Elvis Presleys Blue Moon

Ziemlich genau 15 Jahre bevor der amerikanische Astronaut Neil Armstrong im Sommer 1969 als erster Mensch den Mond betrat, setzte Elvis Presley unserem Lieblingsplaneten ein musikalisches Denkmal mit dem Song Blue Moon. Geniale Voraussicht des King, oder?

Elvis Presley und der Blue Moon.

Ein halbes Jahrhundert nach der ersten Mondlandung und 65 Jahre nach Elvis‘ Aufnahme in Sam Phillips legendärem Sun-Studio in Memphis wird das jedenfalls ganz gerne so gesehen, zumal Blue Moon vom Sommer 1954 eine sehr ungewöhnliche Aufnahme für den „Rockabilly-Elvis“ aus den guten alten Sun-Tagen ist. Zumindest scheint das so – auf den ersten Blick.

Zu ungewöhnlich jedenfalls für Studioinhaber Sam Phillips, der nach der ersten erfolgreichen Single That’s All Right/Blue Moon Of Kentucky lieber etwas in dieselbe Richtung folgen lassen wollte.

Blue Moon wurde jedenfalls nie bei Sun veröffentlicht, sondern erschien erst nach Elvis Presleys Wechsel zum Plattenlabel RCA im März 1956 auf der ersten LP des King mit dem schlichten Titel Elvis Presley. Und ein halbes Jahr später dann gemeinsam mit Just Because – ebenfalls bei Sun aufgenommen – auf Single.

Elvis Presley Blue Moon – Boxset A Boy From Tupelo, 2012

Ein Chartstürmer wurde Blue Moon bei Label RCA nicht – dennoch gilt der Song heute zurecht als Elvis-Klassiker. Doch wo kommt der eigentlich her?

Blue Moon startet als Prayer

Blue Moon ist eigentlich ein klassischer Pop-Song – 1933 komponiert von Richard Rodgers und Lorenz Hart für den Hollywoodstreifen Hollywood Party mit Clark Gable und Myrna Loy. Darin wurde er – damals noch unter dem Titel Prayer und mit einem völlig anderen Text als dem heute bekannten – allerdings dann doch nicht verwendet.

Von den Komponisten mit einem neuem Text versehen, war Blue Moon ein Jahr später in einem anderen Hollywoodfilm, und zwar Manhattan Melodrama, zu hören. Allerdings hieß die Komposition jetzt It’s Just That Kind of Play und sie hat ebenfalls wenig mit dem Elvis-Song gemein.

Blue Moon unter dem Titel It’s Just That Kind of Play von Shirley Ross aus dem Film Manhattan Melodrama (1934):

Ein Hit wurde der Song in dieser Manhattan Melodrama-Version auch nicht – ein neuer, „kommerziellerer“ Songtext sollte es richten. Also machten sich die Komponisten, durchaus widerwillig, noch einmal ans Werk – und das war das Ergebnis:

Blue moon
You saw me standing alone
without a dream in my heart
without a love on my own.

Blue moon
You knew just what I was there for
you heard me saying a prayer for
somebody I really could care for

And then there suddenly appeared before me
the only one my arms will ever hold
I heard somebody whisper, „Please adore me“
and when I looked
the moon had turned to gold.

Blue moon
now I’m lo longer alone
without a dream in my heart
without a love on my own

Der neue Liedtext hat gleich mehrere Bedeutungsebenen: „blue moon“ verweist auf den Glauben an ein sehr seltenes Phänomen, bei dem der Vollmond zweimal kurz hintereinander (in einem Kalendermonat) zu sehen sein soll. Daraus leitet sich die englische Redewendung „once in a blue moon“ ab, mit der Ereignisse beschrieben werden, die höchst selten bis nie eintreten. Außerdem steckt natürlich das Adjektiv „blue“ im Songtitel, das übersetzt sowohl „blau“ als auch „traurig“ heißen kann.

So wie der Song von Rodgers und Hart aufgebaut ist, findet der zu Beginn einsame und daher traurige Sänger (oder die traurige Sängerin) schließlich doch die wenig wahrscheinliche große Liebe. Ein klassisches Liebeslied mit Happy End.

Mit diesem neuen Text schaffte es Billy Eckstines Jazz-Version 1947 in die Charts, allerdings auch ohne ein ganz großer Hit zu werden …

… und hier die Version der großen Billy Holiday aus dem Jahr 1952.

Sehr populär und ein Nummer-Eins-Hit wurde Blue Moon erst viel später in der völlig anders klingenden Doo Wop-Version von The Marcels Anfang der 1960er, die wohl (fast) jeder schon mal gehört hat. Von Elvis‘ Version ebenfalls weit entfernt, allerings mit Rodgers und Harts ursprünglichen Blue Moon-Text…

Elvis Presleys Crossover

Woher Elvis den Song, von dem es inzwischen Hunderte Cover-Versionen gibt, kannte und wer oder was ihn dazu inspirierte, Blue Moon aufzunehmen, ist bis heute unbekannt. Er selbst hat sich zur Songauswahl – wie in den meisten anderen Fällen – nicht geäußert, und auch Studioinhaber Sam Phillips konnte dazu leider keine genauen Angaben machen.

Der 19-jährige Elvis Presley im Nachclub Eagle’s Nest in Memphis, wo er im Sommer 1954 auftrat, etwa zu der Zeit als er Blue Moon aufnahm – Foto: Boxset The Boy From Tupelo, 2012

Man ging lange davon aus, dass Blue Moon am 19. August 1954 – also bei der zweiten professionellen Aufnahmesession von Elvis mit Scotty Moore und Bill Black im Sun Studio – eingespielt wurde. Aber selbst das gilt heute nicht mehr als sicher, da Sam Phillips ein auffälliger Fehler bei der Beschriftung der Bandaufnahme unterlief.

Seltsam ist, dass er – obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits eine erfolgreiche Single mit dem 19-jährigen Teenager Elvis Presley am Markt hatte und ganz auf ihn als Talent setzte – seinen Vor- und Nachnamen falsch vermerkte als: A. Pressley.

Das Original Scotch Magnetic Tape mit Blue Moon aus dem Besitz von Sam Phillips – Foto: Boxset A Boy From Tupelo, 2012

Man nimmt daher heute an, dass die Aufnahme eher etwas früher entstanden ist, vielleicht bei der ersten Aufnahmesession im Juli, bei der die Sun-Erfolgssingle  – That’s All Right/Blue Moon Of Kentucky – eingespielt wurde. Würde auch erklären, wieso sich Elvis‘ Musiker ab dieser Zeit ausgerechnet „Blue Moon Boys“ nannten, wobei der blaue Mond natürlich auch im Songtitel „Blue Moon Of Kentucky“ steckt. Ganz schön viel Rätselraten rund um den blauen Mond…

Sicher hingegen ist, dass hier ein ganz junger Elvis zu hören ist, der dennoch genau weiß, wie er Blue Moon interpretieren möchte. Denn alle erhaltenen Takes/Aufnahmeversuche sind sehr ähnlich, wenn auch unterschiedlich lang.

Hier kommen Nummer 1 bis 8 vom Boxset A Boy From Tupelo (2012) in der entsprechenden Reihenfolge. Elvis begleitet sich dazu auf der Akustikgitarre – ebenfalls zu hören sind Scotty Moore (Gitarre) und Bill Black (Bass).

Zwei Dinge fallen sofort auf: Elvis konzentriert sich ganz auf die ersten beiden Strophen, die letzten beiden – in denen der Song eine positive Wendung hin zum Liebesglück nimmt – lässt er ganz weg…

Blue moon
You saw me standing alone
Without a dream in my heart
Without a love of my own

Blue moon
You knew just what I was there for
You heard me saying a prayer for
Someone I really could care for

… und ergänzt dafür eine Art wortlosen Klagegesang im Falsett, also einen sehr hohen Ton, der an einen den Mond anheulenden (einsamen) Wolf erinnert.

Der Gesang wird begleitet von einem minimalistischen Sound, der ein trottendes Pferd assoziiert, so dass der Zuhörer die Schluss-Sequenz eines alten Westerns auf der großen Kinoleinwand vor Augen hat, bei dem der einsame Cowboy mit dem Rücken zum Zuschauer in den Horizont reitet.

Alles in allem kann man das Stück getrost als „hypnotisch“ bezeichnen. Und es hat so gar nichts mit den vorherigen Versionen des Songs zu tun. Der Pop-Song hat hier die Struktur eines Blues bekommen.

Was Teenager Elvis Presley zu dieser Songintepretation inspiriert hat, kann man nur erahnen. Offensichtlich spielte die Assoziation „Mond – Einsamkeit – heulender Wolf“ eine entscheidende Rolle, sonst hätte er aus dem Popsong mit optimistischem Liebesglück-Happy-End nicht etwas so völlig anderes kreiert.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Studioinhaber Sam Phillips, der Elvis Presley im Sommer 1954 langsam näher kennenlernt, sein Nachwuchstalent gegenüber Biograf Peter Guralnick beschreibt, nämlich als eine einerseits extrem intovertierte, dabei aber auch sehr entschlossene Persönlichkeit:

„He was, innately, Sam [Phillips] thought, one of the most introverted people who had ever come into the studio, but for that reason one of the bravest, too. He reminded Sam of many of the great early blues singers who had come into his studio, ‚his insecurity was so markedly like that of a black person‘. […] But what struck Sam the most was his quality of genuine humility, humility mixed with intense determination.“

Zitiert nach Peter Guralnick: Sam Phillips – The Man Who Invented Rock ’n‘ Roll, 2015

Dass der junge Elvis Presley musikalisch hochtalentiert ist, daran hat Phillips von Anfang an keinen Zweifel, wie er Peter Guralnick Jahrzehnte später erzählt. Was er im Verlauf der Zusammenarbeit weiter entdeckt, etwa ein photografisches Gedächtnis und eine extrem schnelle Auffassungsgabe, findet sich bei Guralnick so:

„And yet, as he got to know the boy, he continued to discover surprising inner reserves. He had, certainly, recognized his extraordinary feeling for music from the first, his extraordinary sensitivity in fact to everything that was going on around him. But he hadn’t necessarily picked up on an intellect that was equally extraordinary in its own way. There was, to begin with, his photographic memory – the boy only had to hear a song once, he never failed to take in anything that was said to him, he possessed the born mimic’s ability to reproduce and transmute virtually anything that he observed. But more than that, he possessed a thirst for knowledge, he possessed a voraciousness for a world of experience and imagination that went far beyond his limited exposure to it.“

Zitiert nach Peter Guralnick: Sam Phillips – The Man Who Invented Rock ’n‘ Roll, 2015

Man kann also davon ausgehen, dass Elvis‘ hypnotische Blue Moon-Interpretation ebenso wenig ein Zufalltreffer war wie die erste Erfolgsscheibe That’s All Right und die vielen vielen Hits, die später folgen sollten. Das machen Sam Phillips Äußerungen unmissverständlich klar.

Phillips Aussagen bieten auch einen willkommenen Gegenpol zu Elvis Presleys eigenen, in denen er seine Fähigkeiten praktisch immer selbstironisch herunterspielt, so als sei seine Karriere nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Zufallstreffern des armen „Jungen aus Tupelo“, als wäre er selbst nichts weiter als ein „idiot savant“.

Im Gegensatz zu Sam Phillips ist die Welt Elvis Presley dabei ganz schön auf den Leim gegangen. Introvertiert und selbstironisch hat Elvis Presley sich dann übrigens doch zumindest einmal zu seiner hypnotischen Blue Moon-Version geäußert. Und im klassischen Elvis-Style geht das so:

„When I recorded ‚Blue Moon‘ I didn’t know the words to it. When I got to the bridge, I just started yelling.“

Elvis Presley zitiert nach Boxset A Boy From Tupelo, 2012

Alles klar, Elvis ;-).

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