Elvis Presley: In The Ghetto (1969)

Viele Songs werden zu Hits, aber nur wenige auch zu Klassikern. Ein Hit lebt im Moment – ein Klassiker beinahe unendlich. Er ist zeitlos. Elvis Presleys In The Ghetto von 1969 ist ein solcher Klassiker.

Ein nachdenklicher Elvis Presley Anfang 1969, als er In The Ghetto aufnahm.

Bleibt die Frage, was In The Ghetto – Elvis Presleys einzige Nr. 1 in den deutschen Charts – so zeitlos macht? Ist es vor allem der Liedtext von Countrysänger und Komponist Mac Davies (Pseudonym Scott Davis)…

IN THE GHETTO
As the snow flies
On a cold and gray Chicago mornin’
A poor little baby child is born
In the ghetto (in the ghetto)
And his mama cries
‘Cause if there’s one thing that she don’t need
It’s another hungry mouth to feed
In the ghetto (in the ghetto)
People, don’t you understand
The child needs a helping hand
Or he’ll grow to be an angry young man some day?
Take a look at you and me
Are we too blind to see
Do we simply turn our heads, and look the other way?
Well, the world turns
And a hungry little boy with a runny nose
Plays in the street as the cold wind blows
In the ghetto (in the ghetto)
And his hunger burns
So he starts to roam the streets at night
And he learns how to steal, and he learns how to fight
In the ghetto (in the ghetto)
Then one night in desperation
A young man breaks away
He buys a gun, steals a car
Tries to run, but he don’t get far
And his mama cries
As a crowd gathers ’round an angry young man
Face down on the street with a gun in his hand
In the ghetto (in the ghetto)
And as her young man dies
On a cold and gray Chicago mornin’
Another little baby child is born
In the ghetto (in the ghetto)
And his mama cries (in the ghetto)
(In the ghetto)
(Aah-aah)

… oder doch eher die Interpretation des King – aufgenommen am 20. Januar 1969 – in Chip Momans American Sound Studio in Memphis?

In The Ghetto – Quelle: Elvis Presley Complete Masters

Es ist beides. In The Ghetto ist ein schönes Beispiel dafür, dass ein guter Song genau dann zu einem großartigen wird, wenn er auf einen erstklassigen Interpreten trifft. Ein perfektes Paar.

Elvis’ ruhige, geradezu minimalistische, Darbietung, die für jeden seiner mehr als 20 im Januar 1969 eingespielten Takes kennzeichnend ist, transportiert eindringlich emotional die ausweglose Situation, von der im Liedtext die Rede ist. Und zwar ohne dass der Song ins Kitschige abrutscht.

Seine Stimme trägt den Song nicht nur – sie ist der Song. Das kann man besonders gut an den Originalaufnahmen mit minimalistischer Begleitung der Hausband des American Sound Studio hören, bevor diese Aufnahmen von Chips Moman mit den sogenannten Overdubs, also Backgroundsängerinnen und anderem Tralala, angereichert wurden.

In The Ghetto undubbed – Quelle: From Elvis in Memphis (Sammlerlabel FTD)

In dem Liedtext, der ursprünglich The Vicious Circle (Der Teufelskreis) hieß, geht es um das Schicksal eines jungen Mannes, der aufgrund seines sozialen Umfelds, also dem Leben im Getto, das ihm keinerlei Perspektive bietet, zwangsläufig in der Kriminalität landet und viel zu früh den Tod findet – wie viele vor und nach ihm.

Das Thema von In The Ghetto ist also soziale Ausgrenzung und Diskriminierung in einer Gesellschaft, die vor ihrer Verantwortung die Augen verschließt und die ausweglose Situation, in der sich ein Teil ihrer Bevölkerung befindet, einfach hinnimmt: Do we simply turn our heads and look the other way… People don’t you understand, the child needs a helping hand.

Meistens wird In The Ghetto als Anspielung auf die Ausgrenzung der schwarzen Bevölkerung in der amerikanischen Gesellschaft verstanden. Das wohl auch, weil Mac Davies sich nach eigener Aussage durch die traurigen Lebensumstände eines afroamerikanischen Jugendfreundes zum Liedtext inspiriert fühlte.

Ganz sicher spielt auch Elvis Presleys Status als “white nigger“, als einen “weißen Neger”, der in Zeiten der Rassentrennung “schwarze” und “weiße” Musikstile verband und selbst unter Lebensumständen aufwuchs, die denen des Jungen im Liedtext durchaus ähnlich waren, bei dieser Interpretation eine Rolle.

Wie er selbst das sah? Wie viel Autobiografisches – wie viel eigenes Erleben von Ausgrenzung und Diskriminierung hat zu dieser eindringlichen Interpretation geführt? Von Elvis selbst gibt es keine konkreten Aussagen dazu. In einem Interview aus der Zeit bezeichnet er In The Ghetto schlicht als einen großartigen Song, den er einfach machen musste. Ende der königlichen Durchsage.

Fest steht jedenfalls, dass die Hautfarbe des Jungen im Song nicht erwähnt wird – die Ausgrenzung, die Gettoisierung scheint weiter gefasst.

In vielerlei Hinsicht ist In The Ghetto heute aktueller denn je. Leben wir nicht in einer Zeit, in der Donald Trump als amerikanischer Präsident mit dem Mauerbau an der Grenze zu Mexiko sozusagen die “Gettoisierung” gleich eines ganzen Kontinents vorantreibt und dabei auch noch das eigene Land spaltet?

Der gute Donald macht keine halben Sachen… Und es entbehrt wahrlich nicht der Ironie, dass er Elvis Presley Ende 2018 posthum noch schnell die Freiheitsmedaille verlieh, bevor er zur Tat schreitet.

Aber Vorsicht! Wir zeigen allzu gerne mit dem erhobenen Zeigefinger über den Atlantik, ohne dabei auch mal vor der eigenen Haustür zu kehren. Der Begriff des Gettos – wie Singer/Songwriter Mac Davies selbst erzählt – wurde Ende der 1960er, als er den Song zu Papier brachte, in den USA vor allem mit der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland in Verbindung gebracht. Wird gerne vergessen – gerade in Deutschland.

Und was passiert heute in unserem eigenen Land wie auch im Rest Europas? Wir machen die Grenzen möglichst dicht – bloß nicht zu viele Flüchtlinge in unserem ach so schönen Wohlstandsland. Wenn sie schon kommen, die Flüchtlinge, dann doch bitte schön sammeln in den entsprechenden Unterkünften  – in the ghettoooo. Passiert dann was – he buys a gun, steals a car – wie reagiert unsere ach so aufgeklärte Gesellschaft?

Elvis Presleys Klassiker, der in diesem Jahr ein halbes Jahrhundert alt wird, ist nicht nur zeitlos, er ist aktueller den je – und wird es wohl noch eine ganze Weile bleiben.

2 Antworten
  1. melek
    melek says:

    Ich bin immer ziemlich begeistert von Deinen Beiträgen. Es ist eine Mischung aus sehr gutem Jornalismus und Individueller Farbe.
    Bin tolal bei Dir.Und Elvis wird jedesmal in Deinen Blogs so aktuell und present und vor allem Dingen so pur und Ehrlich dargestellt das es Mich jedesmal erstaunt.
    Bitte mach weiter so, genau so!

    P.S ah habe doch eine Verbesserung…Ich bedauere es sehr das viele Artikel nicht ins Deutsche übersetzt sind…but mea culpa…

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Vielen Dank, Melek. Freue mich, dass Dir meine Beiträge so gut gefallen. Und ja, ich sollte vor allem die Zitatpassagen häufiger übersetzen.
      LG memphisflash

      Antworten

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