Buchtipp: A Little Thing Called Life von Linda Thompson

Nach Priscilla Presley, Anita Wood und Ginger Alden hat nun auch Linda Thompson (* 23. Mai 1950 in Memphis) die Geschichte ihrer viereinhalb Jahre dauerenden Liebesbeziehung zu Elvis Presley in einem Buch verarbeitet. A Little Thing Called Life: On Loving Elvis Presley, Bruce Jenner, and Songs in Between ist Ende August 2016  erschienen und hat – wie Ginger Aldens Veröffentlichung 2014 – sofort die Bestsellerliste der New York Times erklommen. Völlig zu Recht, denn A Little Thing Called Life ist wirklich lesenswert.

Linda Thompson in der Zeit, in der sie mit Elvis Presley liiert war (1972-1976)

Ebenso schön wie talentiert: Linda Thompson in der Zeit, in der sie mit Elvis Presley liiert war (1972-1976)

Das liegt vor allem daran, dass Linda neben ihrer frühen Karriere als Schönheitskönigin, mit der sie sich ihr Studium (Englisch, Theaterwissenschaften) an der Memphis State University verdiente, und späteren, meist eher kleineren Rollen als Schauspielerin in bekannten amerikanischen TV-Serien wie Hee Haw, Starsky & Hutch, Vega$, Beverly Hills 90210 und dem Film Bodyguard (1992) vor allem eins ist: eine talentierte Schriftstellerin mit einer besonderen Begabung für lyrische Texte.

Erfolgreich wurde Linda ab den 1985ern als Songtexterin u.a. für Kenny Rogers, Celine Dion, Whitney Houston, Josh Groban und Barbra Streisand. Gearbeitet hat Linda als Texterin meist im Duo mit einem Komponisten, hier vor allem ihrem 2. Ehemann, dem erfolgreichen kanadischen Musiker und Plattenproduzenten David Foster, mit dem sie bis 2005 verheiratet war. Foster zeichnet für die Debütalben von Michael Bublé und Josh Groban verantwortlich.

Für die Powerballade I Have Nothing, die Linda gemeinsam mit David Foster komponierte, und die Whitney Houston in dem Hollywood-Klassiker The Bodyguard singt, wurde sie 1993 zusammen mit Foster für einen Academy Award und 1994 für einen Grammy nominiert. 2003 erhielt Linda einen Emmy für Outstanding Music and Lyrics ihres Songs Aren’t They All Our Children in The Concert for World Children’s Day.

Wow. Warum hat die Dame eigentlich keine Songs für Elvis Presley geschrieben, der gute Songwriter nun wahrlich zu schätzen wusste? Ganz einfach: Sie wollte es nicht. Die Gedichte, die sie dem King – ihrer ersten großen Liebe – während ihrer Beziehung schrieb, waren zu privat, wie sie damals fand.

Seinen Vorschlag, einige besonders gelungene von einem Komponisten vertonen zu lassen, lehnte sie ab. Ganz schön blöd, wie Linda heute selber findet, wäre es doch zu schön, zumindest einen ihrer Songstexte von ihm, bekannterweise ein Fan gefühlvoller Powerballaden, interpretiert zu wissen. Finanziell lukrativ wäre es außerdem gewesen.

Glückliche Zeiten: Elvis und Linda zu Beginn ihrer 4-jährigen Beziehung

Glückliche Zeiten: Elvis und Linda zu Beginn ihrer 4-jährigen Beziehung

Aber jetzt sind wir schon mitten drin in Lindas Geschichte. Genau genommen ist die ein Dreiteiler, den die schreibgewandte Linda, in ärmlichen Verhältnissen in Memphis aufgewachsen, auf knapp 400 Seiten und in 25 Kapiteln, jedes davon eingeleitet mit einem ihrer schönen Gedichte, in A Little Thing Called Life erzählt. Etwa die Hälfte des Buches nimmt der erste Teil ein: ihre Liebesgeschichte mit Elvis Presley.

Der zweite Teil ist ihrem 1. Ehemann, dem Zehnkämpfer Bruce (heute Caitlin) Jenner gewidmet, von dem sie sich trennt, als er ihr 1985 eröffnet, dass er sich einer Geschlechtsumwandlung zur Frau unterziehen möchte. Der dritte Teil des Buches dreht sich um die schwierige Arbeits- und Liebesbeziehung zu ihrem 2. Ehemann David Foster.

Elvis Presley lernt Linda Thompson am 6. Juli 1972 während einer seiner privaten Filmvorführungen in Memphis kennen, zu der sie mit einer Freundin eingeladen wird. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt, der King 37. In diesem Sommer 1972 lebt er zwar schon getrennt von Noch-Ehefrau Priscilla, ist aber offiziell immer noch verheiratet.

Letzteres ist für  Linda, die trotz ihres berühmt-berüchtigten offenherzigen Kleidungsstils eine konservative Südstaatenerziehung genossen hat und mit 22 tatsächlich noch Jungfrau ist, eigentlich ein Hinderungsgrund für eine Beziehung, obwohl die erste Begegnung für beide so etwas wie Liebe auf den ersten Blick ist.

Erst nachdem Elvis Presley ihr glaubhaft versichert, dass er seit Monaten getrennt lebt und das Scheidungsverfahren läuft, entwickelt sich schnell eine sehr leidenschaftliche Beziehung zwischen den beiden, die sich – wie Linda es beschreibt – vor allem vor dem Hintergrund der gemeinsamen Herkunft aus sehr einfachen Verhältnissen in den amerikanischen Südstaaten, der Vorliebe für rabenschwarzen Humor, Babytalk,  phantasievolle Spitznamen und Rollenspiele entwickelt. Auch teilt Linda weitgehend das Interesse ihres Freundes an spirituellen Themen.

In Linda Thompsons Buch gibt es viele humorvolle Geschichten über ihre Zeit mit dem King. In diesem Tenor hält sie auch nicht zurück mit intimen Informationen, was den Liebhaber Elvis angeht. Köstlich ist ihre bildhafte Beschreibung, wie Frau sich einen Elvis-Kuss und sonst noch so einiges vorzustellen hat, etwa seine Sicht auf die wesentlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen und welche Frauen er bevorzugte.

Dabei gelingt es Linda, geschmackvoll zu bleiben. Besonders interessant wird es, wenn sie Einblick in seine ganz persönliche Sicht auf seinen Ruhm, seine Schwächen, die Vergötterung seitens der Fans oder seine feste Überzeugung, sich in der Öffentlichkeit konsequent apolitisch zu geben, eingeht.

Linda präsentiert sich in ihrem Buch als eine optimistische, lebenslustige Person, die – besonders als junge Frau –  mehr als ein bisschen naiv und eine hoffnungslose Romantikerin ist. Für sie erfüllt sich ein Jungmädchentraum, als sich der King in sie verliebt. Denn Linda ist von klein auf ein Elvis-Fan.

Vor allem die Filme, die sie sich in den 1960ern zusammen mit ihrem Vater im Kino anschaut, haben es ihr angetan. Zur Belustigung von Elvis, der über seine Musicals nur als “those godawful movies” spricht, kennt sie sogar seine kuriosesten Soundtrack-Songs auswendig und singt sie ihm gerne privat vor, wie etwa The Walls Have Ears aus dem Film Girls, Girls, Girls (1962).

Nach Elvis’ Tod wird Linda sogar zu den Klängen des Hawaiian Wedding Song aus dem Film Blue Hawaii (1961), es ist ihr Lieblings-Elvisfilm, den Zehnkämpfer Bruce Jenner auf Hawai heiraten.

Spätestens jetzt ahnt man: Dieser romantischen Vorstellung Lindas kann eigentlich keine Beziehung wirklich standhalten. Und schnell wird Linda von der Realität eingeholt. Der Elvis der Filmleinwand, der smarte Typ aus Blue Hawaii & Co. ist im wahren Leben  ein sehr dominanter, komplexer und schwieriger Charakter, so ähnlich sich Image und Realität auf den ersten Blick auch sein mögen. Hier gibt es in Lindas Beschreibungen viele Parallelen zu denen von Priscilla Presley, Anita Wood und Ginger Alden.

Linda als Küchenfee in Graceland

Linda als Küchenfee in Graceland

Seine Dominanz, die Stimmungsschwankungen, Wutanfälle und das Bedürfnis, sie völlig für sich zu vereinnahmen, dazu die zunehmenden gesundheitlichen Probleme sowie die Abhängigkeit von Schlafmitteln und ihren Antagonisten verkraftet Linda einigermaßen, solange Elvis Presley keine Zweit- und Drittbeziehungen neben ihr öffentlich auslebt.

Als diese Entwicklung im Frühjahr 1974 einsetzt, woraus er – wie schon in anderen Fällen vorher – keinen Hehl macht, beginnt Lindas langer Leidensweg. Sie wird fast drei Jahre brauchen und viele Demütigungen ertragen, um sich vom Traum ihrer Jungmädchenjahre zu lösen.

Geradezu luftabdrückend sind die Beschreibungen ihrer Angst, ihr berühmter Freund könne unter Medikamenteneinfluss im Schlaf versterben. Diese Sorge wird für sie zur Manie, zumal sie auch nicht unbegründet ist.

Das Schlimme daran ist, dass Linda – wie alle anderen in Elvis Presleys persönlichem Umfeld – meistens in bester Absicht handelt, dabei aber genau das Falsche tut. Sie unternimmt nichts, um den  gesundheitlichen Problemen wirklich auf den Grund zu gehen, sondern schaut überfordert und hilflos zu.

Bis heute, das offenbart ihr Buch, weiß sie verblüffend wenig Substanzielles über die Gründe der verschiedenen Krankenhausaufenthalte Elvis Presleys in den 1970ern. Erstaunlich, verbringt sie doch so viel Zeit mit ihm im Krankenhaus.

Einmal spricht sie davon, dass er nie in therapeutischer Behandlung war, was nicht stimmt. Zumindest kurzzeitig war dies der Fall, wie man u.a. der Buchveröffentlichung von Dr. George Nichopoulos, langjähriger Hausarzt Elvis Presleys, ganz leicht entnehmen kann.

Der Grund für all das liegt in der Art der Beziehung zwischen der jungen Frau und dem Superstar. An einer Stelle beschreibt Linda, dass sie selbst in Situationen mit Elvis, die sie als höchst gefährlich für ihr eigenes Leben empfand, etwa abgefahrene Spielchen, in denen er ihr hautnah seine Fähigkeiten mit Schwertern demonstriert, schlicht davon ausgeht, er könne sie ganz einfach wieder “heil machen”, sollte  ihr wirklich etwas zustoßen.

Das ist krass und offenbart, dass die sympathische, sich immer fröhlich, leicht und souverän präsentierende Linda, auch eine andere Seite hat. In der Retrospektive gesteht sie sich ein, dass sie selbst in hohem Maße abhängig war, nicht von Medikamenten, sondern von Elvis Presley, von dem sie sich auch nach der Trennung Ende 1976 nur schwer lösen kann.

Es lohnt sich, auch den zweiten Teil von Linda Thompsons Buch, in dem es um die anderen beiden großen Lieben und die damit einhergehenden, teilweise sehr schmerzhaften Erfahrungen geht, zu lesen. So manches in ihrer Beziehung zu Elvis Presley erschließt sich erst so richtig, wenn man das Buch komplett gelesen hat.

buch-coverFazit: Lindas A Little Thing Called Life ist vor allem ein Frauenbuch. Hier geht es neben vielen interessanten Details über Elvis Presley, den Mann hinter dem Image, Bruce alias Caitlin Jenner und David Forster vor allem um Linda Thompson – eine Frau, die nach vielen Aufs und Abs ihren eigenen Weg findet.

Sie entwickelt sich von einer hoffnungslosen Romantikerin, die sich immer wieder bereitwillig dominanten Männern unterordnet, zu einer selbstbestimmten Frau, die ihr Leben eigenständig meistert.

Linda Thompson lebt heute (nicht in einer festen Beziehung) in ihrer Wahlheimat Malibu/Kalifornien und ist sehr stolz auf ihre beiden inzwischen erwachsenen Jungs Brody und Brandon Jenner.

Das Verhältnis zu Bruce Jenner, der nach seiner Geschlechtsumwandlung Caitlin heißt, und ihrem letzten Ehemann David Foster beschreibt sie als  freundschaftlich. Dass sie ihr Buch erst 2016 veröffentlicht, hat vor allem mit dem Outing von Bruce Jenner zu tun. Jetzt, wo er sich auch öffentlich zu seiner Geschlechtsumwandlung bekannt hat, kann auch sie frei über die wahren Gründe des Scheiterns ihrer 1. Ehe sprechen.

In Interviews, die sie im Rahmen ihrer Buchveröffentlichung kürzlich gegeben hat, wirkt Linda Thompson sehr souverän, ausgesprochen sympathisch und humorvoll. Sie hat ganz offensichtlich ihren Frieden mit ihrer Vergangenheit gemacht.

Deswegen wird Ariadne, wie Elvis seine Linda nannte, hier im Blog auch noch einen ausführlichen Beitrag bekommen. Und dann wird auch das Geheimnis gelüftet, warum sie ausgerechnet diesen schönen Spitznamen von Elvis bekam.

Linda Thompson: A Little Thing Called Life. On Loving Elvis Presley, Bruce Jenner, and Songs in Between (2016) ist u.a. über Amazon als Buch- oder Kindle-Edition ausschließlich in englischer Sprache erhältlich.

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