Stop, look and… LISTEN!

Jetzt ist er rum – Elvis‘ vierzigster Todestag am 16. August 2017. Was bleibt? Neben dem Spaß der immer noch beachtlich großen internationalen Fangemeinde, die den King – und vor allem sich selbst – auf Veranstaltungen wie der Elvis Week in Memphis und dem European Elvis Festival in Bad Nauheim feiert, eine Flut an Presseveröffentlichungen.

Im Web, im Print, im Radio, im TV und auf sämtlichen Social-Media-Plattformen: Elvis war rund um seinen Todestag (mal wieder) in vieler Munde! Das könnte einen wahrlich freuen, wäre da nicht der kleine, von Jahr zu Jahr, von Jubiläum zu Jubiläum deutlicher werdende Schönheitsfehler: Die wenigsten Stimmen haben wirklich etwas zu sagen.

Die „Elvis lebt“- und die „Elvis has left the building“-Fraktion rauschte im August ungehemmt durch Blätterwald und Netz. Das Dauerrauschen – üppig bebildert mit farbigen und historisch anmutenden Schwarz-Weiß-Fotos – übertönt, was längst offensichtlich geworden ist: die große allgemeine Sprachlosigkeit, wenn es um Elvis Presley geht. Besonders, wenn es um Elvis den Musiker geht.

Presley, Elvis A.: Verhaftet von der großen allgemeinen Sprachlosigkeit

Erstaunlich – schließlich hat doch ursprünglich mal alles mit der Musik angefangen. Bevor es die vielen Fotos, lautstarken Tralalas, das unentwegte Dauerrauschen gab, war da vor allem eine Stimme – verletztlich und selbstsicher zugleich, schmeichelnd und lebendig – mit hohem Wiedererkennungswert. Und auch den Gitarristen gab es, den Pianisten, den Manchmal-Schlagzeuger und -Bassisten, den spontanen Akkordeonspieler. Wo sind die nur alle hin? Wer kann dazu etwas sagen – zum 40. Todestag oder an irgendeinem anderen Tag?

Elvis, der Rolling Stone und die große allgemeine Sprachlosigkeit

Vielleicht kann es das Musikmagazin Rolling Stone, dachte ich mir Anfang August. Da müsste ein Elvis doch sozusagen zu Hause sein. Die haben den bestimmt mit der Muttermilch aufgesogen…

Und in der Tat warb der deutsche Rolling Stone in seiner Augustausgabe mit einem überrascht-amüsiert dreinblickenden Elvis auf dem Cover und einem 30-seitigen (!) Special inkl. Elvis‘ SUN Single Good Rockin‘ Tonight/Blue Moon (1954) zum Reinhören sowie einer CD mit Coverversionen bekannter Elvis-Titel. Uff! Na, das muss doch was sein, dachte ich mir und kaufte die Ausgabe.

Allein der Ankündigungstext auf dem Cover hätte mich misstrauisch machen können: „40 Jahre nach seinem Tod: Elvis lebt“. Ist denen nichts Besseres eingefallen als dieser reichlich abgegriffene Spruch? Selbst Elvis scheint sprachlos – das Coverfoto zeigt ihn 1969, wie er beide Hände vor den Mund hält. Ob er schon wusste, was ihm da wieder blüht?

Im Editorial der Ausgabe erläutert Sebastian Zabel dann, dass sich die Redaktion diesmal mit der geballten Kraft von gleich mehreren Autoren dem späten Elvis widmen wolle – auf 30 Seiten. Den jungen Elvis hätte man ja schon durch mit dem Special zum 80. Geburtstag 2015. Oha. Bleibt allerdings die Frage, wieso der „alte“ Elvis mit einem Bildmotiv des 34-jährigen und einer Single des 19-jährigen Elvis auf dem Cover glänzt?

Jetzt sei mal nicht so erbsenzählerisch, rufe ich mich selbst zur Ordnung und widme mich dem Innenteil des Specials in freudiger Erwartung, dass der Rolling Stone sich wie versprochen dem späten Elvis (wo immer der beginnen möge – wo er aufhört, ist klar) musikalisch widmet. Aber da kommt nix. Rein gar nichts. Jetzt bin ich so sprachlos wie Elvis auf dem Cover.

Das Special, das zu mehr als der Hälfte aus ganzseitigen Fotos besteht (18 von 30 Seiten), darunter eine ganze Reihe von Aufnahmen aus der Veröffentlichung Elvis by The Presleys (2005), beschäftigt sich wieder einmal fast auschließlich mit dem popkulturellen Phänomen und der Privatperson Elvis Presley und „quatscht“ in willkürlich aneinander gereihten Einzelartikeln nach, was in den letzten 40 Jahren schon in einer ermüdenden Fülle zu vernachlässigender Publikationen vorerzählt wurde.

Aufmacher ist ein doppelseitiges Foto, dass den Auto-Corso zeigt, der im August 1977 Elvis Presleys Sarg zur Beerdigung auf dem Friedhof in Memphis begleitet. Dazu die fette Überschrift: ELVIS LEBT. Na, das nenne ich mal eine gelungene Wort-Bild-Schere.

Versprochen wird auf den Folgeseiten eine Reise zu „Orten, die ihn prägten oder die er geprägt hat“. Ja, was denn nun? Darauf folgt eine Doppelseite mit der Abbildung einer goldenen Beretta und der Info, Elvis sei ein Waffenliebhaber gewesen. Nee, sach‘ ma‘, echt? Und wieso ist die Beretta jetzt ein geprägter oder prägender „Ort“?

Die goldene Beretta

Weiter geht es zur doppelseitigen Abbildung der schwarzen Brieftasche des King. Auch wieder so ein „Ort“. Ein Blick ins aufgeklappte Innere gibt den Blick auf ein Foto frei, das zeigt, wie Elvis seine etwa dreijährige Tochter Lisa Marie im Arm hält. Daneben finden sich ein herausgerissener Zeitungsausschnitt, offensichtlich mit der Besprechung eines Elvis-Konzerts, und diverse Mitgliedskarten: American Guild of Variety Artists, Waffenschein und amerikanische Anti-Drogenbehörde. Die magere Info dazu: eine kurze Bildunterschrift zum Bild mit Tochter. Dazu hätte es durchaus mehr zu sagen gegeben…, wenn das Thema des Specials wäre.

Es folgt eine noch „aussagekräftigere“ Doppelseite mit Foto einer Brille, die Elvis getragen hat. Sie ist mit Elvis Presley-Schriftzug auf Dymo-Prägeband versehen, sagt die Bildunterschrift. Elvis war also Brillenträger. Och ja, sach‘ ma, echt? Deswegen stiert der auf manchen Fotos so komisch – der war kurzsichtig.

Dann der erste längere Artikel von Arne Willander, begleitet von einem Elvis-mit-Priscilla-Foto von 1971 versehen mit der Bildunterschrift, dass das Paar sich 1973 scheiden ließ und Hand in Hand das Gerichtsgebäude verließ. Och ja, sach‘ ma‘ echt? Immerhin ist der Rolling Stone jetzt textlich beim späten Elvis angekommen… Nur musikalisch ist er es immer noch nicht.

Elvis mit Priscilla 1971

Es findet sich in dem ganzen Beitrag nicht eine einzige längere Passage dazu. Angehängt dann aber immerhin ein Infokasten (kein Bezug zum Artikel) mit den 10 besten Alben des King, ausgewählt von Autor Wolfgang Doebeling. Darunter vier Alben von Elvis aus den Jahren ab 1968. Hat da zumindest einer der Autoren mal reingehört in die Elvis-Scheiben? Die Begleittexte sind so allgemein analog zur üblichen musikalischen Rezeptionsgeschichte, dass sie keinen wirklichen Rückschluss darauf zulassen.

Doebeling liefert allerdings auch den einzigen weiteren Beitrag zur Musik Elvis Presleys mit „Wie schwarzer Honig am Firmament“. Jetzt aber. Nee, auch nicht. Da geht es zwar endlich mal um die Musik, aber geht es auch – wie im Editorial versprochen – um den späten Elvis? Neeeiiin! Elvis der SUN-Ära ist Thema, genauer gesagt die Titel der Single, die auch auf dem Cover des Rolling Stone klebt: Good Rockin‘ Tonight/Blue Moon. Empfohlen wird das A Boy From Tupelo-Boxset.

Trotzdem ist nicht alles schlecht im Special des Rolling Stone: Ganz witzig ist der Beitrag von Jenni Zykla, die der Frage nachgeht, ob Elvis „so kopulierte, wie er tanzte“. Allerdings kommt sie auch zu keinem echten Erkenntnisgewinn – zu weit gehen die Aussagen der Damenwelt darüber auseinander, wie sie bekennt: Sie reichen von „Mr. Jailhouse Rock“ bis zu „weitgehend impotent“. Och ja, sach‘ ma‘ echt?

Jens Balzer widmet sich im Rolling Stone der Aloha From Hawaii via Satellite-TV-Extravaganz des King von 1973 und tut es glücklicherweise, ohne sie einfach nachzuerzählen. Musikalisch ist auch hier nichts zu holen, aber Balzer betont richtig die Bedeutung des Aloha-Konzerts für die Manifestierung und Vervielfältigung von Elvis Presley als popkulturellem Phänomen. Immerhin.

Ein zu vernachlässigender Einseiter zu Elvis in Bad Nauheim von Ina Simone Mautz und ein ebensolcher zu Elvis in Hollywood von Arne Willander sowie die CD „Elvis revisited“ mit Cover-Versionen von Amanda Lear bis The Residents runden das 30-seitige Rolling Stone-Special ab. Sofern man davon überhaupt sprechen kann.

Damit dürfte kaum jemand in diesem Jahr die große allgemeine Elvis-Sprachlosigkeit besser vorgeführt und ihr mehr Raum gewidmet haben als der Rolling Stone. Von einem Musikmagazin erwartet man allerdings mehr: Klasse statt Masse!

LISTEN – jetzt hör‘ doch mal!

Dabei hätte der Redaktion ein Gespräch mit Greil Marcus, dem US-amerikanischen Kulturkritiker und feinsinnigen Autor von Mystery Train: Images of America in Rock ’n‘ Roll Music (1975), Dead Elvis (1999) und Double Trouble: Bill Clinton And Elvis Presley In A Land Of No Alternatives (2001), auf die Sprünge helfen können.

 

Macht’s wie Elvis: Hört zu!

In einem Interview mit dem SFR vom August 2017 kommt der nämlich zu einem erstaunlichen Fazit. Auf die Frage, ob Elvis heute als kulturelle Ikone der USA wichtiger sei als der Musiker, antwortet der namhafte Kulturkritiker:

„Seine Existenz als Musiker ist heute bei weitem wichtiger! Seine Fähigkeiten als Musiker, sein Genie als Sänger, sein Verständnis von Songs, deren Bedeutung in seinem Leben und für die Gesellschaft ganz allgemein – das wird immer noch nicht ganz verstanden. Es wird auch nicht genügend gewürdigt. Elvis als Musiker ist eine Geschichte, die immer noch nicht richtig erzählt wurde. […] Seine Stellung als kulturelle Ikone entspricht dem vertrockneten Leichnam einer Idee. Dieser liegt seit 40 Jahren in der Sonne und ist inzwischen ziemlich abgestanden. Da gibt es nichts Spannendes mehr dazu zu erzählen. Elvis ist sozusagen in der amerikanischen Kulturgeschichte verschwunden. […] Früher war er ein Bezugspunkt. Noch vor 20 oder 15 Jahren wurde er erwähnt – auch als Witz oder abschreckendes Beispiel – aber er war immer faszinierend für sehr viele Leute. Unbewusst attraktiv für das breite Publikum, sehr bewusst attraktiv für Sänger und Musiker. […] Doch der Elvis als Referenzgröße ist verschwunden. Man mus also zu seinem riesigen Werk zurückkehren, um Dinge zu hören, die wir noch nicht richtig kennen.”

Greil Marcus im Interview mit dem SFR, 16. August 2017

Marcus plädiert dafür, den ganzen geschriebenen Wahnsinn beiseite zu legen, und Elvis einfach zuzuhören. Ein guter Vorschlag. Also weg mit dem Rolling Stone. Hier eine Auswahl ziemlich willkürlich ausgesuchter Songs des „späten Elvis“ – für den Rolling Stone beginnt das zu vernachlässigende Spätwerk ja direkt im Anschluss an die SUN-Ära, also 1956 – das macht eine Auswahl gar nicht so leicht ;-):

A Big Hunk Of Love (1959)

(Now And Then There Is) A Fool Such As I (1959)

I Believe In The Man In The Sky (1960)

Reconsider Baby (1960)

It Hurts Me (1964)

You Don’t Know Me (1967)

U.S. Male (1968)

Long Black Limousine (1969)

Power Of My Love (1969)

I Just Can’t Help Believin‘ (1970)

Funny How Time Slips Away (1970)

I’m Leavin‘ (1971)

I Got A Feeling In My Body (1974)

Good Time Charlie’s Got The Blues (1974)

Shake A Hand (1975)

Danny Boy (1976)

 

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Kommentar verfassen