If I Can Dream: Elvis, Martin Luther King und Bobby Kennedy

Ausgeruht, fit und voll motiviert meldet sich Elvis Presley am 3. Juni 1968 aus dem Hawai-Urlaub zurück im Büro von Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe auf dem Sunset Boulevard in Los Angeles.

Der King ist startbereit für die Proben zum geplanten Fernseh-Special JUST ELVIS, heute besser bekannt als ’68 Comeback Special. Und die finden zunächst in den Räumen von Binder und Howe statt.

Elvis Presley 1968 – Foto: ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Wie Binder und Howe Elvis im Mai versprochen haben, soll das Special – wie der Arbeitstitel JUST ELVIS schon nahelegt – ganz auf ihn zugeschnitten sein. Entsprechend haben die Drehbuchautoren Chris Bearde und Alan Blye den Urlaub des Memphis Flash vor allem dazu genutzt,  an Vision und Konzept der Fernsehshow zu arbeiten, die als eine Art Semidokumentation der bisherigen Karriere Elvis Presleys geplant ist.

Was das Team Elvis Anfang Juni als Story vorstellt, ist ein erster Entwurf, den es jetzt noch mit Leben zu füllen gilt. Genau deswegen ist Elvis Presley von jetzt an täglich vor Ort – also auch am Mittwoch, den 5. Juni 1968.

An diesem Tag kommt es in Los Angeles zu einem tragischen Ereignis, das nicht nur amerikanische Geschichte schreibt, sondern auch das Drehbuch des ’68 Comeback Special maßgeblich beeinflusst.

Senator Robert F. Kennedy (1925-1968), der für die demokratische Partei als Präsidentschaftskandidat für die Wahlen 1969 im Gespräch ist und der durchaus gute Chancen auf das Amt hat, fällt nach einer Rede auf einer Wahlkampfveranstaltung im Ambassador Hotel einem Attentat zum Opfer. Der Attentäter Sirhan Sirhan (*1944) – ein junger Palästinenser, der mit seinen Eltern in den 1950ern in die USA einwanderte – kann noch am Tatort verhaftet werden.

Bobby Kennedy, der jüngere Bruder des 1963 in Dallas/Texas ebenfalls von einem Attentäter getöteten Präsidenten John F. Kennedy, stirbt in den frühen Morgenstunden des 6. Juni an den Folgen seiner Schussverletzung.

Wofür Robert „Bobby“ Kennedy politisch steht, das geht unter anderem aus seiner letzten Rede wenige Minuten vor dem Attentat am 5. Juni 1968 hervor, die im nachfolgenden Video zu hören ist.

Kennedy verspricht in seiner letzten Rede erneut, dass er sich als Präsidentschaftskandidat dafür einsetzen werde, etwas gegen die soziale Ungerechtigkeit in der amerikanischen Gesellschaft, die gravierenden Unterschiede in den Lebensbedingungen von Armen und Reichen, Weißen und Afroamerikanern zu tun und sich für ein Ende des Vietnamkrieges einzusetzen. Alles Brennpunktthemen der damaligen Zeit (und leider teilweise auch der heutigen).

Dabei schwört er seine Zuhörer auf die Qualitäten Amerikas als ein Land ein, dessen Volk mitfühlend und stark in der Gemeinschaft und daher auch in der Lage sei, bestehende Konflikte friedlich zu lösen.

Die Nachricht vom Attentat auf Robert Kennedy erreicht das Team um Regisseur Steve Binder, als alle inklusive Elvis in den Räumen der Produktionsfirma von Binder und Howe anwesend sind, um zu proben und weiter an dem Drehbuch für JUST ELVIS zu arbeiten.

Als die Nachricht vom Attentat die Runde macht, versammeln sich alle vor dem Fernseher und verfolgen schockiert die Berichterstattung. Steve Binder beschreibt die Situation so:

„Then, while we were in rehearsals and we were still at my offices on Sunset Boulevard, Bobby Kennedy was assasinated live on television. One of the TVs was on in one of the other rooms, and we heard this commotion. All of us ran into the other room to see what was happening, and Bobby Kennedy had just been shot by Sirhan Sirhan. […] We just forgot about the show and spent the rest of the night talking about what was happening to our country.“

Steve Binder, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Drehbuchautor Chris Bearde bestätigt die Reaktion der Anwesenden:

„On that little black and white TV were live pictures of the Robert F. Kennedy assasination at the Ambassador Hotel. In that room was Elvis, all of us. And we were just flabbergasted. We were…“

Chris Bearde, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Womit zu diesem Zeitpunkt keiner rechnet, ist Elvis Presleys zutiefst persönliche Reaktion auf die Ereignisse. Er ist offenbar so aufgewühlt durch das Geschehen, dass er die für ihn typische vorsichtige Zurückhaltung aufgibt, aus sich herausgeht und erstmals von sich erzählt – seine Lebensgeschichte aus seiner Sicht erzählt. Und er tut es, indem er sich dazu auf der Gitarre begleitet und immer wieder die unterschiedlichsten Songs singt – über Stunden, wie Chris Bearde beschreibt:

„After we saw this, we turned and watched Elvis, and Elvis changed. He picked up a guitar. And he started playing it. And as he played it, we all realized he could play the guitar, because we didn’t know he could. We thought he just strummed. But he was picking it, he was picking these songs, and he was talking at a mile a minute. And it was like he was transformed by watching this. In fact, we were all transformed by watching this, but we didn’t know what to do. Then Elvis told us, from whatever time that happend ‚til maybe four in the morning, his life story. he told us this whole entire story.“

Chris Bearde, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Genau an diesem Punkt erkennen die Macher des Specials in der ganzen Dimension, dass sie es hier mit einem Künstler zu tun haben, dessen persönliches Ausdrucksmittel tatsächlich seine Musik ist. Die Musik ist nicht einfach ein Vehikel für den legendären Star.

Die Persönlichkeit, die hinter dem Star steckt, und zu der sie durch das tragische Ereignis des Kennedy-Attentats überraschend Zugang bekommen, findet das Team tiefgründiger und erzählenswerter als den Star.

Elvis spricht an diese Abend erstmals davon, wie wichtig für ihn ganz persönlich Toleranz, Brüderlichkeit und eine lebensbejahende Grundeinstellung sind. Und genau das wollen die Macher nun im TV-Special auch transportieren, das Drehbuch in der Folge entsprechend anpassen:

„We all looked at each other and said: ‚Hey, this is what we gotta do. We gotta do this. Let’s weave this reality with all this songs into the legendary Elvis that we already had planned.‘ It was one of those moments in television history where what we did was exactly what you saw. There was no pretense. That was it.“

Chris Bearde, zitiert nach ’68 Comeback Special 50th Anniversary Edition, 2018

Elvis selbst gibt also den entscheidenen Impuls für das Drehbuch des ’68 Comeback-Special, wie auch Musikproduzent Bones Howe bestätigt: „Elvis was really the engine that made it go.“

Gegen soziale Ungerechtigkeit

Nur was genau hat Elvis Presley an diesem Abend des 5. und in den frühen Morgenstunden es 6. Juni erzählt und gespielt? Im genauen Wortlaut ist das nicht erhalten, aber man kann es anhand der Zeitzeugenaussagen und letztlich dem TV-Special selbst gut herleiten.

Laut Chris Bearde hat er offensichtlich von seiner Herkunft erzählt, seiner Kindheit als „poor white trash“ (weißer Abschaum), wie die Amerikaner wenig schmeichelhaft die weiße Landarbeiterbevölkerung der Südstaaten nennen, die nach ihrer Ansicht praktisch auf derselben niedrigen sozialen Stufe steht wie die afroamerikanische.

Soziale Benachteiligung, das „Ganz-unten-sein“, hat der „white nigger“ schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Aber eben auch die Realisierung der Hoffnung, dass sich der amerikanische Traum dennoch erfüllen kann. Dass „Promised Land“ keine Illusion ist, dafür sieht er als Beweis seine beeindruckende Karriere.

Elvis Presley hat sich sein Leben lang stark mit der Kultur der amerkanischen Südstaaten – der „weißen“ und der „schwarzen“ – identifiziert. Und die ist lange geprägt von Armut und der hochsensiblen Gemengelage aus staatlich vorgegebener Rassentrennung und friedlichem Widerstand gegen dieselbe.

Ein Widerstand ohne politische Agenda, motiviert vom Glauben, von Humanität und der Liebe zur Musik und ihren Künstlern. So wie ihn etwa Musikproduzent und „Elvis-Entdecker“ Sam Phillips, Radiomoderator Dewey Phillips und letztlich Elvis Presley selbst musikalisch ab den frühen 1950ern einfach lebten (→ I just loved music, all type of music).

Keiner der drei – alle im tiefsten Süden der USA geboren und aufgewachsen – ist je gegen die Rassentrennung politisch auf die Barrikaden gegangen (was man ihnen immer wieder vorwirft). Dennoch haben sie auf ihre Weise viel bewirkt: Integration über Musik – frei nach Dewey Phillips Prinzip „good music for good people“ – Musik hat keine Hautfarbe.

Die Ermordung Robert Kennedys, der sich für sozial Benachteiligte und die afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung einsetzt – einem, der nach eigener Aussage die Bevölkerung friedlich vereinen möchte, ist im Juni 1968 also nachvollziehbar ebenso ein Schock für Elvis Presley wie die Ermordung des afroamerikanschen Bürgerrechtlers Martin Luther King (1929-1968) zwei Monate zuvor am 4. April 1968 in Memphis/Tennessee.

Berühmt ist Robert Kennedys spontane und emotionale Rede unmittelbar nach dem Attentat auf Martin Luther King, in der er die amerikanische Bevölkerung einmal mehr auf ihre Gemeinsamkeiten statt auf ihre Differenzen einzuschwören versucht.

In dieser schicksalhaften Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1968 sprechen Elvis Presley, Steve Binder und die Drehbuchautoren Chris Bearde und Alan Blye auch über Martin Luther King:

„We like all Americans were stunned, and I remember spending all night with Chris, Allan and Elvis talking about what had happened since Martin Luther King and John Kennedy were gunned down. And now with Bobby, we both wondered what was happening to our country.“

Steve Binder zitiert nach ’68 At 40 Retrospective, 2008

Als der Bürgerrechtler Anfang April in Elvis‘ Heimatstadt Memphis von dem Attentäter James Earl Ray (1925-1998) ermordet wird, hält sich der Memphis Flash wegen der Dreharbeiten zu seinem Film „Live A Little, Love A Little“ (Liebling, lass‘ das Lügen, 1968) mit seiner Familie zwar in Kalifornien auf, verfolgt die Ereignisse aber sehr genau.

Die Reaktion Elvis Presleys auf die Ermordung Martin Luther Kings ist ebenso intensiv wie die auf Robert Kennedys. Bezeugen kann das Schauspielkollegin Celeste Yarnall, die nach eigener Aussage in einer Drehpause zu Live A Little, Love A Little gemeinsam mit ihm die Beerdigung Kings im Fernsehen verfolgt:

„He was a darling man, a real sweetheart, a southern gentleman. He really cared about other people. I remember him crying on my shoulder in the trailer during the funeral of Martin Luther King. He felt a real kinship with the black community due to his musical roots coming from black music. He was devastated and greatly saddened by Martin Luther King’s death. He also sang Amazing Grace to me in the trailer, acappella.“

Celeste Yarnall im Interview mit Nigel Patterson, 2002

Kein Wunder, denn nach Aussage Jerry Schillings, einem langjährigen Weggefährten Elvis Presleys, ist der ein großer Anhänger Martin Luther Kings und kann den Wortlaut der berühmten Berggipfelrede des Bürgerrechtlers (bekannt als „I Have A Dream„, 1963) wortgetreu zitieren.

In dieser beeindruckenden Rede spricht der Baptistenpastor von seinem großen Traum, dass eines Tages Afroamerikaner in den USA wirklich gleichberechtigt sind und friedlich mit ihren weißen Brüdern und Schwestern zusammenleben können. Er habe das „Gelobte Land“ vom Gipfel des Bergs aus sehen können, so King:

Aus I Have A Dream wird If I Can Dream

Das lange Gespräch mit Elvis Presley überzeugt Binder, dass sie für das TV-Special ein großes Finale benötigen, in dem der Glaube des Musikers an Toleranz und soziale Gerechtigkeit zum Ausdruck kommt.

Spontan beauftragt der Regisseur den Komponisten Walter Earl Brown (1928-2008) damit, gemeinsam mit Arrangeur Billy Goldenberg für Elvis Presley einen „signature song“ zu komponieren, der seine Überzeugungen zum Ausdruck bringt… und ganz nebenbei auch das Problem löst, den als unpassend empfundenen Wunsch von Presleys Manager Parker, das TV-Special mit einem Weihnachtsongs zu beenden, endtültig ad acta zu legen.

Gesagt, getan. Brown greift die Berggipfelrede von Martin Luther King auf und verbindet sie mit den Aussagen Elvis Presleys zum Liedtext von If I Can Dream:

If I Can Dream

There must be lights burning brighter somewhere
Got to be birds flying higher in a sky more blue
If I can dream of a better land
Where all my brothers walk hand in hand
Tell me why, oh why, oh why can’t my dream come true
oh why
There must be peace and understanding sometime
Strong winds of promise that will blow away the doubt and fear
If I can dream of a warmer sun
Where hope keeps shining on everyone
Tell me why, oh why, oh why won’t that sun appear
We’re lost in a cloud
With too much rain
We’re trapped in a world
That’s troubled with pain
But as long as a man
Has the strength to dream
He can redeem his soul and fly
Deep in my heart there’s a trembling question
Still I am sure that the answer gonna come somehow
Out there in the dark, there’s a beckoning candle
And while I can think, while I can talk
While I can stand, while I can walk
While I can dream, please let my dream
Come true, right now
Let it come true right now
Oh yeah

Anders als geplant, liefert Brown auch gleich die Melodie mit. Die sollte eigentlich von Billy Goldenberg kommen. Der wiederum findet nichts, was er an Browns Melodie noch verbessern könnte, und überlässt dem Kollegen anerkennend und großzügig alle Rechte an der Komposition – ein Klassiker ist geboren.

Und Elvis? Der lässt sich If I Can Dream aufmerksam und ruhig bis zu sechs Mal von Brown, der sich am Piano begleitet, vorsingen, um dann ganz schlicht zu verkünden: Ich mach’s. Und wie er das macht.

Am 23. Juni 1968 findet der King sich im Studio Western Recorders ein. Steve Binder erinnert sich, dass Elvis, nachdem Band und Orchester nach getaner Arbeit schon nach Hause gegangen sind, ihn darum bittet, If I Can Dream noch einmal für ihn abzuspielen.

Zur Überraschung Binders und der kleinen Gruppe Techniker und Musiker, die noch anwesend sind, hört er aber nicht einfach nur zu, sondern beginnt den Song zu performen und sich dabei emotional so zu verausgaben, dass er schließlich – alles um sich herum vergessend – auf dem Boden liegt. Es ist dieser Moment, in dem Regisseur Binder den wahren Elvis – den Menschen hinter dem Image zu erkennen glaubt:

„The lyrics to ‚If I Can Dream‘ were my impression of who Elvis Presley really was behind the scenes, not about show business, but his philosophy of life. […] I wish we had filmed him doing the tracks to ‚If I Can Dream‘ at Western Studios. That was the magic. The television was nothing compared to what we saw, when he was laying down a dummy track onto the orchestration. It was an unbelievable moment behind the scenes. By the end of the song he was literally writhing on the floor, in the dark, singing the lyrics.“

Steve Binder, zitiert nach Allen J. Wiener: Channeling Elvis, 2014

Auch wenn die Version von If I Can Dream, die im Finale des TV-Specials zu sehen und zu hören ist, laut Binder in Sachen Emotion nicht an die „Privatvorführung“ im Studio heranreichen mag, so ist sie dennoch als Statement außerordentlich beeindruckend – und das auch noch mehr als ein halbes Jahrhundert später.


Serie ’68 Comeback Special ELVIS

Teil 1: ELVIS 1968 – Prelude
Teil 2: Just Elvis – Vision und Konzept des ’68 Comeback-Specials
Teil 3: Aufnahmesession: Inside Western Recorders – 20. bis 23. Juni 1968
Teil 4: If I Can Dream: Elvis, Martin Luther King und Bobby Kennedy
Teil 5: Der Klassiker – Elvis unplugged (in Arbeit)
Teil 6: Spotlight 3. Dezember 1968: Singer presents ELVIS (in Arbeit)

1 Antwort
  1. Matthias Konradt
    Matthias Konradt says:

    Artikel -wie dieser – gehören für mich zum Besten, Intelligentesten, fachkundigsten und gleichzeitig liebevollsten,was über Elvis in den letzten Jahrzehnten geschrieben wurde.DANKE, Memphis Flash.Besser geht nicht!!!!

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