Diamond Joe Esposito

Hello, I’m Elvis Presley, glad to meet you, waren die Worte, mit denen der King of Rock ’n‘ Roll  Joe Esposito im Sommer 1959 bei ihrer ersten Begegnung begrüßte. Ein fester Händedruck begleitet vom berühmten schiefen Lächeln des King besiegelte eine 19 Jahre dauernde Freundschaft und ein fast ebenso langes Arbeitsverhältnis, in denen Joe Esposito als persönlicher Assistent und späterer Roadmanager so manche Höhen und Tiefen mit Elvis Presley durchlief.

Elvis Presley und Joe Esposito in Deutschland

Elvis Presley und Joe Esposito in Deutschland

Ort des Geschehens dieser ersten Begegnung: ein sehr deutsch anmutendes Wohnzimmer in einem Einfamilienhaus mit der Adresse Goethestraße 14 in der hessischen Kurstadt Bad Nauheim. Also genau dort, wo G.I. Elvis Presley mit Vater Vernon, Großmutter Minnie Mae und zwei Freunden (Lamar Fike, Red West) Anfang 1959 für ein Jahr seine Zelte aufschlug, um in den Ray Barracks im benachbarten Friedberg seinen Wehrdienst zu leisten.

Der reine Zufall hatte Joseph Carmine Esposito, 1938 als Sohn italienischer Einwanderer in Chicago geboren, in das deutsche Wohnzimmer gespült. Fast zeitgleich mit seinem berühmten Zeitgenossen hatte Uncle Sam ihn zum Dienst am Vaterland nach Westdeutschland verschifft, wo der 21-Jährige in den Ray Barracks im hessischen Friedberg als Lohnbuchhalter eingesetzt wurde.

Von Elvis sah er dort erst einmal wenig, denn der hatte als Panzerspäher der Company C im 32nd Armor Regiment der 3rd Armored Division alles andere als einen Bürojob und war häufig auf Manöver.

Joe Esposito als G.I. in Deutschland, wo er 1959 Elvis Presley kennenlernte – Foto: Joe Esposito

Das änderte sich, als Wes Daniels, Fotograf der PR-Abteilung der US-Armee mit dem Auftrag, Elvis Presley bei seinen militärischen Aktivitäten im Foto festzuhalten, Joe zu dem ersten Treffen mit dem Superstar in die Goethestraße 14 einlud. Der Hintergrund: Elvis spielte in seiner Freizeit gerne mit seinen Kumpels Touch Football und brauchte noch Spieler.

Joe, damals kein ausgesprochener Fan, war neugierig und folgte Wes‘ Einladung, alleine schon um der Langeweile zu entkommen. Es lohnte sich – Persönlichkeit und Erscheinung des Superstars nahmen den Jungen aus Chicago sofort gefangen, wie er in seinem 1994 veröffentlichten Buch Good Rockin‘ Tonight erzählt:

„Seeing Elvis in the flesh was a jolt. On the strength of his physical presence alone, he commanded the room. He was the best-looking man, I’d ever seen, startlingly handsome, with classical, chiseled features and an undefinable quality that distinguished him from everyone else. He grew up around black children, and perhaps that influence gave him a stance like that of no white man I’d ever seen. He walked differently, kind of hip and relaxed. He had that snarl to his lip and an infectious laugh.“

Joe Esposito: Good Rockin‘ Tonight, 1994

Weitere Dinge fielen Joe bei der ersten Begegnung gleich auf: Die große Unruhe seines berühmten Armeekollegen. Ständig war er in Bewegung, führte Karateübungen vor, erzählte Anekdoten aus Hollywood und tauschte Schlagfertigkeiten mit anwesenden Kumpels aus. Letzteres besonders mit Lamar Fike, der die Rolle als übergewichtiger Klassenclown perfekt bediente. Er war der geborene Entertainer, die Anwesenden sein Publikum.

Wenn Elvis Presley mal saß, dann hat er in einer für ihn typischen Haltung den linken Fuß auf das rechte Knie gelegt und wippte nonstop mit dem Fuß, dass die Schnürsenkel seiner Armeestiefel nur so flogen. Oder er setzte sich spontan ans Klavier, um seine Gäste zu unterhalten – das Ganze mit ordentlich Wumms. Dabei spielte er viel R&B – selten eigene Songs.

Die nervöse Intensität Elvis Presleys faszinierte den eher ruhigen Joe. Was für ein Kontrast zu seinem wenig ereignisreichen Buchhalterleben! Wie ein Hurrikan kam der Memphis Flash ihm vor, Vorsicht war geboten, wenn man ihm zu schnell zu nahe kam:

„I knew, Elvis was special. He had an edge, a provocative intensity reminiscent of James Dean. Elvis had that warm, boyish smile, but he wasn’t the kind of guy you ran up to and slapped on the back. Sharing his space was like stepping in the eye of a hurricane: He was a core of deceptive calm that retains a charge of electricity because a storm rages just outside and around it.“

Joe Esposito: Good Rockin‘ Tonight, 1994

Doch Joe machte wohl alles richtig an diesem ersten Abend in der Goethestraße 14. Denn Elvis lud ihn tatsächlich ein zum Touch Football-Spiel am folgenden Sonntagnachmittag.

Elvis mit Freunden beim Touch Football-Spiel in Bad Nauheim.

Elvis mit Freunden beim Touch Football-Spiel in Bad Nauheim.

Und es kam noch besser: Joe war auch gleich im Team des King of Cool, der ehrgeizig spielte und gerne gewann – eine seiner herausstechendsten Eigenschaften, wie Joe in Good Rockin‘ Tonight beschrieb:

„For the most part, Elvis played seriously. As with everything else he developed a passion for, however fleeting, he had to be the best. Elvis was a true competitor. He wanted to be the best football player, and sometimes he seemed to think he actually was. He wasn’t a natural athlete, but he became damn good, because he played for hours and hours until he found his special talent. His greatest assets were his heart and guts. He could thow the ball really well, but he wasn’t a runner. Elvis wasn’t a great blocker either, but he went in there and got knocked on his butt, then jumped right back up.“

Joe Esposito: Good Rockin‘ Tonight, 1994

Damit ist klar, was Joe Esposito 19 durchaus anstrengende Jahre in der Gegenwart des Hurrikans hielt. Aber was faszinierte Elvis Presley an dem Jungen aus Chicago, dem er 1960, als nach dem Ende des Wehrdienstes, das Angebot machte, als persönlicher Assistent für ihn zu arbeiten? Entschieden eine Vertrauensposition, die einen Blick hinter die Kulissen mit sich brachte, für die manch einer sein Leben riskieren würde. Angeboten wurde sie kurioserweise dem einzigen „Yankee“ in der ansonsten nur mit Südstaatlern bevölkerten Entourage des King, die Journalisten augenzwinkernd die „Memphis Mafia“ tauften.

Elvis Presley mit Joe Esposito (2.v.r.), Manager Tom Parker (2.v.l.), Memphis-Mafia-Mitgliedern Alan Fortas (l.), Lamar Fike (3.v.l.) und Charlie Hodge (r.) in den 1960ern.

Er sei eben gut im organisieren, erzählte Joe später schmunzelnd in einem Interview. Stimmt. Das wurde erstmals richtig deutlich, als Elvis mit einigen Kumpels und seinem deutschen Karatelehrer Jürgen Seydel Anfang 1960 einen Ausflug nach Paris unternahm, wo er bei Tetsuji Murakami Karatestunden nahm und ansonsten in vollen Zügen das Pariser Nachtleben genoss. Joe genoss mit – und sammelte, in bester Buchhaltermanier, die Belege ein, um das ein oder andere steuerlich geltend zu machen. Das kam gut an.

Aber Elvis hatte noch aus einem anderen Grund Spaß an seinem neuen Freund, der zufälligerweise genau so hieß wie einer der berühmtesten Mafiosi Chicagos in den Zeiten der amerikanischen Prohibition: Joseph „Diamond Joe“ Esposito (1872–1928). Das regte Elvis Presleys Phantasie an.

Der Gedanke, der harmlos aussehende Joe aus Chicago könnte berühmte Mafia-Verwandschaft haben, gefiel ihm, auch wenn Esposito jede Verbindung zur Mafia stets standhaft leugnete. Die Aura an Gefahr war entschieden ein Einstellungskriterium – wiederholt versuchte Elvis herauszufinden, ob nicht doch etwas dran war an „Diamond Joe“:

„Now I realize Elvis was asking me a much larger question. I think he was asking a guy from Chicago whom he suspected of Mafia connections how he felt about killing someone. And the answer he heard was that if it was my job, I could kill [being in the military at the time]. Just like the Mafia hit men. I’ll never know, but I suspect Elvis asked me to work for him partly because he thought that if the situation called for it, I could be cold-blooded. He loved that notion; it fed straight to his hyperactive fantasy life.“

Joe Esposito: Good Rockin‘ Tonight, 1994

In Mafiamanier erschießen musste Joe Esposito dann glücklicherweise doch niemanden im Verlaufe der fast 20 Jahre an der Seite von Elvis Presley. Beim Sammeln von Quittungen bleib es allerdings auch nicht.

Trauzeuge Joe Esposito (links im Bild) bei der Hochzeit Elvis Presleys mit Priscilla Beaulieu 1967.

Der Cheforganisator regelte zwischen 1960 und 1977 nicht nur den Tagesablauf Elvis Presleys, hielt die Verbindung zum Management und organisierte alle Aktivitäten der Entourage, sondern jonglierte auch das höchst abwechslungsreiche Liebesleben des King mit zahllosen Affären.

Das war ein 24-Stunden-Job an 7 Tagen die Woche. Selbst in Urlaub fuhr man zusammen. Streit gab es auch immer mal wieder – und gekündigt hat Esposito nach eigener Aussage ebenfalls mehrfach, sofern der King ihn nicht selber feuerte… das kam auch vor. Aber letztlich raufte man sich doch immer wieder zusammen.

Platz in der 1. Reihe: Diamond Joe (Mitte) mit Elvis Presley, Frank Sinatra und Fred Astaire 1969.

Joe war anwesend als Elvis 1959 erstmals seiner späteren Ehefrau Priscilla Beaulieu in Bad Nauheim begegnete, gab 1967 den Trauzeugen, als die beiden heirateten, hatte kleinere Rollen in verschiedenen Elvis-Filmen (etwa Viva Las Vegas, 1964), ging in den 1970ern als Roadmanager mit dem King auf Tournee und gehörte auch zu den ersten Personen, die Elvis Presley am 16. August 1977 tot auf dem Boden seines Badezimmers in Graceland fanden.

Auf Tournee: Joe Esposito an seinem Platz neben Elvis auf dem Weg zum nächsten Konzert.

Joe Esposito hatte also wahrlich einen Platz in der 1. Reihe der Elvis Presley-Show. Nach dem Tod Elvis Pesleys arbeitete Esposito für den Konzertveranstalter Jerry Weintraub und als Tourmanager für eine ganze Reihe großer Stars, darunter Michael Jackson, die Bee Gees, Karen Carpernter sowie John Denver. Esposito betrieb auch eine Zeit lang einen eigenen Limousinenservice und war als „Casino Host“ im Luxushotel Wynn in Las Vegas tätig. Von 1974 bis etwa 1979 war Joe mit Shirley Dieu liiert, die 2014 das Buch The Memphis Mafia Princess veröffentlichte.

Joe Esposito schrieb mit verschiedenen Co-Autoren selbst mehrere Bücher über seine Zeit mit Elvis Presley, darunter das mehrfach zitierte Good Rockin‘ Tonight, und fungierte als Berater für die 1981 veröffentlichte Biopic This Is Elvis. Obwohl er in Fankreisen durchaus nicht unumstritten war, nahm er gerne an Veranstaltungen zu Ehren Elvis Presleys teil.

Einen seiner letzten Auftritte hatte er 2013 beim European Elvis Festival in Bad Nauheim, also genau dort, wo 1959 seine Geschichte mit Elvis begann. Nach dem Tod seiner zweiten Frau Martha verschlechterte sich Espositos Gesundheitszustand zunehmend, er erkrankte an Demenz. Am 23. November 2016 ist Joe Esposito in Calabasas, Kalifornien, verstorben. Er wurde 78 Jahre alt. R.I.P. Diamond Joe.

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