Ah… die Annie!

Ah… die Annie. Wenn ich meine Lieblings-Elvis-Songs der 1970er benennen soll, dann steht Polk Salad Annie ganz hoch im Kurs. Rockt ordentlich – krieg’ ich nie leid – geht einfach immer!

Ein schneller Blick auf YouTube verrät, dass ich damit ganz und gar nicht alleine bin. Tony Joe Whites (1943-2018) Swamp-Rock-Klassiker von 1969 hatte ab 1970 einen festen Platz in Elvis’ Konzertrepertoire und ist vor allem durch diese legendäre Performance vom August 1970 – festgehalten im Dokumentarfilm Elvis That’s The Way It Is – weltbekannt.

Eine Studioversion des King gibt es von Polk Salad Annie nicht. Wer sich das Video anschaut, ahnt wieso – die Annie ist ganz großes Elvis-Kino. Ohne die Optik ist sie immer noch beachtlich, aber trotzdem nur die halbe Miete. Subtil ist die Annie – grandios begleitet von der TCB-Band – kein Stück. Der Gegensatz zu einem anderen großen Elvis-Klassiker wie In The Ghetto (1969) könnte kaum größer sein.

Trotzdem ist Polk Salad Annie Elvis in Reinkultur, wie schon die Kommentare zum YouTube-Video verraten. Aber warum das so ist – von der leidenschaftlichen Performance mit vollem Körpereinsatz mal abgesehen – verraten sie nicht. Es lohnt sich, Komponist und Liedtext näher unter die Lupe zu nehmen.

Elvis, Tony und die Amerikanische Kermesbeere

Der kürzlich verstorbene Singer/Songwriter Tony Joe White stammte wie Elvis Presley aus den amerikanischen Südstaaten. Er wuchs auf einer Baumwollfarm in Louisiana auf, war in seiner Jugend stark vom Blues und der Musik Elvis Presleys beeinflusst, den er sehr verehrte, wie er u.a. dem Autor Ken Sharp (“Writing for the King”, 2006) erzählte.

In den 1960ern zog es White nach Texas, wo er in verschiedenen Nachtclubs spielte und selbst zu komponieren begann. 1969 brachte er mit Black and White sein erstes Album heraus. Darauf befand sich auch Polk Salad Annie, neben Rainy Night in Georgia, bekannt geworden durch die Version Brook Bentons, sein bis heute vielleicht bekanntester Song.

Zum Liedtext inspiriert hatte White dabei ein “Arme-Leute-Essen” aus seiner Kindheit in Louisiana – nämlich Polk Salad alias Poke Sallet, wie es richtig heißt. Und hier ist das, was White selbst dazu sagt:

I was brought up down in Goodwill, Louisiana on a cotton farm by the river. I ate a lot polk salad growing up. Polk salad is a big leafy plant that grows wild down by the river and in the woods. My mother was half-Cherokee and in the spring she’d always boil up polk salad. She made sure us kids ate a lot of it. It kind of tastes like spinach and has a lot of vitamins in it. You boil it in water like turnip greens, add a little bacon rind to give it some flavor and it has a good taste. You eat it with corn bread, green spring onions, and a little pepper sauce. I’ve got it growing in my backyard right now.

Tony Joe White, zitiert nach Ken Sharp: Writing for the King, 2006

Die wildwachsende Pflanze, von der White hier spricht, nennt sich eigentlich “pokeweed”, bei uns bekannt als “Amerikanische Kermesbeere” (lat. phytolacca americana). Sie ist vor allem in Nordamerika verbreitet und wächst wie Unkraut, wenn man sie lässt. In Mitteleuropa kennt man sie aber durchaus auch als Zierpflanze.

Amerikanische Kermesbeere – Foto: Wikipedia

Die Amerikanische Kermesbeere kann eine Höhe von bis zu 3 Metern erreichen, blüht von Juli bis September und bildet hängende Fruchtstände mit tiefdunklen Beeren aus.

Die Früchte der Kermesbeere – Foto: Wikipedia

Klingt eigentlich nicht wirklich nach etwas Essbarem. Und essbar ist die Kermesbeere auch tatsächlich nur bedingt. Was Tony Joe White nämlich in seiner Beschreibung der nahrhaften Pflanzenblätter, die seine halbindianische Mutter zubereitete, unterschlägt, ist, dass die Kermesbeere giftig ist. Und das nicht zu knapp.

Roh sollte man sie überhaupt nicht essen. Die jungen Pflanzenblätter müssen mehrfach gekocht werden, damit man sich daraus eine Mahlzeit zubereiten kann. Wer das nicht beachtet, muss mit Erbrechen, blutigen Durchfällen, Schwindel und Blutdruckabfall rechnen. In schweren Fällen treten Krämpfe auf, die zum Tod durch Atemlähmung führen können.

Trotzdem hat die Kermesbeere vor allem in der traditionellen Küche der Südstaaten bis heute ihren Platz, schließlich wächst sie sozusagen im Vorgarten und kann – sind Schösslinge und Blätter sorgsam zubereitet – ähnlich wie Spargel und Spinat gegessen werden. Die abgekochten Früchte werden dabei als Zutat verwendet.

Liebte wie Elvis die Südstaatenküche – Musiker Tony Joe White in späteren Jahren

Tony Joe White empfiehlt im Zitat weiter oben sein Familien-Rezept mit Speckschwarte, Frühlingszwiebeln, Pfeffer-Sauce und Maisbrot, um ein deftig-leckeres und preiswertes Südstaatengericht auf den Teller zu bekommen. Häufig werden auch Eier dazu gegessen. Klingt in der Tat, als könnte es dem King schmecken.

Und noch mehr hat die Kermesbeere von der Wurzel bis zum Blatt zu bieten: Die Beeren wurden früher auch schon mal zum Färben von Rotwein verwendet – der rote Fruchtsaft zum Färben von Zuckerfarben oder als Tinte benutzt. Aus dem Wurzelstock der Kermesbeere kann Seife gewonnen werden. Ein echter Allrounder, gar keine Frage.

Auch als Heilmittel hat die Kermesbeere ihre Vorzüge – vorausgesetzt man ist hart im Nehmen: Phytolacca americana wurde früher als Brech- und Abführmittel eingesetzt. In der Hömöopathie wird die Kermesbeere heute als Mittel gegen Mandel- und Gelenksentzündungen und grippale Infekte verwendet. Wohl bekomm’s.

Bekenntnis zur Lebensart der amerikanischen Südstaaten

In Polk Salad Annie steht die Kermesbeere jedoch nicht einfach nur für etwas (bedingt) Essbares. Sie ist vielmehr das Symbol für die Lebensart der armen Landbevölkerung in den amerikanischen Südstaaten – also der Bevölkerungsschicht, aus der sowohl Elvis Presley als auch Tony Joe White stammten.

Das wird besonders deutlich, wenn im Song auf humorvoll-ironische Weise von dem Mädchen Annie die Rede ist, die in ärmlichen Verhältnissen in einer Familie von Tagedieben aufwächst, sich hauptsächlich von poke salad ernährt und so “wild” ist, dass Louisianas Alligatoren im Vergleich dazu geradezu zahm wirken.

 

POLK SALAD ANNIE

If some of ya’ll never been down south too much
I’m gonna tell you a little bit about this
So that you’ll understand what I’m talkin’ about
Down there we have a plant that grows out in the woods
And in the fields looks somethin’ like a turnip green
And everybody calls it polk salad, polk salad
Used to know a girl lived down there
And she’d go out in the evenings and pick her a mess of it
Carry it home and cook it for supper
‘Cause thats about all they had to eat, but they did all right

Down in Louisiana, where the alligators grow so mean
There lived a girl, that I swear to the world
Made the alligators look tame
Polk salad Annie, polk salad Annie
Everybody said it was a shame
Cause her momma was a workin’ on the chain gang
(A mean vicious woman)

Everyday for supper time, she’d go down by the truck patch
And pick her a mess of polk salad, and carry it home in a tow sack
Polk salad Annie, the gators got your granny
Everybody says it was a shame
Cause her momma was a workin’ on the chain gang
(A wretched, spiteful, straight-razor totin’ woman
Lord have Mercy, pick a mess of it)

Her daddy was lazy and no count, claimed he had a bad back
All her brothers were fit for was stealin’ watermelons
Out of my truck patch
Polk salad Annie, the gators got your granny
Everybody said it was a shame
Cause her momma was a workin’ on the chain gang
(Sock a little polk salad to me, you know I need me a mess of it)

Mit Mädchen wie Annie und Alligatoren machte Tony Joe White in seiner Jugend ebenso intensive Erfahrungen wie mit dem Nationalgericht Poke Salad, wie er später lachend erzählte.

All das ging 1969 ein in seinen auch von Elvis Presley – dem berühmtesten Südstaatler seiner Generation – musikalisch inspirierten Klassiker, der die Lebensart der Südstaaten mit ihrem sehr speziellen Humor auf die Schippe nimmt.

If some of ya’ll never been down south too much – I’m gonna tell you a little bit about this…

Der King erkannte den Spirit hinter dem Song sofort, nahm ihn 1970 in sein Live-Repertoire auf und lud Tony Joe White – seinen Bruder im Geiste – nach Las Vegas zu einem seiner Konzerte mit Polk Salad Annie im Programm ein. Stolz und glücklich, dass sein musikalisches Vorbild nun tatsächlich einen seiner Songs spielte, nahm White die Einladung an.

Everyday for supper time, she’d go down by the truck patch and pick her a mess of polk salad…

Und nicht nur das – White und Elvis jammten gemeinsam in der Umkleide hinter der Bühne, spielten den Blues, als der King White gestand: “Man, I feel like I wrote this song” und der Singer-/Songwriter antwortete: “Well, the way you’re singing it sounds like you did“.

Polk salad Annie, the gators got your granny…

White war sich sicher, dass Elvis’ energiegeladene Performance von Polk Salad Annie aus seiner tiefen Verbundenheit mit der Lebensart der amerikanischen Südstaaten entsprang – einer Verbundenheit, die sie beide teilten:

Elvis connected with Polk Salad Annie because he ate polk and knew what it was all about. He understood it and knew that era from the South plus it was a great rocker for him. He put all his moves and dancing into it. He really just got down with it. It seemed like he worked the song harder than anything.

Tony Joe White, zitiert nach Ken Sharp: Writing for the King, 2006

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