Elvis in Concert 1977: Showtime in Omaha und Rapid City

Am 17. Juni 1977 startete Elvis Presley seine 29. Tournee durch die Vereinigten Staaten von Amerika seit 1970. Zehn Städte in zehn Tagen – sieben verschiedene Bundesstaaten im Mittleren Westen standen diesmal auf dem Programm. Von Missouri und Nebraska ging es über South Dakota, Iowa, Wisconsin und Ohio weiter nach Indiana. In der Market Square Arena in Indianapolis gab Elvis Presley am 26. Juni 1977 sein letztes Konzert. Sieben Wochen später war er tot.

Begleitet wurde der King auf seiner letzten Tournee vom Kamerateam um die → Produzenten Dwight Hemion und Gary Smith, die im Auftrag des TV-Senders CBS die Konzertdokumentation Elvis In Concert produzierten. Das Konzept von Smith-Hemion Productions sah neben → Sequenzen der dänischen Dokumentarfilmerin Annett Wolf zum Fan-Geschehen rund um ein typisches Elvis-Konzert und dessen Vermarktung vor, zwei Konzerte dieser Tournee mitzuschneiden.

Elvis Presley im Omaha Civic Auditorium am 19. Juni 1977

Die Wahl fiel auf das Konzert im Omaha Civic Auditorium in Omaha/Nebraska vom 19. Juni 1977 und das im Rushmore Plaza Civic Center in Rapid City/South Dakota zwei Tage später. Im Omaha Civic Auditorium hatte der King zuletzt im Juni 1974 gleich mehrere Konzerte gegeben. Im Rapid City durfte er am 21. Juni 1977 das Rushmore Plaza Civic Center, die gerade erst fertiggestellte Veranstaltungsarena für Sport- und Musik-Events, eröffnen. Ein besonderer Anlass also, auf den die Stadtväter von Rapid City immer noch gerne mit Stolz verweisen.

Für weitaus weniger Freude sorgen bis heute allerdings die beiden in Omaha und Rapid City gefilmten Elvis-Konzerte selbst. Denn sie werden allgemein – vor allem das in Omaha – zu den schlechtesten Auftritten der gesamten Presleyschen Karriere gezählt.

Wegen ihrer als imageschädigend empfundenen Wirkung werden sie samt Elvis in Concert-Dokumentation sowie des nicht verwendeten Filmmaterials auf Betreiben der Presleyschen Nachlassverwalter und Rechteinhalber nicht mehr gezeigt und sind damit auch nicht regulär auf DVD erhältlich. Nur wenige Ausschnitte, wie etwa Unchained Melody aus dem Konzert in Rapid City, sind bislang auf DVDs wie Elvis Presley – The Great Performances erschienen.

Das ist schade, denn das Filmmaterial als Ganzes hat auf jeden Fall einen dokumentarischen Wert. Das zu zeigen, bleibt den Veröffentlichungen des grauen Markts vorbehalten, die immer wieder ihren Weg in die Social Media-Plattformen finden, wo sie selbst in ihrer oftmals schlechten Ton- und Bildqualität millionenfach angeschaut werden.

Prelude: Elvis wants to say hello

Kurz vor Showbeginn in Omaha hatten die Produzenten Smith und Hemion es längst aufgeben, endlich einmal persönlich mit dem Star ihres TV-Specials Elvis in Concert zu sprechen. Manager Colonel Tom Parker hatte dem Team von Anfang an eingeschärft, dass jede Kontaktaufnahme mit Elvis Presley unerwünscht war, sie sich schlicht auf den Mitschnitt der Konzerte zu beschränken und den Star ansonsten nicht zu behelligen hätten. Daran schien kein Weg vorbeizuführen.

Umso überraschender kam für Gary Smith und Dwight Hemion Elvis’ Einladung zum Gespräch nur wenige Minuten vor Beginn des Konzerts am 19. Juni 1977, wie sie Jahre später Autor Allen Wiener (Channeling Elvis, 2014) in einem Interview erzählten. Gleichzeitig liefert die Beschreibung der ersten Begegnung eine erste Erklärung dafür, warum die nicht schon viel früher stattgefunden hatte – der Backstage-Bereich hatte die Atmosphäre einer Arztpraxis:

We were told that ‘he wants to say hello to you’. We had not met him yet. I remember the smell of the dressing room was like when you were a kid and you had a cough and you had to breathe into a vaporizer. It had a vaporizer odor to it. He was drinking Gatorade. In Chicago [May 1, 1977] he looked a bit overweight, but in Omaha, he was quite heavy; heavier than I’d ever seen him before. I could see that he was wearing a cincher around his waist. It looked like his chest was expanded.

He looked terrible. I think the big reason for the way he looked had to do with drugs.

Gary Smith (oben) und Dwight Hemion in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Abgesehen von seinem “nicht fernsehtauglichen” Erscheinungsbild empfanden Smith und Hemion das Treffen als angenehm. Der King sei sehr freundlich und zuvorkommend gewesen, erinnerten sie sich später. Er machte ihnen Komplimente zu anderen TV-Specials, die er gesehen und die ihm offenbar gefallen hatten.

Die Produzenten hatten auch keineswegs den Eindruck, dass der Star irgendwie neben sich stand. Ganz und gar nicht. Allerdings zeigte er sich auch nicht tiefer interessiert an dem Special über ihn selbst, was sie verwunderte. War er besser informiert als sie dachten? Oder schlicht desinteressiert? Elvis blieb eine Antwort schuldig – Fragen hatte er auch keine:

He never asked us what the concept of the show was, what we were doing, if there was an opening. He never asked anything.

Gary Smith in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Als sie Kameraeinstellungen ansprachen, zeigte sich Elvis kooperativ, machte aber auch seine einzige Präferenz klar: Mit einer weiteren Kamera auf der Bühne sei er einverstanden, aber nicht zu dicht, denn er wolle auf keinen Fall, dass die Sicht des Publikums blockiert werde. Beim Licht argumentierte er ähnlich. Bei den Balladen müsse es stimmungsvoll dunkel bleiben. Nichts solle das Erlebnis seines Publikums mindern. Weitere Vorgaben, etwa wie er selbst abzulichten sei, machte er nicht.

Elvis in Omaha am 19. Juni 1977: Der King in Zeitlupe

Der Ruf des Konzerts, das Elvis Presley unmittelbar nach dem Gespräch mit Hemion und Smith am 19. Juni 1977 in Omaha gab, hat über die Jahrzehnte das Ausmaß eines Supergaus erreicht. Wie war die Show wirklich?

Das folgende YouTube-Video zeigt das Konzert in Omaha – leider nicht in der allerbesten Ton- und Bildqualität. Aber es reicht, um sich selbst ein Bild vom “Supergau” zu machen.

Was fällt auf? Verglichen etwa mit dem TV-Special Aloha From Hawaii, das 1973 via Satellit um die Welt ging, vor allem aber den früheren Konzertdokumentationen Elvis That’s The Way It Is (1970) und Elvis On Tour (1972), liegen die auffälligsten Veränderungen im äußeren Erscheinungsbild Elvis Presleys, dem deutlich reduzierten Energielevel seiner Darbietungen, einer weniger kraftvoll klingenden Stimme und der eher mechanischen Interaktion mit dem Publikum. Ein bisschen wirkt das Ganze, als wäre Elvis Presley in Zeitlupe zu sehen.

Nun hatte der King die eigene Messelatte in den Jahren zuvor mit vielen legendären Powerhouse-Performances wie etwa…

… oder…

… ganz schön hoch gehängt. Vielleicht kann man das schlicht nicht bei jeder Show bringen?

Und trotzdem. Noch ein halbes Jahr vor Omaha – beim Silvesterkonzert in Pittsburgh am 31. Dezember 1976 – machte Elvis Presley einen hör- und sichtbar gesünderen und viel dynamischeren Eindruck, wie das nächste Video belegt. Dabei war die Show vom Aufbau her bis hin zu den Witzchen durchaus ähnlich – mit einer wunderbaren Rarität allerdings: einer Live-Version von Rags to Riches.

Auffällig ist beim CBS-Konzert in Omaha vom 19. Juni 1977 auch, wie viel Raum die Vorstellung der Bandmitglieder einnahm – sie streckte sich gleich über mehrere Etappen. Und das, obwohl ein Großteil von Elvis’ Band- und Backgroundsängern 1977 hinlänglich bekannt waren. Der Kern der Truppe – darunter Lead-Gitarrist James Burton, Drummer Ron Tutt und Bassist Jerry Scheff – war seit 1969/70 mit von der Partie.

James Burton. Lead-Gitarrist der TCB-Band, macht Kunststückchen in Omaha 1977.

In Omaha hatte es den Anschein, dass die ausgedehnte Vorstellung der Band vor allem ein Mittel war, dem teilweise müde wirkenden Star der Show Pausen zu verschaffen. Eine reine Horrorshow ist das Konzert dennoch nicht, wie letztlich auch an der Reaktion des Publikums zu sehen und zu hören ist.

Elvis mit seinem Bassisten Jerry Scheff in Omaha 1977.

Dass der Memphis Flash zugedröhnt und desorientiert über die Bühne stolperte und sich am Mikro festhalten musste, um nicht umzukippen, was durchaus schon behauptet wurde, ist nicht zu sehen.

Die Auswahl der mehr als 20 Songs, die er in dem knapp 1 1/4-stündigen Konzert in Omaha brachte, boten einen Mix aus den 1950ern, 1960ern und neueren Veröffentlichungen – mit How Great Thou Art zudem eine Interpretation, mit der Elvis Presley sein Publikum bis zum Schluss begeistern konnte.

Vergleicht man das Konzert vom 19.6.1977 allerdings mit früheren Auftritten, dann führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Elvis Presley hatte in Omaha weitgehend eingebüßt, was ihn zum genialen Entertainer machte: seine geradezu phantastische Bühnenpräsenz. Und das hatte vor allem mit seiner angeschlagenen Physis zu tun.

Von Omaha nach Rapid City: Elvis entschuldigt sich

Enttäuscht von der Show in Omaha waren Dwight Hemion und Gary Smith, die Produzenten von Elvis in Concert. Dennoch waren sie optimistisch, dass das zweite Konzert, das sie in Rapid City am 21. Juni für die Doku mitschneiden wollten, besser werden würde.

Der Grund dafür war Elvis selbst. Denn zur Überraschung der Produzenten bat er vor dem Konzert in Rapid City zu einer zweiten Audienz. Noch erstaunter waren die beiden, als er sich für seine Performance in Omaha unumwunden entschuldigte und Besserung versprach:

I want to apologize for the other night. I lost seven pounds in two days. I know I was heavy. I was even having trouble moving around. I was just uncomfortable. I’ve lost seven pounds, and tonight’s going to be much better. It’ll be better tonight. Don’t worry.

Elvis Presley zitiert nach Gary Smith und Dwight Hemion in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Wie er allerdings in zwei Tagen über drei Kilo verloren haben wollte – laut Hemion und Smith sah er tatsächlich schlanker, aber immer noch nicht gesünder aus – darauf blieb der King eine Antwort schuldig. Auch ging er mit keinem Wort darauf ein, dass er ohne den Einsatz von Medikamenten kaum noch in der Lage war, überhaupt Konzerte zu geben.

Das Konzert, das Elvis Presley nach seinem Gespräch mit den Produzenten in neueröffneten Rushmore Plaza Civic Center in Rapid City gab, gilt allgemein als das bessere der beiden, die für das TV-Special Elvis in Concert mitgeschnitten wurden. Sie sind nicht völlig deckungsgleich. Hier kommt das Video der Show vom 21. Juni 1977.

In der Endfassung von Elvis in Concert, so wie die Doku von CBS am 3. Oktober 1977 gesendet wurde, sind nur Ausschnitte aus den beiden Konzerten in Omaha und Rapid City zu sehen. Schon allein deshalb, sollte man sich die vollständigen Konzerte im Vergleich in jedem Fall ansehen.

Wie, von wem und unter welchen Gesichtspunkten das gefilmte Material letztlich für das Original-TV-Special ausgewählt wurde, darum geht es u.a. im vierten und letzten Teil meiner Serie zu Elvis in Concert 1977.


Elvis in Concert 1977

Teil 1: Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago – 1. Mai 1977
Teil 2: Elvis in Concert 1977 – The Storyteller
Teil 3: Elvis in Concert 1977 – Showtime in Omaha und Rapid City – 19. und 21. Juni 1977
Teil 4: Elvis in Concert 1977 – das TV-Special vom 3. Oktober 1977 (in Vorbereitung)

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