Elvis in Concert 1977: The Storyteller

Nachdem die Produzenten Gary Smith und Mike Hemion am 1. Mai 1977 das Elvis-Konzert in Chicago gesehen hatten, beschlossen sie, dem geplanten CBS-TV-Special Elvis in Concert eine neue Ausrichtung zu geben.

Die Produzenten fanden, dass Elvis in Chicago einen kranken, übergewichtigen und wesentlich weniger dynamischen Eindruck machte, als sie erwartet hatten. Einfach ein Elvis-Konzert im Rahmen einer Tournee zu filmen, was ursprünglich angedacht war, kam nun nicht mehr in Frage, sollte das einstündige TV-Special ein Erfolg werden.

Elvis Presley wenige Monate vor seinem Tod bei den Aufnahmen zu seinem letzten TV-Special Elvis in Concert im Mai 1977

Erschwerend kam hinzu, dass Elvis Presleys Manager, der knallharte „Colonel“ Tom Parker (alias Andreas van Kuijk), den Produzenten unmissverständlich klarmachte, dass eine Mitarbeit seines Stars bei der Dokumentation nicht in Frage kam. Eine Kontaktaufnahme der Produzenten mit Elvis – welcher Art auch immer – war verboten. Von einem Interview ganz zu schweigen. Keine guten Voraussetzungen also.

Das brachte Hemion und Smith auf die Idee, sich einen weiteren Profi ins Team zu holen: Sie engagierten die dänische Dokumentarfilmerin, Produzentin, Regisseurin und Autorin Annett Wolf (*1936). Wolf hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon erfolgreich mehr als 80 TV-Specials und Kurzfilme, etwa über Peter Ustinov, Dave Allen, Jacques Brel, Peter Sellers und Charlie Chaplin, für das dänische Fernsehen produziert. Anfang der 1970er war sie ebenfalls als Theaterdirektorin für das Royal Danish Theatre tätig.

Ab 1976 arbeitete Wolf in den USA, wo sie schnell an ihre Erfolge in Dänemark anknüpfen konnte. Noch im selben Jahr drehte sie die Dokumentationen The World of Alfred Hitchcock – 1978 folgte Jaws (Der weiße Hai) – The Making of. In den 1980ern machte sich die Dänin einen Namen als Mitbegründerin der Women in Film and Television International (WIFTI), einem Netzwerk für Frauen in der Film- und TV-Branche.

2000 gründete die engagierte Filmemacherin The Wolf Foundation, eine Non-Profit-Organisation zur Erhaltung und zum Schutz der Natur in der kanadischen Arktis. Später lehrte sie an verschiedenen Colleges und Universitäten zum Thema Interviewtechniken und gründete ihre eigene Produktionsfirma Wise Wolf Productions. Seit 2004 lebt Annett Wolf in Kanada.

Filmemacherin Annett Wolf beim European Elvis Festival 2016 in Bad Nauheim

Bekannt war Wolf früh für ihre Tiefeninterviews, in denen es ihr gelang, bis dahin unbekannte Innenansichten ihrer Interviewpartner zum Vorschein zu bringen, wie etwa in ihrem Porträt The World of Jerry Lewis (1972). Man kann also sagen: Annett Wolf für die geplante Elvis-Doku zu engagieren, war ein richtig guter Schachzug von Hemion und Smith.

Annett Wolf: „I fell in love with his voice“

Allerdings war Wolf, wie sie in einer Talkrunde im Rahmen des 15. European Elvis Festivals 2016 in Bad Nauheim erzählte, kein ausgewiesener Elvis-Kenner, als die Produzenten sie engagierten. Als großer Fan von Miles Davies war sie viel zu wenig vertraut mit der Musik des King. Kein Problem für Hemion und Smith. Sie schickten der lebhaften Dänin gleich mehrere Kisten voll mit Platten, damit sie sich vor Drehbeginn umfassend einhören konnte.

Eine wundervolle Art, sich ihrer Arbeit an der Dokumentation zu nähern, wie Wolf bis heute findet. Sie war allein mit dieser Stimme – nichts lenkte davon ab. Sie habe sich augenblicklich in die Stimme verliebt, so die Filmemacherin. Besonders Elvis‘ Gospelsinterpretationen beeindruckten sie nachhaltig. In der tiefen Spiritualität und Humanität, die er darin zum Ausdruck brachte, sieht Wolf bis heute den Kern seiner Persönlichkeit und gleichzeitig auch die große Anziehungskraft für sein Publikum.

Und genau das machte Wolf in ihrem Part der Dokumentation zum Thema. Die Filmemacherin setzte sich das Ziel, von Elvis in erster Linie aus der Perspektive des Zuhörers, des Fans – seiner Fans und ihrer Erlebniswelt zu erzählen. Liebevoll und mit Respekt stellte Annett Wolf, die sich vor allem als Storyteller, als leidenschaftliche Geschichtenerzählerin versteht, die besondere Liebesgeschichte zwischen dem Musiker und seinem Publikum sowie das Geschehen hinter den Konzertkulissen in den Fokus ihrer Arbeit.

Im Verlauf der Dreharbeiten gelang es der selbstbewussten Dänin sogar, Elvis Presleys berüchtigten Kontroll-Freak-Manager Colonel Tom Parker zu befrieden – kein einfaches Unterfangen, wie sie lachend in Bad Nauheim preisgab. Der Colonel mochte selbtsichere Frauen nicht besonders, das ließ er Wolf von Anfang an spüren, was die lebhafte Dänin allerdings wenig beeindruckte. Letztlich kam der Colonel nicht umhin, Wolfs Professionalität als Filmemacherin anzuerkennen, und man raufte sich in den täglichen Drehplanbesprechungen ganz gut zusammen.

So kam es, dass Annett Wolf mit ihrem Kamerateam im Juni 1977 vier Stationen der letzten Tournee Elvis Presleys begleiten konnte, um rund um die Konzerte mit Fans über ihre Erwartungen und vor allem ihre Liebe zum Mann aus Memphis und seiner Musik zu sprechen. Bei der Auswahl der Fans ließ das Management ihr erstaunlicherweise freie Hand – eine gute Entscheidung.

Wolf fing mit ihrer ebenso offenen wie behutsamen Herangehensweise die fröhliche Unbekümmertheit der Fans ebenso ein wie nachdenkliche Momente – vor allem aber aufrichtige Bewunderung.

Ich bewundere ihn dafür, dass er die Grenzen von Blues, Rock und Country aufgebrochen hat. Er hat eine Menge Mut. Er ist meine Nummer 1. Ich liebe den Typen einfach und wünsche ihm noch viele Jahre des Erfolgs. Vielleicht nenne ich irgendwann mal eins meiner Kinder nach ihm.

 

„Also früher, da hat er nicht so die Musik gespielt, die ich mochte. Aber heute finde ich ihn einfach unglaublich.“

 

Du kannst an der Art, wie er Gospels singt, etwa ‚How Great Thou Art‘ oder ‚You Never Walk Alone‘, hören, dass er sehr religiös ist. ‚How Great Thou Art‚ ist mein Lieblings-Gospel-Album. Du fühlst Dich einfach gut, wenn Du es hörst.

 

„Oh, er ist wirklich sehr sexy.“

 

„Er ist einfach großartig.“

 

„Wenn Du die Aufregung, den Enthusiasmus der Menge bei einem Elvis-Konzert spürst, dann ist es fast so, als wäre Gott gelandet.“

 

„Wir vom britischen Fanclub haben ja tatsächlich geglaubt, er wäre überlebensgroß mit so einer Art Heiligenschein um den Kopf. Aber er ist überhaupt nicht so, sondern sehr natürlich und eher schüchtern.“

Mit ihren dokumentarischen Sequenzen kommt die dänische Filmemacherin dem Phänomen Elvis Presley näher als die meisten Dokumentationen, die seit 1977 erschienen sind. Schon allein deswegen ist Elvis in Concert bis heute sehenswert.

Schlüsselszene: The Revelation – die Offenbarung

Für Wolf, die so gerne und gut Tiefeninterviews führt, spielte der Verzicht auf ein längeres Interview mit Elvis, so wie es die Dokumentarfilmer Abel und Adige für Elvis On Tour (1972) fünf Jahre zuvor noch realisieren konnten, erstaunlicherweise keine Rolle.

Für Innensansichten dieser Art war der King auch gar nicht der Typ, wie Wolf 2016 im Rahmen ihres Deutschlandbesuchs erzählte. Für sie war klar, dass er Persönliches lieber für sich behielt. Erst recht in einer für ihn offenbar schwierigen Phase, in der er sich sichtlich nicht besonders wohlfühlte und es ihm schwerfiel, die Reste seiner einst grenzenlos erscheinenden Energie beisammenzuhalten, so die Filmemacherin.

Annetts persönliche Begegnungen mit Elvis waren ausschließlich situationsbedingt. Sie beschränkten sich auf die reinen Filmaufnahmen, ihre Kommunikation war (fast) wortlos. Mehr als ein durchaus warmes „Hello Darling“ seinerseits, begleitet vom berühmten halbseitigen Lächeln, wurde nicht gesprochen.

Dennoch gelang es Annett Wolf, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten im Frühsommer 1977 im selben Alter wie Elvis Presley war, eine Beziehung aufzubauen, die es ihr letztlich doch ermöglichte, mit der Kamera einen überraschend intimen Blick auf den King of Rock ’n‘ Roll einzufangen, so wie es vor ihr wohl nur dem Fotografen Alfred Wertheimer gelungen war.

Schlüsselszene: Elvis Presley betet vor einem seiner letzten Auftritte

Die Kamera lügt nicht, sagt Annett Wolf. Im Guten wie im Schlechten. Sie fokussiert, schränkt den Blick ein, sie offenbart. Die Kamera ermöglicht den Blick hinter die Fassade. So auch in der Filmszene, die Wolf als ihre Schlüsselszene von Elvis in Concert bezeichnet.

Es ist der Moment ganz kurz vor einem der letzten Bühnenauftritte Elvis Presleys. Annett Wolf hat – mit ihrem Kameramann rückwärts laufend – den Weg des King von der Umkleide hinter die Bühne begleitet. Sie bleiben vor ihm stehen, er spricht kurz mit einem seiner Begleiter, nimmt einen Schluck Wasser aus einem Becher, lächelt Annett ein letztes Mal zu, wendet den Blick nach oben und senkt dann den Kopf zum Gebet.

In diesem Moment habe sie den wahren Elvis Presley, den Menschen, nicht den Superstar, mit der Kamera eingefangen, erzählt Annett Wolf. Ein sehr persönlicher, geradezu intimer Moment, der Demut und Verletztlichkeit vermittelt. Hier sieht Wolf den Mann, den sie vor allem in den Gospels gehört hat und von dem seine Fans zu ihr gesprochen haben, bestätigt. Das einzufangen, sei ihr Vermächtnis an ihn, so die dänische Filmemacherin.

Elvis in Concert: Auf ein Neues und endlich mal richtig

In einem Interview mit CTV in 2017 hat Annett Wolf sich für eine Neuberarbeitung von Elvis in Concert ausgesprochen. Man solle es endlich so zusammenstellen, wie es ihrer Meinung nach von Anfang an hätte geschehen sollen: Nur die besten Live-Interpretationen von Elvis aus seiner letzten Tournee wenige Wochen vor seinem Tod 1977 und dafür mehr des Dokumentationsmaterials, von dem leider viel unter den Tisch gefallen sei. Eine guter Vorschlag.

Die Haltung des Nachlassverwaltes Elvis Presley Enterprises, Elvis in Concert bloß nicht zu zeigen, ist längst überholt. Was gibt es in diesem Special zu sehen, was Elvis Presley heute noch schaden könnte? Auf YouTube laufen Clips aus dem Special ohnehin seit Jahren.

Dennoch bemüht sich Elvis Presley Enterprises weiterhin, die TV-Dokumentation von 1977 unter den Teppich zu kehren, indem man einfach ein neues Elvis in Concert kreiert, das nichts mit dem Original von 1977 zu tun hat.

Auf Tournee war das neue Elvis in Concert zuletzt in Deutschland im Mai 2017, also genau 40 Jahre nach den Dreharbeiten von Wolf, Hemion und Smith. Man setzt wohl darauf, dass das kollektive Gedächtnis kurz ist. Schade, denn die Geschichte des Storytellers Annett Wolf wäre es wert, richtig erzählt zu werden.

Im nachfolgenden Video ist die sympathische Filmemacherin in der Talkrunde des 15. European Elvis Festival in Bad Nauheim zu sehen und zu hören.

Im dritten und letzten Teil meiner Elvis in Concert-Trilogie geht es um das Original-Fernseh-Special von 1977 und die LP dazu.


Elvis in Concert 1977

Teil 1: Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago
Teil 2: Elvis in Concert 1977 – The Storyteller
Teil 3: Elvis in Concert 1977 – Das Original (in Planung)

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