Elvis In Concert 1977: Alex Darcy im Interview

Wenn heute von Elvis In Concert gesprochen wird, dann ist damit meistens ein seit Ende der 1990er Jahre ziemlich erfolgreiches Konzertformat gemeint, das den toten Elvis auf der Bühne sozusagen wiederauferstehen lässt, indem man ihn als überdimensionale Videoprojektion zeigt, während seine ehemaligen Musiker live dazu spielen. Mehr posthume Ersatzhandlung für zu spät geborene Elvis-Fans, die ihn nie live haben erleben können, dürfte es kaum geben.

Bei so viel Enthusiasmus für „Elvis live“ im Hier und Heute verwundert es allerdings, dass ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des TV-Senders CBS, nämlich das eigentliche Elvis In Concert aus dem Jahr 1977, praktisch völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein und auch dem vieler Fans verschwunden ist.

Elvis Presley im Juni 1977 – zu sehen in Elvis In Concert – Foto: Alex Darcy

Wenn Elvis live immer noch eine solche Bombe ist, die sich gut vermarkten lässt – es hagelt regelmäßig teure Boxsets wie etwa Elvis Live 69, das legendäre ’68 Comeback Special und die Fortsetzung Elvis Unleashed wurden 2018/2019 in vielen Ländern (auch in Deutschland) sogar im Kino gezeigt – warum wird dann ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des King totgeschwiegen?

Einer der dazu etwas sagen kann, ist der im Elsass geborene Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchautor Alex Darcy, der heute in Paris lebt, seit langem ein großer Elvis-Fan ist und Elvis in Concert von 1977 auf seine ganz eigene Weise zu neuem Glanz verhelfen möchte. Im Interview (übersetzt aus dem Französischen) verrät er, was ihn dabei antreibt.

INTERVIEW

The Memphis Flash: Alex, verrate uns, wie lange bist Du schon Elvis-Fan und was fasziniert Dich bis heute besonders am King?

Alex Darcy: Ich war 16, als ich Elvis zum ersten Mal im Fernsehen sah. Es war sein Todestag – das französische Fernsehen zeichnete sein Leben nach. Diese wenigen Minuten der Berichterstattung hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte Elvis noch nie zuvor gesehen oder gehört. Zuerst war ich von seinem guten Aussehen und der Art, wie er sich auf der Bühne bewegte, berührt. Sein Stil war so einzigartig: ernst und frech! Es war eine Offenbarung.

Ich hatte noch nie jemanden mit seinem Körper tun sehen, was Elvis auf der Bühne tat. Totale Freiheit, total ungehemmt, aber sehr beherrscht. Von einem Tag auf den anderen trat Elvis in mein Leben, um niemals wieder zu gehen. Ich interessierte mich für ihn als Ganzes, ich wollte alles über ihn wissen. Und je mehr ich wusste, desto mehr faszinierte er mich.

Ein großer Elvis-Fan: Alex Darcy – Foto: Alex Darcy

Sein Leben, seine Karriere, sein Erfolg, seine große Großzügigkeit, seine Sorgen, dann sein Tod unter ziemlich schmerzhaften Bedingungen. Er hatte alles, um mir zu gefallen. Diese schöne Baritonstimme, eine Stimme wie Honig und doch mit Kraft, mit Wut darin. Es ist eine sinnliche Stimme – männlich und weiblich zugleich. Auch seine Art sich anzuziehen, sich in Szene zu setzen, fasziniert mich. Wenn er einen Raum betrat, lag etwas in der Luft, etwas, das man nicht beschreiben, aber fühlen kann. Seit 42 Jahren begleitet er mich und ich habe noch nie dasselbe für einen anderen Sänger empfunden. Elvis ist einzigartig!

The Memphis Flash: Ja, Elvis hatte zweifellos das, was man Charisma nennt. Jetzt interessierst Du Dich ja vor allem für den „späten“ Elvis, also den Elvis der 1970er Jahre. Woher kommt das?

Alex Darcy: „Spät“! Nein, ich interessiere mich für alles, was Elvis gemacht hat. Absolut alles. Rock’n’Roll, Liebeslieder, Filme, die Shows in Las Vegas, seine Konzerte. Die „späte“ Zeit, wie Du sagst, ist mir aber näher, weil ich die 1950er nicht erlebt habe. Die 1970er Jahre waren für Elvis fabelhaft. Er war bereits zum Mythos, zur Legende geworden. Seine Bühnenkostüme, seine humorvollen Bühnenauftritte, diese besondere Art, mit seinem Publikum umzugehen, faszinieren mich. Ich habe das riesige Konzert „Aloha From Hawaii“ leider nicht live gesehen, aber als ich es ein paar Jahre später sah, war für mich endgültig klar, dass Elvis der größte Showman aller Zeiten war.

Der größte Showman – Elvis in Aloha From Hawaii 1973.

The Memphis Flash: Jetzt wird der Elvis der 1970er aber sowohl von Musikkritikern als auch von vielen Fans durchaus kritisch gesehen. Die gängige Haltung ist, dass Elvis nach seinem berühmten Comeback 1968 nur noch eine kurze Phase der musikalischen Kreativität hatte und dann weder im Aufnahmestudio noch auf der Bühne etwas wirklich Hörens- und Sehenswertes zu bieten hatte. Warum wird das so gesehen – und wie stehst Du dazu?

Alex Darcy: Ja, diese Zeit wird sehr kritisiert. Vor allem kritisieren die Fans Elvis‘ Manager, Colonel Tom Parker, weil er den King zu Marathonshows in Las Vegas gezwungen haben soll. Ich bin nicht so kritisch. Ich sehe das differenzierter. Elvis konnte Las Vegas und seinen Shows nicht entkommen, er war der gefragteste Sänger seiner Zeit. Es ist normal, dass er diesen Anforderungen erlag.

Elvis hatte ein sehr geschäftiges Leben, das genauso aufregend war wie seine Karriere. Las Vegas baute goldene Brücken, Elvis brauchte Geld, um seine enormen Bedürfnisse zu befriedigen. Er kümmerte sich um die halbe Welt. Kreativität trat zugunsten harter Arbeit auf Tournee und in Las Vegas in den Hintergrund. Manchmal kehrte er ins Studio zurück, um aufzunehmen, aber das meiste waren Mitschnitte von Konzerten. Er wandte sich mehr den dramatischen Balladen zu – die Musik, die ihn zum King of Rock gemacht hatte, ließ er hinter sich.

The Memphis Flash: Das klingt, als hättest Du kein großes Problem damit?

Alex Darcy: Ich denke, es war eine gute Strategie. Die Fans kritisieren, dass der Colonel ihn nie wie alle anderen Künstler auf Auslandstournee gehen ließ. Ich denke, es war eine gute Entscheidung. Elvis wurde in seinem Land geliebt, seine Karriere verlief ziemlich gut, ohne die Welt bereisen zu müssen. Wer weiß, was ihm im Ausland passiert wäre? Ich denke hauptsächlich an ausländische Medien und Kritiker. Es hätte alles kaputt machen können, was Elvis und der Colonel jahrelang durch harte Arbeit aufgebaut hatten.

The Memphis Flash: Von der Seite habe ich das noch nicht gesehen. Es hätte aber doch auch eine Bereicherung für seine Karriere sein können, außerhalb der USA zu touren?

Alex Darcy: In den 1970er Jahren ging es mit Elvis‘ Karriere auf und ab und seine Gesundheit ließ immer weiter nach. Elvis bereitete sich auch nicht wie andere Sänger vor, schützte seine Stimme nicht genügend und sparte vor allem nicht. Auf der Bühne gab er alles, was er zu geben hatte. Natürlich machte das seine Gesundheit auf Dauer nicht mit, aber das hielt ihn nicht auf. Zwischen 1969 und 1976 gab er mehr als 700 Shows in Las Vegas, manchmal zweimal täglich vor großem Publikum, das vor allem den Mythos sahen. Neben diesen Shows ging er auf Tournee durch die Vereinigten Staaten, trat manchmal auch in Kleinstädten auf, nicht immer unter guten Bedingungen.

Elvis Presley 1977 – Foto: Alex Darcy

Bis 1977 gab er nicht weniger als 1.000 Konzerte auf Tournee. Elvis im Konzert, das war was! Er wurde mit Pauken und Trompeten zum Klang des erschütternden „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss angekündigt, sein Kommen galt als Ereignis, das in der ganzen Stadt gepriesen wurde. Seine opulenten Outfits ließen ihn wie einen Gott aussehen. Vielleicht war er das ja auch wirklich! Niemals hätte Elvis ohne die Begeisterung seines Publikums geschehen können. Es war großartige Kunst!

The Memphis Flash: Alex, jetzt engagierst Du Dich ja sehr für Elvis‘ letzte Konzertdokumentation, das CBS-Fernsehspecial Elvis In Concert von 1977. Für das Fernsehspecial wurden am 19. und 21. Juni 1977 zwei Konzerte aufgenommen und mit Kommentaren von Fans ergänzt, die die Dokumentarfilmerin Annett Wolf zusammenstellte. Nur wenige Wochen nach diesen Aufnahmen verstarb Elvis am 16. August 1977 in Memphis – noch vor der Fernsehpremiere der Doku. Man könnte meinen, dass Elvis In Concert schon allein deswegen auch heute noch regelmäßig – zumindest zu den Jubiläen – im Fernsehen gezeigt wird. Das Gegenteil ist der Fall. Wie ist das zu erklären?

Elvis singt I Really Don’t Want To Know – Elvis In Concert 1977- Foto: Alex Darcy

Alex Darcy: Gehen wir zurück ins Jahr 1977. Ich habe Elvis In Concert nach Elvis‘ Tod zum ersten Mal im deutschen Fernsehen gesehen. Ich war zu jung, um zu bemerken, dass hier etwas nicht stimmte. Elvis war ein Künstler, der mit allen Ehren das Ende seiner Karriere erreicht hatte. Erst später las ich, dass Elvis In Concert in den USA wegen der Bearbeitung durch die Produzenten und Sender CBS kritisiert wurde. Die Fans waren wütend, als sie sahen, dass Elvis‘ Auftritte zugunsten der Fan-Sequenzen gekürzt worden waren. Dann bekam ich mit, dass Elvis‘ Nachlassverwalter (Elvis Presley Enterprises) entschieden hatten, es gar nicht mehr zu zeigen.

The Memphis Flash: Warum ist Elvis in Concert dann überhaupt gemacht worden?

Die Sache war doch so: Ab 1977 hatte Elvis kein Engagement mehr in Las Vegas. Der Colonel wollte mit einer Sondershow, neues Interesse erwecken, ähnlich wie 1968, als Elvis auf die Bühne zurückkehrte. Aber die Dinge hatten sich seitdem sehr verändert. 1977 trat Elvis als Star am Ende des Rennens auf. War es die eine Show zu viel? Ich weiß es nicht! Die Show wurde von CBS ohne große Überzeugung gemacht, sie wollten Elvis aber trotzdem im Sender haben. RCA, Elvis ‚Plattenlabel, wollte auch etwas Neues, also war die Show in Ordnung.

Und Elvis selbst nahm die Sache nicht besonders ernst. Er hatte ein solches Niveau erreicht, dass er nichts zu beweisen oder zu verteidigen hatte. Er akzeptierte die Kameras und unterschrieb einen Vertrag mit einer tollen Briefmarke drauf. Das Einzige, was ihn beunruhigte, war sicherzustellen, dass die Anwesenheit der Kameras bei den Konzerten die Sicht des Publikums nicht beeinträchtigte. Das Ergebnis war, dass er am 19. Juni 1977 (in Omaha) nicht gerade besonders gut gefilmt wurde. Am 21. Juni haben die Produzenten nachgelegt und das zweite Konzert (in Rapid City) wurde dynamischer gefilmt.

The Memphis Flash: Was ist aus Deiner Sicht besonders problematisch an Elvis In Concert 1977?

Es ist die Bearbeitung der Show, die problematisch ist. Die Endfassung ist viel zu stark geschnitten – nur 16 von 26 Songs, die Elvis darbot, sind enthalten. Was für eine Schande! Seitdem scheint sich Nachlassverwalter Elvis Presley Enterprises nicht mehr an diese Aufnahmen erinnern zu wollen. Obwohl viele Fans auf der ganzen Welt immer wieder nach einer vollständigen offiziellen Veröffentlichung fragen, investieren sie lieber in etwas anderes. In die „schönen Elvis-Jahre“, virtuelle Konzerte und Graceland als Tourismusattraktion. Es ist ihre Wahl.

The Memphis Flash: Was schlägst Du stattdessen vor?

Es ist sehr schädlich, dass einzelne Filmsequenzen von Elvis In Concert, meistens von erschreckender Qualität, im Internet (z.B. auf YouTube) zu sehen sind. Die Fans fordern eine offizielle Version, die in HD mit Dolby Digital-Sound remastered und remixed wurde, genauso wie es mit NBCs ’68 Comeback oder auf dem legendären Aloha From Hawaii geschehen ist. Ich finde es sehr unfair gegenüber den Fans, Elvis‘ letzte gefilmte Auftritte nicht zu zeigen, zumal der King immer eine großartige Stimme hatte. Er hat nie seine Stimme verloren. Elvis hat damals zugestimmt, so gefilmt zu werden, wie er war. Das müssen wir respektieren.

The Memphis Flash: Also hast Du die Sache jetzt selbst in die Hand genommen und die Aufnahmen von Elvis In Concert neu aufbereitet? Wie bist Du dabei vorgegangen?

Alex Darcy: Ich habe nach den bestmöglichen Aufnahmen gesucht, habe sie bearbeitet und neu zusammengesetzt. Ich wollte auch eine Geschichte mit einer neuen Handlung erzählen. Der Film beginnt mit einem Fan-Kommentar und geht mit dem Konzert und Elvis auf der Bühne weiter. Es war ein Job, der mich über ein Jahr gekostet hat. Aufnahmen auswählen, montieren, remastern, montieren, farbkalibrieren, weiße und schwarze Skalen usw.

Ich habe auch den Sound komplett überarbeitet, neu abgemischt und auf Dolby Digital Surround 5.1 übertragen. Das Ergebnis ist ein wirklich wundervoller Sound, der den Eindruck erweckt, im selben Raum zu sein. Ein wahrhaft symphonischer Klang. Das Ergebnis ist eine Show von 2 Stunden. Auf YouTube kann man einen Trailer anschauen:

Alex Darcy: Alles ist in HD. In Zusammenarbeit mit Stephen Buttler, ebenfalls ein Fan des Konzerts, haben wir die Dialoge transkribiert und Untertitel in den verschiedenen Hauptsprachen hinzugefügt. Das ist noch nie zuvor gemacht worden.

The Memphis Flash: Ganz schön viel Arbeit.

Alex Darcy: Es ist ein Job von einem Fan für Fans, so sehe ich das. Wie gesagt, viele Fans haben darauf gewartet, diese Aufnahmen in optimaler Qualität zu sehen. Ich denke, das habe ich umgesetzt! Heute steht es zur Freude der Fans auf DVD zur Verfügung.

DVD Elvis In Concert 2019 – Foto Alex Darcy

Meine Arbeit ist die offizielle „inoffizielle“ Version von Elvis In Concert 77. Ich glaube, dass es (leider) nie eine gelungenere Version geben wird wie diese. Vielleicht später eine 16/9 Version in Full HD. Vielleicht mache ich das noch. Ich habe die Arbeit gemacht, die vor langer Zeit von CBS hätte erledigt werden sollen.

The Memphis Flash: Vielen Dank, Alex. Wer mehr über Alex Darcys Version von Elvis In Concert 2019 wissen möchte, kann sich direkt an ihn wenden unter der E-Mail adarcy@hotmail.fr.


Elvis in Concert 1977

Teil 1: Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago – 1. Mai 1977
Teil 2: Elvis in Concert 1977 – The Storyteller
Teil 3: Elvis in Concert 1977 – Showtime in Omaha und Rapid City – 19. und 21. Juni 1977
Teil 4: Elvis in Concert 1977 – das Original vom 3. Oktober 1977 (in Vorbereitung)
Teil 5: Elvis in Concert 1977 – Alex Darcy im Interview zur Neubearbeitung von 2019

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