Inventing Elvis – Mathias Häußler im Interview

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Praktisch noch druckfrisch ist Mathias Häußlers englischsprachige Buchveröffentlichung „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ aus dem Bloomsbury Verlag. The Memphis Flash hat den 32-jährigen promovierten Historiker zu dem eher ungewöhnlichen, dabei hochinteressanten Thema seines Buches über Elvis Presley interviewt.

INTERVIEW

Elvis-Kenner: Dr. Mathias Häußler ist Autor des 2021 erschienenen Buches „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“ – Foto: Häußler

The Memphis Flash: Herr Dr. Häußler, Sie arbeiten als Dozent für europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Regensburg. Wie sind Sie dazu gekommen, ein Buch ausgerechnet über Elvis Presley zu schreiben?

Mathias Häußler: Ja, wie kam ich zu Elvis. Es war die Kombination aus zwei Sachen. Zum einen bin ich selbst Elvis-Fan seit meiner Jugend, habe sehr viele Bücher über ihn gelesen, natürlich auch viele Platten gesammelt. Insofern hatte ich schon immer ein persönliches Interesse an Elvis. Zum andern bin ich Historiker und dadurch nicht nur an Elvis selbst interessiert, sondern eben auch an dem größeren historischen Kontext, in dem er sich bewegte, in dem Elvis wurde, was er war. Und dabei ist mir aufgefallen, dass es zum Phänomen Elvis und zu der historischen Bedeutung von Elvis erstaunlich wenig Literatur gibt. So kam ich zu der Idee, dazu etwas zu machen.

The Memphis Flash: Ihr Buch, das bislang nur in englischer Sprache erschienen ist, trägt den Titel „Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World“. Was erwartet den Leser hier genau? Ist das eine weitere Elvis-Biografie?

Mathias Häußler: Inventing Elvis – in dem Buchtitel steckt schon vieles drin. Wie gesagt, es ist keine klassische Biografie, da es mir nicht in erster Linie um das Leben und den musikalischen Output von Elvis geht, sondern um die größere Bedeutung, die Elvis als Referenzpunkt hatte für gesellschaftliche Debatten, die sich an ihm entzündeten. Das meine ich mit „Inventing Elvis“. Nicht im Sinne einer postmodernen Figur – ich sage im Buch ja auch, der größte Erfinder von Elvis war Elvis selbst. Aber zusätzlich zu Elvis es gab eben auch ganz viele andere Akteure, die alle etwas in Elvis sahen, die durch Elvis etwas artikuliert haben, seien es Journalisten, Fans, Politiker, Filmemacher: Jeder hat in Elvis etwas gesehen und wollte mit Elvis etwas sagen. Deshalb kann man Elvis als eine schöne Sonde nehmen, an der sich größere gesellschaftliche Debatten kristallisierten.

The Memphis Flash: Welche waren das zum Beispiel?

Mathias Häußler: Innerhalb der USA natürlich das klassische Tripos „race“, „class“, und „gender“. „Darf“ ein weißer Junge afroamerikanische Rhythm-and-Blues-Musik adaptieren? Welche Rolle spielte Elvis‘ Herkunft als armer Südstaatenjunge bei dem Ressentiment, welches ihm von der kulturellen Elite des Landes entgegenschlug? Und inwiefern standen der laszive Hüftschwung und das Kreischen der meist weiblichen Fans für einen neuen Ausdruck von Sexualität der amerikanischen Jugend, der gegen die Konventionen jener Zeit rebellierte? Alles Riesendebatten im Amerika der Fünfziger Jahre. Elvis war ein Produkt dieser zutiefst gespaltenen Gesellschaft jener Zeit und wurde gleichzeitig auch zu einer medialen Figur, an der sich diese Widersprüche kristallisierten, über die sie verhandelt wurden. Sei es durch Ablehnung vom Establishment, vom Kulturjournalismus, den Medienmachern, sei es aber auch durch die Annahme und Akzeptanz durch seine Fans, die in ihm eine Galionsfigur sahen.

Elvis zwischen den Fronten: In diesem Fall Manager Colonel Tom Parker (links) und Showmaster Ed Sullivan 1956 in New York

The Memphis Flash: Jetzt sprechen Sie in Ihrem Buch ja auch davon, dass Elvis in den 1950ern praktisch vom Start seiner Karriere weg politisch instrumentalisiert wurde. Das verwundert erst einmal, da Elvis Presley heute in der öffentlichen Wahrnehmung als weitgehend unpolitisch wahrgenommen wird. Vor allem im direkten Vergleich zur offen engagierten Singer-Songwriter-Generation eines Bob Dylan, von der sich der King mehrfach deutlich distanzierte. Mit den Worten, er sei in erster Linie Entertainer und als solcher wolle er sich nicht zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen äußern, hat er zum Beispiel Fragen von Journalisten nach seiner Einstellung bei einer Pressekonferenz 1972 in New York freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen. Alles andere sei seine Privatsache und solle es auch bleiben, unabhängig davon, wie andere Musiker das handhaben wollten. In Sachen direkter Einlassung zum politischen Zeitgeschehen war bei Elvis also nicht viel zu holen. Wie geht das zusammen mit der politischen Instrumentalisierung, von der Sie sprechen?

Mathias Häußler: Klar, Elvis ist, da würde ich zustimmen, sicherlich kein politischer Aktivist gewesen, und wir wissen erstaunlich wenig über seine politische Haltung. Wir wissen, dass er 1956 für Stevenson war (Anmerk.: Adlai Ewing Stevenson junior war Politiker der Demokratischen Partei und zwischen 1949 und 1953 der 31. Gouverneur des Bundesstaates Illinois. Er trat 1952 und 1956 als Kandidat seiner Partei für die Präsidentschaftswahl an, unterlag aber Dwight D. Eisenhower. Von 1961 bis 1965 war Stevenson US-Botschafter bei den Vereinten Nationen). Wir wissen auch, dass Elvis Nixon ganz cool fand und dass er die ganzen Armeefilme und das Patriotische in den Siebzigern umarmt hat. Ansonsten wissen wir aber ganz wenig, und auch in seiner Kunst finden wir kaum politische Artikulationen. Wir können „If I Can Dream“ als Statement sehen, „In The Ghetto“ von mir aus auch, aber da hört es dann auch schon wieder auf. Verglichen mit dem, was sonst in den 1960ern war, ist das sehr wenig.

The Memphis Flash: Und dennoch ist er politisch?

Mathias Häußler: Total politisch! Aber es äußert sich eben im nichtverbalen Rahmen, einfach durch das, was er machte. Der Hüftschwung beispielsweise war eine ganz klare Rebellion gegen die biederen gesellschaftlichen Konventionen jener Zeit, auch wenn er ihn anfangs vielleicht nur zufällig oder teils ironisch einsetzt. Aber wenn man sich den anschließenden Proteststurm anschaut, der beispielsweise 1956 nach Elvis‘ Performance von Hound Dog in der Milton Berle Show ausbricht, dann war das total politisch. Sein Umgang mit afroamerikanischer Kultur, dass er beispielsweise 1956 in Memphis zu der afroamerikanischen WDIA Goodwill Revue Night, das war auch ein klares Statement. Er war natürlich politisch, in dem was er machte, und bis zu einem gewissen Grad wusste er das wahrscheinlich auch. Viel mehr waren es jedoch noch andere Akteure, die Elvis letztendlich „politisierten“: Seien es die Kritiker unter den Journalisten, seien es enthusiastische Fans, die in ihm größere gesellschaftliche Relevanz gesehen haben und das auch nutzten, um ihre eigenen Positionen durch ihn zu artikulieren. Also ist es letztendlich vielleicht gar nicht so wichtig, wo Elvis genau politisch stand und ob er sich selbst als politisch gesehen hat, sondern was er für die Gesellschaft darstellte und welche Debatten sich an ihm entzündeten.

Juni 1956: Elvis gibt den Hound Dog in der Milton Berle Show und löst per Hüftschwung eine Revolution aus

The Memphis Flash: Das klingt erst einmal ziemlich abstrakt?

Mathias Häußler: Was es bei Elvis sehr schwierig macht, ist, dass wir von ihm nicht, wie etwa bei Dylan, schriftliche Texte haben, sondern das eben vieles nonverbal ist und weil es auch viele externe Zuschreibungen gibt, die dann – eben weil sie extern sind – auch immer kritisch eingeordnet werden müssen.

The Memphis Flash: Weil sie jetzt gerade die externen Zuschreibungen ansprechen, die eine Einordnung für uns heute oft so schwierig machen. Wie ist es denn zu bewerten, wenn Dokumentarfilmer wie Eugene Jarecki in seiner vielbeachteten Dokumentation „Promised Land“ (dt. „Elvis – Mit dem King durch Amerika) aus 2016 den verloren gegangenen amerikanischen Traum mit dem Schicksal Elvis Presleys gleichsetzt und im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf immer wieder von „thin Elvis“ gegen „fat Elvis“ die Rede ist. Was ist das für ein Diskurs?

Mathias Häußler: Hier muss ich als erstes vorausschicken, dass ich mich mit dem Thema Elvis nur bis zu seinem Tod beschäftige und nicht darüber hinaus. Weil ich eben Historiker bin und kein Kulturwissenschaftler. Was Elvis für die Amerikaner bedeutet, ist für mich nur zu seinen Lebzeiten interessant, solange also der Protagonist noch da ist und die Dinge auch noch selbst ändern kann. Für die Zeit danach gibt es andere Experten wie Gilbert Rodman (Elvis After Elvis) oder Greil Marcus (Dead Elvis).

Dennoch: Die Fragen, die Jarecki an der Figur Elvis aufzieht, sind letztendlich grundsätzliche Fragen nach der amerikanischen Identität. Wie rassistisch ist die amerikanische Gesellschaft, wie wirtschaftlich gespalten ist die amerikanische Gesellschaft, wie abgehängt sind die Südstaaten von den Küsten? Wie naiv ist der Glaube an die Erfüllung durch Massenkonsum und Kapitalismus? Diese ganzen Fragen sind nicht neu, sondern wurden schon in den Fünfziger Jahren verhandelt und sind bis heute nicht gelöst. Elvis ist die Projektionsfläche für solche Debatten, weil seine Geschichte fast schon wie ein biblischer Mythos verankert ist im kollektiven Gedächtnis Amerikas und dadurch auch sehr gezielt instrumentalisiert werden kann. Das nutzt Jarecki. Aber es ist natürlich eine sehr selektive Lesart von Elvis, die bei Jarecki geradezu teleologisch zu Trump führt, wo sie ja auch enden soll. Das ist ganz nett, aber man könnte das auch genau umgekehrt erzählen – beispielsweise zu Obama hin.

The Memphis Flash: Was mich daran verblüfft hat, ist, dass das alles letztlich alte Diskussionen sind, die schon zu Elvis‘ Lebzeiten ganz ähnlich geführt wurden. Da hat sich also in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich viel bewegt?

Grenzgänger: Elvis Presley mit Fans unterschiedlicher Hautfarbe nach einem Auftritt in der Steve Allen Show 1956; Copyright: Alfred Wertheimer

Mathias Häußler: Ja, wir haben all diese Motive tatsächlich schon in den Fünfziger Jahren, auch in den damaligen Diskussionen um Elvis. Das Motiv Rassismus etwa, das finden wir schon bei dem Ressentiment, das Elvis in den 1950er Jahren entgegenschlägt, oder auch bei dem berühmten „Shoe-Shine-Vorfall“, bei dem behauptet wurde, Elvis sei ein Rassist (und habe gesagt, Schwarze könnten ihm die Schuhe putzen, mehr aber auch nicht). Die Frage, hat Elvis sich ausverkauft an das Establishment, auch das haben wir spätestens mit der Armeezeit und Hollywoodkarriere – das Motiv war schon zu der damaligen Zeit völlig präsent. Und auch die Fragen zur Sexualität – das findet man schon 1954/55 in der Lokalpresse, wie die Journalisten über ekstatische Mädchen bei Elvis‘ Konzerten schreiben. Das ist ein Baukasten an Motiven, die es damals schon zu Elvis gab, und die man heute aus diesem Baukasten rausziehen kann, wie man gerade möchte.

The Memphis Flash: Vor diesem Hintergrund ist es nicht weiter erstaunlich, dass Sie Elvis in Ihrem Buch als „bedeutende historische Figur“ bezeichnen. Inwieweit gilt das denn auch über die Grenzen der USA hinaus?

Mathias Häußler: Das gilt auch außerhalb der USA, weil Elvis zu einer Zeit erfolgreich wurde, in der wir eine bis dahin nicht erlebte Expansion der USA politisch, kulturell, wirtschaftlich erleben, all das natürlich vor dem Hintergrund der ideologischen Auseinandersetzung des Kalten Kriegs. Dadurch wurde Elvis natürlich außerhalb der USA sehr schnell zu einer „Aushandlungsfigur“ zu Fragen über Amerika. Fragen wie: Was ist Amerika? Und: Wollen wir amerikanische Einflüsse in unserem Land haben?

The Memphis Flash: Kommen wir mal zu Deutschland. Was mir bei der deutschen Berichterstattung über den letzten Präsidentschaftswahlkampf zwischen Biden und Trump besonders aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass die deutsche Presse praktisch 1:1 bei der amerikanischen abschrieb, meist bei CNN. Da wurde wenig differenziert berichtet, sondern schlicht übernommen. Daran habe ich mich sofort erinnert, als ich bei Ihnen gelesen habe, dass die deutsche Berichterstattung über Elvis schon 1956, etwa im Spiegel oder der FAZ, genau der amerikanischen Lesart folgte. Da gab es auch sehr wenig Eigenes. Das änderte sich auch in den folgenden Jahrzehnten nicht. Wie sehen Sie das?

Mathias Häußler: Ja, woher sollten sie es sonst auch haben? Schon in den Fünfziger Jahren ist Elvis außerhalb der USA vor allem eine abstrakte mediale Figur. Da kommt dann eben auch wieder der Punkt, dass Elvis nie außerhalb er USA aufgetreten ist, zumindest wenn wir seine Armeezeit hier in Deutschland nicht als „Auftritt“ sehen. Was aber ganz interessant ist, ist, dass Spiegel und FAZ die Berichte und Informationen über Elvis aus der amerikanischen Presse zwar teilweise wortwörtlich übernahmen, dann aber doch als etwas Fremdes präsentierten. In Amerika dreht sich die Elvis-Debatte um die Frage: Stellt dieser Elvis die Gesellschaft dar, die wir sind und sein wollen? In Deutschland – und das gilt anfangs für beide Deutschlands (West und Ost) – ging es darum: Oh, ist das ein böser amerikanischer Einfluss, der unsere eigene Kultur und Identität bedroht? Dieses „other-ing“ ist natürlich Käse. Denn was zum Aufschwung von Elvis führt, ist im Deutschland der Fünfziger Jahre letztendlich genau dasselbe wie in Amerika, nämlich dass es eine junge Generation gibt, die gegen ihre Elterngeneration rebellieren möchte und sich dabei popkultureller Elemente bedient. Es ist also primär ein Generationenkonflikt und keine Debatte über Amerika, aber es wird dennoch wie eine Debatte über Amerika geführt. Und in Deutschland ist besonders interessant, dass wir diese Dynamik sowohl in West- als auch in Ostdeutschland haben. Vereinfacht gesagt: Jugend mag Elvis – Establishment mag Elvis nicht.

Abstrakte mediale Figur: GI Elvis Presley bei einer Pressekonferenz unmittelbar nach seiner Ankunft in Deutchland – Foto: Schüssler

The Memphis Flash: Das war aber nur am Anfang in Ost- und Westdeutschland so ähnlich?

Mathias Häußler: Später politisierte sich das im Konflikt zwischen Ost und West anders. Im Osten haben wir zunehmend ein Eingreifen des Staates, der versucht Rock ‚n‘ Roll zu unterbinden, beispielsweise den Lipsi-Tanz erfindet und versucht, sozialistische Musik zu promoten. Das führt dazu, dass sich die Jugendlichen im Osten nicht nur als Rebellen gegen die ältere Generation, sondern teilweise auch im politischen Rahmen begreifen. Sie setzen Elvis also auch als Protestfigur gegen das sozialistische System ein. Im Westen wiederum kommt man dann in diese Kalte Krieg-Mentalität, dass man sagt: „Musik ist Privatsache. Die Kinder sollen das jetzt mal hören – das mögen wir zwar nicht, aber eigentlich ist es doch nur harmloses, privates, unpolitisches Entertainment.“ Und ist es nicht schön, dass wir jetzt hier auch die BRAVO drucken können und damit auch selbst von diesem Elvis profitieren. Wir haben in Ost und West also eine grundsätzlich ähnliche generationelle Dynamik, die dann aber ganz anders politisch kanalisiert wird.

The Memphis Flash: Als Deutscher, der auch längere Zeit in England gelebt hat und sich schon lange mit dem Thema Elvis beschäftigt, haben Sie den Eindruck gewonnen, dass wir Deutschen jemals wirklich ein Verständnis für Elvis entwickelt haben?

Mathias Häußler: Die Frage ist, ob der Durchschnittsamerikaner zwangsläufig mehr Verständnis von Elvis hat als wir! Ich finde es schwierig, das auf nationale Fragen runter zu brechen. Sicher fehlt uns ein bisschen mehr an gesellschaftlichem und kulturellem Kontext zum Verständnis. Man muss hier auch zwischen damals und heute unterscheiden. Damals erschien Elvis vielen Europäern sicher wie ein aufregendes Alien – wie ein Außerirdischer. Man verstand die Texte kaum. Das war auch in England so. Man verstand den Akzent nicht. Selbst Fans wie der junge David Bowie oder Elton John verstanden nicht, was dieser Elvis da genau singt. Und auch die englische Musikpresse hatte Angst vor der amerikanischen Bedrohung, der amerikanischen Verrohung – das wurde sehr ähnlich gesehen wie hier in Deutschland. Und ich glaube, gerade die Frage der afro-amerikanischen Wurzeln ist etwas, was sich nicht wirklich übersetzt nach Europa.

The Memphis Flash: Was ist heute anders? 

Mathias Häußler: Heutzutage muss man unterscheiden zwischen Personen, die sich wirklich mit dem Thema befassen, und medialen Konstruktionen, die in der Popkultur herumschwirren. Und da ist es gar nicht so anders in Deutschland als in den USA und Großbritannien. Es gibt ein paar Elvis-Spezialisten und es gibt demgegenüber die große Masse, die auf Elvis vor allem als diese vereinfachte, klischeehafte popkulturelle Figur stößt. Das hat sich zunehmend transnationalisiert.

The Memphis Flash: Interessant. Jetzt behandeln Sie in Ihrem Buch das Elvis-Phänomen in den 1960er und 1970er Jahren fast gleichbedeutend mit dem in den 1950ern. Das machen die meisten Autoren, die über Elvis schreiben, ja eher nicht. Es ist doch vielfach immer noch so, dass Autoren, die sich mit Elvis ernsthaft beschäftigen und „etwas Ordentliches“ herausbringen möchten, zwar gerne über die 1950er schreiben, die 1970er aber meiden. Warum machen Sie das anders?

Mathias Häußler: Hier stellt sich natürlich immer die Frage, welches Narrativ man bedienen möchte. Es gibt eben dieses klassische Motiv vom Rock ‚n‘ Roller, der sich ausverkauft – entlang der Lennon-Aussage „Elvis ist gestorben, als er zur Armee ging“. Wenn man das bedienen möchte, dann macht man es genauso, wie Sie es beschreiben. Man macht die Sun-Jahre (bis 1955), RCA geht dann auch noch, aber spätestens ab der Armeezeit (1958) ist Ende. Zum Comeback-Special (1968) heißt es dann: Ach, was hätte werden können, aber dann geht er nach Las Vegas. Diesen Bogen kennen wir wirklich alle und das ist auch nicht so spannend.

Fest im kollektiven Gedächtnis verankert: Elvis im TV-Special Aloha From Hawaii 1973

Aber wenn ich heute auf die Straße gehe und 100 Leute frage, was ihnen zu Elvis einfällt, dann käme wahrscheinlich „Jumpsuit“, aus irgendeinem Grund sehr oft „Cheeseburger“ oder das Hawaiihemd. Und wenn ich zufällig die Silvester-Rocknacht auf 3SAT sehe, dann läuft meist das Aloha-Konzert von 1973 und eben keine der Fünfziger-Jahre-Dokumentationen. Heutzutage sind die 1970er und auch das Motiv des „Niedergangs“ ebenso wie die 1960er mit den endlosen Filmen, die im Fernsehen wiederholt werden, in der öffentlichen Wahrnehmung von Elvis mindestens gleichbedeutend mit den 1950ern Dadurch war für mich grundsätzlich klar, dass ich diesen Zeiträumen eben auch Beachtung schenken sollte. Das war komplizierter, weil es wesentlich mehr Material gibt, wesentlich mehr Quellen, wesentlich mehr Dimensionen als das relativ Wenige, das wir aus den 1950ern haben.

The Memphis Flash: Hier gibt es schon auch einen wesentlichen Unterschied zwischen Elvis und anderen Rock ‚n‘ Rollern aus den 1950ern, oder?

Mathias Häußler: Der Unterschied liegt darin, dass Elvis diese Armeezeit hat. Sie sorgt dafür, dass er vom Jugendrebellen zu einer allumfassenden amerikanischen Ikone wird. Er umarmt diesen Status auch mit den 60er-Jahre-Filmen, mit den balladesken Nummern, die er in dieser Zeit aufnimmt. Er bleibt also nicht in dieser Rebellionsfigur gefangen, sondern wird zum Mainstream-Superstar und zu einer größeren popkulturellen Ikone. Und das ist sehr wichtig, weil Elvis sonst nicht die Bedeutung hätte, die er heute hat.

The Memphis Flash: Sie sagen also, dass die Armeezeit schon einen entscheidenden Wendepunkt in der Karriere Elvis Presleys darstellt, siehe klassisches Narrativ?

Mathias Häußler: Was natürlich ein wesentlicher Unterschied nach der Armeezeit ist: In den 1950ern ist Elvis wirklich einzigartig, weil er zu wirklich brennenden gesellschaftlichen Fragen jener Zeit „spricht“. Das ist ab den 1960er Jahren eher nicht mehr der Fall. Da ist er zwar ein sehr erfolgreicher, beliebter Entertainer, aber er ist nichts so Besonderes mehr wie in den Fünfziger Jahren. Er reitet sozusagen mit einer popkulturellen Welle, die er selbst mit erschaffen hat. Das macht ihn erst einmal weniger spannend, wenn man sich nur für den historischen Einfluss interessiert. Denn der lag vor allem in den 1950ern. Aber ohne diese sehr erfolgreiche Zeit Anfang der 1960er Jahre würde man sich vielleicht auch nicht mehr so an Elvis erinnern.

Ritt auf der popkulturellen Welle: Elvis mit Ann Margret im Film Viva Las Vegas Anfang der 1960er

Die 1970er Jahre sind nicht nur wegen all der Klischees wichtig, die da um Elvis entstehen, sondern auch, weil in den 1970ern auch die Elvis-Geschichte der 1950er Jahre neu interpretiert wird. Das versuche ich auch im Buch darzustellen. Was in den 70ern passiert, ist, dass es einen gewissen Widerspruch gibt zwischen der Perspektive, wie Elvis sich selbst sah und wie er von anderen gesehen wurde. Elvis möchte eben kein „Retro-Act“ sein, er möchte gerade nicht das Comeback Special auf die Bühne bringen, sondern er möchte ein großes Spektrum an Musik zeigen, er möchte Balladen singen, die alten Fünfziger-Hits sind ihm fast schon peinlich. In seinen Bühnendialogen distanziert er sich von seiner Fünfziger-Jahre-Person. Elvis möchte ein Sänger der Gegenwart sein.

The Memphis Flash: So wird er aber nicht gesehen?

Mathias Häußler: Nein, so wird er beispielsweise nicht von den Musikjournalisten gesehen, die mit ihm aufgewachsen sind und jetzt nach Vegas kommen, um diese Legende zu erleben. So wird er auch nicht von den Fans gesehen. Wenn man sich die Fanberichte aus dieser Zeit anschaut in Fanmagazinen wie etwa „Elvis Monthly“, dann heißt es da: Es ist ja fast wieder wie früher, wie in den Fünfzigern. Das heißt also, Elvis kehrt in den von großer politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägten Siebzigern zurück als fast schon nostalgischer Anker der Fünfziger Jahre, an dem man sich festhalten kann. Für Elvis selbst stellt das, glaube ich, eine große Frustration dar, weil er das gar nicht will.

Und dann passiert, dass die Fünfziger Jahre in diesem Nostalgie-Klima uminterpretiert werden. Der Elvis der Fünfziger wird jetzt nicht mehr als die Bedrohung gesehen, die er damals tatsächlich darstellte für die Rassentrennung, sexuelle Moral, für soziale Grenzen: Das wird jetzt alles verniedlicht und man sagt: Ach, Gottchen, war das in den Fünfzigern noch alles gut, da hat Elvis ein bisschen mit den Hüften gewackelt, wir haben Cola getrunken und dann sind wir ins Bett gegangen. Man wünscht sich die Unschuld, die vermeintlich schöne Welt der Fünfziger Jahre zurück. So wird der Elvis der Fünfziger Jahre verklärt in diese fast schon Biedermeier-Figur, die zeigen soll, wie nett und harmlos die Fünfziger doch angeblich waren.

The Memphis Flash: Ja, das ist geradezu komisch. In einem Interview aus dieser Zeit wird Elvis von einem Journalisten tatsächlich mal gefragt, ob er die Fünfziger nicht vermisst, wovon er sichtlich irritiert ist. Er antwortet dann auch etwas in der Art: Die Fünfziger waren gut, aber die Gegenwart ist es auch.

Aber zurück zu Ihnen. Sie haben sich zweifellos sehr intensiv mit Elvis Presley beschäftigt, aber gibt es trotzdem noch diese eine Frage, die Sie ihm gerne stellen würden – diese eine, die wahrscheinlich nur er selbst beantworten könnte?

Mathias Häußler: Gute Frage! Ganz spontan: Mich würde interessieren, warum er 1968 nicht auf die Beerdigung von Martin Luther King gegangen ist. Weil der Tod Kings etwas war, was ihn offensichtlich persönlich sehr getroffen hat, was ihn – für seine Stadt Memphis – beschämt hat, was er aber nach außen hin so nicht gezeigt hat. Das würde mich wirklich interessieren.

If I Can Dream: Elvis Presleys hochemotionales Bekenntnis zu Martin Luther King 1968

The Memphis Flash: Mich auch. Meine letzte Frage an Sie: Was glauben Sie, woran wird man sich vor dem ganzen Hintergrund, den wir jetzt besprochen haben, in 50 oder 100 Jahren noch erinnern, wenn von Elvis Presley die Rede ist? Was wird von Elvis bleiben?

Mathias Häußler: Ich glaube, es wird hängengeblieben sein, dass Elvis eine der Galions- und Gründungsfiguren einer entstehenden Popkultur war, einer Popkultur, die sich auch durch ihn sehr stark professionalisiert hat und dadurch eine enorme politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Relevanz gewonnen hat. Ich denke, das ist, wo man im „Big Picture“ Elvis irgendwann positionieren wird. Als die Schwelle zur Popkultur, die a) eine ernstzunehmende Artikulation von gesellschaftlichen Bedürfnissen darstellte, und b) auch einen kommerziellen Massenmarkt.

Wird die Musik überleben? Das wird man sehen. Ich hoffe es.

Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch.


BUCHTIPP

Dr. Mathias Häußler: Inventing Elvis – An American Icon in a Cold War World
Bloomsbury Academic, Dezember 2020
Sprache: Englisch

Taschenbuch : 240 Seiten
Erhältlich auch als gebundene Ausgabe und Kindle-Edition bei Amazon
ISBN-10 : 1350107654

ISBN-13 : 978-1350107656

 

5 Kommentare
  1. Zimmermann Petra
    Zimmermann Petra sagte:

    Als Historikerin und langjähriger Elvis- Fan habe ich schon lange auf ein solches Buch gewartet (und ärgere mich gerade, das ich nicht selbst auf die Idee gekommen bin ;). Kann ich nur empfehlen!!! Wer die „andere“ politische Seite lesen will: Wolfgang Tilgner: Elvis Presley, VEB Lied der Zeit, Musikverlag Berlin 1986.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash sagte:

      Hallo Petra,

      bei Elvis ist noch Platz für ein weiteres gutes Buch zum Thema. Und vielen Dank für den Tipp in Sachen Tilgner. Das kenne ich noch gar nicht.

      Beste Grüße
      memphisflash

      Antworten
  2. Ael Thebaer
    Ael Thebaer sagte:

    Als Elvis Fan würde mich interessieren ob dieses Buch auch in deutsch erhältlich sein wird.
    Ich bin der Englischen (Schul-)Sprache nur bedingt habhaft.

    LG

    „Elvis lebt…heute, morgen und für immer“.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash sagte:

      Hallo Ael,

      aktuell gibt es das Buch nur in englischer Sprache, ist ja auch gerade erst erschienen. Aber ich frage gerne beim Autor nach, ob eine deutsche Ausgabe geplant ist.

      Beste Grüße
      memphisflash

      Antworten
      • memphisflash
        memphisflash sagte:

        Hallo Ael,

        Matthias Häußler, Autor von „Inventing Elvis“, hat Feedback zu Deiner Frage gegeben – ich gebe das gerne weiter: Er würde sich durchaus eine deutsche Übersetzung wünschen, die ist aber derzeit (noch) nicht konkret in Planung. Letztlich liegt das im Ermessen des Verlags, der eine professionelle Übersetzung beauftragen müsste. Bei größerem Interesse könnte sich hier aber durchaus in Zukunft noch etwas tun.

        Beste Grüße
        memphisflash

        Antworten

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