Elvis That’s The Way It Is (1970): Der King, Denis Sanders und der perfekte Moment

Wenn ich eine Zeitreise machen könnte, um Elvis Presley zumindest einmal live zu erleben, dann wären Sommer 1970, Elvis Summer Festival, International Hotel, Las Vegas ganz sicher unter den Koordinaten, die ich in meine spacige Zeitmaschine eingeben würde.

Gibt alles: Elvis Presley live in Las Vegas im Sommer 1970.

Und klar, wer so spektakulär mal eben 50 Jahre hinter sich lässt, wie ich in diesem Fall, landet selbstverständlich auch in der 1. Reihe direkt vor der Bühne  und hat – gekleidet von Kopf bis Fuß im kultigen Seventies-Style (hey, die Gelegenheit verlangt nach höchstem Einsatz!) – den Spaß des Jahrhunderts. Der Spaß geht los mit Tiger Man im Mystery Train und einem Elvis, der im Sommer 70 eines ganz sicher ist: King of the Jungle Was für ein perfekter Moment!

Aber leider ist die Sache mit den Zeitmaschinen seit Doc Morris‘ Zeitreise-Versuchen im Hollywoodstreifen Zurück in die Zukunft bis heute nicht so richtig vorangekommen – milde ausgedrückt. Und statt dank Zeitmaschine von der ersten Reihe aus ein Elvis-Komzert vom Feinsten zu erleben, sitze ich 50 Jahre später zuhause ganz unspektakulär vor einem Bildschirm und schaue mir den Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is an – das Original von 1970. Wenn schon, denn schon!

Was ich da zu sehen kriege? Elvis natürlich, aber kein komplettes Elvis-Konzert. Schlimm? Schau’n wir mal…

The next best thing

“It’s the nitty gritty time as far as being nervous – opening night”, gesteht ein sichtlich nervöser Elvis eine gute Stunde, bevor er auf die Bühne muss. Es ist der 10. August 1970 und Elvis Presley ist nur noch 60 Minuten entfernt von der Eröffnung seines dritten komplett ausverkauften vierwöchigen Engagements im International Hotel in Las Vegas.

It’s nitty gritty time as far as being nervous – ein nervöser Elvis kurz vor dem Eröffnungskonzert im August 1970.

Ein Jahr zuvor hatte er genau hier nach Jahren der Bühnenabstinenz mit einer ersten Konzertreihe spektakulär sein Comeback als Live-Performer gefeiert. Seitdem regiert der King das Spielermekka mit seinen energiegeladenen Auftritten und gleich einer ganzen Reihe neuer Hits. Und er liebt es: die Show, die Bühne, das Publikum.

Ein Fünfjahresvertrag, der ihm satte 5 Millionen US-Dollar für 10 vierwöchige Engagements von 1970 bis 1974 zusichert, dürfte zur Freude beitragen.

Sattes Sümmchen: 5 Millionen für den King in Las Vegas – Quelle: Elvis Australia.

Aber jetzt – 60 Minuten vor dem großen Auftritt – hat er Lampenfieber, und das nicht zu knapp. Er macht sich Sorgen, dass er den Text zur ersten Strophe von I Just Can’t Help Believin‘ vergessen könnte.

Randvoll mit Energie sitzt er schwitzend im Kreis seiner berühmt-berüchtigten „Memphis Mafia“ – Kumpel aus der guten alten Zeit, persönliche Assistenten und Bodyguards –  um einen kleinen Tisch, auf dem ein Lachsack für Unterhaltung und die dringend benötigte Ablenkung vom bevorstehenden Auftritt sorgt.

Amüsiert sich über sich selbst und sein Lampenfieber – Elvis in Las Vegas eine Stunde vor seinem Auftritt.

Der King lacht laut, amüsiert sich über seine eigene Nervosität, indem er eine kleine komische Einlage zum Besten gibt: Er improvisiert, wie er kurz zuvor hochnervös sein Abendessen verschlungen hat – nämlich im rasanten Rhythmus seines energiegeladenen Showstoppers Polk Salad Annie – praktisch ohne zu schlucken. Elvis – die Rampensau – hat auch jenseits der Bühne hohen Unterhaltungswert.

Polks Salad Annie… Dinner in tempo!

Der Mann aus Memphis kokettiert mit der Kamera – die liebt ihn – und er weiß es. Die Kamera, die diese kleine vielsagende Szene hinter den Kulissen einfängt, gehört zum Team um Drehbuchautor, Filmproduzent und -regisseur Denis Sanders (1929-1987), der im Auftrag der Filmgesellschaft Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) vor Ort ist, um während des Elvis Summer Festivals die Dokumentation Elvis That’s The Way It Is zu drehen.

Konzept, Drehbuch und Regie: Denis Sanders

Sanders hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits einen Namen als Dokumentarfilmer gemacht  – für seinen 1969 entstandenen Kurzfilm Czechoslovakia 1968, ein politischer Dokumentarfilm über den Prager Frühling, erhielt er einen Oscar. Das war schon sein zweiter.

Den ersten Oscar nahm er 1955 für den Kurzfilm A Time Of War entgegen, bei dem es um den Amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert geht. Regie führte er u.a. auch im Film War Hunt (1962) mit Robert Redford – wieder ein Film mit Kriegsthematik, produziert von Denis‘ Bruder Robert Sanders, ausgezeichnet auf dem internationalen Filmfestival in Locarno.

Auch als Drehbuchautor für TV-Produktionen war Sanders erfolgreich, etwa bei dem 90-Minüter The Day Lincoln Was Shot (1956). Für die sechsstündige Dokumentation Trial: City and County of Denver vs. Lauron R. Watson wurde er 1970 mit dem Saturday Review TV Award ausgzeichnet.

Elvis mit Regisseur Denis Sanders bei den Dreharbeiten zur Doku That’s The Way It is im Sommer 1970 – Quelle: Deluxe-Boxset Elvis TTWII 2014.

Denis Sanders ist also alles andere als ein Leichtgewicht im Regiestuhl der Elvis-Doku, für die er auch das Drehbuch verantwortet. Sehr erfahren ist auch sein Kameramann Lucien Ballard (1904-1988), der es in 50 Jahren Karriere auf mehr als 100 Filme bringen wird – darunter mehr als nur ein Klassiker.

Aber eins fällt sofort auf: Weder Sanders noch Ballard haben je einen Film über einen Musiker oder überhaupt irgendeinen Musik- oder Konzertfilm gemacht. Was soll das also werden? Eine Politdoku mit Elvis?

Im Interview mit der jungen Journalistin Ann Moses, die in der Dokumentation außerdem als Fan zu Wort kommt, gibt Sanders im September 1970 erstmals Einblick in sein Konzept:

„The film that I’m doing is about Presley as an entertainer, with a quarter of it his show at the International. The other elements that I have chosen to emphasize were the putting together of a show and the fan phenomenon. In a way, it’s a film of one professional about another professional in another field. So I have no interest, really, in his personal life.“

Denis Sanders im Interview mit Ann Moses 1970

Gegenüber dem Journalisten Jerry Hopkins erläutert Sanders im Sommer 1970 seine Auffassung davon, was Realität in einer Doku für ihn ist und gibt Einblick in seine Vorgehensweise, mit einzelnen Modulen zu arbeiten, um eine Essenz herauszuarbeiten:

“There is a greater demand for reality today. We can televise an event, say, and if we do it ‘live,’ that is reality. If we run it on tape delay, that’s a documentary, isn’t it? And if we start editing, we’re rearranging reality – but maybe that’s the way we get closest to reality. Maybe that’s the way we capture the essence. This is what I am trying to do with Elvis. I know what my elements are and although I’m still not certain of the construction, I have the basic tinker-toy going. All I have to do now is build it. It’s not like in ‘story’ films, where all the elements are dependent upon those preceeding them. I can move modules in an out and introduce totally different elements, and still make my overall point.”

Wie das Ganze trotzdem eine Musikdoku werden soll, wird im weiteren Verlauf des Gesprächs mit Hopkins deutlich:

“What I’m shooting is a musical documentary and I’m not just talking about the concert segments. Everything in the film will be musical. Just as Elvis, or any other performer, alternates fast numbers with slower numbers, say, or creates moods, so will I. We’ll have a sad scene, a happy scene, another sad scene, and so on. Other elements will be constructed like, in a ballad when you hit the instrumental break, we’ll maybe cut to a face in the audience and from that cut to the same face getting married.”

Denis Sanders im Interview mit Jerry Hopkins 1970

Hopkins erzählt Sanders außerdem, er habe selbst wirklich keine Ahnung, wie ausgerechnet er zu dem Auftrag für die Elvis-Doku gekommen sei. Sein Verhältnis zu MGM sei seit einem Vorfall 1955 eher problematisch und er sei weder Elvis Presley noch seinem Manager Colonel Tom Parker je zuvor begegnet. Ob Kinofan Elvis sich hinter den Kulissen eingebracht hat? Schwer zu sagen – die erste Begegnung fand nach Sanders jedenfalls erst statt, als das Projekt schon auf den Weg gebracht war:

„I think he [Elvis] is fantastic. I knew he was fantastic the very first time I saw him in rehearsal. I knew where he was. From then on I knew what i wanted to go after. He’s got what Brando had at that perfect moment in his career where you couldn’t anticipate Brando as an actor. That’s what Presley has. The audience can’t anticipate him.“

Denis Sanders im Interview mit Ann Moses 1970

Praktisch vom Start weg hat Sanders also eine genaue Vorstellung davon, wo der Fokus seiner Elvis-Dokumentation liegen wird – und wo nicht. Der Musiker und Performer Elvis Presley steht im Zentrum – nicht die Privatperson. Dennoch ist von Anfang an ist nur ein Viertel des Films für Elvis Live-Performances im International Hotel 1970 reserviert. Ein vollständiges Konzert kann man in Sanders‘ Doku also gar nicht erwarten.

Welcome to Vegas: Zugpferd Elvis

Was Sanders in den Interviews mit Moses und Hopkins nicht direkt erwähnt, ist, dass der Film vor dem Hintergrund des millionenschweren Fünfjahresvertrags vor allem auch die künftigen Vegas-Engagements des King beim potenziellen Publikum bewerben soll.

Ein ganz dicker Fisch: Manager des International Hotel in Las Vegas spricht über die weltweite Zugkraft Elvis Presleys.

Entsprechend kommen gleich mehrere leitende Angestellte des International Hotel in der Doku zu Wort, wobei ihre Namen und genauen Funktionen nicht eingeblendet werden. Was sie über Elvis‘ Zugkraft als Showact sagen, ist wichtig – wer sie sind, ist es offenbar nicht.

In Einspielern wird nicht nur das Ambiente des großen Showrooms (er galt als der damals größte in Las Vegas), in dem Elvis Presley auftritt, samt dem gestrengen Mâitre gezeigt…

Obacht!: Maitre ‚d Emilio hat im Showroom das Sagen.

… sondern via Split-Screen auch ein Blick in die Küche des Hotels gewährt – das Ganze während Elvis Polk Salad Annie probt. Soll ja keiner denken, „beim Elvis“ gibt’s nichts Gutes zu futtern. Polk Salad steht allerdings nicht auf der Speisekarte des Hotels. Wohl doch nicht exklusiv genug.

Der Empfangschef, der sich ordentlich in Schale geschmissen hat, erläutert, wie er die Besucher des Eröffnungsabends in Empfang nimmt. Will heißen: Das hier hat Klasse. Am Eröffnungsabend sind traditionell zahlreiche Prominente mit von der Partie. In Elvis That’s The Way It Is sind u.a. Schauspieler Cary Grant, Juliet Prowse, Elvis‘ Co-Star im Film G.I. Blues  (Cafe Europa) und Musiker Sammy Davies Jr. zu sehen.

Schauspielerin Juliet Prowse outet sich als Fan ihres Ex-Costars.

Dass Sanders mit dem kommerziellen Aspekt des Films keine Probleme hat, zeigt seine vielsagende Bemerkung gegenüber Hopkins, Elvis That’s The Way It Is werde sicher ein Vermögen einbringen.

Fans vom andern Stern

Ein zentrales Element von Sanders‘ Dokumentation ist die Vorstellung der großen und diversen Fangemeinde Elvis Presleys. Und hier geht es wirklich mitten rein in die – teilweise skurrile – Zeitreise. Dabei werden unterschiedliche (internationale) Fangruppen vorgestellt.

Fan Ann Moses arbeitet als Journalistin u.a. für den Musical Express. Sie interviewt Denis Sanders im Sommer 1970 zu seiner Elvis-Doku.

Dieses Fan-Pärchen erzählt gut gelaunt, sie hätten extra ihre Hochzeit nach Las Vegas (vor)verlegt, um Elvis Konzerte nicht zu verpassen.

Gut gelauntes Mutter und Tochter-Duo: Sie lieben Familiensinn, Gläubigkeit… und die Action des King!

Der FANatiker: Versteht wenig Spaß, wenn es um Elvis als musikalischen Innovator und die einzigartige Bühnepräsenz des King geht.

„He is an original“ – für Elvis Presleys Originalität hat dieser cool wirkende Fan das Ticket nach Vegas gelöst.

Respekt! Dieser Fan schätzt Elvis Presleys frühes Bekenntnis zu afroamerikanischer Kultur in den 1950ern.

Stille Wasser: Dieses junge Fan-Duo macht klammheimlich selbst aus Katze Tinkerbell einen Elvis-Fan.

The Beauty: Sie hat sich schön gemacht und hofft auf den besonderen Thrill  – einen Kuss vor der Bühne.

Diese beiden hatten offenbar schon das Vergnügen – und schwärmen vom „wonderful, warm human being“ Elvis.

Ausführlicher geht es weiter mit einem größeren Treffen europäischer Fans in Luxemburg, bei dem u.a. das Tandem, das Elvis im Film auf dem MGM-Gelände fährt, für einen guten Zweck versteigert wird.

Geschenk vom King aus Vegas: Europäische Fans freuen sich über die Verlosung des Tandems.

„Good Morning, Hollywood Camera“

Zu zeigen, wie Elvis Presley seine Show vorbereitet und wie das nachher im Konzert aussieht, ist nach Sanders eigener Aussage ein besonders wichtiger Aspekt der Doku. Dafür hat die Filmcrew bei Elvis‘ Proben mit seinen Musikern am 14., 15. und 29 Juli 1970 in den MGM-Studios in Culver City gefilmt.

Good Morning, Hollywood Camera – ein gut gelaunter Elvis begrüßt das Filmteam.

Außerdem war die Kamera bei den Proben am 4. August im International Hotel and Convention Center in Las Vegas sowie die Proben auf der Bühne des Showroom im International am 7. und 10. August 1970 dabei.

Mit der TCB-Band starten die Proben für das Elvis Summer Festival im Juli 1970 – Denis Sanders ist mit der Kamera dabei.

Angekommen in Vegas: Jetzt probt die Band gemeinsam mit den Backgroundsängern.

Alle Mann an Bord: Auf der Bühne des Showrooms bei den Proben mit Band, Backgroundsängern und Orchester.

Bei den Shows selbst filmte Sanders am Eröffnungsabend des 10. August, danach bei der Dinner- sowie Mitternachtsshow am 11. August, beide Shows am 12. August und abschließend noch bei der Dinner-Show am 13. August.

Und immer steht Elvis Presley im Mittelpunkt. Der heute weithin bekannten TCB-Band um Gitarrist James Burton, dem afroamerikanischen Background-Ensemble Sweet Inspirations, der Gospelgruppe The Imperials oder der Sopranistin Millie Kirkham wird erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zuteil.

Elvis‘ Musiker bleiben strikt im Hintergrund des Films, werden bei den Proben und Auftritten zwar immer wieder gezeigt – zu Wort kommen sie aber nicht.

Aus den einzelnen Sequenzen der Proben und Performances setzt Sanders schließlich den Show-Part seiner Doku zusammen. Und der wechselt ab mit den oben erwähnten Einspielern von Fans, Einblicken hinter die Kulissen des International Hotel und dem Drumherum des Elvis Summer Festival.

Am Ende kommt diese Abfolge von Sanders‘ „Modulen“ heraus – auf einer Gesamtlänge von rund 110 Minuten:

Intro mit Mystery Train
Elvis‘ Proben mit seiner Band in den MGM Studios
Elvis-Fans kommen zu Wort
I Just Can’t Help Believin‘
Hinter den Kulissen des Elvis Summer Festival 1970
Probe von You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘
Frischvermähltes Fanpaar kommt zu Wort
Elvis hat Lampenfieber vor dem Eröffnungsabend des Summer Festivals
Beginn des Showteils mit: That’s All Right
Performances von: I’ve Lost You, Patch It Up
Elvis erzählt dem Publikum von seinen Anfängen
Performances von Love Me Tender, You’ve Lost That Lovin‘ Feelin‘
Sweet Caroline, I Just Can’t Help Believin‘
Einspieler Elvis-Fans
Performance Bridge Over Troubled Water
Ältere Hits mit Heartbreak Hotel, One Night, Blue Suede Shoes und All Shook Up
Zurück zur Performance neuerer Showstopper: Polk Salad Annie
Elvis mischt sich während des Konzerts unters Vegas-Publikum
Suspicious Minds
Abschluss mit Can’t Help Falling in Love

Rezeption der Elvis-Dokumentation von 1970

Elvis That’s The Way It Is lief im November 1970 in den amerikanischen Kinos an – in Deutschland erst ein knappes Jahr später. Bei der Kritik  kam die Dokumentation durchaus gut an, wie zeitgenössische Rezensionen zeigen.

Rezensent Gene Siskel von der von der Chicago Tribune beschreibt die Doku  als “a carefully managed […] concert designed to promote his [Elvis] future engagements in Nevada” und bemerkt außerdem: “fans will be enthralled as Presley sings more than a dozen of his hits”, verweist aber gleichzeitig auf ein Manko von Sanders‘ Konzept: “persons hoping to learn about the man after hours will be disappointed”.

Filmmagazin Variety geht hingegen vor allem auf Elvis Presleys Bedeutung in der Popmusik ein und klingt dabei geradezu enthusiastisch:

„Elvis explodes again on the screen […] In his style, presence and technique, Presley opened the doors for 15 years of evolving pop music. Now, far from being a relic, he is once again opening doors – not only for himself, but for current pop artists whose music and thoughts are being brought to older audiences along with his own early hits.“

Variety, Oktober 1970

Kritik gibt es allerdings auch. Manch einer findet die Schnitttechnik von Sanders alles andere als prickelnd. Jack Swanson etwa bemängelt in seiner Rezension in Arizona Republic vom Dezember 1970, dass praktisch jedes Mal, wenn Elvis‘ in Bild und Ton den Zuschauer so richtig in seinen Bann zieht, garantiert irgendein Schnitt mit einer Einstellung kommt, die einen weiteren Fan zeigt, der einem sagt, warum er findet, dass Elvis klasse ist. Als sei das wirklich nötig, uff!

Genau dieser Punkt ist es, weshalb Denis Sanders Elvis-Dokumentation aus dem Jahr 1970 heute nicht mehr hoch im Kurs steht. Sie zeige zu wenig Elvis-Performances, heißt es. Unverzeihlich, da ja sehr viel mehr davon mitgeschnitten wurde, als im Film von 1970 zu sehen ist.

Besonders die Einspieler mit Fanaussagen werden als reichlich schräg und damit verzichtbar geächtet- ironischerweise gerade von den Fans selbst. Da hilft es wenig, dass viele der Elvis-Videos mit den meisten Views auf YouTube (Suspicious Minds, Polk Salad Annie) aus dieser Dokumentation stammen oder posthume Konzepte wie Elvis In Concert ohne die Aufnahmen von Sanders – den 1970 veröffentlichten und den unveröffentlichten – ganz schön abspecken müssten.

Vor dem Hintergrund dieser Kritik wurde 2001 eine längere, neu zusammengestellte Version der Doku von 1970 – eine Special Edition – mit reichlich bis dahin offiziell unveröffentlichtem Material herausgebracht. Diese Version ist es, die im August 2020 zum 50-jährigen Jubiläum des Elvis Summer Festival 1970 in den deutschen Kinos läuft.

Die Special Edition verzichtet ganz auf die Fansequenzen und konzentriert sich auf dei Proben und Auftritte Elvis Presleys im August 1970. Damit löst sie das Konzept von Sanders‘ Dokumentation auf zugunsten von Elvis live. Sie ist damit im Grunde ein neuer Film.

Zur neu zusammengestellten Doku aus dem Jahr 2001 hat die Redaktion des Kinobranchenblatts Cinema zu sagen:

„Die Dokumentation von 1970 wurde mit neuen Aufnahmen aus dem gleichen Jahr angereichert, dem die skurrilen Interviews mit Fans und Konzertveranstaltern zum Opfer fielen. Nun gibt’s Presley pur und in Bestform: Backstage, auf der Bühne und gar beim Jodeln – trotzdem bleibt der schräge Charme des Originals unerreicht.“

Zitiert nach: Cinema

Beide Versionen der Dokumentation sind als DVD enthalten im Deluxe-Boxset Elvis That’s The Way It Is von 2014 – zusammen mit CDs, die sechs Elvis-Shows vom 10. bis 13 August 1970, Mitschnitte der Proben, die Songs des Originalalbums That’s The Way It Is von 1970 und der im selben Zeitraum aufgenommen Singles umfassen. Ordentlich viel Elvis.

Butter bei die Fische

Also: Lohnt es sich wirklich, Sanders‘ Original-Doku aus dem Jahr 1970 fünfzig Jahre später im Hier und Heute noch einmal anzuschauen? Wenn man vor allem Elvis live sehen will, dann wohl eher nicht. Dafür ist die Special Edition – noch dazu auf der großen Kinoleinwand – eindeutig die bessere Wahl.

Ansonsten: Klares Ja, denn Elvis That’s The Way It Is – das Original von 1970 – ist ein Zeitdokument. Die Doku versetzt einen tatsächlich ins International Hotel Las Vegas des Jahres 1970 zurück – und zeigt einen herausragenden Performer in einer Welt, die es so nicht mehr gibt. Zeitreise gelungen!

Auch ist der Kritikpunkt von Gene Siskel, man erfahre zu wenig über die Person Elvis Presleys in der Doku, nur bedingt richtig. Jenseits der Interviews mit Hotelangestellten und Fans lohnt es sich nämlich, genau hinzuschauen, denn Sanders hat – als guter Dokumentarfilmer – vor allem die Kamera sprechen lassen, wenn es um Elvis selbst geht. Interviewsequenzen mit seinem Hauptdarsteller waren in seinem Konzept nicht vorgesehen.

Wie der Regisseur im Gespräch mit Ann Moses sagte, wusste er, dass Elvis Presley, den er als einen absoluten Profi auf seinem Gebiet enschätzte, eine klare Vorstellung davon hatte, wie er sich in diesem Film präsentieren wollte. Und natürlich wusste er auch immer, wann die Kamera läuft. Also setzte Sanders auf die kleinen besonderen Momente, in denen der Star, der zu jeder Zeit Herr der Situation scheint, mit etwas Unerwartetem konfrontiert ist. Sanders‘ Film enthält mehrere dieser kleinen Momente, die ohne viel Worte einen Einblick in die Persönlichkeit des Mannes hinter dem Image geben.

Elvis That’s The Way It Is arbeitet also auf zwei Ebenen. An der Oberfläche bewirbt der Film sehr direkt die Las Vegas-Engagements Elvis Presleys und präsentiert den Star als die größte Showattraktion von Las Vegas aller Zeiten. Dazu kommen eine ganze Reihe von Personen zu Wort, die nicht mit Namen genannt werden. Das darf als Hinweis darauf gelten, dass sie letztlich nur Beiwerk sind.

Als Gegensatz dazu gibt es den Hauptdarsteller, der bis auf seine Begrüßung „Good Morning, Hollywood Camera“ fast nie direkt in die Kamera spricht, keine Erklärungen abgibt, sondern einfach „sein Ding“ macht.  Sanders‘ Kamera hat das eingefangen – und zusätzlich subtil die Zwischentöne.

Sanders wusste genau wie Dokumentarfilmerin Annett Wolf, die sieben Jahre später für Elvis In Concert an den Start gehen wird: Die Kamera lügt nicht. Sie fokussiert, sie offenbart und manchmal entlarvt sie auch. So ist es dem Regisseur durchaus gelungen, einen „perfekten Moment in der Karriere des Elvis Presley“ einzufangen und zu zeigen, was diesen Performer so einzigartig machte. Das Ganze, ohne dass es hier eine engere Zusammenarbeit zwichen Star und Filmteam gab, wie sie etwa beim68 Comeback Special durchaus gegeben war.

Mit Preisen überhäuft wurde Sanders für seine Elvis-Dokumentation übrigens nicht – und es gab auch keinen dritten Oscar. Ob das Fehlen der Preise am Ende als Hinweis auf einen wirklich sehenswerten Film zu deuten ist ;-)?

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Anschauen von Denis Sanders‘ Dokumentation Elvis That’s The Way It Is (1970).

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