Elvis, James Dean, Momism und das Hollywoodkino der 1950er

1956 wurde Elvis Presley zum gefeierten Idol von Millionen weltweit – und blieb dabei vor allem eins: selbst ein Fan. Neben den vielen Musikern unterschiedlicher Genres, die der King verehrte (I just loved music, all type of music”), galt seine ganz große Liebe dem Kino und den Kinohelden seiner Zeit.

Träumer Elvis bei den Dreharbeiten zu seinem 4. Hollywoodfilm King Creole (1958)

Früh träumte der junge Elvis, der während seiner High School-Jahre als Platzanweiser in Loew’s State Theater in Memphis jobbte, davon, selbst einmal zu den Helden der großen Leinwand zu gehören, wie er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Jaycee-Awards 1971 verriet:

“When I was a child, ladies and gentlemen, I was a dreamer. I read comic books, and I was the hero of the comic book. I saw movies, and I was the hero in the movie. So every dream that I ever dreamed, has come true a hundred times.”

Elvis Presley bei der Preisverleihung der “Ten Outstanding Young Men Of The Nation” 1971

Einer der Leinwandhelden, die der junge Elvis verehrte, war James Dean (1931-1955). Vor allem James Dean in der Rolle des jugendlichen Rebellen Jim Stark aus Rebel Without A Cause (Denn sie wissen nicht, was sie tun, 1955).

Es war diese Rolle, die den 24-jährigen Dean, der am 30. September 1955 – nur paar Wochen vor der Kinopremiere des Films – bei einem Autounfall ums Leben kam, zum unsterblichen Jugendidol machte.

James Dean im Film Rebel Without A Cause (Denn sie wissen nicht, was sie tun) 1955

Zu diesem Zeitpunkt konnte Elvis noch nicht ahnen, dass er selbst nur wenige Monate später als singende Fortsetzung James Deans in den Fokus Hollywoods rücken sollte.

Schon im Januar 1956 wurde Hollywood-Produzent Hal B. Wallis (alias Aaron Blum Wolowicz, 1898-1986), der sehr erfolgreich für Filmstudios wie Warner Bros. und Paramount Pictures arbeitete, auf Elvis Presley aufmerksam, als der einen seiner ersten Auftritte im amerikanischen Fernsehen, nämlich in der Jimmy und Tommy Dorsey Show, hatte.

Wallis war nach eigener Aussage (vgl. Wallis Autobiografie Starmaker, 1980) sofort elektrifiziert von Ausstrahlung des jungen Musikers und wollte ihn unbedingt für Hollywood verpflichten, was nach einem erfolgreichen Screentest im März 1956 und Verhandlungen mit Elvis’ Manager Colonel Tom Parker auch gelang.

Bei den Dreharbeiten zu King Creole: Produzent Hal Wallis (Mitte), Regisseur Michael Curtiz und Elvis Presley im Gespräch

Laut Wallis hatte Elvis das gewisse Etwas, das ihn an den jungen Errol Flynn – Leinwandidol der 1930er und 40er Jahre – erinnerte, und er passte mit seinem wilden Musikstil und Aussehen sehr gut in die neue Riege der jungen Hollywood-Rebellen, zu denen Marlon Brando (1924-2004) wegen seiner Rolle im Kultfilm The Wilde One (Der Wilde, 1953) ebenso zählte wie James Dean.

Zwischen Frühjahr und Spätsommer 1956, als Elvis Presley mit den Dreharbeiten zu seinem ersten Film (Love Me Tender, 1956) begann, schoss seine musikalische Karriere regelrecht durch die Decke. Dabei brachten seine dynamischen Auftritte – zu sehen in gleich mehreren beliebten TV-Shows mit hoher Einschaltquote – die Sittenwächter der Nation so richtig auf die Barrikaden.

Als gefährlicher Jugendverführer, als Rock ‘n’ Roll-Rebell, der offen Sex propagierte, wurde er von den Sittenwächtern Amerikas als schädlicher Einfluss auf die Jugend gebrandmarkt. Seiner Popularität schadete das nicht – im Gegenteil.

Schnell wurden in den Medien Bezüge zwischen Rock ‘n’ Roller Elvis, Rebellion gegen Autoritäten, wie sie in den Filmen Blackboard Jungle (Saat der Gewalt, 1955) mit Bill Haleys berühmten Soundtrack Rock Around The Clock und James Deans Rebel Without A Cause thematisiert wurden, hergestellt. Obendrauf kamen Unterwanderung der Rassentrennung (→ Weiße Nigger und schwarze Engel), Jugendkriminalität und Drogenkonsum.

Entsprechend musste sich Elvis plötzlich für die angebliche Förderung gleich einer ganzen Palette sozialer Misstände persönlich rechtfertigen, wie das folgende Interview mit dem Journalisten Hy Gardner für die Sendung Hy Gardner Calling vom Sommer 1956 veranschaulicht.

Ja, wer rebelliert denn hier?

Bemerkenswert, was man Elvis Presley laut Interview so alles zutraute. Auf seine Mutter Gladys, zu der er ein sehr enges Verhältnis hatte, soll er sogar geschossen haben – ein Gerücht, das er selbst hier als absolute “Krönung” bezeichnet, womit zu dem Unsinn aus seiner Sicht alles gesagt ist.

Interessant auch seine Reaktion auf die Frage, inwieweit Rock ‘n’ Roll seiner Meinung nach eine Form der Rebellion der amerikanischen Jugend gegen Autoritäten, vor allem die der Eltern, sei. Elvis beantwortet sie gelassen mit einer einfachen Gegenfrage: How would Rock ‘n’ Roll music make anybody rebel against their parents?

Darauf weiß Journalist Gardner keine Antwort, was die Diskussion um den angeblich so gefährlichen Rock ‘n’ Roll und seinen Hauptrepräsentanten spürbar den Wind aus den Segeln nimmt und sie als reichlich akademisch entlarvt.

Ein Witz in sich: “Der Jugendgefährder” erscheint hier vernünftiger als seine Kritiker, die hysterisch das Ende der guten Sitten befürchten und sich dabei auf Gerüchte stützen, die eine einfache Recherche schnell als haltlos hätte entlarven können. Fake News und künstliche Aufreger sind wahrlich keine Erfindung des Zeitalters Donald Trumps.

Aber was für ein “Rebell” war Elvis Presley dann, wenn er Musik als eine Form der Rebellion gegen die spießige Elterngesellschaft der 1950er – und genau so wird Rock ‘n’ Roll bis heute gewertet – nicht nachvollziehen konnte und wollte?

Der Antwort liegt in seinem Musikverständnis: Musik IST, was sie IST.  Musik – und zwar jeder Form von Musik – hat ihren Wert, indem sie den Zuhörer unterhält. Mehr braucht es seiner Ansicht nach nicht – keine vordergründigen Programme, Theorien, Botschaften.

Vielleicht ist es gerade diese Haltung, die den 21-jährigen Landarbeitersohn aus den Südstaaten zu einer brandgefährlichen Person für das puritanische Mittelstandsamerika der 1950er machte? Denn wo käme man hin, wenn der Nachwuchs lernt, das etwas völlig sinn- und zweckfrei einfach nur der Unterhaltung dienen darf?

Dabei war Elvis’ Haltung gar nicht mal so neu. Man könnte sie glatt als eigenwillige und sicher unfreiwillige Anlehnung an das französische L’art pour l’art-Kunstverständnis (dt. Kunst um der Kunst willen) des 19. Jahrhunderts auslegen.

Und einfach nur vorgeschoben, um der Kritik an seiner Person in den 1950ern die Spitze zu nehmen, war sie auch nicht – denn Elvis Presley blieb ihr seine ganze Karriere hindurch treu. Das belegen seine späteren Aussagen zu sozialkritischen Songs wie dem sehr erfolgreichen In The Ghetto (1969), Songs, die eben nicht automatisch Programm werden sollten.

Dazu zählen auch seine ironische Haltung zur politisierenden Singer-/Songwritergeneration der 1960er und 1970er, wie er sie seinem Publikum in Las Vegas präsentierte (“Mein Mund fühlt sich so trocken an, als hätte Bob Dylan darin übernachtet“), oder die Äußerungen zu seinem Selbstverständnis als Unterhaltungskünstler im Rahmen seiner Auszeichnung als einer der 10 Outstanding Youn Men Of The Nation (1971).

Damit dürfte auch klar sein, dass der Aspekt des Rebellentums – gegen die Eltern oder was auch immer – wohl eher nicht das war, was Elvis Presley an Schauspieler James Dean so faszinierte, dass er dessen Rolle als Jim Stark in Rebel Without A Cause in- und auswendig konnte, als er sich im Sommer 1956 auf den Weg nach Hollywood zu den Dreharbeiten seines ersten eigenen Films machte.

Elvis in Begleitung von Natalie Wood und Nick Adams, James Deans Co-Darstellern aus Rebel Without A Cause

Schnell suchte und fand der Memphis Flash hier am Sehnsuchtsort seiner jugendlichen Träume über die Jungschauspieler Nick Adams und Natalie Wood, die ebenfalls im Film Rebel Without A Cause gespielt hatten, Anschluss an die ehemalige Clique um James Dean.

Was James Dean für Kinofan Elvis zu einem Vorbild machte, dem er gerne nacheifern wollte, war wohl viel eher die Kombination aus schauspielerischen Können und Leinwandpräsenz:

“I would never compare myself to James Dean. James Dean was a genius in acting. Although I would like to, I’m sure a lot of actors in Hollywood would like to have the ability that James Dean had. I would never compare myself in any way to James Dean.”

Elvis Presley im Interview mit Hy Gardner, 1956

Die Leinwandpräsenz eines James Dean brachte Elvis Presley mit, wie Profi Hal Wallis 1956 sofort bemerkt hatte. Was das schauspielerische Können anging, hieß es abwarten.

Momism oder Mutti hat Schuld

Anderthalb Jahre und drei Filme später sollte Elvis Presley die Gelegenheit bekommen in seinem vierten Film King Creole (1958) als Danny Fisher in den direkten Vergleich mit James Dean als Jim Stark in Rebel Without A Cause (1955) zu gehen.

Was die beiden Filme gemeinsam haben, ist neben der unbestrittenen Leinwandpräsenz beider Hauptdarsteller ausgerechnet ein gesellschaftskritisches Thema, bei dem die Rebellion der Jugend gegen die Elterngeneration eine Rolle spielt.

Gemeint ist das vor allem nach der Veröffentlichung von Philip Wylies Buch Generation of Vipers (Generation von Vipern) Anfang der 1940er Jahre in den USA diskutierte Phänomen des Momism, das in den 1950ern seine Spuren auch im Kino Hollywoods hinterließ.

Elvis liebte seine Mama… und machte nie einen Hehl daraus. Rebellion gegen “Momism” war zumindest privat kein Thema für ihn – Foto: Michael Rose: Elvis Presley A Moment In Time

Unter Momism verstand man die Dominanz der Mutter (nach Wylie “die Viper”) in der Familie, was aus damaliger Sicht vor allem negative Folgen für die Kinder hatte. Befürchtet wurde besonders die angeblich Reifeverzögerung der “verzärtelten” Söhne -, die in ihren willensschwachen, von der Mutter dominierten, Vätern keine männlichen Rollenvorbilder fanden.

In der Verschiebung der Machtverhältnisse in der Familie sah man in den 1940ern und 1950ern die Gefahr einer Schwächung der gesamten amerikanischen Gesellschaft. Wie sich das auf Handlung und Darstellung männlicher Rollenbilder in den Filmen Rebel Without A Cause mit James Dean und King Creole mit Elvis Presley auswirkte, darum geht es im nächsten Beitrag zu King Creole.


Serie Elvis in King Creole (1958)

Teil 1: Buchtipp King Creole Frame by Frame
Teil 2: Elvis, James Dean, Momism und das Hollywoodkino der 1950er
Teil 3: Rebel with a cause: Danny Fisher und Jim Stark
Teil 4: Elvy! King of Rock ‘n’ Roll trifft Meisterregisseur Michael Curtiz
Teil 5: King Creole – Soundtrack de Luxe

1 Antwort
  1. Matthias Konradt
    Matthias Konradt says:

    Wie immer ein spannender, Elvis-kundiger und wunderbar geschriebener Kommentar in der Tradition von Peter Guralnick und Greil Marcus. LIEBEN Dank dafür, Memphis Flash, wer auch immer das “live in Person “sein mag.

    Antworten

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