Gekippt: Der Mythos von Elvis Presleys Tonträgerverkäufen

Elvis Presley hat mehr als 1 Milliarde Tonträger weltweit verkauft, so heißt es. Diese monströse Zahl ist seit Jahrzehnten in Umlauf, sie gilt als gesetzt. Erst kürzlich spielte sie bei der posthumen Verleihung der Freiheitsmedaille des amerikanischen Präsisdenten Donald Trump an Elvis Presley eine Rolle in der Laudatio. Aber lässt sich die Milliarde auch faktisch belegen… oder widerlegen?

Elvis Presley hat gut lachen, denn er gilt als Megaseller der Musikgeschichte. Ob er tatsächlich 1 Milliarde Tonträger verkauft hat, darf allerdings bezweifelt werden.

Elvis‘ Plattenlabel RCA – heute unter dem Dach von Riese Sony zuhause – dürfte kaum ein Interesse an der Veröffentlichung ungeschminkter Verkaufszahlen haben, so viel ist sicher. Wer lässt sich schon gerne in die Karten schauen? Schließlich wurden und werden dort wie in der Branche üblich hohe Verkaufszahlen seit Jahrzehnten gerne für Marketingzwecke eingesetzt. Frei nach dem Grundsatz, dass ein bisschen Hype auch den Großen der Branche nicht schaden kann – zu viel Transparenz hingegen schon.

Fairerweise muss man sagen, dass Sony den Milliarden-Hype im Falle von Elvis wohl in erster Linie geerbt hat: Die Milliarde soll auf einen ehemaligen Produktmanager zurückgehen, der – bevor Elvis‘ langjähriges Plattenlabel RCA zu Sony gehörte – die Zahl offensichtlich in Umlauf gebracht hat, ohne sie je näher zu erläutern. Seitdem – und das ist schon ein gutes Weilchen her – steht die Milliarde sozusagen im Raum. Wie Elvis selbst ist sie einfach nicht tot zu kriegen.

Dabei spricht längst einiges dafür, dass die Angaben zu Elvis‘ Tonträgerverkäufen ähnlich wie die sagenumwobene Einschaltquote von angeblich mehr als 1 Milliarde Fernsehzuschauern für das 1973 via Satellit übertragene TV-Konzert Elvis Aloha From Hawaii vor allem auf Hochrechnungen und der Annahme beruht, dass der King schon aufgrund seines globalen Bekanntheitsgrades einfach ein Megaseller sein muss.

Der Unbedarfte sagt sich jetzt: Das zu recherchieren, kann nicht so schwierig sein: Ein Blick auf die Alben, die er veröffentlicht hat, dazu die Zertifizierungen der Recording Industry Association of America (R.I.A.A.) und die von Nielsen Soundscan erfassten Verkäufe, das müsste doch zumindest einen ersten Anhaltspunkt bringen. Guter Plan, aber leider ist es nicht ganz so einfach.

Die R.I.A.A. erfasst nämlich nur die Verkäufe in den USA (der Rest der Welt fehlt) – und das auch noch nach einem System, das Spielraum für Interpretationen lässt. Nielsen Soundscan startete 1991 mit seinen Erhebungen, da war Elvis Presley, der seine erste Single 1954 veröffentlichte, schon 14 Jahre tot. Und dazu kommt noch die Mutter aller Probleme, nämlich die unübersichtliche Diskografie Elvis Presleys mit einer Vielzahl von Kompilationen über Jahrzehnte hinweg.

In den letzten Jahren sind auch noch Downloads und Streamings dazu gekommen. Die meisten Leute verlieren schon nach einem kurzen Blick auf das Chaos spontan die Lust auf weitere Recherchen und legen stattdessen lieber gleich einen bekannten Elvis-Klassiker auf. Nicht die schlechteste Idee.

Die Chartmasters kommen

Wer sich davon nicht hat abschrecken lassen, ist eine kleine Gruppe von Musikstatistik-Enthusiasten um den französischen Informatiker Guillaume Vieira, die auf der englischsprachigen Website Chartmasters.org neben vielen anderen Informationen die Verkaufszahlen von Musikgrößen der Vergangenheit und Gegenwart über die vorhandenen physischen und digitalen Musikformate hinweg unter die Lupe nehmen.

Dafür nutzen sie ein eigens dafür entwickelten System, das sie Commensurate Sales to Popularity Concept (CSPC) nennen. CSPC dient dazu, die Verkäufe von verschiedenen analogen und digitalen Musikformaten vergleichbar zu machen, indem sie in „equivalent album sales“ (EAS), also äquivalente Albumverkäufe, umgerechnet werden. Zum „Umrechnungskurs“ siehe Legende zur Tabelle weiter unten.

In 2018 war die Evaluation von Elvis Presleys musikalischem Output zu Lebzeiten und posthum dran – ein monatelanges Unterfangen, dass das Chartmasters-Team laut Vieira an den Rand seiner Kapazitäten brachte. Herausgekommen ist dabei eine hochinteressante, wenn auch teilweise sehr komplexe und überraschende Analyse der Verkaufszahlen des King, die nicht fangetrieben ist und auch nicht in erster Linie darum kreist, ob der King nun die 1 Milliarde geknackt hat oder nicht.

Allerdings hat sich das Team unter Führung von Vieira schon mit den Hochrechnungen diverser Autoren der Elvis-Szene befasst und die Mechanismen, mit denen die Milliarde zu beweisen versucht wird, kritisch hinterfragt.

Neben Aussagen von Elvis‘ musikalischem Nachlassverwalter Ernst Jorgensen kommt dabei u.a. auch die erst vor ein paar Jahren veröffentlichte Analyse von Nick Keene auf den Prüfstand, der einmal mehr versuchte, dem King die 1 Milliarde zweifelsfrei zu beweisen.

314 Millionen EAS vs. 1 Milliarde verkaufte Tonträger

Nach der Evaluation von Chartmasters.org hat Elvis Presley die Milliarde bis heute ebenso wenig geknackt wie die Beatles und Michael Jackson. Das sind die einzigen, die mit ihm in derselben Liga spielen, was den Status als weltweiter Megaseller angeht.

Mit Stand Spätsommer 2018 liegt Elvis Presley laut Chartmasters.org bei 314 Millionen EAS = equivalent album sales = Albumeinheiten nach dem Chartmasters-System. Keine Milliarde, aber eine monströse Summe, bei der sich nicht nur die Chartmasters fragen, wieso die noch gehypt werden muss.

Zum Vergleich: Elvis‘ Schwiegersohn Michael Jackson kommt auf 323,7 Millionen, die Beatles auf 405,7 Millionen und Madonna auf „schlappe“ 241,1 Millionen EAS. Der Rest der Musikwelt stellt sich hinten an – weit hinten.

In der finalen Übersicht von Chartmasters.org stellen sich Elvis Presleys sogenannte EAS, also die „equivalent album sales“, so dar:

Quelle: www.chartmasters.org

Legende zur Tabelle:

Studio Album: Verkäufe des Originalalbums
Other Releases: Verkäufe von anderen Zuammenstellungen des Albummaterials
Physical Singles: Verkäufe physischer Singles des Albums (Verhältnis 3/10)
Download Singles: Verkäufe digitaler Singles des Albums (Verhältnis 1,5/10)
Streaming: EAS aller Albumtracks (Verhältnis 1/1500 für Audiostreamings und 1/11750 für Videostreamings)
Orphan = Waisenkinder: Verkäufe von Songs, die auf keinem Album erschienen sind

In der finalen Bewertung ihrer Auswertung betonen Chartmasters, dass die Karriere von Elvis Presley zwar nicht linear war – es gab eine Reihe vergleichsweiser Flops (das Soundtrackalbum Harum Scarum und das Studioalbum Elvis bleiben bis heute unter einer halben Million verkaufter Einheiten in allen verfügbaren Formaten) – das ändert aber nichts daran, dass der Gesamterfolg des Memphis Flash GIGANTISCH ist.

In 22 Jahren veröffentlichte Elvis Presley 42 Studio- und Soundtrackalben, von denen nur 11 bis heute weniger als 1 Million verkaufte Einheiten verbuchen. Mit 31, also knapp 75 Prozent dieser Alben, liegt er über der magischen Grenze von einer Million.

Der King lässt die Korken knallen: Rund 150 Millionen verkaufte Einheiten allein mit sogenannten „orphan songs“.

Das eigentlich Bemerkenswerte ist aber, dass unabhängig von den genannten Alben mehr als die Hälfte seiner Singles aus sehr erfolgreichen sogenannten „orphan songs“ bestehen, also Liedern, die nicht auf seinen Originalalben erschienen sind. Unter diesen Waisenkindern (engl. orphans) ohne Album ist die Mehrzahl seiner größten Hits.

Nur drei Beispiele: Heartbreak Hotel erschien nicht auf dem Album Elvis Presley (1956), Are You Lonesome Tonight nicht auf Elvis Is Back (1960) und Suspicious Minds nicht auf Back in Memphis (1969). 150 Millionen verkaufte Einheiten erzielt Elvis Presley laut Chartmasters allein mit seinen Waisenkindern – der Verkaufserfolg seiner Alben ist da fast schon ein Nebenkriegsschauplatz.

Das beantwortet zwei Fragen, die immer wieder gestellt werden, wenn es um Diskografie Elvis Presleys geht. Erstens die Frage, warum war Elvis Presley kein Albumkünstler? Zweitens: Warum gibt es so viele Kompilationen? Ganz einfach: Die Kompilationen geben den beliebten Waisenkindern ein Heim… immer wieder ein neues. Zudem werden sie in verschiedenen Ausführungen auf unterschiedliche regionale Märkte zugeschnitten. Deswegen sind es so viele.

Wer also auf der Suche nach dem ultimativen Elvis-Album ist, landet schnell in der Sackgasse – oder eben beim erfolgreichsten Weihnachtsalbum aller Zeiten (Elvis‘ Christmas Album) oder dem Soundtrack des Films Blue Hawaii… und wundert sich sattsam. Beide Alben sind zwar extrem erfolgreich, aber sie sind nicht repräsentativ für den Künstler – sie liefern nur einen Teil des Bildes.

Bei Elvis Presley besteht der Trick darin, so argumentiert auch Chartmasters, das große Ganze im Auge zu behalten. Er ist ein einzigartiger Künstler mit der dazu passenden Diskografie.

Fazit: Chartmasters mag den Mythos der 1 Milliarde verkauften Tonträger des King endgültig gekippt haben, aber ein Beinbruch ist das nicht. Dazu liefern die Details ihrer umfangreichen Analyse viel zu viele wertvolle Erkenntnisse. Dabei werden so ganz nebenbei weitere Mythen enttarnt.

4 Antworten
  1. Robert Wagner
    Robert Wagner says:

    Mein Lieber, verkaufte Tonträger berechnen sich nach tatsächlich verkauften T-O-N-T-R-Ä-G-E-R-N !!!, wozu Alben, Kompilationen, Singles, virtuelle Alben und Videos gehören.
    Die Summe dessen ergibt die Anzahl der verkauften Tonträger und nichts sonst.

    Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Ich warte immer noch darauf, dass Du Deine Rechnung aufmachst und Chartmasters widerlegst, denen Du offensichtlich nicht folgen kannst oder willst. Wenn Du Dich ernsthaft damit beschäftigen würdest, wüsstest Du, was sie alles in ihre Berechnungen einbeziehen. Die Milliarde ist damit noch unwahrscheinlicher geworden als sie es ohnehin schon war.

      Antworten
    • memphisflash
      memphisflash says:

      Tatsächlich? Dann lass‘ mal Deine Argumentation hören. EAS steht für „equivalent album sales“ (gleichwertig mit Albumverkäufen), d.h. alle Tonträgerverkäufe inkl. Downloads, die als digitale Tonträger gelten, werden ins Verhältnis zu Albumverkäufen gesetzt. Hinter EAS steckt also ein Umrechungsmodell. Das Team von Chartmasters.org erklärt das ziemlich genau auf der Website http://www.chartmasters.org.
      Gruß memphisflash

      Antworten

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