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Am 14. Januar 1973 betrat Elvis Presley die Bühne im Honolulu International Center, um eines seiner bis heute bekanntesten Konzerte zu geben: Aloha From Hawaii Via Satellite. Der Legende nach sollen über eine Milliarde Menschen aus 40 Ländern weltweit dieses Konzert live gesehen haben.

Elvis: Aloha American Trilogy 1973

Heute weiß man längst, dass es wohl doch nicht ganz so viele Zuschauer waren, die Elvis Presley am 14. Januar live auf der Mattscheibe folgten (→ mehr zur Einschaltquote von Aloha From Hawaii). Dies wäre wegen gleich mehrerer Rahmenbedingungen 1973 schlicht nicht machbar gewesen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass Aloha From Hawaii Via Satellite dem King das größte, internationalste und wohl auch heterogenste Publikum seiner gesamten Karriere bescherte.

Reichweite sowie Internationalität des Satelliten-Specials der Superlative gaben Elvis Presley zudem die einmalige Möglichkeit für ein persönliches Statement, die er auf bemerkenswerte Weise nutzte. Nun waren öffentliche kritische Äußerungen zu politischen und gesellschaftlichen Themen etwas, das Elvis Presley bekannterweise stets vermied – jedenfalls in ihrer direkten Form.

Verpackt in die Symbolik einer Performance sah das dann schon anders aus, wie der King bei seinem Überraschungsbesuch bei Präsident Richard Nixon im Dezember 1970 andeutete, ohne allerdings bei dieser Gelegenheit das „Wie“ genauer zu erläutern:

„I do my things just by singing, Mr. President. I don’t make any speeches on stage. I just reach them in my own way.“

„Ich mache die Dinge einfach, indem ich singe, Herr Präsident. Ich halte keine Reden auf der Bühne. Ich erreiche [die Menschen] auf meine Art.“

Zitat aus: Egil „Bud“ Krogh: The Day Elvis Met Nixon (1994)

Sollte Präsident Nixon gut zwei Jahre nach dem denkwürdigen Treffen seinen Fernseher eingeschaltet haben, um sich Aloha From Hawaii anzuschauen, dann bekam er das Anschauungsmaterial für diese Aussage quasi nachgeliefert.

Was dem Zuschauer des Aloha-Konzertes sofort ins Auge springt, ist das auffällige, reich verzierte Bühnenkostüm Elvis Presleys, der „American Bald Headed Eagle-Jumpsuit“, dessen Design unübersehbar dem amerikanischen Weißkopfadler gewidmet ist.

Der ist seit 1782 das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten von Amerika und findet bis heute als Symbol weite Verbreitung im täglichen Leben, u.a. auf den Münzen der amerikanischen Währung. In dem majestätischen Adler mit seinen eindrucksvollen Schwingen sahen die Urväter der amerikanischen Nation Freiheit, Stärke, Langlebigkeit und Autorität ihres Landes verkörpert.

Auf Elvis Presleys Bühnenkostüm findet sich der Adler groß auf Brust und Rücken, kleiner auf den Ärmeln, den Hosenbeinen und dem Gürtel des Einteilers, wo er sich jeweils mosaikartig aus einer Vielzahl vor allem roter, blauer, silberner und goldener Steine verschiedener Art, Größe und Form zusammensetzt. Manche der Steine sind aus Strass, andere wieder nicht, ergänzt werden sie von goldenen und silbernen Sternen um die Adler herum.

Die Sterne symbolisieren offenbar den Himmel, den Lebensraum des Königs der Lüfte, während die Steine, aus denen sich der Adler zusammensetzt, mit ihren unterschiedlichen Größen, Farben und Formen für die Vielseitigkeit der Nation selbst stehen.

Eindrucksvoll auch das zum Bühnenkostüm gehörende Cape, das ausgebreitet die majestätischen Schwingen des Adlers symbolisiert.

Elvis Presley hatte sich also für seinen internationalen Auftritt der Superlative im Januar 1973 die amerikanische Identität sozusagen auf den Leib schneidern lassen und präsentierte sich einem internationalen Publikum als personifiziertes Wahrzeichen Amerikas. Und das war alles andere als ein Zufall.

Der personifizierte American Dream

Fast auf den Tag zwei Jahre vor dem Aloha-Konzert – und kurz nach seinem Besuch im Weißen Haus – wurde Elvis Presley eine der höchsten Auszeichnungen zuteil, die ein amerikanischer Bürger zu dieser Zeit erhalten konnte: Am 16. Januar 1971 wurde er vom United States Junior Chamber of Commerce als einer der 10 Outstanding Young Men of the Nation des Jahres 1970 mit dem Jaycee-Award ausgezeichnet.

Auf dem Foto oben: Jaycee-Preisträger Elvis Presley mit Thomas I. Atkins, Jurist, Bürgerrechtsaktivist und Mitstreiter von Martin Luther King, und ihren symbolträchtigen Awards: zwei Hände, die sich berühren.

In seiner selbstverfassten kurzen Dankesrede vor der Jury und den anderen Preisträgern, darunter der afroamerikanische Bürgerrechtsaktivist Thomas I. Atkins, stellte Elvis Presley einen direkten Bezug zwischen seiner Kindheit als armer Landarbeiterjunge aus dem Süden, den großen Träumen kleiner Jungen von Heldentum und Ruhm und der Erfüllung des American Dream her (→ mehr zu den Jaycees und der Dankesrede).

Audio von Elvis Presleys Dankesrede bei der Verleihung des Jaycee-Awards 1971

Elvis Presley glaube also fest an die schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung verankerte Vision vom amerikanischen Traum, die im Kern besagt, dass alle Bürger der Vereinigten Staaten die Chance haben, durch eigene Anstrengung und Wahrnehmung ihrer Möglichkeiten Erfolg zu haben und ihr Glück zu finden.

Sich selbst sah er als lebenden Beweis dafür, was er nicht nur bei der Befragung durch die Jury der Jaycees 1971, sondern auch bei seinen Besuchen im Weißen Haus und dem Headquarter des FBI im Dezember 1970 zu Protokoll gab.

Mehr noch: Diese Vision musste bewahrt und verteidigt werden – besonders in Zeiten wie den späten 1960er, frühen 1970er Jahren, in denen sich das Nation in einem fast bürgerkriegsartigen Zustand befand (Buchtipp Mark H. Lytle: Americas Uncivil Wars, The Sixties Era from Elvis to the Fall of Richard Nixon, 2005).

In einer Zeit, in denen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, der viele Opfer forderte, in brutale Straßenschlachten ausarteten, die einst friedliche Bürgerrechtsbewegung sich nach der Ermordung Dr. Martin Luther Kings in Elvis‘ Heimatstadt Memphis gefährlich radikalisierte und eine selig berauschte Hippie-Generation den Cannabis-Konsum ihrer Kinder ganz in Ordnung fand.

„Promised Land“ war in Gefahr. Seine Landsleute und die Welt „da draußen“ daran zu erinnern, was großartig an der Vision der Gründerväter der Vereingten Staaten von Amerika war, sich auf ihre ursprünglichen Werte, ihre Stärken zu besinnen und „antiamerikanische Tendenzen“ zurückzudrängen, war das Gebot der Stunde. Hier sah Jaycee-Preisträger Elvis Presley sich offenbar persönlich in der Pflicht.

Schließlich vertreten die Jaycees die Auffassung, dass positive gesellschaftliche Entwicklungen nur in begrenztem Umfang durch Maßnahmen von Regierungen erreicht werden können. Sie werden laut Jaycees eher durch die Initiativen verantwortungsbewußter Bürger in Gang gesetzt, die durch ihr lokales, nationales und internationales Engagement und soziales Veranwortungsbewusstsein Positives zugunsten aller bewirken.

American Trilogy: Elvis‘ Plädoyer für Integration

Als Performer nutzte Elvis Presley sein besonderes Talent beim Aloha-Konzert für die Kommunikation dieser Überzeugung, indem er sich im Wahrzeichen Amerikas den eigenen Landsleuten ebenso wie dem internationalen Publikum präsentierte und eben nicht – wie erwartet – einen seiner weltbekannten Hits, sondern seine Interpretation von Mickey Newburys American Trilogy zum Höhepunkt des Konzerts machte.

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Wenn heute von Elvis In Concert gesprochen wird, dann ist damit meistens ein seit Ende der 1990er Jahre ziemlich erfolgreiches Konzertformat gemeint, das den toten Elvis auf der Bühne sozusagen wiederauferstehen lässt, indem man ihn als überdimensionale Videoprojektion zeigt, während seine ehemaligen Musiker live dazu spielen. Mehr posthume Ersatzhandlung für zu spät geborene Elvis-Fans, die ihn nie live haben erleben können, dürfte es kaum geben.

Bei so viel Enthusiasmus für „Elvis live“ im Hier und Heute verwundert es allerdings, dass ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des TV-Senders CBS, nämlich das eigentliche Elvis In Concert aus dem Jahr 1977, praktisch völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein und auch dem vieler Fans verschwunden ist.

Elvis Presley im Juni 1977 – zu sehen in Elvis In Concert – Foto: Alex Darcy

Wenn Elvis live immer noch eine solche Bombe ist, die sich gut vermarkten lässt – es hagelt regelmäßig teure Boxsets wie etwa Elvis Live 69, das legendäre ’68 Comeback Special und die Fortsetzung Elvis Unleashed wurden 2018/2019 in vielen Ländern (auch in Deutschland) sogar im Kino gezeigt – warum wird dann ausgerechnet die letzte Konzertdokumentation des King totgeschwiegen?

Einer der dazu etwas sagen kann, ist der im Elsass geborene Schauspieler, Regisseur, Autor und Drehbuchautor Alex Darcy, der heute in Paris lebt, seit langem ein großer Elvis-Fan ist und Elvis in Concert von 1977 auf seine ganz eigene Weise zu neuem Glanz verhelfen möchte. Im Interview (übersetzt aus dem Französischen) verrät er, was ihn dabei antreibt.

INTERVIEW

The Memphis Flash: Alex, verrate uns, wie lange bist Du schon Elvis-Fan und was fasziniert Dich bis heute besonders am King?

Alex Darcy: Ich war 16, als ich Elvis zum ersten Mal im Fernsehen sah. Es war sein Todestag – das französische Fernsehen zeichnete sein Leben nach. Diese wenigen Minuten der Berichterstattung hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte Elvis noch nie zuvor gesehen oder gehört. Zuerst war ich von seinem guten Aussehen und der Art, wie er sich auf der Bühne bewegte, berührt. Sein Stil war so einzigartig: ernst und frech! Es war eine Offenbarung.

Ich hatte noch nie jemanden mit seinem Körper tun sehen, was Elvis auf der Bühne tat. Totale Freiheit, total ungehemmt, aber sehr beherrscht. Von einem Tag auf den anderen trat Elvis in mein Leben, um niemals wieder zu gehen. Ich interessierte mich für ihn als Ganzes, ich wollte alles über ihn wissen. Und je mehr ich wusste, desto mehr faszinierte er mich.

Ein großer Elvis-Fan: Alex Darcy – Foto: Alex Darcy

Sein Leben, seine Karriere, sein Erfolg, seine große Großzügigkeit, seine Sorgen, dann sein Tod unter ziemlich schmerzhaften Bedingungen. Er hatte alles, um mir zu gefallen. Diese schöne Baritonstimme, eine Stimme wie Honig und doch mit Kraft, mit Wut darin. Es ist eine sinnliche Stimme – männlich und weiblich zugleich. Auch seine Art sich anzuziehen, sich in Szene zu setzen, fasziniert mich. Wenn er einen Raum betrat, lag etwas in der Luft, etwas, das man nicht beschreiben, aber fühlen kann. Seit 42 Jahren begleitet er mich und ich habe noch nie dasselbe für einen anderen Sänger empfunden. Elvis ist einzigartig!

The Memphis Flash: Ja, Elvis hatte zweifellos das, was man Charisma nennt. Jetzt interessierst Du Dich ja vor allem für den „späten“ Elvis, also den Elvis der 1970er Jahre. Woher kommt das?

Alex Darcy: „Spät“! Nein, ich interessiere mich für alles, was Elvis gemacht hat. Absolut alles. Rock’n’Roll, Liebeslieder, Filme, die Shows in Las Vegas, seine Konzerte. Die „späte“ Zeit, wie Du sagst, ist mir aber näher, weil ich die 1950er nicht erlebt habe. Die 1970er Jahre waren für Elvis fabelhaft. Er war bereits zum Mythos, zur Legende geworden. Seine Bühnenkostüme, seine humorvollen Bühnenauftritte, diese besondere Art, mit seinem Publikum umzugehen, faszinieren mich. Ich habe das riesige Konzert „Aloha From Hawaii“ leider nicht live gesehen, aber als ich es ein paar Jahre später sah, war für mich endgültig klar, dass Elvis der größte Showman aller Zeiten war.

Der größte Showman – Elvis in Aloha From Hawaii 1973.

The Memphis Flash: Jetzt wird der Elvis der 1970er aber sowohl von Musikkritikern als auch von vielen Fans durchaus kritisch gesehen. Die gängige Haltung ist, dass Elvis nach seinem berühmten Comeback 1968 nur noch eine kurze Phase der musikalischen Kreativität hatte und dann weder im Aufnahmestudio noch auf der Bühne etwas wirklich Hörens- und Sehenswertes zu bieten hatte. Warum wird das so gesehen – und wie stehst Du dazu?

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