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Der Film Speedway aus dem Jahr 1968 markiert das Ende einer Ära: Es ist das letzte der klassischen Elvis-Musicals, zu dem auch ein Soundtrack-Album erschien.

Der Hollywoodstreifen mit Elvis Presley und Nancy Sinatra in den Hauptrollen wurde im Sommer 1967 von Douglas Laurence unter der Regie von Altmeister Norman Taurog für Metro Goldwyn Mayer (MGM) produziert, lief aber erst ein Jahr später, nämlich ab Mitte Juni 1968, in den amerikanischen Kinos.

Speedway: Original-Filmplakat aus dem Jahr 1968 – aus: Helmut Radermacher, Das große Elvis Presley Filmbuch

Speedway entstand in einer Zeit, als Elvis Presley seiner Filmkarriere überdrüssig war und auch das Kinopublikum deutlich das Interesse daran verloren hatte. In den deutschen Kinos lief der Film gar nicht erst an. Hierzulande wurde Speedway erstmals im TV gezeigt, und zwar im Dezember 1976, also fast zehn Jahre nach den Dreharbeiten.

Die Tatsache, dass Speedway kurz vor Elvis Presleys berühmten ’68 Comeback-TV-Special und seine anschließende Rückkehr auf die Konzertbühne veröffentlicht wurde, sich der King ab diesem Zeitpunkt immer wieder enttäuscht über den Verlauf seiner Filmkarriere äußerte, die zwar kommerziell über Jahre sehr erfolgreich war, ihm aber kaum die Möglichkeit bot, als Schauspieler zu überzeugen, hat das Interesse an diesem Klassiker lange im Keim erstickt.

Fast 50 Jahre nach der Filmpremiere sieht das anders aus. Speedway, eine Art Fortsetzung des Pop Art-Klassikers Viva Las Vegas (1964), ist erstaunlich gut gealtert und hat längst sein Publikum (zurück)erobert. Das zeigt schon allein ein Blick auf YouTube, wo zahlreiche User diesen Film (wie auch andere Elvis-Musicals) lustvoll in seine Einzelteile zerlegen, auf die zentralen Szenen eindampfen und in ihren YouTube-Kanälen den überwiegend positiven Kommentaren der Onlinegemeinde preisgeben. Man könnte glatt meinen, Elvis-Musicals wären ihrer Zeit weit voraus gewesen, so gut eignen sie sich für die Darstellung in kurzen Filmsequenzen per YouTube-Video.

Und auch die Filmhistoriker haben das lange von der Filmkritik als flunderflach geächtete Konzept des Elvis-Musicals, das 1960 von Produzent Hal Wallis mit G.I. Blues (Café Europa) sozusagen erfunden und bis 1967/68 von gleich mehreren Hollywood-Studios in Serie produziert wurde, inzwischen rehabilitiert und als eigenes Genre identifiziert. Sehr zu empfehlen sind dazu die Erkenntnisse der Filmhistorikerin Susan M. Doll (Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998), die unter anderem für Turner Classic Movies arbeitet.

Bleibt die Frage: Was genau ist ein „Elvis-Musical“ eigentlich und inwieweit ist Speedway (1968) ein klassischer Vertreter des Genres?

Der Elvis-Imagefilm: Singender Playboy auf der Überholspur des Lebens

Im Privaten bezeichnete Elvis Presley seine Musicals gerne kurz und knapp als „travelogues“ (Reisebeschreibungen), wenn er in den 1960ern nach der Handlung seiner Filme gefragt wurde. Das ist erstaunlich auf den Punkt. Denn was ein klassisches Elvis-Musical als Ausgangspunkt unbedingt braucht, um gut zu funktionieren, ist ein möglichst aufregender Handlungsort, an dem Spaß, Action und schöne Frauen zu Hause sind.

Deswegen wurde der Handlungsort meistens schon im Titel der Elvis-Musikkomödien genannt: Blue Hawaii (Blaues Hawai, 1961), Viva Las Vegas (Tolle Nächte in Las Vegas, 1964), die Weltausstellung in Seattle in It Happened At The World’s Fair (Ob blond, ob braun, 1963), Fun In Acapulco (Acapulco, 1963)… oder eben – wie im Film Speedway (1968) – die bekannte Rennstrecke Charlotte Motor Speedway in North Carolina, wo die amerikanischen Stockcar-Rennen der Nascar beheimatet sind.

Für Speedway wurden Szenen vor Ort auf dem Charlotte Motor Speedway gedreht und einige der damals sehr bekannten Stockcar-Rennfahrer, wie etwa Cale Yarborough, sind im Film kurz zu sehen.

Stockcar-Rennfahrer Cale Yarborough bei seinem Gastauftritt in Speedway.

Speedway spielt also in der aufregenden Stockcar-Szene und ist nach Klassiker Viva Las Vegas ( 1964) und dem weniger bekannten Spinout (Sag niemals ja, 1966) das dritte Musical, in dem Autonarr Elvis einen Rennfahrer spielt. Das ist kein Zufall. Denn ein klassisches Elvis-Musical ist immer ganz gezielt als Starvehikel oder – anders formuliert – als Imagefilm angelegt (→ Viva Las Vegas: Starvehikel mit Kultcharakter), bei dem die Handlung bewusst vom Image des berühmten Hauptdarstellers bestimmt wird. Überspitzt formuliert: Das Image des Stars ist die Handlungsvorlage des Films.

Spaß und viel Action: Autonarr Elvis als Rennfahrer in Viva Las Vegas (1964)…

… und vier Jahre später hinter dem Steuer in Speedway (1968).

Wenn etwas zu Lebzeiten Elvis Presleys in der breiten Öffentlichkeit bekannt war, dann war es seine Vorliebe für alles, was Räder hat. Vom Beginn seiner Karriere an wurde das in einer Vielzahl von Presseartikeln über ihn transportiert – es war sozusagen „common knowledge“ – ebenso wie seine Vorliebe für schöne Frauen. Musik sowieso, schließlich war er als Sänger international sehr erfolgreich.

Beim Genre des Imagefilms ist es hochgradig unerwünscht, wie Filmkennerin Susan Doll argumentiert, dass der Star im klassischen Sinne schauspielert, d.h. in der Rolle eines fiktionalen Charakters aufgeht, sozusagen in ihr verschwindet. Vielmehr ist genau das Gegenteil gewollt: Je besser die Grenzen zwischen Star und Filmrolle, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, desto gelungener ist diese Art von Film. Wer diesen Aspekt kritisiert ist entweder naiv oder kennt sich schlicht nicht besonders gut aus, so Filmhistorikerin Doll:

„Because most of Presley’s films were vehicles, his star image overshadows any fictional character he might play, which is precisely the point. Audiences went to see Elvis Presley, not to see him submerged into the personality of a fictional character. Presley’s star image defined his movie roles and vice versa. […] High-brow reviewers – or, in the case of Presley, rock music historians and certain biographers – who consider film vehicles inferior because of these characteristics are naive. Criticizing the star of a vehicle for playing himself, or attacking a film vehicle for being repetititve, is like criticizing a tiger for having stripes. It is the nature of the beast.“

– zitiert nach Susan M. Doll: Understanding Elvis: Southern roots vs. star image, 1998

Ein Elvis-Musical ist also gewollt etwas völlig anderes als ein Film, in dem der Schaupieler Elvis Presley zu sehen ist, wobei es letzteres durchaus gibt, siehe → Flaming Star/Flammender Stern (1960). Speedway wird dem Genre des Elvis-Imagefilms auf seine ganz eigene Weise gerecht. Genau das macht den Film zum Klassiker.

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Nachdem die Produzenten Gary Smith und Mike Hemion am 1. Mai 1977 das Elvis-Konzert in Chicago gesehen hatten, beschlossen sie, dem geplanten CBS-TV-Special Elvis in Concert eine neue Ausrichtung zu geben.

Die Produzenten fanden, dass Elvis in Chicago einen kranken, übergewichtigen und wesentlich weniger dynamischen Eindruck machte, als sie erwartet hatten. Einfach ein Elvis-Konzert im Rahmen einer Tournee zu filmen, kam nun nicht mehr in Frage, sollte das einstündige TV-Special ein Erfolg werden.

Elvis Presley wenige Monate vor seinem Tod bei den Aufnahmen zu seinem letzten TV-Special Elvis in Concert im Mai 1977

Erschwerend kam hinzu, dass Elvis Presleys Manager, der knallharte „Colonel“ Tom Parker (alias Andreas van Kuijk), den Produzenten unmissverständlich klarmachte, dass eine Mitarbeit seines Stars bei der Dokumentation nicht in Frage kam. Eine Kontaktaufnahme der Produzenten mit Elvis – welcher Art auch immer – war verboten. Von einem Interview ganz zu schweigen. Keine guten Voraussetzungen also.

Das brachte Hemion und Smith auf die Idee, sich einen weiteren Profi ins Team zu holen: Sie engagierten die dänische Dokumentarfilmerin, Produzentin, Regisseurin und Autorin Annett Wolf (*1936). Wolf hatte bis zu diesem Zeitpunkt schon erfolgreich mehr als 80 TV-Specials und Kurzfilme, etwa über Peter Ustinov, Dave Allen, Jacques Brel, Peter Sellers und Charlie Chaplin, für das dänische Fernsehen produziert. Anfang der 1970er war sie ebenfalls als Theaterdirektorin für das Royal Danish Theatre tätig.

Ab 1976 arbeitete Wolf in den USA, wo sie schnell an ihre Erfolge in Dänemark anknüpfen konnte. Noch im selben Jahr drehte sie die Dokumentationen The World of Alfred Hitchcock – 1978 folgte Jaws (Der weiße Hai) – The Making of. In den 1980ern machte sich die Dänin einen Namen als Mitbegründerin der Women in Film and Television International (WIFTI), einem Netzwerk für Frauen in der Film- und TV-Branche.

2000 gründete die engagierte Filmemacherin The Wolf Foundation, eine Non-Profit-Organisation zur Erhaltung und zum Schutz der Natur in der kanadischen Arktis. Später lehrte sie an verschiedenen Colleges und Universitäten zum Thema Interviewtechniken und gründete ihre eigene Produktionsfirma Wise Wolf Productions. Seit 2004 lebt Annett Wolf in Kanada.

Filmemacherin Annett Wolf beim European Elvis Festival 2016 in Bad Nauheim

Bekannt war Wolf früh für ihre Tiefeninterviews, in denen es ihr gelang, bis dahin unbekannte Innenansichten ihrer Interviewpartner zum Vorschein zu bringen, wie etwa in ihrem Porträt The World of Jerry Lewis (1972). Man kann also sagen: Annett Wolf für die geplante Elvis-Doku zu engagieren, war ein richtig guter Schachzug von Hemion und Smith.

Annett Wolf: „I fell in love with his voice“

Allerdings war Wolf, wie sie in einer Talkrunde im Rahmen des 15. European Elvis Festivals 2016 in Bad Nauheim erzählte, kein ausgewiesener Elvis-Kenner, als die Produzenten sie engagierten. Als großer Fan von Miles Davies war sie viel zu wenig vertraut mit der Musik des King. Kein Problem für Hemion und Smith. Sie schickten der lebhaften Dänin gleich mehrere Kisten voll mit Platten, damit sie sich vor Drehbeginn umfassend einhören konnte.

Eine wundervolle Art, sich ihrer Arbeit an der Dokumentation zu nähern, wie Wolf bis heute findet. Sie war allein mit dieser Stimme – nichts lenkte davon ab. Sie habe sich augenblicklich in die Stimme verliebt, so die Filmemacherin. Besonders Elvis‘ Gospelsinterpretationen beeindruckten sie nachhaltig. In der tiefen Spiritualität und Humanität, die er darin zum Ausdruck brachte, sieht Wolf bis heute den Kern seiner Persönlichkeit und gleichzeitig auch die große Anziehungskraft für sein Publikum.

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