Elvis, was bleibt?

Elvis Presley wäre heute 84 Jahre alt. Also genau doppelt so alt, wie er tatsächlich geworden ist. Als er 1977 im Alter von nur 42 Jahren starb, war er bereits die Hälfte seines Lebens ein internationaler Superstar – und in den Augen (und Ohren) vieler Zeitgenossen der weltweit bekannteste, mit zahllosen Hits wahrscheinlich auch beliebteste und erfolgreichste amerikanische Sänger seiner Ära.

Elvis Presley: 166 Millionen YouTuber can’t help falling in love.

Doch was ist von der Musik Elvis Presleys bis heute geblieben – 65 Jahre nachdem er in Memphis seine erste kommerzielle Platte aufnahm? Was fördert das Gedächtnis einer breiten Öffentlichkeit in 2019 zutage, wenn gefragt wird: Nenne den bekanntesten Elvis-Song? Oder nenne zumindest irgendeinen Elvis-Song?

Können Musikhörer in 2019 diese Frage überhaupt beantworten? Schließlich stand die Musikwelt in den letzten 40 Jahren alles andere als still, sondern hat immer wieder neue Megastars hervorgebracht. Jede Generation hat ihre eigenen musikalischen Lieblinge unterschiedlicher Stilrichtungen. Es lebe die Vielfalt.

Außerdem wird Musik heute anders konsumiert als in der Ära Elvis Presleys. Seine Songs kamen übers Radio (später auch Kino) und als Schallplatte via Single, Extended Play und Album an den Hörer. Es folgten Musikkassette und CD. Das Auslaufmodell CD hat der King schon gar nicht mehr erlebt. Heute wird Musik vor allem gestreamed – Streaming-Dienste wie Spotify haben nicht nur bei der jüngeren Generation zunehmend die Nase vorn.

Angebote wie YouTube bringen längst ihre eigenen Stars hervor – so mancher verzichtet gleich ganz auf ein Plattenlabel und vermarktet sich selbst. Wo sollte in dieser Welt Platz sein für die Musik Elvis Presleys, der aufhörte, Musik zu machen, als all das noch nicht einmal ein ferner Gedanke war?

166 Millionen YouTuber can’t help falling in love

Tatsächlich haben die Hörer von heute den King nicht nur längst fest auf Spotify und YouTube etabliert, sondern sorgen in der schönen neuen Musikwelt durch die Anzahl ihrer „Views“ und ihre vielsprachigen Kommentare für Transparenz im Hinblick darauf, was denn nun der weltweit beliebteste Elvis-Song ist, warum sie ihn mögen und warum „Elvis bleibt“.

Das Ergebnis dürfte so manchen Musikkritiker – und wohl auch den ein oder anderen langjährigen Fan – nachdenklich stimmen.

166 Millionen YouTuber hörten allein bei diesem Video rein – Tendenz steigend – Stand 31.5.2019

Der eindeutige Sieger über alle Distanzen ist Can’t Help Falling In Love von 1961 – eine Ballade (keiner der berühmten Rocker oder historisch ach so bahnbrechenden Aufnahmen der Jahre 1954-1955). Und noch dazu ist es eine Ballade aus der Riege der vielgeächteten Filmsongs, in diesem Fall aus dem sehr erfolgreichen Hollywoodstreifen Blue Hawaii (dt. Blaues Hawai).

Auf YouTube bringt es das meistabgespielte Video dieses Songs (es gibt mehrere) aktuell auf mehr als 166 Millionen Aufrufe – Tendenz steigend.

Spotify kam 2017 (laut Musikexpress) auf rund 100 Millionen Streamings. Und auch Chartmasters.org (→ Gekippt – der Mythos von Elvis Presleys Tonträgerverkäufen) listet die Ballade über alle Kanäle hinweg als den bis heute erfolgreichsten Elvis-Song – mit ordentlichem Abstand zur Nummer 2 auf der Liste: Jailhouse Rock (1957).

Die erfolgreichsten Elvis-Songs nach Chartmasters.org.

Bemerkenswerterweise zeigt das YouTube-Video keine wechselnden Fotos oder Filmszenen oder ein attraktives Porträt Elvis Presleys, sondern stattdessen einfach das Cover der CD Elvis 30 #1 Hits von 2002 als Standbild.

Das „Video“, das keins ist, lebt allein vom Hören der Studioversion aus dem Jahr 1961. Die wiederum – aufgenommen bei Radio Recorders in Los Angeles am 23. März 1961 –  ist nicht zu verwechseln mit einer der vielen Live-Versionen, mit denen Elvis Presley in den 1970ern fast jedes seiner Konzerte beendete.

Erstaunlich ist auch die Vielzahl der aktuellen Kommentare, viele davon international und fremdsprachig, häufig auch von offensichtlich jungen YouTubern, die angeben, erst kürzlich auf diese Aufnahme gestoßen zu sein bzw. nach eigener Aussage erstmals bewusst einen Song von Elvis Presley zu hören.

Bemerkenswert einig sind sich die Kommentatoren, dass dies wohl eines der schönsten Liebeslieder überhaupt ist – eins, das man der ganz großen Liebe widmet, mit der man den Rest seines Lebens verbringen möchte. Kein Wunder, dass Can’t Help Falling In Love ganz hoch im Kurs steht als Hochzeitsong –  heute ebenso wie vor Jahrzehnten.

In ihren Kommentaren erzählen Männer und Frauen davon, was dieser Song für ihre Beziehung bedeutet oder bedeutet hat, etwa wenn einer der Partner bereits verstorben ist. Und so manches Mal steht der Song auch für die große unerfüllte Liebe, die Einsamkeit und den Wunsch, endlich den richtigen Partner zu finden.

Neben der romantischen Liebe symbolisiert Can’t Help Falling In Love aber auch oft einfach die liebevolle Erinnerung an einen nahen Verwandten, der gerne Elvis hörte und verstorben ist. Das kann ein Eltern- oder ein Großelternteil sein, mit dessen musikalischen Vorlieben der/die Kommentator/in aufgewachsen ist.

Liest man die Kommentare, dann wird klar, dass es vor allem Elvis Presleys gesanglicher Ausdruck der vollkommenen Hingabe an ein Gefühl ist, der dieses Lied – und letztlich den Sänger – so zeitlos macht.

Es ist diese Qualität, die auch in 2019 Millionen Hörer zu beeindrucken vermag. Nicht ein wie auch immer geartetes, vor Jahrzehnten geprägtes, reichlich windschiefes Image. Dabei hilft tatsächlich auch das Video, das – indem es erstaunlicherweise keine Bewegtbilder von „anno dunnemals“ zeigt – den „Viewer“ ganz auf das Zuhören, die eigenen Emotionen und Bilder zurückführt.

Wer diese Wirkung entfaltet, der bleibt. Und darum bleibt Elvis – ganz sicher.

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