Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago

Als Gary Smith und Dwight Hemion Elvis Presley am 1. Mai 1977 zum ersten Mal live im Konzert erlebten, waren sie ziemlich überrascht, wie die beiden TV-Profis Buchautor Allen Wiener (Channeling Elvis, 2014) Jahrzehnte später in einem Interview erzählten.

Elvis Presley bei seinem Auftritt am 1. Mai 1977 im Chicago Stadium.

Die Inhaber von Smith-Hemion Productions hatten sich im Frühjahr ’77 auf den Weg ins Chicago Stadium gemacht, wo Elvis am 1. und 2. Mai vor jeweils 20.000 Konzertbesuchern auftrat, um ihr neuestes TV-Projekt Elvis in Concert für den Sender CBS vorzubereiten. Mit größeren Herausforderungen bei ihrem Auftrag rechneten sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht.

Als Produktionsteam hatten sich Hemion und Smith, die im Laufe ihrer Karriere zahlreiche Emmy Awards einfuhren, auf TV-Produktionen für Showbusiness-Größen wie etwa Frank Sinatra, Bing Crosby, Sammy Davies Jr., Ann-Margret, Barbra Streisand, Perry Como und Neil Diamond spezialisiert.

Die Elvis in Concert-Produzenten Gary Smith und Dwight Hemion während eines Interviews circa 2000.

Daher war es naheliegend, dass die beiden über die William Morris-Agentur, bei der Elvis Presley unter Vertrag war, im Frühjahr 1977 den Auftrag erhielten, auch ein einstündiges TV-Special mit dem King für CBS umzusetzen. Im Hinterkopf hatten die Auftraggeber dabei natürlich die sehr erfolgreichen NBC-TV-Specials ELVIS (1968), heute besser bekannt als 68 Comeback Special

… und das 1973 via Satellit gesendete Aloha From Hawaii, das erst vier Jahre zuvor weltweit für Furore gesorgt hatte. Hier wollte CBS offensichtlich aufschließen und bot Star und Management 750.000 USD für das geplante Special, weitere 10.000 USD für Promotionaktivitäten.

Nach einer Sendewiederholung sollten die Rechte von Elvis in Concert komplett an Elvis Presley und seinen Manager “Colonel” Tom Parker (alias Andreas van Kuijk) übergehen.

Ein TV-Special mit Elvis, das klang auch in den Ohren von Hemion und Smith wie ein sicherer Gewinner – die Fortsetzung ihrer eigenen Erfolgsstory.

Außerdem erinnerte sich Fernseh-Veteran Dwight Hemion, der in den 1950ern Regie u.a. in der bekannten TV-Sendung The Steve Allen Show geführte hatte, auch noch sehr gut an Elvis’ berühmten Fernsehauftritt in Allens Show am 1. Juli 1956, als der King in einer als Parodie angelegten Szene seinen Hound Dog einem phlegmatischen Bassett vorsang.

Hemion war 1956 begeistert vom Charisma des jungen, talentierten, energiegeladenen und attraktiven Entertainers und erwartete 1977, eine Version dieses Elvis mit Elvis in Concert ins Fernsehen zu bringen. Und warum sollten Hemion und Smith daran auch eine Zweifel haben?

Denn erstaunlicherweise hatte keiner von ihnen in letzter Zeit einen Auftritt Elvis Presleys gesehen. Sie hatten offensichtlich nichts von den durchaus in den Medien diskutierten gesundheitlichen Problemen und den Gewichtsschwankungen des King mitbekommen, geschweige denn je persönlich mit ihm gesprochen.

Das ist reichlich seltsam. Wer macht schon ein Konzert-Special über eine Künstler, ohne je mit der Person im Zentrum des Geschehens zumindest bei einer Gelegenheit gesprochen zu haben? Wie soll das gehen? Da müssen die beiden doch eigentlich von vornherein große Fragezeichen in den Raum gestellt haben. Haben sie aber nicht. Dafür sorgte schon Elvis’ berühmt-berüchtigter Manager Tom Parker.

Elvis’ Manager Colonel Tom Parker alias Andreas van Kuijk ca. 1969.

Der findige Colonel erklärte schlicht, Elvis wolle das Special eigentlich gar nicht machen. Aha. Der einzige Rahmen, unter dem er sich überhaupt dazu bereit erklärt hatte, war, dass er nicht gestört werde, einfach sein Konzert geben könne und im besten Falle nicht einmal merken würde, dass gedreht wird.

„Elvis was not that enthusiastic about doing it. The only way that the Colonel could get him to agree to do it, would be if he could just continue doing his concerts; if the special could be totally about capturing his concert and he wouldn’t even have to be involved. For all intents and purposes, he wouldn’t even know there was a special being done. I was told that this is not with guest stars, and the only way to do it is to do a special that shows him on tour in action.“

Gary Smith in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Statt Gespräche mit Elvis Presley selbst gab es ein Produktionsmeeting mit dem Colonel, in dem dieser – wie Smith sich später erinnerte – erneut unmissverständlich klar machte:

„Remember, nobody is to involve Elvis Presley in this thing. You guys are just showing up and covering the show. He knows, you’re doing it, but I don’t want anybody calling him and bothering him.”

Als Smith Parker im Zuge seiner Versicherung, man werde sich daran halten, seine Hand auf den Arm legte, wurde der ohnehin nicht besonders freundliche Colonel richtig fuchtig: „Nimm deine Finger von mir, Junge. Ich mag es nicht, angefasst zu werden”.

Das ruppige Verhalten des Managers ließ weitere Fragen der beiden Produzenten im Keim ersticken – sie waren auf Linie gebracht und taten in der Folge alles, um den Colonel nicht weiter gegen sich aufzubringen. Über Elvis’ merkwürdige Vorgaben machten sie sich keine Gedanken mehr.

Kein Wunder also, dass Smith und Hemion erstaunt waren, als sie Elvis Presley am 1. Mai 1977 in Chicago auf der Bühne sahen, vor allem vom seinem äußeren Erscheinungsbild. Dwight Hemion war völlig überrascht davon, wie krank und blass Elvis seiner Meinung nach aussah:

„It was like night and day. He was terribly heavy, discolored a little I felt. He didn’t get a lot of sun, so he was very, very white. Not a healthy pallor about him. That’s what I reacted to mostly, the fact that he looked ill at the end. And, of course, at the beginning he was young and vibrant, and attractive and energetic.”

Dwight Hemion in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Gary Smith fand gleich die ganze Elvis-Show in Chicago sehr enttäuschend, wie er Allen Wiener Jahrzehnte später erzählte. Der King erschien ihm bei seinem Auftritt steif und schwerfällig, zu oft nicht genügend bei der Sache. Die Abschnitte, in denen er mit dem Publikum sprach und die Band vorstellte, waren seiner Ansicht nach viel zu lang. Sein wenig schmeichelhaftes Fazit:

„I’ll be honest enough to tell you, and I don’t think it’s a secret, that when we went to see him, he was not singing that well. […] He did many, many songs that did not come off. His voice was weak, didn’t have any energy, an his physical presence wasn’t commanding in many of his songs. I was just really disappointed when I saw him in Chicago. I said wait a second. This is not the same Elvis Presley that we’ve seen. We’ve got to do something. This is not to sustain for a whole hour with just singing. We’ve got to create another kind of aura.”

Gary Smith in Allen Wiener: Channeling Elvis – How Television Saved The King of Rock ‘n’ Roll, 2014

Nun gäbe es keinen ernstzunehmenden Grund zu glauben, diese Aussagen der beiden Produzenten könnten doch etwas übertrieben sein, wären da nicht die Sequenzen, die Konzertbesucher an diesem 1. Mai 1977 aus dem Publikum heraus per Video und Audio mitgeschnitten und Jahrzehnte später auf YouTube hochgeladen haben.

Selbst in ihrer amateurhaften Qualität geben sie ein differenzierteres Bild als die Aussagen, die Hemion und Smith in der Retrospektive gegenüber Allen Wiener zu Protokoll gaben. Hier ein Publikumsvideo mit einzelnen Sequenzen vom 1. Mai 1977…

… und ein inoffiziell veröffentlichter Mitschnitt des kompletten Konzerts.

Nach den Reaktionen des Publikums zu schließen, kam das Konzert am 1. Mai also durchaus an. Von der evtl. kränklichen Gesichtsfarbe des King dürften die Zuschauer auch kaum etwas gesehen haben, denn im Konzertsaal war es dunkel und Elvis arbeitete ohne Großleinwand.

Und auch die Chicagoer Konzertkritiken waren wohlwollender als das Urteil der Produzenten…

He has changed from Elvis the Wet look to Elvis the Dry look. And from the looks of the flashing bulbs that greeted him every time he turned around, instant camera stock must have zoomed. As soon as he cranked up his opener, C.C. Rider, the love affair with his fans ran wild. […] The old Elvis magic still works, even though his bulk has cut down on the famous bumps and grinds.”

Martha Groves: Chicago Daily News, 2. Mai 1977

… allerdings findet sich auch der deutliche Hinweis, dass der “Thrill” nachgelassen hatte. Der Elvis des Jahres 1977 kann live nicht mit seinem jüngeren Ich auf Platte konkurrieren:

Occassionally, the vocal sparks were still there. Elvis would dig deep, and the timbre would ring true in his voice and the mind would turn back to how he sounded on early records. But the thrill’s been gone for quite a while now.”

Lynn Van Matre: Chicago Tribune, 2. Mai 1977

Nach dem Konzert in Chicago sowie dem Treffen mit Manager Tom Parker waren Hemion und Smith fest entschlossen, das Konzept für ihr TV-Special zu ändern, und zwar so, dass es dem Colonel gefiel und sie auf Elvis’ Gesprächsbereitschaft verzichten konnten: Elvis in Concert, von CBS posthum am 3. Oktober 1977 gesendet, war das Ergebnis. Zum Zeitpunkt von Elvis’ Tod war das Special fertig und wurde nicht mehr wesentlich verändert. Und genau darum geht es in den nächsten beiden Beiträgen zum Thema.


Elvis in Concert 1977

Teil 1: Elvis in Concert 1977 – Fehlstart in Chicago
Teil 2: Elvis in Concert 1977 – The Storyteller
Teil 3: Elvis in Concert 1977 – Das Original (in Planung)

 

 

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