Elvis und Rassismus: “Weiße Nigger” und “schwarze Engel” in Las Vegas

Als Elvis Presley im Sommer 1974 seine 11. Saison im großen Showroom des Hilton Hotels (vormals International) in Las Vegas absolvierte, kam es bei der Mitternachtsshow am 27. August zu einem Zwischenfall, der auf dem folgenden Audiomitschnitt ab 1:24 auszumachen ist.

Elvis Presley im Showroom des Hilton Hotels in Las Vegas im August 1974 – Foto: Fashion For A King, Flaming Star / FTD Books 2011

Elvis über “white N.I.G.G.E.R.” – FTD Elvis From Sunset To Vegas

Was hier zu hören ist, ist der akustisch nicht optimal zu verstehende rassistische Einwurf einer Frau aus dem Publikum, kurz bevor Elvis Presley zum Song It’s Now Or Never (alias O Sole Mio) überleiten möchte. Die Zwischenruferin sagt in etwa: “damn nigger [you’re so full of yourself]“.

Elvis, der sich privat für Etymologie (die Bedeutung und Geschichte von Wörtern) interessierte, nimmt diese Beleidigung spontan zum Anlass, seinem Publikum mit Verweis auf das Lexikon (Webster’s Dictionary) mal ganz genau zu erläutern, was N.I.G.G.E.R. eigentlich bedeutet, nämlich schlicht “lazy and shiftless” (dt.: faul, träge).

Der King kontert den rassistischen Zwischenruf also mit einer neutralen Bedeutungsebene des Wortes, die sich so tatsächlich in älteren Ausgaben des Webster findet, und folgert daraus entsprechend: “in that case there are white niggers, too / also gibt es auch weiße Nigger. Nigger ist also vor allem eine Frage der Einstellung und nicht der Hautfarbe.

Als Beleg für seine Erläuterung verweist er auf Charaktere in der wöchentlich ausgestrahlten amerikanischen TV-Serie Hee Haw (1969 – 1992). Gemessen am Applaus kommt diese Erläuterung beim Publikum durchaus gut an, womit die Sache für den King vorerst erledigt ist.

Welche Macht das “N-Wort” selbst in einem positiven Kontext hat, zeigte sich 2009 als der oben beschriebene Mitschnitt auf der CD Elvis From Sunset To Las Vegas des Sammlerlabels Follow That Dream (FTD) veröffentlicht wurde. Spontan gab es Beschwerden – von welcher Seite auch immer -, die dazu führten, dass FTD diese Sequenz nun nicht mehr auf der CD veröffentlicht.

Es kursieren also Versionen der Veröffentlichung mit und ohne diesen Mitschnitt (→ vielen Dank an Helmut Radermacher für diesen Hinweis) – davon abgesehen gibt’s das Ganze natürlich auch auf Bootlegs. Irgendwie sehr schade, dass es immer noch nicht ohne eingeforderte Zensur geht.

Dass Rassismus über den geschilderten Vorfall hinaus im August 1974 sehr präsent im Bewusstsein Elvis Presleys war, zeigt eine weitere Episode aus demselben Las Vegas-Engagement. Bei mehreren Konzerten erzählte Elvis seinem Publikum folgende Anekdote, die Bezug auf die Dekorationen des Showrooms nahm. Der war offensichtlich durch Wandgemälde, die Szenen aus dem 18. Jahrhundert zeigten, und barocken Putten geschmückt. Eine Steilvorlage für den King, um sein Weltbild zu transportieren:

“Richtet einen Strahler auf die Statuen an dieser Wand. O.k. Das ist schön. Ich habe keine Ahnung, was es ist, aber das ist schön. Tom Jones war neulich hier, und er kommt aus Wales. Ich fragte Tom, was das [Statue an der Wand des Showrooms] ist, und er sagte, dass es King Edward wäre. King George, tut mir Leid, entschuldigen Sie, Ihre Majestät. Nehmt jetzt den Strahler und richtet ihn auf diese Engel [an der Decke]. Schaut euch nur diese Kerle an, Junge. Große, fette Engel! [Jetzt] Richtet den Strahler auf diese Wand da drüben. Sie werden einen leichten Unterschied bemerken. Die ‘Kaukasier’ unter Ihnen. Das ist es doch, oder? ‘Kaukasier’? Das stand auf meiner Einberufung. Ich dachte, es würde ‘beschnitten’ bedeuten! Jedenfalls, letzte Nacht kam ich gegen 4:40 morgens hier runter, mit ein paar Freunden, die für mich arbeiten, Jerry Schilling und Red West […] Jedenfalls, er [Red West] kletterte über das Geländer, wo [die Hoteltechnik] ihr Material aufbewahrt, die Farbe und so weiter; er […] holte eine kleine Dose schwarze Farbe. Er steckte sie in seinen Gürtel, kam zurück, kletterte rüber und wir stellten zwei Tische übereinander. Ich stieg mit der Farbe und dem Pinsel hoch, und ich war Michelangelo, oder der Kerl, der die Decke im Vatikan, die Sixtinische Kapelle, malte. Ich habe diese Statue [schwarz] gemalt. Es hat 30 Minuten gedauert. Das Hotel hat kein Wort gesagt. Ich dachte nur, ich teile es mit Ihnen.”

Zitiert nach der deutschen Ausgabe von Peter Guralnick: Careless Love, Bosworth 2006

Meistens aus dem Zusammenhang zitiert, wird diese Anekdote gerne als peinliche rhetorische Episode interpretiert, die besser gar nicht erst erwähnt wird. Schade, denn es lohnt sich genauer hinzuschauen, was Entertainer Presley, der direkte Äußerungen zu politischen bzw. gesellschaftlichen Themen stets ablehnte (→ Welcome to my World – Welcome to the Promised Land), hier tatsächlich kommuniziert.

Interessant auch deshalb, weil man ihm seit den 1950ern immer wieder rassistische Tendenzen unterstellt hat (→ siehe auch Elvis, der American Dream und Donald Trumps Amerika).

Im ersten Teil seiner kleinen Geschichte beschwört Elvis durch den Verweis auf seinen britischen Gesangskollegen Tom Jones, der ihm (angeblich) erst einmal erklären musste, was die Dekorationen eigentlich zeigen, die europäische Alte Welt. Das ist vor allem die Welt der europäischen Einwanderer, der Monarchie und der Kultur der weißen, “fetten” Putten (weiße Engel).

Er leitet dann über zu den Dekorationen auf der “anderen Seite” des Showrooms, die hier für die Neue Welt, also Amerika, steht. Die Neue Welt muss allerdings erst noch farblich “bearbeitet” werden, um ein vollständiges Bild abzugeben. Hierbei sieht sich Elvis tatkräftig unterstützt von seinen Südstaatenfreunden.

Für den Fall, dass sein Publikum jetzt immer noch nicht strahlermäßig “erleuchtet” genug ist, um zu sehen und zu verstehen, was er meint, verweist er auf den Begriff des “Kaukasiers” (europide “Rasse”, Synonym für Menschen mit heller Hautfarbe) und gibt vor, als ungebildeter Südstaatler bis zu seiner Einberufung zur US-Armee 1958 die Bedeutung des Wortes gar nicht gekannt zu haben.

Eine hintersinnige Anspielung darauf, dass er, der wegen seines Mixes aus “kaukasischen” und “afroamerikanischen” Musikstilen seit den 1950ern als “white nigger” beschimpft wird (u.a. von Country-Musiker Ira Louvin), keinen Unterschied zwischen ethnischen Gruppen macht. Früher (vor 1958) aus purer Unkenntnis oder mangelndem Problembewusstsein – heute (1974) aus Überzeugung.

“Kaukasier” Elvis mit dem befreundeten Entertainer Jackie Wilson am 20. August 1974 in Las Vegas.

Jedenfalls habe er, so Elvis weiter, inzwischen kapiert, wo der Hund begraben liegt. Und deswegen hat er “seinen” Abend für Abend ausverkauften Showroom kurzerhand entsprechend seines musikalischen Programms optisch angepasst, indem er eigenhändig zwischen die weißen Engel einen black angel, einen schwarzen Engel, gemalt hat.

Damit spiegelt die altmodische Deko des Showrooms jetzt endlich seine Weltsicht, in der – ähnlich wie in der Zusammensetzung seiner Backgroundsänger – weiß und schwarz gleichberechtigt nebeneinander den Sound des Lebens ausmachen  (→ Der Schamane in Las Vegas).

Die Legitimität dieser Vorgehensweise sieht er – augenzwinkernd – nicht zuletzt darin begründet, dass selbst das Management des Hotels nichts gegen seinen symbolischen Akt als “Michelangelo von Las Vegas” unternimmt.

Krass, ordentlich hintenrum und dennoch genau auf den Punkt, polt der King hier seinem Publikum bei, wie er zur Rassentrennung in der amerikanischen Gesellschaft steht.

2 Antworten
  1. Bianca
    Bianca says:

    Wow, klasse. Vieles habe ich so nicht gewußt. War mir aber immer 1000%ig klar, das Elvis kein Rassist sein konnte.
    Vielen Dank für diesen tollen Beitrag.

    Antworten

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