Buchtipp: Elvis A Life In Music 2017

Nehmen wir mal an, Elvis Presley würde tatsächlich noch leben und käme – mittlerweile jenseits der 80 Lenze – während einer seiner schlaflosen Nächte so richtig ins Grübeln, bei welcher seiner zahlreichen Aufnahmesessions er denn eigentlich den Song Let Yourself Go aufgenommen hatte. War das nicht eine dieser Soundtracksessions für seine Filme? Aber welche bloß? Es gab ja so viele…

Und hatte er den Song nicht auch noch ein zweites Mal aufgenommen? Zu einem späteren Zeitpunkt – mit anderen Musikern? Aber wann und zu welchem Anlass nochmal? Welche Aufnahme von Let Yourself Go erschien erstmals auf Single, EP, LP, oder CD? Wer kann sich so was auch merken bei mehr als 700 Songs und ihren diversen Versionen, die zudem seit Jahrzehnten in ständig neuen Zusammenstellungen auf den Markt kommen?

Dergestalt um seinen königlichen Schlaf gebracht, hätte der King natürlich mehrere Optionen, um der quälenden Grübelei ein Ende zu setzen. Er könnte beispielsweise auf YouTube nachschauen. Mit ein bisschen Glück ergäbe das zumindest den richtigen Erinnerungsstups, welcher Film und welches TV-Special eine Rolle spielen. Aber auf den Rest seiner Fragen würde er weder dort noch auf einer anderen Website so schnell verlässliche Antworten finden.

Sach’ ma’, Ernst!

Nein, um es ganz genau zu wissen, würde der King wohl eher sein eigens für ihn designtes Smart Phone zücken und die Kurzwahl einer Nummer im fernen Dänemark anwählen. Dort wäre ein gewisser Ernst Jørgensen sicher hocherfreut über seinen Anruf und könnte das “Problemchen” in Sekundenschnelle lösen.

Ernst Jorgensen mit einer seiner vielen Veröffentlichungen

Der Däne ist nämlich sozusagen das wandelnde Gedächtnis aller Elvis-Aufnahmesessions, Hüter des 1999 gegründeten Elvis-Sammlerlabels Follow That Dream (FTD) unter dem Dach von Sony und Herausgeber einer ganzen Latte namhafter Elvis Presley-Veröffentlichungen der letzten 30 Jahre, darunter Young Man With The Big Beat, A Boy From Tupelo, Elvis At Stax, Prince From Another Planet, Way Down In The Jungle Room und Taking Care Of Business – In A Flash.

Außerdem ist Jørgensen nicht nur qua Beruf Kenner des Memphis Flash, er ist auch einer seiner größten Fans und recherchiert schon seit seinen Schultagen in den 1960ern, also seit gut einem halben Jahrhundert, zu den Aufnahmesessions seines Lieblingsmusikers.

Wer allerdings nicht den königlichen Luxus genießt, Ernst Jørgensens Wissen telefonisch oder gleich persönlich anzapfen zu können, so nach dem Motto “Sach’ ma, Ernst”, der musste sich bislang mit den englischsprachigen Veröffentlichungen des Dänen zur den Aufnahmesessions des King begnügen. Die gibt es nämlich auch.

Am weitesten verbreitet dürfte Jørgensens Standardwerk Elvis Presley A Life In Music. The Complete Recording Sessions sein, erschienen 1998 und geadelt mit einem Vorwort von Elvis-Biograf Peter Guralnick (Last Train To Memphis, The Unmaking of Elvis Presley).

Schade nur, dass Elvis Presley A Life In Music mittlerweile etwas in die Jahre gekommen ist und leider keine Erkenntnisse enthält, die Ernst Jørgensen aus seiner Arbeit für das Elvis-Sammlerlabel Follow That Dream gewonnen hat, in dem mittlerweile rund 200 CD-, LP- und Buchveröffentlichungen für den leidenschaftlichen Elvis-Aficionado und -Sammler erscheinen sind. Und für eine überarbeitete Fassung seines Standardwerks hat der Hüter von Elvis’ musikalischem Vermächtnis selbst schlicht keine Zeit – der Elvis der Gegenwart hält den Mann auf Trab.

Der Helmut macht’s

Genau dieser Umstand brachte einen weiteren Elvis-Kenner auf den Plan, nämlich Sammler Helmut Radermacher (→ Interview mit Helmut RadermacherElvis the King: Die Hits der deutschen Charts), der als der “deutsche Ernst Jørgensen” gilt und sich fast noch länger als sein dänisches Pendant mit den vielen Aufnahmen Elvis Presleys im Detail beschäftigt.

Radermacher hat jetzt (Frühjahr 2017) mit Einverständnis Jørgensens dessen Standardwerk A Life in Music von 1998 aktualisiert, wobei Jørgensens Originalkapitel, die Elvis Presleys Karriere entlang seiner Aufnahmesessions veranschaulichen, von Michael Widemann ins Deutsche übersetzt wurden. Widemann hat sich auch schon bei der Übersetzung von Guralnicks zweibändiger Elvis-Biografie verdient gemacht.

Cover: Alle Aufnahmesessions des King nach Ernst Jorgensen jetzt in deutscher Sprache bearbeitet von Helmut Radermacher

 

Backcover Elvis A Life In Music 2017

Durch die Aktualisierung ist das Werk auf rund 700 Seiten angewachsen – das Original hatte als Softcover 454 – und ist dennoch im Hardcover-Format 18,4 x 22,1 cm überraschend handlich.

Beim Layout wurde Wert auf Übersichtlichkeit gelegt (macht Sinn bei einem Nachschlagewerk) und unnötiges Chichi vermieden, wie es leider bei dem mehrbändigen und unhandlichen Ultimate Elvis – The Complete And Definitive Recording Sessions (2014) von Eric Lorentzen der Fall ist. Fotos gibt es in Radermachers Jørgensen auch, aber nichts Weltbewegendes, sie stehen hier auch nicht im Vordergrund.

Nein, Elvis A Life in Music: Die kompletten Aufnahme-Sessions 1953-1977. Alle offiziellen Tonträger 1954-2016 von Ernst Jorgensen, aktualisiert von Helmut Radermacher (2017) erspart uns glücklicherweise den Spagat zwischen einem Fotoband und einem Buch über Elvis Presleys Aufnahmen. Jetzt zum Inhalt.

Blick ins Inhaltsverzeichnis

Wer Jørgensens englisches Original hat, der wird gleich erkennen, dass Radermachers Bearbeitung in Aufbau und Struktur bis hin zur Benennung der Kapitel dem Band von 1998 folgt – nur eben in deutscher Sprache. Völlig neu ist alles ab dem Kapitel “Die Jahre danach” von Helmut Radermacher – die Diskographie dabei schön übersichtlich gemacht. Enthalten sind ausschließlich offizielle Aufnahmen, also keine Bootlegs, sonst wäre Radermacher wohl auch nie fertig geworden…

Auszug Legende Session-Informationen – Quelle: Elvis A Life in Music 2017

Aber Vorsicht, das ist noch nicht alles. Auch wenn Jørgensens Beschreibungen der Sessions beibehalten wurden, in den tabellarischen Angaben zu den einzelnen Aufnahmen stecken eine Menge sinnvoller Ergänzungen Radermachers zur Veröffentlichung der Takes. Sie sind gut an den Jahreszahlen zu erkennen – alles, was nach 1998 erschienen ist, wurde hier neu aufgenommen.

Auszug aus Elvis A Life in Music (2017)

Und Elvis’ (nicht gestellte) Frage zu Let Yourself Go wird natürlich auch beantwortet ;-).


Fazit: Kaufen, es lohnt sich. Wer’s nicht macht, ist schlicht blöd. Die Veröffentlichung ist das neue Standardwerk, noch dazu in deutscher Sprache. Einziges Manko für mich: Ich hätte schon eine Danksagung von Jørgensen an Helmut Radermacher erwartet – so viel Zeit muss sein, Ernst, wenn schon einer die Arbeit für Dich macht!

Elvis – A Life in Music: Die kompletten Aufnahme-Sessions 1953-1977. Alle offiziellen Tonträger 1954-2016 von Ernst Jorgensen und aktualisiert von Helmut Radermacher, in deutscher Sprache, gebundene Ausgabe, Cosoc Grand Palace Publishing 2017, kostet knapp 40 Euro und kann über Amazon bestellt werden.

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