Blue Christmas oder Millie und der Weihnachtsklassiker wider Willen (1957)

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Elvis Presley war ein großer Fan von Weihnachten. Er liebte üppige Weihnachtsdekoration und traditionelle Festtage zuhause im Kreis von Familie und Freunden. Bei der Aufnahmesession für das Elvis Christmas Album im September 1957 war er allerdings noch nicht so richtig in Stimmung für Weihnachten – und schuf mit Blue Christmas dennoch einen Weihnachtssong-Klassiker.

Blue Christmas: Elvis Presley unterm Christbaum in den 1950ern

Zu viel Anderes ging Elvis im September ’57 noch im Kopf herum. Statt sich ganz den Aufnahmen für das Elvis‘ Christmas Album zu widmen, war er mehr daran interessiert, weiter an seiner Aufnahme des Songs Treat Me Nice – ein Überbleibsel der Jailhouse Rock-Aufnahmen vom Mai – zu arbeiten und außerdem My Wish Came True des R&B-Sängers und Komponisten Ivory Joe Hunter auf Platte zu bannen.

My Wish Came True war auch der Grund, weshalb erstmals die Sopranistin Millie Kirkham bei dieser Session, die im September 1957 im Studio von Radio Recorders in Hollywood stattfand, dabei sein sollte. Und die damals hochschwangere Millie kam, sah und siegte – entsprechend ist ihre Stimme ab 1957 auf vielen Studioklassikern Elvis Presleys im Background zu hören.

Millie Kirkham: »Elvis was a funny guy«

Trotz Elvis‘ Fokus auf My Wish Came True wurde das nicht der Klassiker, auch nicht der Aufreger, der aus dieser Aufnahmesession hervorging und heute noch so vielen Leuten im Ohr ist. Nein, zum Klassiker wider Willen wurde Blue Christmas – vor 1957 schon erfolgreich unter anderem von dem Countrysänger Ernest Tubb aufgenommen. Hier kommt seine gemächliche Countryversion.

Blue Christmas in der Version von Countrysänger Ernest Tubb

Wie Millie Kirkham selbst erzählt (nachfolgendes Video), war Elvis nicht allzu begeistert davon, Blue Christmas zu vertonen und schlug den Backgroundsängern vor, sie sollten was Lustiges mit ihren Gesangseinlagen veranstalten, dann würde das goofige Liedchen vielleicht gar nicht erst veröffentlicht. Er hatte eine großartigen Sinn für Humor, erzählt Millie.

Allerdings schätzte er seine Plattenfirma völlig falsch ein. Als hätten die Verantwortlichen bei RCA in seinem Fall je auf die Veröffentlichung von goofigen Liedchen verzichtet, wird doch traditionell einfach ALLES, was der Mann je in der Nähe eines Mikros von sich gab – und das muss nicht notwendigerweise unter SINGEN fallen – veröffentlicht.

Elvis Presleys Blue Christmas 1957

Im Fall von Blue Christmas gab der Erfolg der Plattenfirma allerdings recht. Die Aufnahme mit Millie und den Jordanaires im Background entpuppte sich als extrem erfolgreicher Longseller, der nach Joel Whitburns Christmas in the Charts 1920 – 2004 zwischen 1964 und 1985 volle 12-mal in den Top 10 der Billboard Christmas Charts landete, 1964 und 1973 sogar auf Platz 1!

Zwischen 1963 und 1972 sowie 1983 bis 1985 wurden Weihnachtssongs bei Billboard übrigens nicht in den Hot 100, sondern separat in den Christmas Charts gelistet.

Blue Christmas hat ganz klar einen großen Anteil daran, dass Elvis Presley in Joel Whitburns erwähnter Statistik auf Platz 7 der erfolgreichsten Weihnachtsinterpreten überhaupt landet. Nicht schlecht für ein »goofiges« Liedchen.

 

Gruppenbild mit Dame: Millie mit Elvis und den Jordanaires 1966 in Nashville

Gruppenbild mit Dame: Millie mit Elvis und den Jordanaires 1966 bei Aufnahmen in Nashville

Platz 1 der erfolgreichsten Interpreten von Weihnachtsongs geht natürlich – man ahnt es schon – an Bing Crosby, schon allein wegen des ultra-erfolgreichen White Christmas. Bing Crosby hat seinen White Christmas-, Elvis seinen Blue Christmas-Klassiker, das passt schon und beide hat wohl jeder irgendwann schon einmal gehört. Man kann ihnen in der Vorweihnachtszeit eigentlich nicht entkommen.

Ausgerechnet Elvis‘ Version von Klassiker White Christmas, mit Anklängen an die 1954 aufgenommene Version der GruppeThe Drifters, wurde jedoch zum Aufreger für Komponist Irving Berlin. Der soll gleich so hohen Blutdruck beim Hören der Elvis-Interpretation bekommen haben, dass er höchstpersönlich einen Brief an Radiostationen verfasste, um diese Verschandelung seines Hits aus den Playlisten zu verbannen.

Nun ja, fette Honorarschecks sollen sich ja bekanntlich auch blutdrucksenkend bei Rechteinhabern von Kompositionen auswirken… Und Jahrzehnte später kann diese überzogene Reaktion ohnehin niemand mehr so richtig nachvollziehen.

Nur Millie, die ist immer noch nicht so wirklich begeistert von ihrem Gesangspart in Blue Christmas. Dabei ist der mindestens ein so großer Klassiker wie die Lachversion von Are You Lonesome Tonight, wo Cissy Houston den komischen Part hat, Millie aber immer für diejenige gehalten wird, die dort zu hören ist. Jetzt wissen wir auch wieso. Der King hatte eindeutig »so ein Ding laufen« mit seinen Sopranistinnen.

Ab 1968 live… und immer noch »funny«

Auch wenn Elvis Presley zunächst fremdelte mit seinem großen Weihnachtshit, tauchte der Song ab 1968 immer mal wieder in seinem Live-Repertoire auf. Hier die sehr bekannte Version aus dem TV-Special ELVIS – besser bekannt als ’68 Comeback Special.

… und eine von 1974, bei der der King offensichtlich immer noch Spaß am „goofigen Liedchen“ hat. In beiden ist Millie Kirkham nicht mehr zu hören.

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