Lesenswert: Dave Marsh in Elvis Walk A Mile In My Shoes

Die nächste Runde ist eröffnet für meine Serie über die überraschend kleine und zum Teil wenig bekannte Gruppe von lesenswerten Veröffentlichungen, die sich kenntnisreich ausschließlich mit dem Musiker und Sänger Elvis Presley beschäftigen.

Elvis Presley legt alles in einen Song (1972) – Foto: Boxset Walk A Mile in my Shoes

Vorgestellt habe ich in der Vergangenheit schon Will Friedwalds erstaunliches Elvis-Essay in A Biographical Guide to the Great Jazz and Pop Singers (2010), Shane Browns Elvis Presley A Listener’s Guide (2014 – hiervon gibt es eine bearbeitete und ergänzte 2. Auflage unter dem Titel Reconsider Baby, 2017), Robert Matthew-Walkers Elvis Presley A Study in Music (1979) und Helmut Radermachers Elvis A Life in Music (2017), die Neubearbeitung von Ernst Jorgensens Elvis Presley: A Life in Music.

Heute ist einer der bekannteren Elvis-Autoren an der Reihe: der amerikanische Rockmusk-Aficionado und Autor Dave Marsh (*1950), berühmt-berüchtigt für seine exzellent geschriebenen, aber oftmals auch provokanten Aussagen über die Musiker seines bevorzugten Genres.

Marsh, der ab den 1970ern für verschiedene Musikmagazine wie Creem und Rolling Stone schrieb, hat eine ganze Reihe von Büchern über Musiker – allein vier über Bruce Springsteen – sowie Rockmusik im Allgemeinen veröffentlicht (The Heart of Rock and Soul – The 1001 Best Singles Ever Made, 1999) und engagierte sich zudem in der Rock ’n‘ Roll Hall of Fame. 

Dave Marsh in seinem Büro – Foto: www.davemarsh.us

Marsh zählt neben Greil Marcus und Peter Guralnick zu den Top-Elvis-Autoren aus der Fraktion der amerikanischen Musikjournalisten, die sich vor allem mit Rockmusik beschäftigen bzw. in der Vergangenheit beschäftigt haben.

Zu seinen bekannteren Elvis-Veröffentlichungen gehören der Nachruf Elvis Presley: Spiritual Leader of a Generation im Magazin Rolling Stone vom 22.9.1977, vor allem aber die vielbeachtete Buchveröffentlichung Elvis aus dem Jahr 1982.

Elvis: The Seventies

Weit weniger bekannt als seine Buchveröffentlichung Elvis von 1982 ist Marshs Essay „Elvis: The Seventies“ im Begleitheft zu dem 1995 erschienenen und von Ernst Jorgensen zusammengestellten Boxset Elvis Walk A Mile in my Shoes: The Essential 70’s Masters.

Boxset Elvis Walk A Mile In My Shoes – The Essential 70’s Masters

Das dritte Boxset der Essential-Reihe aus den 1990ern konzentriert sich mit seinen fünf CDs ausschließlich auf Elvis Presleys musikalisches Schaffen zwischen 1970-1977 – hier vor allem die Studioaufnahmen – und gilt bis heute als guter Einstieg in den Elvis der 70er für alle, die hier bislang Berührungsängste hatten.

Das Bemerkenswerte an Marshs Essay Elvis: The Seventies ist, dass es dem Autor nicht nur gelingt, Elvis‘ Musik der 1970er stimmig in den Kontext seiner Gesamtkarriere einzuordnen – und dabei mit ein paar grundlegenden Missverständnissen aufzuräumen -, sondern zentrale Erkenntnisse über den Künstler Elvis Presley zu präsentieren, wie sie andernorts kaum je zu finden sind.

Dabei schlägt der Musikjournalist eine Brücke vom Elvis der 1950er zu dem der 1970er Jahre und zeigt erstmals die Kontinuität im Schaffen des King auf – vom Anfang bis zum (bitteren) Ende. Damit schafft Marsh auf knapp 40 Seiten, was Peter Guralnicks zweibändiger Biographie aus den 1990ern auf mehr als tausend – zweifelsohne hervorragend geschriebenen – Seiten nicht abschließend gelingt: Er bringt den Künstler Elvis Presley auf den Punkt!

Künstlertypen: Von Romantikern und Arbeitern

Im Wesentlichen könne man zwei Grundarten von Künstlern unterscheiden, so Marsh in seinem Elvis-Essay: die „Romantiker/innen“ und die „Arbeiter/innen“. Die Romantiker werden nur in den Zeiten künstlerisch tätig, in denen sie sich wirklich inspiriert, sozusagen dank einer göttlichen Eingebung von der „Muse geküsst“ fühlen. Dann sind sie allerdings mit großer Intensität bei der Sache, aber nicht unbedingt mit der klaren Zielsetzung, ein bestimmtes Produkt hervorzubringen.

Zwischen den kreativen Phasen können für den Romantiker oder die Romantikerin längere Zeiträume der Unproduktivität liegen. Jahre sind keine Seltenheit. Dieser Künstlertyp – egal ob nun Maler, Musiker oder Schriftsteller – entspricht dem gängigen Künstlerideal, so Marsh.

Anders liegt der Fall beim „Arbeiter“. Dieser Typus schafft regelmäßig, wenn auch nicht unbedingt täglich, und hat immer das Ziel vor Augen,  ein Ergebnis – welcher Art auch immer – hervorzubringen. Die Arbeitsbiene ist sozusagen immer „am Machen“, richtige kreative Pausen kennt sie nicht, denn sie versteht ihre Kunst als Prozess.

Man ahnt es schon: Die Arbeitsbiene entspricht nicht dem künstlerischen Ideal (die Vorstellung von der küssenden Muse als göttlicher Eingebung ist einfach viel schöner), sie bringt aber ebenso künstlerische Werke hoher Qualität hervor. Es führt eben nicht nur ein Weg „nach Rom“, erläutert Marsh in seinem Essay.

Hinzu kommt, dass die wenigsten Künstler/innen reinrassige „Romantiker“ oder „Arbeiter“ sind – die meisten sind Mischformen mit einer deutlichen Ausprägung in die ein oder andere Richtung. Ausnahmen bestätigen die Regel – und eine davon ist laut Marsh: Elvis. Denn der komme so dicht an die Arbeitsbiene ran wie kaum ein anderer Musiker. Mit beeindruckendem Ergebnis – seine gesamte Karriere hindurch:

„Few artists are purely one thing or the other, of course, but Elvis comes as close to being a pure worker bee in the fields of his chosen art as anybody. Because he is so clearly toiled, it’s easy to disrespect what he did – and yet. when you actually just sit back, close your eyes and listen, you have to understand that the intention of all that hard work, from the beginning to the end of his career, was to create a feeling of musical naturalness and easiness that conceptually stood that hard work on its head.“

Dave Marsh: Elvis: The Seventies, in Elvis Walk A Mile In My Shoes, 1995

Eine gute Erklärung für die Tatsache, dass es von Elvis trotz seines kurzen Lebens reichlich gibt: Songs in gefühlt unendlich vielen Variationen, die meist so klingen, als hätte er sie mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt. Hinzu kommen Konzerte und Filme. Erstaunlich produktiv, so Marsh weiter, war Elvis auch in den Siebzigern trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme. Und dennoch hält sich hartnäckig die Ansicht, er habe in der letzten Phase seiner Karriere weder in Menge noch Qualität viel auf die Reihe bekommen.

„That’s part of the reason for the popular image of Elvis as a lazy man idling away his hours in Graceland, venturing out only to buy Cadillacs for strangers and rake in the occasional few million in Vegas. Glancing at the session details here will show that up until the last year or so of his life, Elvis worked all the time, and that the center of all that work was musical performance. […] Elvis Seventies music has been picked at and picked over, issued and reissued, discussed, dissected ,distorted, displayed and dismissed. But it’s only now, gathered into one place, that it kind of makes you gulp a bit to realize how productive he was in the last six years of his life. Especially given that health problems dogged him through much of this time, Elvis created a remarkable batch of recordings.“

Dave Marsh: Elvis: The Seventies, in Elvis Walk A Mile In My Shoes, 1995

Vielseitig und einzigartig zugleich

In den Siebzigern bewies Elvis laut Marsh endgültig, was er als 19-Jähriger im Sommer 1954 selbstbewusst zu Sam Phillips Mitarbeiterin Marion Keisker sagte: „I sing all kinds [of music]“ und „I don’t sound like nobody„. Musikalische Vielseitigkeit bei gleichzeitiger Einzigartigkeit in Stimme und Sound war sein Erfolgsgeheimnis – ohne dass er je ein Geheimnis daraus gemacht hätte.

Das war in den vielgelobten Fünfzigern so – und auch in den weit weniger anerkannten Siebzigern. Dennoch, führt Marsh weiter aus, gab es auch eine neue Entwicklung in den Siebzigern. Elvis‘ Songauswahl und -interpretationen wurden persönlicher, erläutert Marsh. Obwohl Elvis immun gegen den allgemeinen Trend vieler erfolgreicher Singer/Songwriter dieser Zeit schien, der persönliches Erleben ins Zentrum des musikalischen Schaffens stellte, nutzte er diese Entwicklung auf seine Art, um eigene Überzeugungen ohne eine Spur von Dogmatismus oder gar Snobismus  zu transportieren.

An American Trilogy ist ein besonders packendes Beispiel dafür. Auch Songs wie das bekannte Always On My Mind – ein Lied, das er aufnahm, als seine Frau sich Anfang 1972 von ihm trennte, gehören laut Marsh dazu.

Elvis musicking: Musik als Prozess

Was Elvis Presleys gesamte Karriere gegenüber gleich blieb, war die Art und Weise wie er seine Musik produzierte. Musikproduzenten wie Dayton „Bones“ Howe, Norbert Putnam und Felton Jarvis, die zum Teil jahrelang mit Elvis Presley im Aufnahmestudio gearbeitet haben, sind sich einig, dass Elvis im Grunde sein eigener Produzent war, da alle wichtigen Entscheidungen im Studio von ihm selbst getroffen wurden und er vor allem die Arbeitsweise maßgeblich bestimmte.

Und die war – angefangen von der Mutter aller Aufnahmensessions, der Aufnahme von That’s All Right Mama in Sam Phillips Sun Studio 1954 – bis ganz zum Schluss nie darauf ausgerichtet, technische Perfektion oder den „richtigen“, den perfekten Song oder das perfekte Album zu kreieren. Stattdessen ging es vor allem darum, eine kreative Atmosphäre mit allen im Studio anwesenden Musikern herzustellen und in einer Aufnahme einzufangen, um so das einzigartige Feeling, die besondere Energie, die so kennzeichnend für Elvis Presleys beste Aufnahmen sind, zu realisieren.

Musicking: Elvis Presley mit seinen Musikern 1970.

Deswegen war die enge Zusammenarbeit mit seinen Musikern, die ihn über lange Zeiträume begleiteten, für Elvis auch bedeutsamer als eine enge Zusammenarbeit mit Songwritern. Es ging immer viel mehr um das „Wie“ als das „Was“.

Musik, die den Zuhörer berührt, entsteht nach Elvis Presleys Verständnis, wie Marsh erläutert, vor allem „im richtigen Moment“. Wann der richtige Moment kommt, kann nie genau vorhergesagt werden. Man kann nur versuchen, ihn im Prozess durch eine gelungene Kombination von Atmosphäre, innerer Einstellung, Material und Technik herbeizuführen und dann allzeit bereit zu sein, den kreativen Moment einzufangen und in einer Aufnahme festzuhalten, wenn er sich denn einstellt.

Gute Musik entsteht, indem man sie macht – sie entsteht im Prozess. Alles, was vorgedacht ist, hat demgegenüber kaum Bedeutung. Das ist es auch, was Elvis Presley meinte, als er schon in den Anfangsjahren seiner Karriere sagte: „It ain’t a song until you sing it„. Ein Song entsteht erst, wenn er interpretiert und musiziert wird – vorher ist er nichts weiter als eine Idee auf einem Stück Papier.

Bezogen auf Elvis im Aufnahmestudio formuliert Dave Marsh in seinem Essay:

„Mostly, a recording session was, for Elvis, a matter of what the New Zealand musicologist Christopher Small terms ‚musicking‘ – that is, it was a doing, not a thing in itself, and what came out of Elvis mouth – transmitted directly through his heart and head – during a session could no more be predicted (or entirely controlled) than what emerged form Picasso’s hand in his studio. Not even by Elvis.“

Dave Marsh: Elvis: The Seventies, in Elvis Walk A Mile In My Shoes, 1995

Ein schönes Schlusswort von Marsh in einem wirklich lesenswerten Essay.

1 Kommentar
  1. Matthias
    Matthias sagte:

    Wie immer bei weitem das Beste , was über Elvis ‚ Musik- und das ist das Entscheidende und Wichtigste- geschrieben wurde.

    Antworten

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