Wise Men Say…

Die romantische Ballade Can’t Help Falling In Love aus dem Film Blue Hawaii (dt. Blaues Hawai, 1961) ist der weltweit beliebteste Elvis-Song. Von den mehr als 700 Songs, die der King im Laufe seiner Karriere aufgenommen hat, ist es dieses gefühlvolle Liebeslied, das heute (2019) die meisten Hörer begeistert. Ablesbar ist das u.a. an der beachtlichen Anzahl der Streams und Downloads.

Dabei dürften die zeitgenössischen Hörer meist gar nicht wissen, dass Can’t Help Falling in Love ausgerechnet einer der bis heute eher kritisch gesehenen Filmsongs des King ist. Also eines der Lieder, die auf die Handlung der zwar durchaus unterhaltsamen, aber nicht gerade tiefschürfenden Elvis-Musicals der 1960er Jahre zugeschnitten waren.

Wer sich mit der Diskussion um die Elvis-Filmsongs ein bisschen auskennt und zudem weiß, wie Elvis Presley selbst dazu stand, dürfte überrascht sein, dass gerade sie diesen Klassiker hervorgebracht haben.

Wer hingegen unvoreingenommen mit der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert einfach nur zuhört, kommt zu einem anderen Ergebnis. Kein Wunder, denn hinter den Filmsongs steckten oft erfahrene und erfolgreiche Komponisten, während an den Aufnahmen die besten Studiomusiker ihrer Zeit beteiligt waren. So auch bei Can’t Help Falling In Love – aufgenommen am 23. März 1961 bei Radio Recorders in Hollywood.

Wie Can’t Help Falling in Love entsteht

Text und Melodie von Can’t Help Falling In Love ist eine Gemeinschaftsproduktion, und zwar von Luigi Federico Creatore (1921-2015), Hugo E. Peretti (1916-1986) und George David Weiss (1921-2010). Die Italo-Amerikaner Creatore und Peretti waren Cousins, die in den 1950ern zunächst als Songwriter-Duo Hugo & Luigi in New York bekannt wurden, später aber auch als Plattenproduzenten in Erscheinung traten.

Das Songwriter-Duo Luigi Creatore und Hugo Peretti.

Als Songwriter arbeiteten die beiden u.a. für Mercury Records, bevor sie für Elvis‘ New Yorker Plattenlabel RCA Hits für bekannte Sänger/innen wie Perry Como, Sam Cooke und Peggy March komponierten. Wie oft bei Komponisten, die im Duo arbeiten (→ Writing for the King: Sid Tepper und Roy Bennett, → Jerry Leiber und Mike Stoller), gab es eine Arbeitsaufteilung: Luigi war eher für die Texte und Hugo eher für die Melodien zuständig.

Komponist und Arrangeur George David Weiss.

In ihrer Zeit bei RCA arbeiteten sie hin und wieder, so auch bei The Lion Sleeps Tonight – 1961 ein Nummer-Eins-Hit für die Doo-Wop-Formation The Tokens -, mit George David Weiss zusammen, der im Team sowohl Texte als auch Melodien beisteuerte. Weiss, Creatore und Peretti hatten ein Händchen dafür, internationale Melodien als Basis für ihre eigenen Kompositionen zu adaptieren.

Bei The Lion Sleeps Tonight war es das afrikanische Lied Mbube Wimoweh (Der Löwe schläft) und bei Can’t Help Falling in Love lehnten sie sich an das französische Liebeslied Plaisir d’Amour an, dessen Melodie Jean-Paul-Égide Martini (auch Johann Paul Aegidius Schwarzendorf) im späten 18. Jahrhundert komponierte.

Einen Song für den Film Blue Hawaii zu schreiben, war nicht der erst Auftrag, den das Trio 1961 von Elvis‘ Musikverlegern – den Brüdern Aberbach von Hill & Range in New York – erhielt. Sie waren zuvor schon für den Titelsong des Films Wild In The Country (Lied des Rebellen, 1961), der im Jahr zuvor gedreht worden war, erfolgreich im Rennen gewesen.

Somit kannten Creatore, Peretti und Weiss auch das Prozedere schon, an das die Komponisten von Elvis-Filmsongs sich halten mussten. Das bestand im Wesentlichen darin, dass es keinen festen Auftrag mit garantierter Abnahme der Kompositionen gab, sondern mehrere Songwriter (-Teams) im Wettbewerb um die Soundtrack-Kompositionen standen (→ Elvis‘ Fun In Acapulco: Drehbuch und Soundtrack).

Die Teams wurden meist von Freddy Bienstock beim Musikverlag Hill & Range beauftragt. Anschließend wurden die in Form von Demobändern angelieferten Kompositionen von Elvis selbst angehört und für die Aufnahme seines Soundtracks ausgewählt – oder eben nicht. Persönlichen Kontakt zu den Komponisten hatte Elvis Presley in der Regel nicht. Luigi Creatore beschreibt das Verfahren so:

„They didn’t give you an assignment. They said: ‚We want a song for the title of the movie.‘ They gave it to us [Drehbuch], gave it to other songwriting teams, maybe six or eight writers. Then they would pick what they liked. All the writers were writing on spec because it was Presley. The writers that they were approaching were never writing on spec but with Presley you did because he was big enough to take the shot. Nobody was paying you and nobody was assuring you that once you wrote the song it would be in the movie.“

Luigi Creatore, zitiert nach Ken Sharp: Elvis Presley Writing for the King, FTD Books, 2006

Trotz des Risikos, vielleicht für umsonst zu arbeiten, nahmen Creatore, Peretti und Weiss 1961 den Auftrag der Musikverleger an, eine Ballade mit „europäischem Flair“ für eine ganz besondere Filmszene in Blue Hawaii (Blaues Hawai) zu komponieren und ein Demo aufzunehmen.

Es ist die Szene, in der Elvis als Chad Gates, der gerade von einem Einsatz als G.I. in Europa zurück in seine Heimat Hawai gekommen ist, der Großmutter seiner Freundin Maile eine antike Spieluhr zum Geburtstag schenkt. Die Großmutter öffnet das Geschenk und das Liebeslied erklingt.

Die Szene gefällt den Songwritern, auch wenn George David Weiss Jahre später erzählt, dass er die Drehbücher für die Elvis-Filme nicht besonders fand, sie der „herrlichen Stimme“ und dem Talent Elvis Presleys nicht gerecht wurden.

„While I adored the voice and talent of Elvis, his movies weren’t exactly Academy Award winners. Because they really weren’t great movies I wasn’t interested in writing for them. […] Finally they convinced me to read the script of this new movie [… and I] found the spot in the script that had nothing to do with the plot or the characters but it was a lovely moment. It was a moment when the boy was in the Army and I think he lived in Hawaii. He went across to Europe. He came back from Europe carrying a little music box for his girlfriend’s grandma. It thought it was a lovely moment for him to do this, to came three quarters of the way around the world an go to the grandma and play this little music box for her. So I said to myself: ‚Now that is beautiful‘. I always loved Elvis‘ voice. I thought that his people were much too intent on having him to “Hound Dog‘. So I sat down and wrote I Can’t Help Falling In Love, this sweet little ballad that could come out of the music box in the ‚Ave Maria‘ style.“

George David Weiss, zitiert nach Ken Sharp: Elvis Presley Writing for the King, FTD Books, 2006

Interessant an der Aussage von Weiss hier ist, dass er seine Mitarbeit an der Komposition u.a. damit begründet, dass Can’t Help Falling in Love gar kein richtiger Filmsong sei, denn er habe nichts mit den Charakteren oder dem Drehbuch zu tun.

Das mag er (bequemerweise) so in Erinnerung haben, aber es ist schlicht falsch. Die Musikverleger haben das Songwriter-Trio – auf seine zwei Mitstreiter geht Weiss bemerkensweise ebenfalls mit keinem Wort ein – ja gerade deswegen angesprochen, weil die Spieluhr-Szene eine Schlüsselszene des Films ist.

Der lebenslustige und bindungsunwillge Chad bringt in dieser Szene erstmals seine tiefe emotionale Bindung an Maile und ihre Familie zum Ausdruck, die hawaianische Ureinwohner sind. Eine Bindung, die seiner eigenen Familie, vor allem der Mutter (wunderbar gespielt von Angela Landsbury), ein Dorn im Auge ist.

Jung, gutaussehend und lebenslustig: Elvis Presley in der Paraderolle als Chad Gates am Steuer seines roten MGA 1600 Mark 1 Roadster in dem Film Blaues Hawai.

Die neureichen Gates – auf Hawai mit einer Ananas-Plantage zu Geld gekommen – stammen eigentlich vom amerikanischen Festland und haben – davon kann ausgegangen werden – europäische Vorfahren.

Can’t Help Falling Love mit dem angeforderten „europäichen Flair“ soll also auch eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen. Nicht umsonst betont Chad in der Filmszene, dass ein Liebeslied im Grunde in allen Sprachen gleich ist. Und zeitlos ist es auch. Das wiederum wird transportiert, indem Chad den Song gleich für zwei Generationen singt: zur Großmutter und Maile, mit der er auf der Rückenlehne des Stuhls deutlich sichtbar Händchen hält.

Take my hand, take my whole life, too…

Tatsächlich eine wunderbare Szene… und irgendwie auch der Beweis, dass Komponisten nicht immer die Tragweite ihres Tuns erfassen. Das mag für Weiss gelten, aber glücklicherweise nicht für Co-Komponist Creatore. Dessen Erinnerung an die Entstehung des Songs war auch Jahrzehnte später noch erstaunlich präzise.

Zwei bis drei Tage hätte das Trio damals für die Komposition gebraucht, wobei Hugo Peretti und David Weiss gemeinsam am Klavier an der Melodie bastelten, während er selbst sich eine Pause gönnte und dabei den entscheidenden Einfall für den Text hatte:

„We wrote Can’t Help Falling In Love in two or three days. We used to work from seven o’clock or so […] Hugo and George were on the piano working on this melody. I got tired of listening to it and went into the other room to make some phone calls. And I kept hearing it. Then I came in and said, I can’t help falling in love with you. They said: That’s it. That’s the title.“

Luigi Creatore, zitiert nach Ken Sharp: Elvis Presley Writing for the King, FTD Books, 2006

Das sei ziemlich typisch für den kreativen Prozess gewesen – Songs entstünden häufig um den Songtitel herum, erzählt Creatore weiter:

„A lot of songs are written that way. Once you get the title you write the song around the title. I only contributed lyrics. Hugo only did music. George did both. So it was kind of a round robin thing. We just went back and forth. By the second morning we finally finished it and got the very important last line at the end: Take my hand, take my whole life too. That’s what made the song, I think. We thought it was a very good song. We had no idea whether it would be a hit or not. We would do demos of our songs and send them on. We’d get a couple of musicians that we knew and George would sing it.“

Luigi Creatore, zitiert nach Ken Sharp: Elvis Presley Writing for the King, FTD Books, 2006

Interessant, dass Creatore die Qualität des Songs an genau dem Satz „Take my hand, take my whole life too“ festmacht, der laut aktuellen YouTube-Kommentaren tatsächlich bis heute die Hörer besonders berührt.

Dem Interpreten muss es ähnlich gegangen sein, denn er wählte diese Ballade ja anhand des eingesendeten Demos aus, bei dem Weiss laut Creatore den Gesang übernahm. Leider ist diese Demoversion nicht erhalten.

Can’t Help Falling in Love

Wise men say only fools rush in
But I can’t help falling in love with you
Shall I stay?
Would it be a sin
If I can’t help falling in love with you?

Like a river flows surely to the sea
Darling so it goes
Some things are meant to be
Take my hand, take my whole life too
For I can’t help falling in love with you

Like a river flows surely to the sea
Darling so it goes
Some things are meant to be
Take my hand, take my whole life too
For I can’t help falling in love with you
For I can’t help falling in love with you

29 Takes für einen Klassiker: Aufnamesession in Hollywood

Nicht nur die Komposition von Can’t Help Falling in Love war Teamwork, die Aufnahme im Studio war es auch. Die Soundtrack-Session für den Film Blue Hawaii fand vor Drehbeginn vom 21. bis 23. März 1961 im Studio B des Aufnahmestudios Radio Recorders in Los Angeles statt.

Elvis mit Musikern bei der Aufnahmesession zum Soundtrack von Blue Hawaii im Studio Radio Recorders, März 1961. Oben Mitte: Dudley Brooks an der Celesta.

Can’t Help Falling in Love nahmen sich die Musiker am letzten Tag der Session, also am 23. März, vor und verwendeten ganze 29 Takes/Aufnahmeversuche auf den Klassiker. Dabei wurden zwei Versionen eingespielt  – eine Film- und die sogenannte Hit-Version, die sich vor allem in der Länge (die Filmversion ist mehr als 1 Minute kürzer) und in der Verwendung der Celesta im Intro des Songs unterscheiden.

Die Celesta ahmt die Spieluhr nach, die im Film eine zentrale Bedeutung hat, und sie wurde von Dudley Brooks  gespielt. In der Hit-Version ist die Celesta durch ein Piano-Intro ersetzt.

Filmversion von Can’t Help Falling In Love (Elvis in Blue Hawaii Special Edition 2009)

Hit-Version von Can’t Help Falling In Love (Elvis in Blue Hawaii Special Edition 2009)

Auf der Hit-Version wiederum basiert die 2002 auf der Elvis 30 #1 Hits veröffentlichte Fassung, die mittlerweile rund 170 Millionen YouTuber (Stand 20.6.2019) begeistert.

Mit dem Intro der Filmversion hatten Elvis am Mikro und Dudley an der Celesta im März 1961 durchaus ihre liebe Mühe, wovon sie sich allerdings nicht die Laune verderben ließen.

Gute Laune bei der Aufnahme von Can’t Help Falling in Love.

Dank Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream (Blue Hawaii Special Edition 2009) kann man sich „als Lauscher an der Studiowand“ davon heute noch selbst überzeugen, indem man sich die verschiedenen Aufnahmeversuche für die Filmversion anhört – inkl. Elvis‘ humorvollen Kommentaren.

Take/Aufnahmeversuch 13 – „I get breathy“


Takes/Aufnahmeversuche 14 bis 16 – „My pants are too tight“

Ab Take 17  wird Elvis ungeduldig – er will dat Dingen jetzt fertig kriegen! Als es trotz seiner Andeutungen zum falschen Tempo immer noch nicht „wuppen“ will, folgt die direkte und ungewöhnlich wortreiche Ansage an Dudley Brooks an der Celesta, wie das Problemchen zu beheben ist:

„I don’t believe we were in tempo… then. It’s too draggy. If we, Dudley, get a little bit faster, together, I might be able to say it. Let’s do the same tempo we do after they start, [be]cause you leave me hangin‘. I can’t hold the note worth a damn. Let’s have the same tempo when the guys start singin‘. That way I might be able to struggle through the song.“

Takes/Aufnahmeversuche 17 bis 24 – „Okay, let’s make it before we all start getting out of notes.“

Nach dieser Ansage gelingt der Klassiker in spe – sowohl Film- als auch die heute viel bekanntere Hitversion werden erfolgreich eingespielt.

Can’t Help Falling In Love auf Single und LP

Can’t Help Falling In Love erschien in den USA im Oktober 1961 zuerst auf dem Soundtrack-Album Blue Hawaii. Erst vier Wochen später wurde die Single zum Soundtrack – mit Can’t Help Falling In Love auf der B-Seite veröffentlicht. Das lief normalerweise genau umgekehrt – erst die Single, dann das Album. Oftmals erschienen Elvis-Songs auch nur auf Singles.

Die A-Seite der Single ging an den hawaianisch angehauchten Rocker Rock-A-Hula-Baby, den Plattenfirma RCA für kommerzieller hielt.

Trotz Fokus auf Rock-A-Hula-Baby zog Can’t Help Falling In Love schnell an der A-Seite vorbei bis auf Rang 2 der Billboard-Charts in den USA. Hätte man gleich auf die Ballade als A-Seite gesetzt und nicht das Album vor der Single herausgebracht, wäre es vielleicht noch der 1. Platz geworden. Der blieb Can’t Help Falling In Love auch in den amerikanischen Cashbox-Charts verwert (Platz 4).

Eine Top-Position erreichte der heute beliebteste Elvis-Song Anfang der 1960er nur in Australien. Bei uns in Deutschland kam er bis auf Rang 22 (Musikmarkt). So kann’s gehen.

Blue Hawaii mit Can’t Help Falling in Love gilt als das erfolgreichste Elvis-Album.

Allerdings war die Soundtrack-LP mit Can’t Help Falling In Love sehr erfolgreich – sie erreichte die Top-Position in den USA sowohl in den Billboard-Charts, wo sie sich 20 Wochen an der Spitze halten konnte, als auch in den Cashbox-Charts. Und Platz 1 gab es ebenfalls in Großbritannien und Norwegen. In Westdeutschland kam die LP immerhin bis auf Platz 17. Heute gilt Blue Hawaii als das erfolgreichste Elvis-Album.

Can’t Help Falling In Love, den Elvis Presley in den 1970ern zu seinem „signature song“ machte, indem er fast jedes seiner Konzerte mit der Ballade beendete, zählt zu den am häufigsten gecoverten Elvis-Songs. Man denke nur an den Hit von UB 40.

Can’t Help Falling In Love ist außerdem das letze Lied, das Elvis Presley vor größerem Publikum sang – bei seinem finalen Konzert in der Market Square Arena in Indianapolis am 26. Juni 1977.

Was für ein Song!

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