron Tutt ist am 16. Oktober 2021 im Alter von 83 Jahren verstorben.

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