ELVIS 1968 – Prelude zum ’68 Comeback Special

NBCs TV-Special ELVIS – heute besser bekannt unter dem Namen ’68 Comeback Special – wird in diesem Jahr 50! Längst ein zeitloser Klassiker besticht Steve Binders Produktion für den Fernsehsender NBC aus dem Jahr 1968 ebenso mit Elvis Presleys energie- und emotionsgeladener Musik wie mit der Wucht schöner Bilder.

Nie zuvor und niemals danach wurde der King im Fernsehen so gut in Szene gesetzt. Das war kein Zufall, sondern das Resultat der fruchtbaren Zusammenarbeit des Memphis Flash mit Regisseur Steve Binder und Musikproduzent Bones Howe.

I’m back! Elvis Presley im Juni 1968.

Dabei war Steve Binder (*1932), der Medizin studierte, bevor er in den 1960ern sein Talent als Regisseur von Musikproduktionen fürs Fernsehen entdeckte (Hullabaloo, Shindig, T.A.M.I), zunächst gar nicht besonders begeistert davon, ein TV-Special mit Elvis zu realisieren.

Erst im April 1968 hatte der junge Regisseur ein Musik-Special für NBC mit der damals sehr populären britischen Sängerin Petula Clark (*1932) auf Sendung gebracht, das sehr kontrovers diskutiert wurde. Und zwar, weil Petula während ihres Duetts mit Harry Belafonte zu On The Path Of Glory dessen Arm berührte.

Die Berührung eines Afroamerikaners durch eine weiße Frau, sei sie auch noch so harmlos wie im Video, war trotz Bürgerrechtsbewegung zu dieser Zeit nach wie vor ein Tabu im amerikanischen Fernsehen.

Obwohl Binder von Sender und Hauptsponsor aufgefordert wurde, die Szene zu streichen, kam er dem in Absprache mit Clark nicht nach. Die TV-Show wurde mit der Szene gesendet. Die nachfolgenden Diskussionen sorgten dafür, dass Binder ernsthaft überlegte, seine Karriere als Regisseur im Fernsehen aufzugeben und sich anders zu orientieren, wie er in seiner Buchpublikation ’68 at 40 Retrospective (2008) erzählt. Aus Fernsehkreisen hörte Binder nämlich, dass er nach dieser Sache keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen würde.

Just zu diesem Zeitpunkt erreichte Binder ein Telefonanruf des TV-Produzenten Robert “Bob” Finkel (1918-2012). Finkel hatte die Diskussion um den Aufreger ebenfalls mitbekommen – und die hatte ihn auf eine richtig gute Idee gebracht, wie er endlich eines seiner dringlichsten Probleme lösen könnte.

Ein Fernseh-Special – och nee!

Finkel, bis zu diesem Zeitpunkt u.a. erfolgreich mit TV-Produktionen für Andy Williams und Dinah Shore, erzählte Binder, dass er von NBCs Vizepräsidenten an der Westküste, Tom Sarnoff, den Auftrag erhalten hatte, eine TV-Show mit Elvis Presley zu produzieren. Die Show war Teil eines Paket-Deals, den Sarnoff mit Presleys Manager Colonel Tom Parker abgeschlossen hatte. Das einzige Problem: Elvis hatte offenbar überhaupt keine Lust auf ein Fernseh-Special.

Im Frühjahr 1968 hatte Finkel mehrere Besprechungen mit Elvis, in denen es um das geplante TV-Special ging. Immer wenn Finkel bei diesen Gelegenheiten auf Elvis traf, war der zwar freundlich und höflich, blieb aber distanziert, was Finkel zunehmend irritierte. Der King weigerte sich schlicht, den Produzenten zu duzen. Finkel ahnte, dass dahinter mehr als reine Südstaatenhöflichkeit steckte.

Inhaltlich machte Elvis in den Gesprächen mit Finkel nämlich deutlich, dass ihm vor allem daran gelegen war, sein Hollywood-Image abzulegen und sich als vielseitiger Musiker der Gegenwart zu positionieren. Kurz: Der King wollte zeigen, was er alles noch drauf hatte. Eine TV-Show, die – so der Plan seines Managers – nur (ältere) Weihnachtssongs in den Fokus stellte, würde das ganz sicher nicht bewirken, war Elvis überzeugt.

Juni 1968 (v.l.n.r.): Dayton “Bones” Howe, Steve Binder, Elvis und Bob Finkel finden nach Anfangsschwierigkeiten zueinander und haben sichtlich viel Spaß dabei.

Abgesehen davon äußerte der King grundsätzliche Vorbehalte gegen das Medium Fernsehen, hatte er sich in den 1950ern doch vor allem als “novelty act”,  als kurioses Phänomen, in den Varieté-Shows von Steve Allen und Ed Sullivan wiedergefunden, wo er dazu verdonnert wurde, in altmodischen Sketchen mitzuspielen und seinen Hit Hound Dog einem lebenden Bassett vorzusingen.

Steve Allen Show Juli 1956: Elvis beglückt den Bassett mit seinem Windhund-Hit Hound Dog.

Finkel wurde klar, Fernsehproduzenten standen ebenso wenig hoch im Kurs bei Mr. Presley wie Hollywoodproduzenten – da blieb man lieber beim Sie. Wollte er mit dem geplanten Fernseh-Special bei Elvis also je vorankommen, dann brauchte er einen richtig guten Plan.

Die Kontroverse um die Petula-Show brachte ihn auf die Idee, dass ein junger talentierter Regisseur wie Binder her musste. Einer, der den Status Quo selbst gerne herausforderte, war doch genau der richtige Partner für einen Musiker, der in den 1950ern für ordentlich Furore gesorgt hatte und sich jetzt eindrucksvoll zurückmelden wollte.

Doch Binder war nicht überzeugt. Elvis? Och nee, dachte der sich und bekennt heute lachend: “Ich hatte für Elvis’ Musik damals nicht viel übrig. Ich meine, ich bin an der Westküste aufgewachsen und stand mehr auf die Beach Boys, Jimmy Webb und `Mc Arthur Park’, solche Sachen.”

Zunächst kein Fan von Elvis: Regisseur Steve Binder.

Aber die Angelegenheit war immerhin so interessant, dass Binder sie mit seinem damaligen Partner, dem erfahrenen Musikproduzenten Dayton Burr “Bones” Howe (*1933), besprach. Und der sagte spontan: “Du bist verrückt, wenn Du die Chance ausschlägst, mit Elvis zu arbeiten. Ihr wäret ein großartiges Team.

Howe musste es wissen. Schließlich hatte der Musikproduzent schon in den 1950ern einiges an Erfahrung mit dem King im Aufnahmestudio von Radio Recorders in Los Angeles sammeln können.

Elvis 1956 bei der Arbeit im Studio von Radio Recorders: Mit dabei die Sänger der legendären The Jordanaires (stehend) und Gitarrist Scotty Moore (rechts) – RCA-Mann Steve Sholes (links) schaut zu.

Dort hatte Howe, der ursprünglich als Jazz-Musiker startete, als Mitarbeiter von Tontechniker Thorne Nogar ab September 1956 sozusagen einen Platz in der ersten Reihe, wenn Elvis Presley sich an die Aufnahmen einiger seiner größten Hits machte:

“Ich arbeitete mit Elvis als Toningenieur bei Radio Recorders in den 1950ern. Und Elvis hatte wirklich das Heft in der Hand bei seinen Aufnahmesessions. Ich meine, Steve Sholes, der A&R-Produzent von RCA in Nashville, saß im Grunde nur dabei und schaute auf die Uhr. Elvis produzierte seine Platten selbst. Er kam zur Session, suchte die Songs aus und wenn irgendetwas im Arrangement geändert wurde, dann war er es, der die Änderung vornahm. Alles wurde spontan ausgearbeitet. Nichts wurde wirklich geprobt. Viele der Entscheidungen, die normalerweise vor einer Aufnahmesession getroffen werden, fanden während der Session statt. Damit war er seiner Zeit voraus. Heute macht jeder seine Aufnahmen so. Damals war Elvis der Einzige.”

Bones Howe im Interview mit David English, 2008

So war Howe u.a. hautnah dabei, als der King mit Scotty Moore, Bill Black, D.J. Fontana und den Jordanaires für RCA sein zweites Nummer-eins-album ELVIS und später die legendären Soundtracks zu Jailhouse Rock (1957) und King Creole (1958) aufnahm.

Musikproduzent und Elvis-Kenner Dayton Burr “Bones” Howe 2004.

In den 1960ern arbeitete Howe mit The Mamas and The Papas (California Dreamin’) und produzierte selbst sehr erfolgreich u.a. Gruppen wie etwa The 5th Dimension (The Age of Aquarius) und The Monkees (Instant Replay), ab den 1970ern auch Musiker Tom Waits (The Heart of Saturday Night).

Tanzende Hühner, Schneemänner und Weihnachtslieder

Mit Rückenwind von Howe war Binder schließlich einerstanden, einem TV-Special mit Elvis eine Chance zu geben, sofern ein erstes persönliches Kennenlernen erfolgreich verlaufen würde.

Wie Binder sogleich feststellen sollte, führte der Weg zu Elvis grundsätzlich erst einmal über seinen Manager Colonel Tom Parker alias Andreas Cornelius van Kuijk (1909-1997). Und ein Zusammentreffen mit Parker war – wie schon viele vor Binder feststellen mussten – kein reines Vergnügen.

Exzentrisch und machtbewusst: Elvis Presleys Manager Colonel Tom Parker alias Andreas Cornelius van Kuijk.

Bob Finkel arrangierte ein Treffen für Binder und Howe in Parkers Büro auf dem MGM-Gelände in Culver City für den frühen Vormittag des 10. Mai 1968.

In Parkers Büro, das eher an eine Wohnküche in den amerikanischen Südstaaten mit einem großen Tisch in der Mitte umgeben von massiven Eichenstühlen als an Büroräumlichkeiten erinnerte, trafen Binder und Howe neben Elvis’ Manager auf Freddy Bienstock vom Musikverlag Hill & Range sowie auf Tom Diskin, Parkers rechte Hand. Elvis Presley war nicht anwesend.

In den ersten 30 Minuten des Gesprächs erzählte Parker, der vor Elvis auch schon Countrysänger Eddy Arnold gemanagt hatte, den beiden Produzenten erst einmal von seiner eigenen illustren Karriere, genauer gesagt von seinen Anfängen als Promoter beim Zirkus, als er Hühner auf einer heißen Kochplatte “tanzen” ließ, um mehr Tickets zu verkaufen.

Binder war von der großspurigen Art des Holländers spontan abgestoßen. Die Nummer mit den Hühnern, die zu Parkers “Initiationsriten” für neue Geschäftspartner gehörte, fand er nicht komisch, sondern schlicht grausam. Was sollte das?

Es wurde nicht besser mit der nächsten Story. Parker brüstete sich mit den Filmverträgen, die er für Elvis Presley mit den Hollywood-Studios abschloss. Sie waren grundsätzlich nicht länger als eine Seite und hatten, so behauptete Parker, nur eine wichtige Klausel: Presleys Honorar in Höhe von 1 Million USD. Damit war für Binder zumindest geklärt, wieso die Filmkarriere des King in der Sackgasse gelandet war.

Das ganze Gespräch mit dem Zigarre paffenden Parker erinnerte Binder an das Vorspiel zu einer Pokerrunde, in der die Spieler versuchten, sich gegenseitig abzuschätzen, bevor das eigentliche Spiel begann. Eine gute Einschätzung von Binder, schließlich war Elvis Presleys Manager für seine große Spielleidenschaft bekannt.

Ganz offensichtlich versuchte Parker bei dieser ersten Begegnung, seinen Claim abzustecken. Er wollte dem jungen Regisseur, der mit der Petula-Show gezeigt hatte, dass er “sein Ding” durchzog und sich nicht an Vorgaben hielt, deutlich machen, wer bei dem Elvis-Projekt die Fäden in der Hand hielt: Parker und nicht Binder.

Um seinen Machtanspruch weiter zu unterstreichen – und wohl auch als Warnung -, übergab Tom Parker Regisseur Binder eine Mitgliedskarte seiner exklusiven “Snowmen’s League of America”, einem fiktiven Club, dessen Mitglieder sich – so das Cover des zur Karte gehörenden Booklets – bestens darauf verstanden, andere einzulullen (to snow someone) und zu übervorteilen.

Cover des Handbuchs von Colonel Parkers exklusivem “Schneemänner”-Club.

Mitglied in der Snowmen’s League konnte man nur auf Einladung von “Chef-Potentat” Parker werden – ein Austritt war unmöglich. Ein Blick in den “vertraulichen Bericht über die fortgeschrittenen Techniken der Club-Snower” (Abb. oben) brachte Binder auch nicht weiter – das Booklet enthielt vor allem eins: leere Seiten.

Erst als das kuriose Treffen schon fast zu Ende war, kam Parker zum Eigentlichen: dem geplanten TV-Special. Ohne weitere Erklärungen überreichte er Binder eine Box mit dem Schriftzug “Weihnachtsgrüße von Elvis”.

Weihnachtsgrüße von Elvis 1967

In der Promo-Box befand sich eine Broschüre mit dem Schriftzug: “Das vollständige Manuskript für Elvis’ Weihnachtsspecial in Ihrem Radiosender am Sonntag, 3. Dezember 1967”. Gelistet waren die Weihnachtssongs, die es von Elvis in diesem Radioprogramm zu hören gab.

Was Binder an dem Programm spontan irritierte, war, dass ein Ansager die Songs kommentierte, der King selbst allerdings nur mit einem kurzen gesprochenen Weihnachtsgruß zu hören war. Geht’s noch unpersönlicher?

Die Box war im Jahr zuvor an 4.000 Radiostationen in den USA gegangen und sollte jetzt – das machte Parker Binder unmissverständlich klar – die Vorlage für das TV-Special im Sender NBC sein.

Parkers Konzept für das TV-Special wird heute meistens als völlig reaktionär belächelt, dabei hatte es tatsächlich etwas für sich: Es war eine sichere Sache. Denn ein erfolgreiches Weihnachtsspecial mit parallel veröffentlichtem Tonträger lässt die Kasse jedes Jahr aufs Neue klingeln.

Der Beweis: Obwohl Parkers wenig innovatives TV-Weihnachtsspecial letztlich nie produziert wurde, vor allem weil Elvis Presley selbst es 1968 nicht für den richtigen Weg hielt, ist Elvis’ Christmas Album (Camden 1970) laut Recording Industry Association of America (RIAA)  die erfolgreichste Weihnachtsplatte aller Zeiten in den USA. 2011 erhielt Elvis dafür posthum seinen bislang einzigen Diamond-Award der RIAA!

Weihnachten hin, Weihnachten her: Auch Binder, dem die Idee eines Weihnachtsspecials von Anfang an nicht wirklich gefiel, lehnte den Auftrag nach dem Treffen mit Parker nicht gleich ab. Es stand ja  noch der für ihn wesentlich wichtigere Termin aus: Das Treffen mit Elvis Presley. Es sollte noch am selben Tag nachmittags stattfinden, versprach Parker dem jungen Regisseur.

Und genau um dieses erste Treffen geht es u.a. in Teil 2 “Just Elvis” meiner Serie zum ’68 Comeback Special.


Serie ’68 Comeback Special ELVIS

Teil 1: ELVIS 1968 – Prelude zum ’68 Comeback Special
Teil 2: Just Elvis – Vision und Konzept des ’68 Comeback Specials
Teil 3: Proben mit Elvis –  Inside Burbank und Western Recorders 1968 (in Arbeit)
Teil 4: Der Klassiker – Elvis unplugged (in Arbeit)
Teil 5: Sängerin Darlene Love (The Blossoms) über ihre Arbeit mit Elvis (in Arbeit)
Teil 6: Spotlight 3. Dezember 1968: Singer presents ELVIS (in Arbeit)

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